Spielzeit im Münstertal

Wenn andere zum Public Viewing gehen, fahre ich zum Black Forest Viewing. Das habe ich jetzt schon zweimal praktiziert, wenn „wir“ spielen. Irgendwie geht mir diese WM irgendwo vorbei, zumal sich meine Ex-Lieblinge, Les Bleus, so fundamental blamiert haben. Da habe ich nichts verpasst. Und lauter Favoriten wie England, Brasilien und Argentinien sind auch rausgeflogen. Da ich aus welchem Grunde auch immer kein D-Gen mitbekommen habe, lässt mich die WM nun ziemlich kalt. Gar nicht so einfach, immer oder nur anlässlich der WM komplett enthusiasmierten (warum kennt die Rechtschreibkontrolle von Word dieses Wort nicht?) Fußballfan-Freunden ständig eine Absage zu erteilen und nicht mitzugucken, im Wohnzimmer, in Kneipen oder auf öffentlichen Plätzen.

Hier ist der Rasen auch schön grün. Und es gibt keine Vuvuzelas!

A propos Public Viewing, auch wieder so ein typisches Beispiel für Denglish. Wenn schon, müsste es nicht eigentlich Watching heißen? Egal. Die Engländer kannten das ja gar nicht in dieser Bedeutung, die Amis meinen damit gar die Aufbahrung von Toten. Aber nun, inzwischen kann sich auch der englischsprachige Sprachraum damit anfreunden. Über unser Handy – obwohl, handlich ist es ja wirklich – und erst recht über das Home Office lachen sie sicher immer noch. Bezeichnet doch Letzteres das britische Innenministerium. In Deutschland gibt es also Millionen von privaten Innenministerien, ist das nicht schon wieder irgendwie verdächtig?

Dass ich ausgerechnet bei Deutschlandspielen in den Schwarzwald fahre, ist reiner Zufall, das heißt, ich bekam es immer erst mit, als ich schon gestiefelt und gespornt (nein, nur be-Kleid-et – das war MEIN Fähnchen, aber nicht in den Landesfarben – und sandalettiert) kurz vor der Wohnungstür war. Dann freute ich mich aber umso mehr: Die Straßen so leer. Alles so still.

Abwehrmauer. Oder: Der elfte Mann fehlt, ach nein, einer muss ja das Tor hüten.

Nur ein paar andere Fahrzeuge sind unterwegs, kurz vor dem Spiel vor allem (in diesem Sonderfall ist kurz vor dem Spiel nicht nach dem Spiel!). Es sind jene, die aus Angst, den Anpfiff zu verpassen, sich von meinem zunächst durchaus normalen Fahrtempo gestört fühlen, also lasse ich sie an geeigneter Stelle vorbeiziehen, will ja selbst meine vierrädrige Schlenderruhe haben. Aber dann… herrlich! Fast wie ein Sonntagsfahrer, nein, wie ein Klischee-Opelfahrer mit Hut, Wackeldackel vorn und umhäkelter Klopapierrolle hinten, wie es sich eben gehört, kann ich gemächlich dahinfahren. Die Sonne brennt gnadenlos, in den Tälern, aber besonders auf den Hügeln. Bin ich in der Kalahari? Hilfe, womöglich treffe ich noch auf wilde Tiere, schließlich kommt ja auch der Bundes-Jogi-Löw aus dem Schwarzwald.

Manchmal ist sogar der Natur jedes Kleidungsstück zuviel. Der Pudelaffe am Himmel sorgt für etwas Abwechslung in der Affenhitze.

Ein einsamer Wanderer mit knallrotem Gesicht – falsch angegangener Kopfball? – , aber nichtsdestotrotz freundlich grüßend, der will sich wohl nichts anmerken lassen, das Pfeifen im Walde, jaja, kennt jeder, immer so tun, als sei man gut drauf, dabei kurz vorm Kollaps, der kommt mir jedenfalls entgegengegangen, als ich mich mal wieder ins Auto quäle (jeder Wiedereinstieg nach dem Ausstieg ist eine Qual, denn es heizt sich alles wieder sofort auf), nachdem ich Fotos schießen wollte, dann doch nicht schoss – da war so eine kleine süße Privatkapelle mit noch dazu offener Tür, aber leider machte sie es mir schwer und wollte nicht, dass ich sie ablichte. Dann eben nicht. Und ein paar Radfahrer, denen die 30 Grad im Schatten und ich weiß nicht wie viel in der Sonne offenbar nichts ausmachen. Bewundernswert abgehärtet. Ich bekomme ja trotz Klimaanlage schon fast einen Koller (der spielt aber wohl nicht mit in Südafrika?).

Ich stoße auf weitere der seltenen sichtbaren Lebewesen an „unseren“ Fußballtagen.

