Die siebzehnte Woche, 2012

Ich will von etwas so sehr überwältigt werden, dass es hinterher leichtfällt, das Leben für vollendet zu halten.

(Wilhelm Genazino, „Leise singende Frauen“)

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Ciao, Lucio Dalla

“Caro amico ti scrivo”…

Gestern googelte ich nach “Lucio Dalla”, um herauszufinden, ob er nicht mal wieder auf Tournee in Deutschland wäre… Ich erinnere mich so gern an ein Konzert von ihm, das ich Anfang der 90er in der wunderbaren und leider nicht mehr existierenden Frankfurter Music-Hall erlebt hatte. Dann fand ich heraus, dass er am 1. März 2012 gestorben ist an einem Herzinfarkt, ganz plötzlich. Lucio Dalla ist am 4. März 1943 geboren, am 4. März 2012 wurde er beerdigt. Am Abend vor seinem Tod hatte er noch ein Konzert in Montreux gegeben. Anschließend wäre er noch an weiteren Orten in der Schweiz aufgetreten und danach auch in Deutschland… Er sagte in einem Schweizer Fernsehinterview, er wolle noch einmal eine große Konzerttournee an die Orte machen, an die er sich von früheren Auftritten so gut erinnerte…

Mit Lucio Dalla verbinde ich viele Erinnerungen, wie ja Musik überhaupt mit am besten geeignet ist, Altes wieder hervorzuholen, melancholische Gedanken und Gefühle traurige und schöne. Eines der ersten canzoni, das sich mir einprägte, war Anna e Marco. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann. Beide haben Träume, beide möchten fortgehen, „andar via“, doch haben sie nicht dasselbe Ziel: Sie will nach den Sternen (der Liebe) greifen will, er träumt von der großen weiten Welt…

In den 80ern begegnete ich seiner Musik; auf einer Toskanareise hatte ich Songs von ihm im Autoradio gehört. Da war er in Italien schon lange bekannt. Ich kaufte mir Kassetten und nahm sie mit in die nächsten Italienferien. Ein paar Jahre zuvor hatte ich schon, in weiser Voraussicht, wie es scheint, Italienisch gelernt und während eines längeren Sprachkurses schon das schöne Perugia kennengelernt, die Provinzhauptstadt Umbriens.

Es war September und noch sehr heiß. Doch die Saison war bereits vorüber, mein Freund und ich machten Campingferien am Lago Trasimeno und nur hin und wieder gesellte sich ein anderes Zelt dazu. Unter anderem eine Studienfreundin – die vor nun schon fast 20 Jahren ebenfalls plötzlich an einem Herzinfarkt starb, am Küchentisch sitzend – mit ihrem Freund. Wann immer wir ins Auto stiegen, hörten wir Lucio Dalla. Zu Viert wollten wir einem weiteren deutschen Freund helfen, der sich zusammen mit seiner italienischen Freundin vor kurzem ein Haus in der umbrischen Pampa gekauft hatte und dort als freier Künstler leben wollte. Es war ein wunderschönes altes Bauernhaus aus Naturstein, umgeben von einem noch halbwilden Gartengrundstück. Wir hatten uns angeboten, die Beiden bei ein paar Aufräumarbeiten zu unterstützen und so räumten wir bei der Affenhitze Schutt, Steine, Holz zusammen und schafften es mit Schubkarren fort. Nebenbei amüsierten wir uns über die Schäferhündin, die die beiden Jungkatzen adoptiert hatte und ununterbrochen ableckte, solange, bis sie klatschnass waren. Mittags gab es Spaghetti und abends brutzelte uns Mariella ein köstliches Pfannengericht aus Kartoffeln, Zwiebeln, frisch aus dem Garten geernteten Paprika in Rot, Gelb und Grün und viel gutem Olivenöl. Noch heute bereite ich mir selbst manchmal dieses einfache Gericht zu, spüre den Duft des Gartens und der Kräuter, denke an Umbrien, an Angelika und… an diese Musik.

