Déli’s Café – Montmartre 13 Rue Mont Cenis, 75018 Paris

Ich öffne die Tür, sie tritt ein, wir umarmen uns, reden ein paar Worte und dann folgt ein simultanes „Du hast dich gar nicht verändert!“ Unglaublich, ELF Jahre haben wir uns nicht gesehen, meine Studienfreundin und ich, nur telefoniert und geschrieben, ein paar Fotos geschickt, sind immer knapp an einem Wiedersehen vorbeigeschrammt, und elf Jahre war ich nicht in Paris, obwohl eine meiner Lieblingsstädte, das letzte Mal Sylvester 1999 bei ihr und ihrer Familie. Und nun ist es, als hätten wir uns gerade gestern getroffen. Klar haben wir uns doch verändert, in unserem Alter gehen elf Jahre nicht spurlos an einem vorbei, aber die Persönlichkeiten, die kleinen vertrauten Eigenarten sind die gleichen geblieben, wir fremdeln nicht.

Wie vielen Parisern macht es auch ihr Freude, mal wieder Stadtteile zu durchstreifen, in die sie ohne Besuch nicht gehen würde, so ohne Grund, und ein bisschen Reiseführerin zu spielen. Sie hat Montmartre vorgeschlagen und da ich auch gern dorthin will, passt es.

Nein, wir sind nicht in der berühmten Station Abbesses ausgestiegen, aber auch wenn man aus der Métro Lamarck-Caulaincourt tritt, fühlt man sich gleich mittendrin in Montmartre. So sah es vor zwanzig Jahren auch aus.

Moment, ich muss noch die Kräuterkatze fotografieren!

Dann können wir gern die Treppe erklimmen.

Als erstes will sie mit mir in ein Restaurant, mitten in der Touristenhochburg, aber dennoch kein Nepplokal, sie hatte es vor einem Dreivierteljahr ausprobiert und für gut befunden. Wie schon früher, ist sie etwas orientierungslos, kennt auch nicht den Straßennamen, aber weit von der Place du Tertre muss es nicht sein…
Hier ist alles schön farbig, oder eher bunt…,

…dann wird’s sehr rosa, noch dazu mit Blick und auch der Himmel meint es gut mit uns Schirmlosen…,

…später leuchtet es rot, in der Nähe von Sacré Coeur, kein Wunder bei diesem großen reinen weißen Herzen da oben auf dem Hügel! Und dieses Feeling von Bohème…

Na ja, das war wohl einmal?! Nun ist es ein Magnet, ein Schein-Feeling, eine Falle für die, die glauben, dass die frühere Künstler-Bohème hier, an diesem Ort, noch am Leben ist. Ich folge durch das Getümmel, am Touristenzüglein vorbei, an scheußlichsten „Kunstwerken“, Mini-Eiffeltürmen, hässlich gekleideten Schnellguck-und-Fastknips-Touristen; die Männer sehen wie kleine Jungs aus mit ihren komischen kurzen Hosen und den Söckchen, so manche Umhängetasche wirkt wie ein Kindergartentäschchen, in dem sich ein Butterbrot verbergen könnte. Aber ich vertraue.

Da, sie hat es gefunden, das Déli’s!

Wir entscheiden uns nicht für die Terrasse, viel zu laut, sondern für einen Tisch innen in der ersten Reihe. So haben wir einen Logenplatz und können uns gleichzeitig ungestört unterhalten. Das Gewusel da draußen kann uns egal sein!

Das Innere ist recht einladend.

Meine Freundin ist sehr hungrig und überredet mich zu zwei Gängen; beim Formule für 12 Euro kann man wählen zwischen Vor- und Hauptgericht oder Hauptgericht und Dessert, es stehen jeweils mehrere Gänge zur Auswahl.
Für mich bitte einen Salat, unter anderem mit Avocadostücken. Die Vinaigrette ist gut gemacht. Auch „unsere“ Markise ist rot, alles ist in rosa Licht getaucht.

Sie nimmt die Zwiebelsuppe (mein Gott, habe ich so was lange nicht gegessen, muss natürlich probieren!), deren sämige Konsistenz beinahe Saucencharakter hat, sehr üppig unter einer noch üppigeren Käseschicht!

Wir reden und essen und reden und reden und kauen und schlucken und reden und reden, doch auf unserem Logenplatz bleibt uns auch das äußere Geschehen nicht verborgen: Ein paar Akrobaten turnen uns was vor.

Eine Frau (die Blonde vom Dreihautfarbenbild) war bestimmt mal in Jamaica, denn sie legt eine wilde Reggae-Tanzeinlage mit dem Rasta ein, leider bin ich zu spät mit dem Fotoapparat.
Drei Farben Haut.

Der Hauptgang kommt. Ich habe Hühnchen mit patates und grünen Bohnen bestellt, die Portion erweist sich als groß und die gebackenen Kartoffeln dazu sind zahlreich, oh je! Da wirkt die Pastaportion mit Pilzsauce vor meiner Freundin beinahe zierlich! Ich bin kein großer Mittagesser, aber ich tue mein Bestes! Alles schmeckt gut und der Wein ist auch nicht schlecht.

La vie en rose pour les filles!

Meine Freundin ist froh, dass die Qualität der Speisen noch die gleiche ist, obwohl sie später erfährt, dass der Eigentümer gewechselt hat; die Küche hat zum Glück keine Einbußen erlitten, es ist kein Nepplokal geworden, trotz des wechselnden Schauspiels vor unseren Augen.
Zwischendurch zwängen sich circa zehn Polizeiwagen, ein Krankenwagen und ein großer Bus durch die Gasse. Faszinierend. Wir genießen den Luxus, alle Geräusche gedämpft wahrzunehmen.
Als ich wieder den Blick hebe, steht jemand da, der so aussieht wie einer, der aussehen will wie ein typischer Montmartre-Künstler. Sicher raucht er Gauloises oder Gitanes zur Vervollkommnung des Lok-Art-Colorits! Was für Bilder er wohl verkauft? Ob er überhaupt malt? Die Mappe bzw. das Zeichenbrett sieht jedenfalls schick aus, sehr überzeugend.

So haben wir in einer ruhigen Oase am Rande des Massen-Wahnsinns eine gute Zeit gehabt. Auf geht’s zum Musée Montmartre. Am liebsten würde ich hinrollen (nein, in einen dieser blöden Züge kriegt mich keiner!).

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