Auch sehr abgehärtet sein müssen diese zwei alten Menschen, die jetzt mit Heuen beschäftigt sind. Wie vor hundert Jahren. Ich frage, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich sie fotografiere. Nein, haben sie nicht. Auf meine bewundernde Bemerkung, dass es doch sicher anstrengend sei bei dieser Spätnachmittagshitze, nicken sie lebhaft. Ein mittelalter Mann – der Sohn vielleicht? Oder gar der „Gutsherr“, gibt es noch Knechte? – fährt derweil in luftigerer Höhe mit weit weniger eigenem Energieeinsatz auf dem Traktor umher und sammelt die von den Beiden zusammengerechten Heuhaufen ein. Als ich gehe und mich von den zwei Alten verabschiede, droht er mir von Weitem mit einer aggressiven Handbewegung. Warum? Ein gestischer Anpfiff, der aber wohl nicht zu einem Beginn aufrufen soll. Der sucht den Zweikampf. Aber nicht mit mir! Ich finde das anstößig und hätte da einen Einwurf, mein Herr, aber einen, der sich gewaschen hat, notfalls schicke ich meine Verteidiger los!

Da fahre ich lieber schnell weiter. Lieber werde ich freundlich empfangen und verabschiedet. Die Kühe sind recht bedürfnislose Tiere.

!

Wahrscheinlich haben sie lange niemanden mehr gesehen außer sich selbst, so verkürze ich ihnen die menschenfreie wiederkäuende Zeit vor dem Melken und sie nehmen es dankbar an, heben den Blick und grüßen. Manche erheben sogar ihre trägen massigen Leiber, nur für mich, und kommen bis an den Rand des Elektrozauns. Wie nett, man fühlt sich sofort willkommen! Wenn der strenge Geruch nicht wäre, der aus ihren nahe liegenden Behausungen kommt.

Da, ein Tor, nicht gut gehütet.

Auch stumme Gestalten bevölkern die fußballfreie Stille. Ein komischer Kauz, so eine Art Gartenzwergersatz, freut sich über sich selbst und pinkelt in den Brunnen, ins eigene Wasser. Ich glaube, das gilt aber nicht als Foul. Also keine knallrote Karte, dafür trägt er ja schon das Trikot. Es handelt sich eher um ein Eigentor, aber er lacht unbekümmert vor sich hin.

Noch was Rotes am Wegesrand, aber schöner.

Bevor ich einen Hitzschlag kriege und der Mannschaftsarzt kommen muss (selbst wenn er Wohl-Fahrt hieße), flüchte ich in schattige Lagen. Ah, wie frisch es aussieht. Jetzt darf ich die schmalsten Anliegerstraßen nehmen ohne Angst, dass mich jemand verwarnt oder mir gar ein Fahrzeug entgegenkommt. Keine Ausbuchtung weit und breit, ein wenig brenzlig ist mir doch.
Ich vernehme freudig-erregte Stimmen! Mitten im Wald. Ja, ist es denn zu fassen? Da…, doch, tatsächlich, neben einer kleinen Hütte sind Biertische und Bänke aufgestellt und – man glotzt TV. Rudelgucken in der Natur! Die Rehe werden sich wundern. Und ich wollte doch weg von der Zivilisation des runden Leders, also schraube ich mich weiter hinauf bis zum Ende der Sackgasse, die mich auf einen Bauernhof führt (wie abgeschnitten von der Außenwelt muss man sich hier im tiefsten Winter fühlen!), auf dem ich auch wenden muss. Autos vor dem Haus. Aber niemand bemerkt mich Eindringling, warum, kann man sich denken.

Ein Atemzug ins Schattenlicht. Schön.

Eigentlich könnte ich mir jetzt auch ein schattiges Plätzchen suchen und eine Kleinigkeit zu mir nehmen, etwas trinken vor allem. Aber wo?
Zur Spielzeit gibt es nur eine Möglichkeit: den Spielweg in Münstertal! Ich bin nicht dabei, aber doch irgendwie, ich mag mir das Spiel nicht anschauen, aber ich bin doch Teil des Spiels.
Das wunderbare Hotelrestaurant Spielweg ist einer meiner Lieblingsorte. Hoffentlich ist geöffnet?! Es ist und ich darf meinen Platz auf der Tribüne frei wählen.

Leider ist es noch zu früh für die Abendkarte, der Koch beginnt sein Werk erst in einer Dreiviertelstunde. Das ist lang, eine halbe Spielzeit! Und falls dann noch eine Verlängerung hinzukommt… Die Bedienung bringt mir die Vesperkarte, aber davon gefällt mir nichts. Doch man sitzt auch einfach so ganz gut, also wähle ich doch etwas von der Abendkarte, das einzige Zwischengericht, bestehend aus Wildschweinbratwurst, Spargel (wo kriegen die den jetzt noch her?), Pfifferlingen und gebratenen Kartoffelgnocchi und begnüge mich während der Wartezeit mit Flüssigkeit. Die junge freundliche Bedienung in adretter, aber nicht aufdringlicher Tracht ist ein Musterbeispiel für guten Service, aufmerksam, freundlich, genau die richtige Mischung – sie scheint froh über die wenigen Gäste, für die sie mehr Zeit hat als üblich. Schnell bringt sie mir Brot und Butter, ist besorgt um mein Wohl, als würde ich kurz vor dem Hungertod stehen. Um mich bei Laune zu halten, kündigt sie einen baldigen Gruß aus der Küche an. Das gefällt mir. Der Gruß selbst gefällt mir noch mehr: eine Fisch-Sellerie-Apfelterrine mit Balsamico. Hmmm, so lecker-leicht und frisch!

