Chez Papa – 6 Rue Gassendi, 75014 Paris

Eine Zeit lang ist es gutgegangen, den Spaziergang durch den Jardin du Luxembourg schaffen wir noch trockenen Fußes. Doch der Himmel droht schon, fast neckisch.

Dann stürzen Wassermassen wolkenbruchartig auf uns ein, da hilft auch ein Schirm nur noch stellenweise. Auch wir stürzen, nicht (an)gemessenen Schritts, über den Cimetière de Montparnasse, überspringen Pfützen, tasten uns vorsichtig vor, überqueren nicht zu überspringende Wasserrinnsale, um ein uns rettendes Bistrot zu erreichen und damit das Trockene. Andere Menschen sind gar unbeschirmt vom Regen überrascht worden und so sehen wir die sonst leer und still dastehenden grauen Grabhäuser plötzlich besiedelt und bunt; wir müssen lachen, die Insassen, die wie Wettermännchen aussehen, lachen zurück.

Endlich, Chez Papa ist in Sicht – und hat sogar geöffnet!

Wie nasse Katzen tröpfeln wir hinein und es rinnt aus meinen Haaren. Das Rot meines Ärmels ist zwei Nuancen dunkler geworden, die Schuhsohlen komplett durchweicht – gute Idee, sie auszuziehen und mit Servietten auszulegen!

In Bistrots wie diesen sitzen die Frauen gewöhnlich auf der Bank, die Wand im Rücken, schön geschützt und den Blick in den Raum gerichtet. Eng geht es ja in vielen solcher Lokale zu, doch hier stehen die Tische lückenlos nebeneinander, wer auf die Bank will, muss zuerst den Tisch hervorziehen. Und wer von der Bank zwischendurch aufstehen will oder muss, sorgt für ein Geschiebe, das auch die Nebentische berührt. Nichts für Menschen, die an Klaustrophobie leiden!

Aber, wem hier nicht warm wird, dem ist auch nicht zu helfen. Der Chef strahlt tatsächlich beinahe etwas väterlich Beruhigendes aus, macht aber auch gern seine Späße.

Und die Speisekarte, die ich während des Ausdampfens in dieser feuchten Luft lese, verspricht Wärmendes für die Magenwände. Sogar ehemalige Streithähne sind dort friedlich und kommen gar nicht auf die Idee, sich die Köpfe einzuschlagen…
Ich weiß nicht, wie großzügig bemessen die Hauptgerichte sind, etwa das Cassoulet – es handelt sich hier um die reichhaltige Südwestküche, die Fett jeder Art großzügig einsetzt –, aber ich versichere, die Omelettes und Salate fallen so üppig aus wie ein anständiges Hauptgericht!

In meiner rustikalen Schüssel mit dem so genannten Salat finde ich Bratkartoffeln (warm natürlich), luftgetrockneten Schinken, grüne Bohnen und Tomaten mit einem Hauch Knoblauch – eine Art leckeres Bauernfrühstück auf Gascogner Art! Das Omelette schmeckt ebenfalls gut. Überall findet man das Chez Papa-Logo, auch auf dem Geschirr und den Weinflaschen. Dass es sich um eine Kette handelt, sehe ich erst, als ich schaue, ob der Platz auf Qype schon existiert. Es gibt mehrere Chez Papa in Paris – aber von Filialenstimmung spürt man in hier gar nichts.

Inzwischen sind andere nasse Katzen eingetroffen mit dem obligatorischen Tischgerücke und man sitzt auf Tuchfühlung, mit netten Nachbarn. Ich habe meinen so genannten Salat nicht mal ganz geschafft, aber der Café gourmand nebenan sieht nicht schlecht aus. Dass ich ihn mit großen Augen und fraternisierend mit den Essern bestaunte, muss man mir wohl angesehen haben…, denn kurze Zeit später, Gegenwehr zwecklos, habe ich auch so etwas vor mir: Espresso, begleitet von einem warmen Schokoladenkuchen, Vanilleeis, einer kleinen Waffel und – für die unverbesserlichen Gourmands – noch einem ordentlichen Klecks Schlagsahne. Von der Crème Chantilly und der Waffel hätte ich etwas abzugeben, aber vom Rest nicht! Uff, noch einen zweiten Espresso hinterher.

Akklimatisiert, aufgewärmt, die Flasche Rotwein geleert, die Kleidung halbwegs trocken, die Schuhe wieder einigermaßen „gängig“, treten wir ins Freie. Kein Regen mehr!

Nun kann man es sogar wagen, auf dem Friedhof ein paar Fotos zu machen. Ach, was für ein Zu-Fall, da liegt er ja, Charles Baudelaire und, oh wie wundersam, kein Tourist, kein Mensch außer uns weit und breit. Geschmückt mit den üblichen Gaben von Verehrern…,

…und mit Blumen, doch es sind nicht Les Fleurs du Mal. Oder doch…?

Der Engel in seiner gläsernen Umhüllung kann jetzt auch wieder klarer sehen, das gönne ich ihm.

Und – wie viele Zu-Fälle gibt es eigentlich? – da ruhen ja Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, beide von fremden Küssen bedacht, wie stimmig, und im Tod dann doch so nah beieinander.

Wenn man nicht sucht, dann findet man, auch ohne Plan. Manchmal. Zu-fällig?

Zu-fällig? bleibt mein Blick noch an einem „Bild“ hängen: Der Blick verbindet den älteren Friedhof von Montparnasse mit dem neueren Turm von Montparnasse.

Auch ein grauer Tag kann kontrastreich, spannend und sogar bunt sein, in Paris.

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