Bistro „Les Philosophes“

Die ersten Paristage waren anstrengend, zuletzt war ich vor eineinhalb Jahren soviel gelaufen, in Barcelona (ohne Métro sieht man ja viel mehr von den Metropolen – von den Blasen und diversen Pflastern an den Füßen erzähle ich nicht!), irgendwann überkommt einen eine gewisse Müdigkeit oder vielmehr das Bedürfnis, es etwas gemächlicher angehen zu lassen, auch wenn man nichts verpassen will – schwer zu vereinbaren. Aber der Regen (schon wieder? Hat es denn nur geregnet in Paris? Stimmt gar nicht, aber mindestens an drei Tagen) ist mir gnädig und so muss ich nach einem längeren Bummel durch das Marais (oh, auch wieder so viele Eindrücke) eine Pause einlegen, nein, ich will auch, denn ich bin hungrig.

Vorbei an den köstlichst aussehenden Kuchen in der Rue des Rosiers (mir ist aber jetzt nach Pikanterem) und Falafeln (leider kann man nirgendwo draußen sitzen bei Regen, schade!) entdecke ich in der Rue Vieille du Temple glücklicherweise den letzten freien Tisch auf einer Terrasse, die durch eine Markise regengeschützt einladend auf mich wirkt. Denn drinnen sitzen kann ich auch im Winter, in Deutschland!

Interessant, die Speisekarte. Da bin ich offenbar rein zu-fällig an ein Bistro geraten, das sich Gedanken macht um Zutaten, Herstellung und Service. Hier legt man Wert auf frische Produkte und ökologische Verantwortung. „Il est temps de se remettre à table“, finde ich später auf der Website. Ja, man sollte sich mal wieder gemeinsam an einen Tisch setzen. Schon scheint auch die Sonne.

Was wähle ich denn nun, die Omelettes mit Eiern von glücklichen Hühnern wie meine glücklichen Nachbarn? Ach, mir gefallen die Bezeichnungen einiger Gerichte so sehr, dass ich mich kaum entscheiden kann. Schließlich bestelle ich einen Salade des utopistes, bestehend aus diversen Crudités mit überbackenem Ziegenkäse auf Graubrot. Was wäre die Welt ohne Utopien? Das gefällt mir, ein Utopistensalat! Auch wenn ich keine Utopien im Kopf habe, nein, stimmt nicht, nur sind sie nicht sehr konkret. Erlaubt ist hier offenbar alles, denn ich bekomme keinen Fragebogen in die Hand, der meine philosophische Salattauglichkeit testet.

Aber welcher Wein passt zur nicht vorhandenen oder allenfalls vagen Utopie? Hm, mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich den Côtes du Rhône F. David Le voyage d’Ulysse bestellen muss. Was hat das nun wieder zu bedeuten? Meister 6Kraska6, Herr Magister oder soll ich Sie bei Ihrem schlichten Vornamen nennen, hören Sie mich? Ich kann leider nicht zu einer Ihrer Vorlesungen und Seminare in den Ruhrpott kommen, aber einen Rat aus der Qype-Ferne hätte ich nun doch gern. Doch ich fürchte, hier müssen auch Ihre Kollegen aus der Psychologie ran. Das können Sie gar nicht alleine lösen. Pardon! Interdisziplinäre Disziplinen sind hier gefragt, ob redundant (was? Kann jeder selbst ermessen) oder nicht.

Ich versuche es in der Wartezeit allein, ohne philosophisch-psychologischen Beistand. Ulysses, also Odysseus. Warum ausgerechnet er? Warum bin ich ausgerechnet hierher geraten, in Paris, nach dem Phylo und dem Mythos? Paris? Oh je, na ja, ich kann nur sagen, dass der Freiburger Hermes, mein Versandhaus-Götterbote, sein Urteil schon längst gefällt hat, nur ist die Erwählte (ich) nicht einverstanden, egal wie oft er auch an ihrer Tür klingeln und sich ihr zu nähern zu versuchen wagt, mit dem Display gerade noch dazwischen! Aber hier ist doch länderübergreifend was faul. Das kann doch alles kein Zu-Fall sein!? Eine zehnjährige Reise oder besser, nein schlimmer, Irrfahrt, soll nun zu Ende sein oder soll sie noch vor mir liegen? Erstmal Bon appetit!

Harte (Roh)Kost, aber der Ziegenkäse war gut, die Senf-Vinaigrette köstlich. Noch ein Espresso, dann wanke ich erschöpft weiter, bis zur nächsten Métro, um bald wieder auszusteigen und mich auf den Fuß-Weg zu machen. Denn nach soviel Griechenland und Viel-o-sofie (Wort geklaut, Créateur ist nicht böse, glaube ich) brauche ich einen Pfefferminztee und den Überblick. Von der Terrasse des 9. Stocks im Institut der Arabischen Welt. Nur eine winzige Odyssee, denn ich wurde kurz fehlgeleitet (Bericht folgt, womöglich, vielleicht).

Diese Stadt rüttelt an meinen Grundfesten. Auf Wiedersehen! Une âme errante, eine umher irrende Seele. Oder so.

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