Cosa sarà? Was wird es sein, das die Bäume wachsen lässt und das Glück…? Die Songtexte Dallas sind poetisch, einige auch gleichzeitig gesellschaftskritisch. Schließlich wurde der Cantautore im “roten Bologna” geboren und das bezieht sich nicht nur auf die Farbe der Häuser. Hier singt er zusammen mit Francesco de Gregori, ein in Italien ebenfalls bekannter Sänger/Liedermacher.

Musikalisch kam Lucio Dalla vom Jazz und das hörte man bis zum Schluss. Aber der Musiker und Cantautore hielt sich nicht an feste Stile, sondern kreierte seine ganz eigene dynamische und unverwechselbare Mischung, aus Jazz, Swing, Soul, ja, viel Soul war dabei, aus Pop, Ballade und entwickelte sich ständig weiter. Manche Kritiker werfen ihm vor, zu poppig-kommerziell geworden sein oder bisweilen zu schwülstig, doch das tun alle, die nur das Pure schätzen und nichts Genreüberschreitendes tolerieren oder goutieren können.

Dalla begleitete sich oft selbst am Klavier, außerdem spielte er Klarinette. Neben den langsameren Canzoni des Liedermachers mag ich besonders auch jene, die vibrieren, bei denen es aus jeder Note swingt und rockt, bei denen es im ganzen Körper zu zucken beginnt; besonders liebe ich Washington (unbedingt bei voller Lautstärke anzuhören!):

Für ewig unvergesslich bleiben wird mir auch seine Hommage an Caruso.

Zu schwülstig-bombastisch-italienisch? Mir gefällt es, auch sein Duett mit Luciano Pavarotti – zum Gänsehautbekommen. Vielleicht ist Dalla bei der breiten Masse in Deutschland erst dadurch bekannt geworden. Aber man täte ihm Unrecht, würde man seine weniger eingängigen Songs, die Bandbreite seiner Musik, nicht würdigen.

Der kleine Mann, der meist eine Wollmütze oder einen Hut trug, war keine klassische italienische Schönheit. Mich hat er verzaubert mit seinem rauen Gesang und Sprechgesang, dem Rhythmus im Blut und den heiseren leicht verhaltenen Kieksern in der Stimme.

L’ultima luna
la vide solo un bimbo appena nato,
aveva occhi tondi e neri e fondi
e non piangeva
con grandi ali prese la luna tra le mani, tra le mani
e volò via e volò via
era l’uomo di domani l’uomo di domani
e volò via e volò via
era l’uomo di domani l’uomo di domani

Nun ist er davongeflogen.

Ciao (mit dem Cover seines gleichnamigen Albums von 1999)

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Die sechzehnte Woche, 2012

Eine menschenleere Straße ist nicht etwa eine Straße, auf der niemand geht, sondern eine Straße, auf der Menschen gehen, als wäre sie menschenleer.

(Fernando Pessoa in “Das Buch der Unruhe”)


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Verfrühter Croissanthunger

Schon gestern Abend hatte ich Lust auf ein richtiges französisches Croissant und ein Pain au Chocolat, das änderte sich auch am Morgen nicht und so fuhr ich in den Freiburger Stadtteil Stühlinger, denn dort gibt es eine französische, genauer elsässische, Bäckerei.

Aber, oh weh, ich bin viel zu früh dran, es ist erst viertel vor acht… Aber ich mag ja diese ausschlafunfreundlichen Sonntagsöffnungszeiten von deutschen Bäckereien – sechs bis zehn Uhr oft – so gar nicht, also will ich mich nicht beklagen.

Was tun? Nochmal nach Hause fahren will ich nicht, also hole ich meine Kamera aus der Tasche und spaziere durch das so gut wie menschenleere Viertel.

