Saint-Sulpice

Ein Platz, eine Kirche, ein Springbrunnen, ein Ort zum Leben, (sich) leben lassen – dolce vita à la française…

Schon seit Jahren wollte ich mal wieder nach Paris, eine meiner Liebslingsstädte, auch meine Freunde dort wollte ich wiedersehen, aber immer kam etwas dazwischen. Doch dann war ich einfach mal spontan, mietete ein kleines Studio – ein ehemaliges chambre de bonne (bzw. zwei, bei denen man die Trennwand entfernt hatte) im 7. Stock, unterm Dach! – in zentraler Lage, kaufte ein Zugticket und fuhr zum erstenmal mit dem TGV. Oh, wie freundlich Zugpersonal sein kann! Und französische Reisende trugen mir am Bahnhof sogar lächelnd den Koffer die Treppen hoch, während mir in Deutschland die Kerle zusahen, wie ich mich bemühte, die schwere Tasche ins Gepäckfach hochzuhieven. Ein deutscher Mann schnauzte mich gar an, ich solle aus dem Weg gehen, weil ich nach dem Zugausstieg eine Millisekunde brauchte, um den Griff der Reisetasche auf Räderm hochzuziehen! Aber, uff, voilà, nachdem ich endlich angekommen war, mein Carnet Métrotickets gekauft, die typische Untergrundluft aufgesogen hatte und mit dem engen Fahrstuhl im Haus des 6. Arrondissements mein Ziel erreicht hatte, atmete ich auf, wenngleich ich etwas geschafft war!

Endlich wieder in einer freundlicheren höflicheren Welt. Einmal tief durchatmen auf meinem Minibalkon in der Pariser Abendluft, mit dem Tour Montparnasse im Hintergrund!

Und, wie schön, nur acht Minuten Fußweg entfernt lag Saint-Sulpice und vom ersten Abend an zog es mich immer wieder dorthin, an diesen wunderbaren Platz im Quartier Saint-Germain-des-Prés. Hier spürt man, dass die Capitale trotz brausenden Verkehrs, stressigen Métro-Boulot-Dodo‘s und Pollution ein menschliches Gesicht gewahrt hat, ruhige Nischen bietet, öffentliche Plätze der Kommunikation.

Den ganzen Tag lang ist der Platz ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen, abundzu gesellen sich einige Touristen hinzu. Eine Mutter mit Kind im Wagen macht eine kurze Verschnaufpause auf einer Bank im Baumschatten. Ganz hinten auf der letzten Bank ein Clochard, der es sich am Vormittag mit einer Falsche Rotwein gemütlich gemacht hat, in eine Zeitung vertieft, einen Hut neben sich für alle Münzen-Fälle.
Manchmal begegnet man unvermutet auch gefährlich aussehenden Gestalten – da, ein Wolf am Löwenbrunnen – un loup garou, ein Werwolf, was hat er vor?

Er hat dem Clochard den letzten Tropfen Wein entrissen! Oder war er selbst der Clochard und wurde zum Raubtier? Lieber schnell in die rettende Kirche gehen!

Das Innere der Kirche, außen leider von Gerüsten und Planen teilweise verdeckt, ist gemessen dunkel, hier wird man nicht laut und nicht eilig. Wunderschöne Holzarbeiten gibt es zu sehen.

Und eine beeindruckende Orgel.

Auch das Profane hat Platz, fast vergisst man vor lauter Staunen, die Fresken von Eugène Delacroix in Augenschein zu nehmen, als der Blick auf ein überraschendes lebendiges Genrebild in Hell-Dunkelmalerei gezogen wird. Selbst Kirchen werden nicht unsichtbar von Engelshand gereinigt!

Doch zurück ins Freie, auf den Platz. Ab dem frühen Abend, à l’heure bleue, ist die Stimmung auf der Place Saint Sulpice am schönsten.

Es ist die Zeit, in der die Tauben ihre Schlafplätze suchen an der Fontaine Saint-Sulpice.

Es gibt Einzelzimmer und Mehrbettzimmer auf verschiedenen Etagen, jede Taube wählt nach Laune, Ankunftzeit und Platz.

Jetzt umkreisen außer den Tauben auch andere Suchende den schönen Brunnen,…

…um das erwartete Gesicht einzufangen. Irgendwann nach ein oder zwei Umrundungen setzen sich die zuerst Angekommenen, sofern sie noch nicht gefunden haben oder wurden, auf eine Bank. Und beobachten die anderen Suchenden, die ihre Kreise drehen, den Brunnen mit den Tauben und die Kirche bestaunen, in den Himmel schauen und die Wartenden auf den Bänken inspizieren. Meistens sitzen die Männer dort, denn sie sind zum Rendezvous als erste da, wie es wohl immer noch üblich ist. Derweil spazieren die Frauen umher, kreuzen sich, formieren sich zufällig zu einem Tanztheater, werden vom Publikum, von fremden Wartenden einladend angelächelt und manchmal kommt es auch zu lustigen Verwechslungen: die gleiche Frisur und Haarfarbe, der gleiche Hinterkopf – aber, huch, dreht er sich um, ist er ein anderer! Ein Liebespaar, die Frau im langen schwarzen Kleid, steht sich an exponierter Stelle gegenüber, fast bewegungslos, bestaunt sich – und lässt sich bestaunen aus Besitzerstolz, ewig lang, genügt sich nicht selbst, am Feier-Abend der Selbstinszenierung.

Eines späten Abends lande ich wieder dort, Kirche und Brunnen sind in verschiedenfarbiges Licht getaucht.

Warum nicht ein letztes Glas im einzigen Café am Platz trinken, dem Café de la Mairie, zum Tagesausklang?!

Stille ist eingekehrt, die noch Anwesenden schweigen, nur ein übermüdetes kleines Mädchen unterhält die Zuschauer mit Ballettübungen und tänzelt aufgekratzt um Mutter und Kinderwagen herum. Angelina Jolie bemüht sich, von der Litfasssäule etwas Action in die Szenerie zu bringen, doch es bleibt ruhig.

Eine letzte Runde um den Brunnen für heute.

Alle Tauben schlafen nun.

Oh, ein kleines friedliches Sit-In bei einer Flasche Wein, mit Plätschern im Ohr. Zu früh, um allein nach Hause zu gehen.

Ein Brunnenlöwe zeigt lautlos brüllend die Zähne in der Nacht. Vielleicht ist er noch hungrig und hält Ausschau nach einem kleinen Zebra von seinem bequemen erhöhten Platz aus.

Vor zwei Tagen war Vollmond, die noch fast runde Scheibe drängt durch die Wolken, doch in dieser Nacht ist kein Wolf in Sicht, der den Mond anheulen könnte.

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