Le Jardin du Luxembourg, erster Bilderbogen

Zweieinhalb Jahrzehnte muss es her sein, dass ich nicht hier war, in diesem wunderschönen Park, der sich bescheiden Garten nennt.
Der Jardin du Luxembourg wurde Anfang des 17. Jahrhunderts im Auftrag von Maria von Medici gestaltet und der Palast diente ihr als Landschloss, das damals noch außerhalb der Pariser Stadtgrenzen lag. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Garten verändert, erweitert, dann verkleinert und später wieder vergrößert. Längst residieren keine Könige mehr im Palais; nun tagt dort der französische Senat – kein schlechter Sitz!

Grau ist es an diesem Vormittag, kurz vor einem schlimmen Wolkenbruch. Aber das stört keineswegs, auch die Farben nicht, im Gegenteil.

Sie leuchten dennoch oder deswegen umso mehr, die herrlich angelegten Blumenrabatten, und kontrastieren gut zum Palais de Luxembourg. Was duftet denn da so gut? Man könnte glauben, in dieser feuchtschweren Luft intensivieren sich die Aromen, verflüchtigen sich nicht so schnell. Mindestens das Heliotrop, die Vanilleblume, kann ich herausriechen. Die Sonnenwende, so wird sie auch genannt… Manch Einer nimmt die Düfte hier heute gar zum ersten Mal wahr. Hier kann man zum Schnüffler werden.

Kaum jemand ist auf die Idee gekommen, ausgerechnet heute, bei diesem Wetter, durch den Garten zu wandeln. Von den wenigen anderen Menschen gehören einige zu den sehr aufmerksamen Parkwächtern. Nicht den Rasen betreten! Doch, schnell, wenn keiner guckt, eine Abkürzung und das kleine Rasenstück hoch.

Oben wartet eine Taube diskret abgewandt auf das nächste Zwiegespräch, dem sie lauschen kann, doch sie muss sich wohl etwas gedulden bei diesem Wetter.

Kaum zu glauben, dass es hier sonst voll und belebt ist. Doch in der Stille ist es auch schön, eine ganz besondere Atmosphäre. Stumme Gestalten, Königinnen und Heilige, dominieren heute die Szenerie. Ohne alles zu beherrschen – kein Widerspruch.

Maria Stuart, von Jean-Jacques Feuchère (1807-1852)

Marguerite de Provence, von Honoré Jean-Aristide Husson (1803-1864)

Erhaben oder streng blicken sie, Maria Stuart sowieso, erst recht vor dem dräuenden Himmel.

Verhaltener bis entrückt blicken die Heiligen über das Fußvolk hinweg.

Sainte Clothilde, von Jean-Baptiste Klagmann (1810-1867)

Sainte Geneviève, von Michel Mercier(1810-1894)

Neben zahlreichen Statuen von Königinnen, Heiligen, Künstlern und anderen Persönlichkeiten bevölkern auch allegorische und mythologische Darstellungen den Park.

Psyche unter dem Einfluss des Mysteriums, von Mme Léon Bertaux, geborene Hélène Hébert (1825-1909).

Die Tochter des Bildhauers Pierre Hébert und Frau des Künstlers Léon Bertaux hat sich im 19. Jahrhundert um die Anerkennung von Frauen als Künstlerinnen bemüht. So reichte sie unter anderem eine Petition an der Ecole des Beaux Arts ein, damit auch Frauen Zugang zur Kunsthochschule hatten – mit dem Erfolg, dass sie 1896 als erstes weibliches Mitglied aufgenommen wurde. Und was mag nun in „Psyche“ vorgehen? Man weiß es nicht, es soll ja und wird ein Mysterium bleiben.

Nicht so rätselhaft ist die Darstellung der Diana mit Reh, Nachbildung einer antiken Darstellung von Artemis, Göttin der Jagd und des Naturlebens.

Die Statue „Der griechische Schauspieler“ von Charles Arthur Bourgeois (1838-1886) stand früher im Théatre de l’Odéon und wurde erst später in den Park umgesiedelt. Eine heitere Szene: Der junge Mann mit Maske auf der Stirn rezitiert seinen Text, der auf einer Pergamentrolle schriftlich festgehalten ist.

Jenseits der Theater-Comédie muss man seinen Text nicht unbedingt vorbereiten und auswendig lernen, weder im Park noch anderswo. Die Kommunikation kann auch so funktionieren, indem die Wörter und Worte ganz natürlich herausfließen.

Manchmal braucht es auch gar keine Worte.

Eine Statue neueren Ursprungs, die Frau mit den Äpfeln von Jean Terzieff (1894-1978), überzeugt auch so und ihre Statur macht dem Thema alle Ehre.