Der Stühlinger war ursprünglich mal ein Arbeiterviertel, heute ist der Stadtteil sehr beliebt bei Studenten-WGs, aber auch Wohlhabendere siedeln sich hier mittlerweile gern an, denn hier geht es etwas bunter und lebendiger zu als im bürgerlich-still-gesetzten Villenviertel Herdern oder in der Wiehre, wo die konsequenten ökofundimäßig verbürgerlichten Akademiker mit ihren wimpelbehängten Fahradkinderanhängern das Revier besetzt haben.

Gestern Abend herrschte sicher noch lautes Leben in den Kneipen, nun erholen sich Wirt und Gäste.

„La gaffe“, na, hier im Stühlinger geht’s ja wirklich französisch zu. La gaffe, das kann eine einfache Dummheit sein, ein Fehler, auch bis zur Entgleisung reichen…!

Manche hatten das Trinken anscheinend nach draußen verlagert… und sind abgehoben wie eine Taube oder ein Bierganter, gen sky, blue…

Fast überall wird noch geschlafen, die Fenster haben noch geschlossene Lider. Auch ich bekomme meine Augen noch nicht ganz auf, bin ich doch ob des Vogelgebrülls viel zu früh aus dem Bett gefallen.

Wie trist doch diese grauen Jalousien aussehen, sie verunstalten jedes Fenster. Um wieviel schöner, dekorativer und auch vielfältiger sind doch Fensterläden, die jedoch in Deutschland fast ausgestorben sind. Aber die würden ja hier, außen montiert, den Fassadenschmuck verdecken, das wäre auch schade. Müssen die Leute denn unbedingt nachts alle Räume verdunkeln…? Das ist doch nichts für’s Auge… der unfreiwilligen Flaneure…

Ah, die Sonntagszeitung, die steckte auch schon in meinem Briefkasten. Ich lese sie so gut wie nie, aber manchmal, so einmal im Jahr, schneide ich mir den Coupon für eine verbilligte Autowäsche aus.

Überall liegt oder steckt das hochgradig spannende und ebenso intellektuelle Blatt, haha, wer sich wohl dahinein vertieft…?

Noch eine Bäckerei, die geschlossen ist. Aber ich will ja sowieso meine französischen Knabbereien und nichts anderes heute!

Ach, hier wird man ja hübsch und freundlich begrüßt! Darf ich eintreten – ich würde die rechte Tür wählen, denn ich grüße Gott nicht – und mich etwas aufwärmen, bitte? Mich friert, bei sieben Grad kein Wunder. Hätte ich gewusst, dass ich einen Morgenspaziergang mache, hätte ich mir eine Lage mehr angezogen.

Der Herr behütet alle, hier steht’s auch! Ach, ich schlendere doch lieber weiter.

Noch andere seltsame Dinge gibt es in den Schaufenstern zu sehen. Wenn ich nur nicht so kalte Hände hätte, sie frieren mir fast ab beim Fotografieren. Aber da ist ja noch eine Weihnachtskerze, vielleicht irre ich mich in der Jahreszeit…

Ich hätte jetzt gerne mein Croissant! Kaugummi, noch dazu morgens, ist nichts für mich.

Obwohl, es soll ja schlau machen, wie ich lese… Ich glaube, die Schreiber der anderen beiden Aushänge haben zu wenig Kaugummi gekaut, auf jeden Fall haben sie ihre Mühe mit der Rechtschreibung.

Hier befolgt jemand andere Regeln nicht – ungeheuerlich! Gleich kommt bestimmt die Polizei…

Doch vielleicht lächelte sie auch so freundlich…

Direkt daneben, an der Straßenecke, blüht es schön. Wer es nicht geschafft hat, sich in der blühenden gesamtdeutschen Landschaft zu etablieren, der müsste hier abbiegen.

Ich gehe ungeduldig weiter und mache noch ein paar schöne Augenfunde…

…und schräg-alternative. Dann sehe ich von weitem, wie die ersten Kunden vor „La Baguette“ warten, schnell hin, bald wird sich die Tür öffnen.

