Restaurant Mythos

Am frühen Vormittag stromerten wir los von Saint Germain bis zum Quartier Latin, dazwischen das Mabillon. Ein wunderbares altes Viertel mit engen Kopfsteinpflastergassen (da hätte ich auch in Freiburg bleiben können? Oh nein!),…

… mit Restaurants und Cafés.

Ach, wie hübsch, ein paar Art-Déco-Überbleibsel, merci, diese Ecke kannte ich noch nicht oder hatte sie vergessen, im Lauf der Zeit.

Das Küchenpersonal ist noch nicht allzu gestresst und posiert vergnügt für ein Foto.

Hier gibt es zwar keine Prachtpassagen, aber die kleinen sind nicht minder hübsch.

Ich könnte jetzt noch Romane erzählen und zig Fotos zeigen über Kirchen, die wir auf unserem Weg besichtigt haben, über andere Bauten, aufgefrischte Erinnerungen meines Begleiters an frühere Orte und Zeiten, urromantische Winkel und fast ländlich anmutende stille Hinterhöfe, an denen wir vorbeigekommen sind, über alte Bäume, Brunnen und über Menschen, denen wir begegneten, darunter eine sehr aufmerksame Concierge, aber… ich will nicht noch ausschweifender werden, es reicht ja so schon! Soll ja ein Restaurantbericht werden…

Kurz(?!): Nachdem wir den Boulevard Saint Michel erreicht und schließlich auch die Seine überquert und die Wartenden in den langen Schlangen vor Notre Dame mehr oder weniger bedauert haben, finden wir es passend, eine Mittagspause einzubauen. Mein Begleiter hat unbändige Lust darauf, einen griechischen Fleischspieß zu knabbern, ob ich mich auch damit anfreunden könne? Ja, warum nicht, also zurück ins Bermudadreieck am linken Seine-Ufer.

Hier gibt es Fressgassen (inklusive Fastfood bzw. bebilderter Speisekarten für kulinarische Analphabeten), die ihren Namen eher verdienen als die eine in Frankfurt am Main und die Restaurantbetreiber wissen genau, dass die strategisch günstige Lage müde und hungrige Touristen anlockt, die hier hängenbleiben und im Besichtigungs-Marathon etwas verschnaufen wollen.

Und da wäre ich auch schon beim Thema: In der Rue Huchette hat man den Eindruck, dass alles griechisch ist. Was nicht stimmt, es gibt auch italienische und marokkanische und asiatische und andere Restaurants und sogar französische Crêperien, aber die Griechen schaffen es hier, alles andere in den Schatten zu stellen. Sie sind omnipräsent. Vor den Türen der Lokale haben sie Menschenfänger postiert, die jeden, dem auch nur der leiseste Hauch von Appetit aus den Augen glänzt, mit ein- und ausladenden Gesten zu becircen versuchen, Adonis-gleich…, mehr oder weniger geglückt.

Weil das nicht jede/n überzeust, pardon, überzeugt, übertrumpfen sie sich gegenseitig beim Ambiente, ein grüner Patio hier,

eine romantische Atmosphäre da.

Und wenn man sich dann immer noch nicht entscheiden kann, müssen die Speisen selbst dran glauben, auf einem neckisches Tablett-Kapitell vor der Tür

oder als fotoreife Auslage im Schau-Fenster.

Oh, mein Gott, pardon, meine Götter! Und nun? Das Problem ist, dass ich an dieses „Griechenviertel“ vage, aber dann doch in Details genauere Erinnerungen habe: Vor ungefähr zweieinhalb Jahrzehnten wurden mir dort schwarz verkohlte Paprikaschoten und verbranntes Fleisch serviert. Doch warum nicht bei Null anfangen unvoreingenommen, schließlich ist die Antike auch vorbeigegangen und danach war alles anders, also…?

Mein Begleiter fühlt sich von einem bestimmten „Griechen“ angezogen (nein, er ist nur hungrig!). Ich werfe einen Blick ins Innere der Unterwelt und bitte darum, doch noch woanders zu suchen: Hier ist zuviel Lametta, noch dazu mitten im Sommer (Opa Hoppenstedt wäre allerdings entzückt, obwohl ich nicht sicher bin, dass er andere Farben als Silber oder Gold akzeptiert hätte, aber…) und zuviel bunter Kitsch. Da kann das Essen ja nicht schmecken!

Merci, Monsieur, il est encore un peu tôt, wimmeln wir den Menschenfänger freundlich ab. Nach hundert Metern Fressgassenbummel schlage ich vor zurückzugehen, will erstens nicht zickig sein, zweitens weiß man hier eh nicht, ob das minimal ästhetischere „Design“ der anderen Lokale auch für die bessere Qualität der Speisen spricht und drittens soll man hungrige Männer nicht zu lange warten lassen (Frauen auch nicht!).
Also hinein in die glitzernde obskure Hölle. Der Cerberos vorm Eingang wundert sich nicht, dass es uns nun plötzlich doch nicht zu früh ist fürs Mittagessen oder er tut nur so oder er hatte uns schon wieder vergessen.
Huch, da geht’s noch eine Ebene rauf und eine runter, in die Unterunterwelt!

Wir ignorieren das und bestellen einen griechischen Salat und Tarama, danach gegrillte Schweinefleischspieße. Es schmeckt doch tatsächlich alles gut! Die Portionen, vor allem die Beilagen – Reis und eine riesengroße gebackene Kartoffel – fallen recht üppig aus. Dummerweise habe ich vergessen, Fotos von den jungfräulichen Speisen zu machen – zu beschäftigt – und kann nur noch einen verwüsteten Teller präsentieren:

Haben wir nicht auch ein Dessert gegessen? Oder doch nicht? Na ja, das kann ich ja vielleicht später nachreichen…
Leider ist die Musik sehr laut aufgedreht, so dass man sich nicht in normaler Lautstärke unterhalten kann. Auf unsere Bitte hin stellt die Bedienung den Ton etwas leiser. Als wir einen Kaffee bestellen, ist mein Begleiter ein wenig enttäuscht, weil es kein griechischer Mokka ist und dann stellt sich auch noch heraus, dass die sehr griechisch anmutende männliche Bedienung Franzose ist – na sowas! Macht nichts, wir haben eine angenehme Zeit verbracht. Noch ein Blick vom dunklen geschützten Innenraum auf die Gasse.

Und ein letztes Foto von außen. Erst beim Betrachten der Bilder zuhause fällt mir der Restaurantname auf: Mythos.

Hätte ich das vorher gesehen, hätte ich doch darauf gedrängt weiterzusuchen. Doch zum Glück sind wir keinem Mythos aufgesessen, es war alles in Ordnung. Auf jeden Fall müssen wir jetzt erst einmal Boot fahren auf der Seine, ganz kitschig-schön und faul, bevor wir unseren Spaziergang fortsetzen.

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