Viele Bilder, äußere wie innere, strömen auf mich ein. Abwechslungsreich und farbig ist es heute, im Jardin du Luxembourg, der Meteorologie zum Trotz.

Die Stimmung ist sommerlich – wenn überhaupt schon…

Die Natur sieht das etwas anders. Das Wasserbecken ist Bestandteil des Monument à Delacroix, eine Hommage an den Künstler, geschaffen von Aimé Jules Dalou (1838 – 1902). Nur das Laub hat er nicht selbst hinzugefügt.

Dalou, eine Zeit lang befreundet mit Rodin, doch dann entzweiten sie sich aus Neid, stammte aus einer Arbeiterfamilie, solidarisierte sich in sozialen Bewegungen und verbarg nicht seine Sympathie mit der Arbeiterklasse. Genau das verschaffte ihm Probleme im Frankreich des Second Empire: Erstmals stellte er im Pariser Salon von 1867 aus, doch mehrfach wurde ihm trotz seines Könnens der Prix de Rome verweigert, der unter anderem mit einem Stipendium verbunden war und es Bildhauern erleichterte, sich einen Namen zu machen. So lebte er davon, Skulpturen für die neuen Pariser Boulevards zu liefern und Wachsmodelle für Schmuck herzustellen. Auch war er Kurator des Musée du Louvre unter Gustave Courbet. Doch nachdem er sich in dieser Funktion allzu öffentlich mit der Pariser Kommune von 1871 identifiziert hatte, sah er sich schließlich gezwungen, nach England zu fliehen. In seiner Abwesenheit wurde er in Frankreich zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da er bezichtigt wurde, Mitglied der Kommune zu sein. Nachdem er amnestiert wurde, kehrte er 1879 nach Paris zurück und schuf dort etliche Meisterwerke wie dieses (1890). Es ist eines der ersten Werke dieser Art, das nur die Büste des Portraitierten zeigt, umgeben von allegorischen Figuren.

In der Büste, in der Brust schlägt das Herz… Kopf und Herz, alles da. Und wenn das Gefühl mal den Verstand überrollt – na und…?

Angesichts untrüglicher Anzeichen der Vergänglichkeit, der Endlichkeit (ich habe das Blatt nicht dorthin gelegt, ich schwöre es, was soll die Stichelei…? ;-)) muss sich das Gefühl beginnenden Herbstes jedenfalls nicht unbedingt bei Jedem einschleichen und wenn doch, dann kann man es vielleicht ins Positive umwenden.

Zeitlos jedoch und jenseits aller Jahreszeiten steht wie eingepflanzt und in die angelegte Natur integriert der bezaubernde Medicis-Brunnen da, den schon „unser Qype-Poet“ Jürgen ausführlich und wunderbar bedichtet und bebildert hat.

So Manchen überkommen wehmütige Erinnerung an diesem Ort, der sicher schon viel gesehen hat.

Auf der Rückseite, als oberer Abschluss des Flachreliefs von Leda mit dem Schwan, befinden sich zwei wunderschön gestaltete Wassernymphen, die der Bildhauer Jean-Baptiste Klagmann 1864 geschaffen hat.

Der Krug ging sicher nicht zu oft zum Brunnen…
Doch nun verdunkelt sich der Himmel zusehends. Etwas Beeilung wäre vielleicht sinnvoll!

Selbst die sonst beliebten und belebten Kioske bleiben heute vorsorglich geschlossen, aber ein interessanter Einblick erschließt sich: Ist das ein Kiosk oder ein Materialhäuschen für Parkpersonal? Und vor dem Heimweg wird der Overall durch das Sakko ersetzt?!

Plötzlich haben sich auch ein paar Menschen zu den Statuen gesellt oder sie fallen nun umso mehr auf, als es zwischenzeitlich immer weniger geworden sind während dieses Spaziergangs. Vielleicht liegt es auch am Blau, das sich in der Kleidung fast eines Jeden findet und heraussticht. Seltsamerweise, denn die Parkfarbhamonie enthält ja durchaus Blautöne, Blumenblau.
Die lebenden Figuren sind zeitgenössische Zeugnisse von Zuneigung und Nähe.

Trio harmoniale, na ja, fast

Wortloses Glück und Einverständnis

Wenigstens Eine hat vorgesorgt. Sicher wird sie die andere mitbeschirmen, wenn’s richtig losgeht. Letztere kann sich ja einhaken, dann wird nur ein Ärmel nass…

Bis zum nächsten Mal, Jardin du Luxembourg, dann in der Sonne!

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