Pariser Spaziergänge / Promenades à Paris – 2. Montmartre / Place des Abbesses

Abbesses am gleichnamigen Platz ist die am tiefsten gelegene Métrostation von Paris; sie liegt 30 Meter unter der Erde. Will man von unten ans Tageslicht gelangen, hat man etliche Treppen zu steigen – für Fußlahme oder Faule gibt es aber sogar zwei Fahrstühle.

Doch der Aufstieg lohnt sich, unbedingt! Die Place des Abbesses fühlt sich an wie ein Miniaturabbild, ein Modell von ganz Paris auf engstem Raum, jedenfalls so, wie sich viele Reisende Paris idealerweise vorstellen. Nur ist es nicht aus Pappe, sondern lebt, aber wie!

Zur Feierabendzeit, fast zur blauen Stunde, formiert sich vor dem bunt-schnörkeligen Karussell eine Band, die die Passanten mit Jazzmusik unterhält – Eintritt frei oder nach Laune.

Hier sieht man echte Pariser Originale wie aus dem Klischeebilderbuch, hier darf man sein, wie man will, ohne schräg angeschaut zu werden. Individualität und Toleranz werden schließlich großgeschrieben in Frankreich – leben und leben lassen, hier wird man weniger überwacht und gemaßregelt als in Deutschland.
Zu dieser Stunde kommen nicht nur die Menschen aus den Büros, um sich in den noch von der Sonne beleuchteten Straßencafés zu treffen, sondern auch Müßiggänger und schräge Vögel gesellen sich dazu, ebenso wie alte Damen mit Hündchen und Eltern mit ihren Kindern, die gern eine Runde fahren möchten auf Pferdchen, Piratenschiffen und anderen bunten Fahrzeugen aller Art.

Man gestikuliert, amüsiert sich und hat ein Auge auf die Kleinen. La vie est belle!

Nachdem sich das Auge an das Gewusel gewöhnt hat, schält sich bei der weiteren Orientierung aus dem Hintergrund ein Kirchenbau heraus – aus rotem Backstein, wie untypisch für diese Stadt. Klar, die Kirche müssen wir uns von innen ansehen!

Sie trägt den Namen Saint-Jean-l’Évangéliste und wird seit 1904 auch Notre-Dame-des-Briques (briques = Backsteine) genannt. Das Besondere und auch Reizvolle an diesem Bau ist, dass sich ihm byzantinische Einflüsse mit Art Nouveau mischen. So findet man sowohl Mosaike als auch die typischen Formen des Art Nouveau in einer ungewöhnlichen und gelungenen Verbindung.

Formen, die Fenster, Licht und Farben bezaubern. Man muss sich setzen, um diese Atmosphäre eine Weile in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Fast noch schöner als die Fenster selbst geben sich deren Reflexionen. Eine verwitterte Tür wird zum Prachtstück.

Geflügelte Wesen, ob friedliche Taube oder drohender Löwe, schauen auf uns herab. Es fällt fast ein wenig schwer, sich loszureißen und sich wieder dem lauteren Leben da draußen auf dem Platz zuzuwenden.

Doch kaum ist man dort, wird man wieder eingefangen von der Stimmung.

Und, ach guck, hier gibt es ja sogar einen winzigen Park! Er hat sogar einen eigenen Namen, Square Jéhan Rictus. Dort spielen Kinder, fast in den französischen Farben gekleidet, unbeschwert wie in einem Privatgarten. Während der Jardin du Luxembourg das große grüne öffentliche Wohnzimmer von Paris ist, ist das hier so eine Art winziger begrünter Salon für die Einwohner der umliegenden Häuser und ein paar vereinzelte versprengte Touristen, so kommt es mir vor. Eltern und Großeltern schauen dem Treiben von Bänken aus zu – oder schauen auf eine Mauer als glasierten Lavasteinen.

Auf der Mur des je t’aime , geschaffen von Frédérique Baron et Claire Kito, steht in 311 Sprachen Ich liebe dich geschrieben. In Blau-Weiß-Rot. Ob jeder Betrachter seine Sprache findet?

Darüber sagt eine Frau, die wie Dalida aussieht und sie vielleicht auch darstellen soll, denn sie hat in der Nähe gelebt, Lieben ist Chaos… also lasst uns lieben! Hm, stimmt das nicht? Ohne Chaos und Konfusion ist alles einfacher – aber lebt man dann schon? Oder existiert man nur?

Aha, da haben wir ja ein Liebespaar, jedenfalls sieht es so aus. Sie schaut ihn verzückt an, hört ihm zu, hängt an seinen Lippen, bestimmt sogar dann, wenn er Unsinn von sich gibt.

Diese Damen sind, jedenfalls jetzt, unbemannt, geben sich cool in Schwarz, im Gegenlicht sieht man den kleinsten Flaum. Viel Haut, eine Sonnenbrille, etwas Rauch, eine reizende Pose – et voilà…!

Von den Herren nebeln sich auch einige ein und von ihnen zeigt fast keiner seine Augen. Hinter den von außen undurchsichtigen Gläsern können die Blicke gefahrlos wandern und taxieren…

Doch wir wandern jetzt noch einmal um ein paar Straßenecken, vorbei an kleinen Geschäften und winzigen Restaurants. Einige Menschen erklimmen die Stufen, um weiter auf den Montmartre zu gelangen. Engel hätten es da einfacher. Ein Exemplar in einem Schaufenster der Boutique des Anges – dort kann man sich zum Beispiel seinen Schutzengel ganz nach persönlichem Geschmack auswählen – rät mit einem Zitat des Rabbi Nachman de Breslau freundlich dazu, immer ein Lächeln auf den Lippen zu tragen, um die Gaben des Lebens zu empfangen. Na dann! Ab in die Hölle, es kann ja nichts passieren, ich meine natürlich den Untergrund, die Métro – es wird Zeit, diesen Platz zu verlassen, adieu, Place des Abbesses, du schöner bunter Mikrokosmos!

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