Drinnen drängeln wir uns dicht an dicht in dem kleinen Raum, die nächsten Kunden, wie von Zauberhand herbeigebeamt, warten draußen. Aus der Backstube nebenan kommen herrlichste Düfte – und der Bäcker, der noch mehr frische Waren in die Körbe schichtet. Derweil bedient Madame Schaeffer, wie immer freundlich und gelassen, die Hungrigen. Ah, die Eclairs sehen auch so gut aus und brauche ich nicht noch Brot? Also noch eine Paysanne, bitte. Merci, Madame.

Das Warten in der Kälte hat sich gelohnt! Allerdings waren meine Augen größer als mein Magenfassungsvermögen…

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Die fünfzehnte Woche, 2012

Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen.

(Peter Bieri alias Pascal Mercier in “Nachtzug nach Lissabon”)

 

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Le Bar de la Marine, drei Besuche und Pagnol

Gleich bei meinem ersten Gang zum Alten Hafen ging ich hier an Bord, an diesem Kai, an dem sich so viele Bars und Cafés aneinanderreihen. Von deren Terrassen blickt man über das Hafenbecken hinweg in Richtung des Panier-Viertels.

Es war früher Abend, mir war danach, einen Apéritif zu trinken und so meinen Besuch von Marseille zu beginnen. Doch wo, bei den vielen Möglichkeiten? Dann sah ich diese schöne alte Tür, die sich von den Eingängen der anderen Cafés unterschied, sie gab den Ausschlag für meine Wahl, obwohl ich draußen sitzen und das milde Ende-März-Wetter genießen wollte. Da wusste ich noch gar nicht, dass die Bar de la Marine eine Berühmtheit ist und sich mit diesem Namen Erinnerungen an das alte Marseille verbinden.

Sehr freundlich war, dass ich zu meinem Porto, der hier großzügig eingeschenkt wird, ein paar kleine Leckereien bekam.

Dreimal war ich dort. Meist war das Publikum gemischt; am Nachmittag sah ich fast ausschließlich Blondinen dort, wie man sie im schicken St. Tropez sieht. Na gut, mit weniger Blingbling. Viele Stammgäste kommen hierher, wie ich aus den Gesprächen mit den freundlichen jungen Bedienungen heraushörte, ich hatte das Gefühl, die einzige Touristin zu sein, sehr angenehm, und so fühlte ich mich mittendrin. Aber in der Feriensaison soll die Bar von vielen Touristen besucht werden, wie ich hörte.

Hierher würde ich auch bei schlechtem Wetter gehen, denn das Innere der Bar ist schön, zum größten Teil alt und sehenswert mit dem erhaltenen Mosaikboden. Die Wände wurden mit Spiegeln, Modellbooten, vielen Bildern und alten Fotos geschmückt, darunter einige des Komikers Fernandel und von Marcel Pagnol, der nicht weit von hier im Städtchen Aubagne geboren wurde.

Und genau wegen Monsieur Pagnol, der von 1895 bis 1974 gelebt hat, hat die Bar Ruhm erlangt. Überall kann man nämlich lesen und vor allem die Marseillais wollen es so, dass hier Szenen aus seiner 1931 verfilmten Trilogie Marius, Fanny et César gedreht wurden. Doch aus Pagnols zugrundeliegendem Drama geht hervor, dass die Bar de la Marine nahe der Place des Lenches gelegen war – und dieser Platz liegt auf der anderen Seite des Alten Hafens, im Panier-Viertel … Dort gab es übrigens tatsächlich eine Bar gleichen Namens (die von den Deutschen im Krieg zerstört wurde…). In Wahrheit aber handelt es sich bei Pagnols Bar um einen imaginären Ort und die Innenaufnahmen wurden im Filmstudio gedreht. Das Bühnenbild des Theaterstücks wurde 1929 für „Marius“, den ersten Teil der Trilogie, für das Théâtre de Paris kreiert. Doch die Geister streiten sich weiter – sollen sie nur.

