La Sala Tapa’s

An diesem besonderen Februartag wusste ich schon morgens, dass ich abends etwas Leckeres essen wollte. Es gibt ja solche Tage.

Des Vormittags stromerte ich mal wieder durch die Markthalle Mercat de l‘Olivar in Palma. Um dorthin zu gelangen, ging ich über den Straßenstrich – leer um diese Zeit -, obwohl mich meine Vermieterin gewarnt hatte, doch was kann schon tagsüber passieren, na also. Der Himmel war blau, die Sonne schien. Und dann war da noch das Schuhgeschäft, in dem ich mir – huch, was haben die auch jetzt schon Sommerware – in meiner Größe ein paar äußerst günstige Sandaletten genehmigte. Nur dass ich diesen roten Trenchcoat im Schaufenster nicht anprobiert habe, verzeihe ich mir bis heute nicht. Egal. Zweimal gefragt und schon war ich in der Markthalle.

Aber, ach, so groß die Auswahl! Sollte ich mir ein Spanferkel zubereiten? Dieser zierlich gebogene Rücken, diese zarten Ohren… Würde mein Herd ausreichen, hatte ich so einen Drehspieß? Würde das Tier in die Mikrowelle passen?

Ach, es gab ja auch noch Kleinteiliges: Füßchen, Schnäuzchen, Zunge, Schwänzchen, Hirn und allerlei anderes Perverses. Oh, nein, das war gerade genug für meine Augen, mehr wollte ich davon gar nichts wissen.

Dann doch lieber Fisch?

Na ja, vielleicht sollte ich mir nur für mittags ein paar Tapas besorgen – Schinken…

…Fischsalat, Oliven, Käse, Früchte – und mich abends bedienen lassen…? Genau!

Schön war der Imbiss auf meiner Terrasse, ebenso schön die sonnige Halbsiesta und der kleine Nachmittagsspaziergang, ach, na, meinen Laptop mit dem humpelnden WLAN musste ich zwischendurch auch noch zum Broterwerb anwerfen, aber was macht das schon hier. Und dann war der Abend da. Wohin? Die Entscheidung wurde dringend, zumal der Magen knurrte.

Hübsch, aber ausgebucht, Familienfeier.

Hier kehren mittags immer Viele ein, darunter auch Anzugträger, die sich bezüglich der Hosenlänge nicht so auskennen, ach, völlig unbedeutend, die Karte wirkt immer verlockend, doch ich habe keine Lust, länger zu laufen heute Abend.

Direkt gegenüber von meinem Domizil eine Tapasbar, aber die ist mir für heute zu kaltblau.

Also gehe ich ein paar Schritte, wirklich nicht viele, einmal um die Ecke nur, stoppe, verharre, denke „wie modern“, überlege – ach, was will ich denn, eine traditionelle Tapasbar mit altem Gestühl und Getisch, in der man Papier, Spießchen und sonst so Manches achtlos für die Nachwelt auf den Boden wirft? Ja, schon, aber wenn es sie hier und jetzt nicht gibt…

Und ich bin doch hungrig und mag nicht weit gehen, zumal meine Füße die Stadt doch schon so oft durchschritten haben, schnauf, also: Ich gehe rein.

La sala, der Saal, das Wohnzimmer, je nach Belieben…

Kein Kunde außer mir, oh, das könnte ein schlechtes Zeichen sein, aber ich bin in Spanien und es ist relativ früh am Abend, also ruhig Blut.

Freundlich werde ich von der Señora empfangen. Ich bestelle ein Paamboli und ein Viertel Rotwein. Die Signora gibt die Bestellung auf Deutsch an den Koch weiter. Der sich dann als ihr Mann herausstellt und aus Bremen kommt. Die Señora entpuppt sich als Signora aus Italien. Na, wo bin ich denn hier gelandet? Multikulti. Nun weiß ich gar nicht mehr, in welcher Sprache ich reden soll, Deutsch, Italienisch oder Spanisch? Im Spanischen bin ich am schlechtesten und wahrscheinlich deshalb wechsele ich zwischen Deutsch und Spanisch, haha.

