Carambolage

Carambolage

Das knirschende Geräusch beim vorsichtigsten Zermalmen war schon fast zuviel. Ich nippte an meinem Suze-Cassis und knabberte hin und wieder eine grüne Olive oder eine gesalzene Erdnuss. Die Stimmung wollte lautlos einverleibt werden, duldete auch keine Zwischentöne. Am besten sich nicht rühren, kein Wort verlieren.

Mein Blick klebte an der schmalen Felsbucht hinter den fast bodentiefen Panoramafenstern. Möwen schwebten ein, einzeln, doch meist in kleinen Formationen, und verschwanden wieder, über den Bildrand hinaus, um nach einer geahnten Schleife wiederzukommen und hell landend den dunklen Granit zu betupfen, kurzzeitig. Der bretonische Himmel, milchiggrau getönt diesmal, drückte ein wenig in die Bucht zwischen St. Cast Le Guildo und Matignon hinein, doch nicht zu schwer. Im Rhythmus des Meeres neckten Wellen das Gestein, halbwegs heiter, irgendwo zwischen Ebbe und Flut. Vorhang auf, Vorhang zu.

Auch unsere Freunde sprachen und bewegten sich kaum, nachdem wir uns gesetzt hatten und die angenehme Schwarzkurzhaarige um die 50 uns die gewünschten Getränke und Knabbereien auf den runden Tisch mit der weißen Leinendecke gestellt hatte.

Nur Gerd war sofort wieder aufgesprungen, kaum dass er einen Schluck von seinem geliebten Kir genommen hatte. Ein Billardtisch im Raum hatte ohne Umwege seinen ersten Blick eingefangen. Französisches Billard, kein Pool-Billard! Schon beugte sich sein Oberkörper, irgendwo rechts hinter mir, über den Tisch, suchte seine Queue die passenden die richtigen Winkel.

Die Moulin à mer de la Roche Noire, wie sie korrekt heißt, war als Gezeitenmühle schon lange nicht mehr in Betrieb, erzählte Madame. Dafür hatten die neuen Besitzer das alte wunderschöne Granitsteinhaus in ein Antiquitätengeschäft verwandelt mit Café, Bar und sogar kleinem Restaurantbetrieb. Irgendwo dort lebten sie auch in ein paar Privaträumen. Draußen hatte uns als kulinarische Dekoration ein Tablett mit Austern auf einer Steinmauer empfangen, nachdem wir beim zufälligen Mäandern auf kleinsten Nebenstraßen das verlockende Schild „Moulin de la mer“ gefunden hatten und ihm gefolgt waren. Immer dunkler war es geworden auf dem hinabschlängelnden, durch ein Wäldchen führenden, schmalen tief beschattetem Weg. Dann das einladend offene Tor und wir betraten eine Art Bühne, sprachlos, wie es sich für gutes Publikum gehört. Was für ein Ort! Am Ende einer Sackgasse, impasse sans issue. Erst einmal an den Antiquitäten schnüffeln. Und dann war da noch dieses Café, wie ein intimes Wohnzimmer. Da durften wir uns niederlassen? Ein Geschenk.

Klack.

Gut sah er aus mit seinem weißen Leinenhemd – trug er eines mit kurzen oder langen Ärmeln an jenem frühen Juliabend? – über den hellen Jeans. Wir alle hatten uns ein bisschen schick gemacht, wollten später noch essen gehen, uns etwas gönnen in dieser ersten von drei gemeinsamen Bretagneurlaubswochen. Er war in seinem Element. Es geschah nicht oft, dass ich ihn so erlebte. Vertieft, zeitvergessen, hingegeben an etwas. Am ehesten kam es noch beim Schwimmen vor oder danach, wenn er erschöpft und triefend, zweimal sogar in Nachtodesangst, aus den Fluten stieg, die nassen Haarsträhnen ungünstig am Kopf klebend oder falsch abstehend, mit beinahe leuchtenden Augen, zufrieden, fast glücklich. Wie erleichtert war ich doch immer gewesen, wenn er lebend der Strömung in Arcachon widerstanden, dem schlimmen Gelbe-Flaggen-Tosen an der Costa D’Estoril und der unsäglich-mörderischen Brandung im Südwesten der wilden Algarve entkommen war. Alles noch zu Nicht-Handy-Zeiten. Und meistens war er der Einzige, der sich ins Wasser traute. Und ich, allein am Strand ausharrend, suchend, ihn aus den Augen verlierend, oft zur Vor- oder Nachsaison, immer wieder. Besonders am Meer war seine Iris nicht graublau, wie es sein Personalausweis wollte, nein, sie war blau, mit einem Stich ins Grüne. Am Meer sah er beinahe wie ein Ire aus, ein Gallier.

Vor mir das unwirkliche Bild, sich in zarten Nuancen immer wieder wandelnd, doch nie zu viel. Ein sanft-rhythmisches Wogen. Der Barmann hatte unbemerkt eine Kassette eingelegt. Plötzlich war sie da, diese Begleitmusik zur Leinwand, wie sie schöner nicht hätte sein können. Eine Frauenstimme streichelte die Melodie und untermalte die gleitenden Möwen im Takt, in höchster Perfektion. Was für ein Stück wurde da gegeben, zur Apéritif-Zeit? Ein Vorgeschmack, worauf?

Klack. Klack.

War es meine Freundin oder ich, die fragte, wie die Sängerin hieß? Der Barmann, ebenfalls mit weißem Hemd, langärmelig und aus akkurat gebügelter Baumwolle, und schwarzer eleganter Hose, passend zu seinem schwarzen zurückgekämmten, vielleicht leicht gegelten Haar, und die Serviererin, die sich als seine Mutter herausstellte, antworteten über Kreuz und mit einem doppelten Lächeln, weil es uns, den drei oder vier einzigen Gästen, so gut gefiel und es sie, die Gastgeber, beglückte: Die Sängerin heißt Dés‘rée, genau wie ihre erste CD.

Dés‘rée, ersehnt, gewünscht, begehrt…, sehnen, sehnte, ersehnt, ersehnt haben, ersehnt haben werden… Diese Musik wollte ich auch haben, für Zuhause, wir Drei wollten sie haben, unbedingt, auch außerhalb dieses Urlaubs. Sicher würden wir sie hier, in Frankreich, kaufen können. Der Mann mit der Queue, vernahm er die Musik auch, hörte er uns? Sah er? Welche Bilder hatte er?

Klack. Klack. Klack.

Ein Ort, um gemeinsam zu schweigen. Unser Freundespaar neben mir sah sich an, tauschte Zeichen aus. Stummes Einverständnis. Ich übersah es und schaute weiter den Film an. Den wunderschönen.

Klack-klack, Klack-klack. Effet. Irgendwo an den Côtes d’Armor, damals noch Côtes du Nord genannt.

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4 Antworten zu Carambolage

  1. sonnenzauber schreibt:

    Welch eine wunderschöne Liebeserklärung *rotewelt* an den Gallier mit den blauen Augen und an die Meeresbrandung mit all seiner Kraft und seinen Genüssen.
    Sonnige Grüße von Sonnenzauber

  2. rotewelt schreibt:

    Ja, aber… kann ich da nur antworten, Sonnenzauber…

  3. Dina schreibt:

    Ein zauberhafter Lesegenuß.
    Herzliche grüße
    Dina

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