Zwischendurch fragt die hübsche junge Frau, ob ich noch mehr Brot möchte und später verkündet sie, dass es jetzt nicht mehr lange dauere, bis ich mein Essen auf dem Tisch habe. Einfach nur sitzen und schauen mit dem Ausblick auf was vermutlich Gutes ist aber nicht so schlimm. Auch der restliche Ausblick hat was, sogar der nach oben. Glücklicherweise kommt kein Gießwasser aus den Geranien.

Nach dem Essen – es mundet wunderbar, solche köstlichen Gnocchi habe ich noch nie gegessen – verweile ich noch ein wenig mit meinem Glas Rotwein und einem Espresso. Auf ein Dessert verzichte ich, mehr kann ich nicht verdauen, aber dafür hat der Himmel ein Schauspiel für mich parat: Das Kreuz des Südens, in moderner Variante.

Auf dem Nachhauseweg halte ich noch ein paar Mal an. Rieche die Wiesen, nun mit langen Schatten. Oh, es rührt sich was im Busche, ich bin nicht allein. Na ja, Hundebesitzer können sich nicht an die Spielzeit halten, wenn’s um so etwas Grundsätzliches und nicht Aufschiebbares wie Gassigehen geht. Eine Autotür klappert, noch ein Hund, völlig kirre und durchgedreht, als hätte er sich das Spiel angeschaut, ein guter Dribbler, er flippt vollkommen aus und zerrt Frauchen, kaum nachkommend – wer führt hier wen? – auf den Feldweg, ins Abseits. Da habe ich die Restruhe ja gerade noch so mitgenommen. Gehe schnell in die Defensive und mache die Räume dicht.

Ich fahre über die Dörfer und erhasche ein paar letzte Fotos für diesen Spieltag. Blumen und Farben stürmen auf mich ein, besonders ein wunderschöner, aber wohl auf die Ersatzbank geschobener Eingang. Die Tür kommt, jedenfalls heute, nicht mehr zum Einsatz. Vielleicht ist der Eingang nicht (mehr) gut oder fit genug, womöglich ist ihm die viele Sonne nicht bekommen, er wirkt so blass.

Dass während des Fotoschießens eine Taube durch’s Bild huschte, bemerkte ich erst, als ich das Bild übertragen hatte, ich war halt nicht live dabei. Immerhin handelte es sich nicht um eine Schwalbe. Aber die hätte der Schiedsrichter ja eh nicht als solche erkannt, Schwalben sind ja gang und gäbe und auch in der Zeitlupenrückschau manchmal schwer zu identifizieren.

Noch eine letzte Ecke, den trötenden, grölenden, dreifarbig bemalten und Fahnen schwenkenden Massen nur Millisekunden voraus, komme ich unversehrt zuhause an.

Dieser Beitrag wurde unter Freiburg und Umgebung, Stimmungsbilder, Momentaufnahmen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Spielzeit im Münstertal

  1. cablee schreibt:

    Nanu, da hat es sich ja doch gelohnt, dass ich noch mal reingeschaut habe 😉 Freude! Schön, dass du uns nicht so ganz verlorengegangen bist, rotewelt!

    Liken

  2. Robert schreibt:

    Was ist mit Home Office? Wieso ist es falsch? Von „Public Viewing“ wusste ich auch nicht… da wir einfach zu viele englische Wörter benutzen, stimmt aber schon und es ist auch ein bisschen lächerlich 🙂
    Schöne Bilder und traumhafte Landschaft, ich bin sehr neidisch!

    Liken

  3. Lakritze schreibt:

    Ach, wie schön! Und mit Kühen; das ist klasse.
    (Hast Du Deine Qype-Beiträge umgetopft?)

    Liken

    • rotewelt schreibt:

      Danke, Lakritze. Das war vorletztes Jahr… Ja, „umgetopft“ ist ein schönes Wort, war sehr aufwändig und leider sind die Fotos durch das bloße Kopieren nicht besonders, aber wer weiß, vielleicht schaffe ich es irgedwann mal, die Originale hier hochzuladen. Und da das Umtopfen am 24. August stattfand, sieht es nun so aus, als seien die Beiträge zu diesem Zeitpunkt entstanden, was natürlich nicht stimmt… 😦

      Liken

      • Lakritze schreibt:

        Wenn’s Dir die Mühe wert ist: Du kannst im Editor rechts oben einstellen, wann der Artikel erschienen sein soll. Dann ordnet er sich an der richtigen Stelle ein. (So kann man auch Sachen an Zeitpunkten veröffentlicht haben, zu denen das Blog noch gar nicht existierte. .))

        Liken

  4. rotewelt schreibt:

    Oh, lieben Dank, Lakritze, das wusste ich nicht! 😉

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s