Pariser Spaziergänge / Promenades à Paris –1. Montmartre/à l’ouest de Sacré Coeur

Der Hügel (Butte) Montmartre, die höchste Erhebung von Paris mit immerhin 130 Metern, übt auf Paris-Touristen eine besondere Anziehung aus, nicht nur, weil sich ganz oben die reine weiße Basilika Sacré-Coeur erhebt und weil sich weiter unten rund um die Place Pigalle das Moulin Rouge und andere sündige Etablissements finden, in denen nicht nur Cancan getanzt wird. Nein, in diesem ehemaligen Dorf fühle ich mich trotz aller touristischen Auswüchse in ein schönes Stück Vergangenheit versetzt.

Im 18. Arrondissement lebten und arbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche bekannte Künstler und Schriftsteller, als die Mieten für Atelierwohnungen noch erschwinglich waren. Hier blühte das künstlerische Leben – und auch das Vergnügen kam nicht zu kurz. Einer der ehemals 30 Windmühlen auf dem Hügel, der Moulin de la Galette, wurde ein Ausflugslokal angegliedert, und dort verlustierten sich sowohl Künstler als auch die Arbeiter und Handwerker des Viertels mit Tanz, Wein, Weib und Gesang.

Eines der bekanntesten Bilder, die dort entstanden, ist der Bal du Moulin de la Galette von Auguste Renoir (1876).

Auch heute verströmt man dort Heiterkeit und der Besucher wird davon gefangen genommen.

Doch gibt es nicht nur das Alte wie einst berühmte kleine Kinos, sondern Spuren und Werke der „neuen“ Zeit mischen sich darunter.

Ein entspannt-neckischer Blick von oben auf die, die den kleinen Anstieg noch vor sich haben.

Etwas abseits des Trubels findet sich die Spur eines Schriftstellers, eine Hommage an den Erzähler und Dramatiker Marcel Aymé. Jean Marais schuf 1989 eine Bronzeskulptur (eigentlich ist es ja ein Halbrelief), die darstellt, wie der Protagist Dutilleul aus Aymés Novelle Le passe-muraille (aus dem Jahr 1943) durch eine Wand geht. Der Held Dutilleul verfügte über diese einzigartige Fähigkeit. Dass die linke Hand der Skulptur so blank poliert aussieht, liegt daran, dass manche Menschen glauben, sie würden auch diese magische Fähigkeit erlangen, wenn sie die Hand berühren.

Verläuft man sich weiter in den kaum noch begangenen Nebengassen, stößt man an anderen Mauern auf dezente Grafitti und in Kopfsteinpflastersträßchen auf wunderschöne alte grün bewachsene Häuser, von denen ich am liebsten sofort eines besetzen würde – ach, hier möchte ich gern leben, in der Stille, auf dem Hügel, die Großstadt Paris zu Füßen und zum Greifen nah! In der Nähe winzige lauschige Grünflächen, von den Bewohnern des Quartiers beschlagnahmt zum Picknicken, zum Erholen und zum zärtlichen Tête à Tête – on est à Paris!

Sollte man es nach der Ruhe nun doch wagen, ein Bad in der Menge zu nehmen? Warum nicht auf einen Sprung zur Place de Tertre, sich bis zu 200 Meter herantrauen an Sacré Coeur? Hier geht es bunt zu, muss man sich durch die Massen kämpfen. Manche steigen schon wieder hinab vom Hügel, sie haben genug gesehen. Toulouse-Lautrec mit Aristide Bruant waren natürlich auch hier, ist ja klar! Die leckeren Törtchen sind auch farbenfroh und ein bisschen teurer als anderswo. Ein scheues Reh beobachtet das Treiben aus sicherer Höhe.

Hier singt und spricht es in allen Sprachen. Eine spontane Gitarrensession gefällig? Aber ja, gerne. Der internationalen Jugend genügt das Trottoir als Bühne, als Konzertsaal, als Stuhl und als Bett. Ach, das erinnert mich an meine Interrail-Zeiten und an harte Nachtlager vor geschlossenen Bahnhöfen, mit einem Handtuch als Kopfkissen.

Schnell noch die Place du Tertre überqueren. Aber, Mesdames, was geht hier vor?! Unter Regenschirmen, die vor der glühenden Sonne schützen, suchen die Touristen nach Kunst und glauben sie sogar zu finden, lassen sich zeichnen, malen, als Karikatur oder als Scherenschnitt verewigen. Der langhaarige Künstler vom letzten Jahr steht auch wieder da, wichtig mit seinem Skizzenblock unterm Arm. Ach, hier hat man schnell genug gesehen, lieber wieder weg und Luft holen!

Wie erfrischend gibt sich da doch die Place Emile Goudeau! Hier, ohne Kitsch und Andenkenläden, lässt es sich atmen! Vater, Mutter, Kind stürmen ach herbei – oder doch eher Oma, Opa und Enkelin? Wer weiß das heute schon. Das Kind geht so wie der Mann, ein Verwandtschaftsverhältnis muss da sein. Und bemüht sich tapfer, mit seinen noch kurzen Beinchen Schritt zu halten, im Sonntagskleidchen. Ob es zur Belohnung ein Eis gibt?

Ein wenig sitzen, verschnaufen, das südlich anmutende Licht- und Schattenspiel, Hell und Dunkel, wahrnehmen. Toulouse-Lautrec und Aristide Bruant sind auch wieder präsent. Hier, im Haus Nr. 13 mit der Bezeichnung Bateau Lavoir befanden sich einst Künstlerstudios, die zum Beispiel Modigliani, Juan Gris und Picasso beherbergten und man sagt, dass sich hier die Wiege des Kubismus befand. 1979 brannten die Wohnungen, aus Holz erbaut, ab. Das Haus wurde wieder aufgebaut und dient seitdem ausländischen Künstlern als Unterkunft. Ach, ein Brand, Brand, Durst – lockt da unten nicht ein Lokal?

Wie wär’s mit einem Getränk? Aber ja, unbedingt! Und, siehe da, es gibt noch einen einzigen freien Tisch, ganz vorn, mit Blick auf die abschüssigen Straßen, die das laute Paris unten kaum ahnen lassen. Die Bedienung hat viel zu tun und jongliert mit Flaschen und Gläsern – alles bleibt heile! Santé! Ah, das tut gut! Ach, in Paris gibt es soviel zu gucken, viele schöne Menschen, sieht man mal vom „gemeinen hässlichen Touristen“ ab. Die Frauen legen viel Wert darauf, schön und verführerisch auszusehen, wobei es auch diesen verhuschten Pariser Schick gibt mit marineblauen zeitlosen Strickjäckchen über schlichten anthrazitfarbenen Röcken in schicklicher Länge, doch diese „Mode“ scheint allmählich auszusterben, frau zeigt offensiv, was sie hat, das ist ja auch zeitgemäßer. So kommen Ästheten und Voyeure voll auf ihre Kosten. Und dann… Paris wird nicht umsonst als Stadt der Liebe bezeichnet. Nirgendwo sonst, nicht einmal in Venedig, habe ich so viele turtelnde verliebte Paare, jeden Alters, gesehen.

Noch ein wenig die Stimmung genießen, dann geht’s weiter, Richtung Abbesses. A bientôt!

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