Pagnol beschrieb das Bühnendekor folgendermaßen:

“L’intérieur d’un petit bar, sur le Vieux-Port, à Marseille. À droite, le comptoir. Derrière le comptoir, sur des étagères, des bouteilles de toutes les formes, ornées d’étiquettes bigarrées. Deux gros percolateurs nickelés. À gauche, le long du mur, une banquette de moleskine qui s’arrête à un mètre de rideau pour laisser la place à une porte fermée. Des tables rectangulaires en marbre, des chaises. À droite du comptoir un escalier à vis conduit au premier étage. Au fond, toutes les portes vitrées ont été enlevées, à cause la chaleur.“

Die Bar de la Marine am Quai de Rive Neuve hat durchaus Ähnlichkeiten mit diesen Vorgaben: Rechts die Theke mit dem Flaschenregal, links die lange gepolsterte Sitzbank, allerdings befindet sich die Treppe in die erste Etage auf der linken Seite und die Tischplatten sind nicht aus Marmor… Und in der Verfilmung ist alles seitenverkehrt, die Theke befindet sich links…

Allein die Außenaufnahmen für den Film scheinen hier, ganz in der Nähe dieser real existierenden Bar de la Marine, entstanden zu sein. Der Rest ist Legende… Aber was macht das schon…, schön wie sie ist, die Bar. Und Legenden sind doch etwas Wunderbares…

Jedenfalls: In Pagnols Bar de la Marine fand das berühmte Kartenspiel statt, bei dem César du Escartefitue gegen M. Brun und Panisse spielten… und betrogen. „Oh Panisse, tu me fends le cœur” gehört zu den bekanntesten Sätzen dieser Szene. Auch gern zitiert wird: „Wenn man nicht mal mit seinen Freunden schummeln kann, dann lohnt’s sich doch gar nicht mehr, Karten zu spielen“ .

Aber worum geht es überhaupt in der Trilogie von 1929, 1931 und 1936? Die Geschichte spielt in den 20er-Jahren. César, Betreiber einer Hafenkneipe, macht sich große Sorgen um seinen Sohn Marius. Der kann sich nämlich nicht zwischen seiner Liebe für die junge Muschelverkäuferin Fanny, die nur Augen für ihn hat, und dem unwiderstehlichen Ruf des Meeres entscheiden. Ach ja, seinen Vater liebt er auch sehr, der Hinundhergerissene. Ihn möchte er ebenfalls nicht gern im Stich lassen, denn womöglich würde er vor Kummer sterben.

Et pourtant la mer est là…

Marius kann dem Ruf des Meeres nicht widerstehen und entscheidet sich schließlich für die Seefahrt. Fanny ist verzweifelt, zumal sie bald feststellt, dass sie ein Kind von Marius erwartet…, was einer Entehrung gleichkommt. 20 Jahre nach dem Weggang von Marius ist Fanny die reiche Frau von Panisse, der sie vor der Entehrung rettete und trotz ihres unehelichen Kindes heiratete. Das Kind, Césariot, ist nun Student. Als Panisse stirbt, verfügt er, dass Césariot den Namen seines wahren Vaters erfährt. Marius aber ist von seinen Träumen auf See enttäuscht worden und nun Automechaniker in Toulon…

Nicht ohne Melancholie, das alles…

Und mir war es egal, ob die Kulisse hier echt oder falsch ist. Wer weiß, vielleicht war die junge Frau dort vorn gerade von einem Meereswütigen verlassen worden… Und die Polizei schrieb Verkehrssünder auf.

Jedesmal brodelte hier, bei dieser Bar, das Leben. Doch nur einmal, für einen kurzen Moment, bemerkte ich, dass es laut war: Stimmengewirr um mich herum, Verkehrslärm vor mir, Bauarbeiten irgendwo hinter mir. Wie war es möglich, dass ich das alles gar nicht wahrgenommen hatte? War ich in Gedanken, träumte ich? Schaute ich nur, wie so häufig am Meer, und vergaß alles Denken?