Das Lesen der Tageszeitung ist dann doch nicht so einfach, zumal wohl die letzte Stunde geschlagen hat oder bald schlagen wird – ultima hora -, aber was soll’s.
Ein weiterer Gast kommt, Ur-Mallorquiner. Er setzt sich an die Theke, trinkt ein Gläschen und isst eine Mini-Tapas-Portion. Ein Ritual. Dann ein Mann und eine Frau, sie beide zieht es auch an die Theke, nur auf eine Kleinigkeit.

Das deutsch-italienische Gastgeberpaar hat erst vor vier Wochen eröffnet, wie ich erfahre, und davor viel Zeit und Geld in die Renovierung des Lokals investiert. Ich frage, wie die Einheimischen die Tapasbar annehmen in diesem untouristischen Eck und sie antworten, dass sie zufrieden seien. Überhaupt legen sie Wert darauf, eine gute Mischung aus Ureinwohnern und auch Besuchern anzuziehen. Ich wünsche ihnen, dass es ihnen gelingen mag.

Doch Gast bin ich und genieße meinen Roten. Und fühle mich allmählich wohl, in dieser Mischung aus Neu und Alt, in diesem Licht und bei diesen freundlich-unaufdringlich kommunikativen Menschen. Die Küche mit ihrer spanisch-italienischen Mischung me gusta.

Dann stürmt eine circa 35-jährige Mallorquinerin herein. Das heißt, sie stürmt gar nicht, sie geht gemessenen Schrittes, doch sie hat offenbar ein dringendes Anliegen. Das wäre: Letztens war es im Hof der Tapasbar zu laut, die Kinder konnten nicht schlafen. Ob das denn nun öfter so sein werde… Uih! Die Italienerin und der Deutsche bemühen sich, die Spanierin zu besänftigen: Es war doch nur einmal so laut, weil das Lokal eingeweiht wurde. Man zieht sich in den Hof zurück, um die Akustik zu prüfen bzw. zu beweisen, dass normale Lautstärke doch ganz verträglich ist. Interessant, ein Deutscher muss einer Spanierin beweisen, dass es nicht zu laut wird.

Ach, mein Paamboli ist vorzüglich. Ich lehne mich entspannt zurück. Ob ich noch ein zweites Viertel Roten…? Ach, warum nicht, heute. Ich habe noch gar keine Lust, nach Hause zu gehen.

Das Lokal hat eine coole Lounge-Ecke, auf den weißen Ledersofas ließe sich bestimmt für Neuzeitler und andere trefflich chillen und abhängen, doch da sind ja auch die einfachen an die Tradition angelehnten dunklen Holztische und -stühle und alles wird verbunden durch passendes Licht, sehr gelungen, wie ich finde.

Drei Männer betreten das Lokal und beginnen sofort ein Gespräch mit der Señora, pardon, Signora: Sie sprechen Italienisch. Oh! Die Herren nehmen am Nebentisch Platz. Die Signora stellt mich vor, man lächelt sich an. Ach, ich bin doch in einem Wohnzimmer gelandet.

Ein paar Worte werden gewechselt. Es handelt sich um Männer einer Baufirma, die Mallorca restaurieren oder so. Egal. Dann gehen zwei der Herren vor die Tür, um zu rauchen. Ich entziffere aufgrund ihrer Mundbewegungen, was sie auf Italienisch sprechen. Als sie wieder hereinkommen, sage ich dem einen aus Übermut auf den Kopf zu, was er gesagt hat, ich weiß, dass er der Chef ist, habe alles entziffert. Nun gibt es ein großes Hallo, ich werde eingeladen auf einen Hierbas, diesen köstlichen mallorquinischen Kräuterlikör. Die Señora/Sigora fungiert als Medium und so machen spanische, italienische und deutsche Worte die lustige Runde. Mann will mir dann noch ein Getränk ausgeben, Wein oder Likör. Oh. Na, ich optiere lieber für einen Café, hihi. Auch okay.

Der Abschied erfolgt mit Händeschütteln und allem mehrsprachigen Drumunddran, ich bin im Süden. Nur zwei Minuten sind es zu meiner Ferienwohnung. Schön war der Abend, der ein besonderer sein sollte und es war, wenn auch anders, als gedacht, muchas gracias, mille grazie, dankeschön.

PS: Nun, beim Recherchieren der Adresse, lese ich gerade, dass das Lokal von Sabrina und Simone, zwei Italienern geführt wird. Oh, ob der cheffe der Baufirma die Señora, ich meine Signora, inzwischen…?

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