Zwei Freundinnen im Gespräch hinter dem Windfang im Nebencafé. So wie die leicht schlierige transparante Trennwand den Wind abfängt, so wehrte meine innere Ruhe schnell wieder alle Geräusche ab. Schon hatte ich meine Stille wieder, meinen Kokon im brodelnden Marseille, am Alten Hafen. Die Wirklichkeit verschwamm zu einem inneren Film. Wie schön die Getränke in den Gläsern leuchteten in der sich verabschiedenden Sonne.

Es wurde Zeit, etwas essen zu gehen.

Der Filmregisseur Jean-Charles Tacchella hat das Kino von Pagnol so beschrieben: „En sortant d’un de ses films, on était heureux.“

Nun, auf jeden Fall habe ich vor der Bar de la Marine – während meiner kleinen Besuchstrilogie – auch ein paar kleine Glücksmomente erlebt. Ob es am Mythos der Bar lag, an Pagnol, an der Stadt…?
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Zum Abschluss noch ein paar Filmszenen aus der Trilogie Marseillaise „Marius, Fanny, César“:

http://www.youtube.com/watch?v=w8rXPeB8-DY&list=PL8496E95E2E7C4D06&index=9&feature=plpp_video

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Ein Postkartentag im französischen Süden

Als ich morgens aus dem Untergrund nach oben steige, finde ich einen strahlendblauen Himmel vor, die Sonne wärmt schon. Mein erster Tag in Marseille lässt sich gut an. Und ich bin mit Franny aus Marseille verabredet, mit der ich mich in einem Internetforum  angefreundet hatte und die ich nun auch persönlich kennengelernt habe. Am Vorabend war sie schon so lieb, mich am Bahnhof in Empfang zu nehmen. Heute wollte sie mir eigentlich die Küste direkt in und bei Marseille zeigen, aber der Verkehr steht stellenweise still wegen eines Rennens. So beschließen wir, aus der Stadt rauszufahren.

Im Auto durchqueren wir den hübschen Ort Aubagne, der mich immer an Marcel Pagnol und seine lebhaften Beschreibungen des früheren Lebens in der Provence erinnert. In Cassis nehmen wir die Route des Crêtes.

Nach den ersten sich in die Höhe schraubenden Kurven machen wir einen ersten Halt, um die Aussicht zu genießen. Was für ein fantastischer Blick über das Meer und die spektakuläre Landschaft, das Massif des Calanques! Ich habe das Gefühl, in den Sommer versetzt worden zu sein, obwohl es doch erst Ende März ist. Der wilde Rosmarin, die Garrigue duften nach Süden. Ich atme die Stimmung ein, ja, ich bin im Urlaub und ich fühle mich viel leichter als vorher…

Die Route des Crêtes führt von Cassis bis la Ciotat. Die Straße steigt bis zum Cap Canaille an und verläuft dann in Serpentinen am Rande der Felsen von Soubeyran, die, wie ich erfuhr, mit 394 Metern die höchsten Felsen Frankreichs sind.

Als ich das erste Mal die Route des Crêtes entlang fuhr, vor mehreren Jahren, war Winter. Ein eisiger Mistral wütete und ließ einen erschauern, man traute sich kaum aus dem Auto, zumal man an den steilen Abhängen Angst hatte, in die Tiefe gepustet zu werden. Heute regt sich kein Lüftchen und wir bewundern das Panorama, ohne zu frieren.

Trotzdem habe ich Respekt vor der Höhe, dem Abgrund, ganz schön dramatisch. Zum Glück gibt es Aussichtspunkte, die durch Geländer abgesichert sind. Wer nicht schwindelfrei ist, sollte aber besser nicht hinunterschauen…

Nächster Stopp in La Ciotat. Merkwürdig, obwohl ich diese Region gut kenne, bin ich nie auf die Idee gekommen, den Ort zu besuchen, sondern immer nur durchgefahren. Ich habe mir das Zentrum grau und ungemütlich vorgestellt, wahrscheinlich wegen der großen Schiffswerft und der von weitem sichtbaren Kräne. Nun werde ich eines Besseren belehrt: Hübsch sind die alten Häuser, im harmonischen Halbrund um das Hafenbecken angeordnet, ein einladender Ort.

Und wir sind hier nicht allein: Das Bilderbuch wetter hat alle Menschen aus ihren Häusern getrieben. Man promeniert und lässt es sich auf den Terrassen der Cafés und Restaurants gut gehen – la dolche vita.

Außerdem ist heute noch der Sonntagsmarkt und ich liebe provenzalische Märkte! Meine private Touristenführerin hat gut daran getan, mich hierher zu lotsen!

Ich bewundere die schönen Ranunkeln in leuchtenden Farben und der nette aber beharrliche Verkäufer versucht mich zu überzeugen, doch einen Strauß zu kaufen. Aber wie soll ich die Blumen frisch halten…? Sie würde den Tag wohl nicht überstehen.

Hinter dem Stand das typische Licht- und Schattenspiel des französischen Südens… Ich kann verstehen, dass es die Maler so sehr in diese Region zieht. Zwei Bewohner des Kleinstädtchens halten ein Schwätzchen bei einer Platane…, ein Idyll.

Es wird heiß, am nächsten Morgen werde ich mich wundern, dass ich leicht gerötet bin. Ein Sonnenhut wäre praktisch gewesen…

Und schon werden Bikinis angeboten… und bedruckte T-Shirts mit lustigen Sprüchen… Meine Begleiterin hätte gern das weiße Shirt “In diesem T-Shirt versteckt sich ein kleiner Engel”, aber leider gibt es das nur in Kindergröße…

Andere Kleidung gibt’s auch noch, aber nicht zu kaufen. Heute wird die Wäsche sicher schnell trocknen.

Wir beschließen, mittags zu picknicken – eine Premiere dieses Jahr. Auf dem Markt können wir uns mit ein paar Kleinigkeiten versorgen.

Oliven müssen unbedingt sein, und zwar, da sind wir uns einig, die olives cassés, am besten mit Fenchel aromatisiert – köstlich!

Nach den Einkäufen noch ein letzter Blick auf den Ort – und noch ein paar Süßigkeiten für zwischendurch und für’s Dessert.

Ein Picknick im Sand wäre nett, aber alle Parkplätze am Straßenrand sind belegt. Schließlich landen wir in der kleinen Calanque du Port d’Alon, wo wir mit Ach und Krach den augenscheinlich letzten freien Platz für‘s Auto finden. Wir befinden uns jetzt im Département Var, die Bouches du Rhône haben wir hinter uns gelassen.

Die versteckte und nicht vielen Touriste bekannte Bucht kenne ich von früher, aber noch niemals habe ich dort so viele Menschen gesehen, auch nicht im wärmeren Mai oder September, überall liegen und sitzen sie, essen, sonnen sich oder spielen am Kiesstrand. Wir flüchten uns ein Stück den Hang hinauf und finden ein stilles Fleckchen, mit schöner Sicht aufs grünblaue Wasser. Ein Hund, der ein ausgiebiges Bad genommen hat, ist dem Meer entstiegen und kommt zu uns. Vollkommen durchnässt interessiert er sich sehr für unser Picknick. Und schüttelt sich direkt neben mir das Wasser aus dem Fell, also wirklich, Frechheit! Wir geben ihm etwas zu essen ab und er mag alles: nicht nur die Salami, sondern auch Käse und sogar Baguette. Nur den ausgespuckten Olivenkernen jagt er nicht nach.

Der freundliche, noch junge Labrador lässt uns nicht aus den Augen und beobachtet jede unserer Bewegung. Ob er kein Herrchen hat? Aber er trägt ein Halsband und sieht weder ungepflegt noch abgemagert aus. Anscheinend mag er einfach unsere Gesellschaft. Und das Essen natürlich! Es sieht fast so aus, als müssten wir ihn mitnehmen…

Was tut das gut, so eine Déjeuner sur l’herbe, noch dazu mit einem Haustier an der Seite! Durstig ist der Hund auch, kein Wunder nach dem würzigen Pecorino, also schaffen wir ihm aus Plastiktüten einen Wassernapf. Irgendwann trollt sich der temporäre Begleiter doch davon und spielt mit Kindern am Strand Ball.

Noch ein bisschen diesem friedlichen Ort genießen und ausgestreckt auf der Decke in den Himmel schauen – die pure Erholung. Nebenbei lerne ich noch ein paar witzige Ausdrücke auf „Marseillisch“, bevor wir wieder aufbrechen.

Weiter geht es in das mittelalterliche Bergdörfchen Le Castellet, gelegen an der Nordflanke der Montagne du Grand Luberon, direkt unter dem Gipfel, dem Mourre Nègre. Aufgrund der Lage hat man wunderbare Blicke in die weite Umgebung, auf Olivehaine und Weinreben – und ja, her wachsen die Trauben, aus dem der gute Bandol gekeltert wird! In der kleinen Kirche Sainte Croix des pittoresken Dorfes befindet sich eine schöne Krippe – wir sind hier in einer Gegend, in der die kunsthandwerkliche Herstellung von provenzalischen Krippenfiguren eine lange Tradition hat.

Das Dorfinnere verbirgt sich hinter einer Festungsmauer. Eintritt kann man sich nur über zwei Tore verschaffen.

Kaum sind wir eingetreten, stoßen wir auf einen weiß verkleideten Mann, der die Passanten mit kleinen pantomimischen Einlagen unterhält und amüsiert.

Irgendwie sieht er einem gewissen Baron ähnlich… Ob er das ist? Aber er ist weiß und nicht schwarz gekleidet…, rätselhaft…

Die kleinen Gassen von Le Castellet verlocken zum Flanieren und Schauen. Trotz der vielen Touristen hat der Ort seinen Charme bewahrt. Auch Pagnol war angetan von dem Berdorf und drehte dort den Film “La femme du boulanger”.

Zahlreiche kleine Läden, die zumeist (Kunst)Handwerkliches anbieten, verlocken zum Hineinschauen. Alles wird den Besuchern liebevoll präsentiert. Franny zeigt mir ein Geschäft, das Düfte der Provence verkauft, Seifen, Kerzen und Vieles mehr. Suche ich nicht schon lange einen Raumduft mit Geißblattparfum? Schade, das gibt es auch hier nicht, doch der sehr charmante Patron mit seinem sehr einnehmenden Lächeln lässt uns an einigen Düften schnuppern und ich verliebe mich spontan – in die Kreation Rose-Pampelmuse! Unwiderstehlich! Meine Begleiterin kannte und mochte den Duft schon vorher und kann auch nicht widerstehen.

Sehr zufrieden mit unseren Schätzen setzen wir unseren Bummel fort. Es gibt viel zu sehen…

…zum Beispiel auch diesen reich geschmückten Balkon, etwas kitschig vielleicht, doch sympathisch.

Die Modeläden erfreuen natürlich das weibliche Herz besonders……!

Doch auch passierte Sammler von Trödel und Antiquitäten kommen auf ihre Kosten.

Ein frischer Pfefferminztee auf der Terrasse der Bar du Souco schließt den Nachmittag ab… Bloß die Tüten nicht vergessen! Unsere Trouvaillen wurden nämlich kunstvoll und hübsch verpackt und sehen fast wie Geschenke aus, das muss ich aufheben!

Wir verlassen das Dorf durch das zweite der Tore, oh, pardon, dieses hier ist ja gar nicht offen…
Unser Tagesauflug geht dem Ende zu. Danke für den wunderschönen Tag!

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Osterfenster im Elsass

Zu Ostern, wie auch zu Weihnachten, putzen die Elsässer ihre ohnehin schon putzigen und farbenfrohen Häuschen noch mehr heraus. Es scheint, als wollten sich die Bewohner gegenseitig mit den hübschesten und niedlichsten Dekorationen überbieten.

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Träum doch mal

Gesehen im Panier-Viertel in Marseille

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Vier, 2012

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