Flaneurin in Pariser Passagen: Passage Verdeau – die Surreale

Ein kurzer Blick zurück zur Passage Jouffroy… Nur ein paar Schritte über die Straße und es tut sich eine neue überdachte Ladengalerie auf, die Passage Verdeau.

Kaum eingetreten, wenden sich die Augen nach oben – normal in einer Passage mit Glasdach.

Diese hier wird auch als Verlängerung der Passage Jouffroy bezeichnet. Die Passage Verdeau befindet sich zwischen 6, rue de la Grange Batelière und 31 bis, rue du Faubourg Montmartre. Da sie nicht von den Grand Boulevards zu erreichen ist, stand sie ein wenig im Schatten der gegenüberliegenden Passage und auch der Passage des Panomaras, die dem anderen Eingang der Passage Jouffroy gegenüberliegt.

Aber das sind Fakten. Sobald ich diese Passage betrat, fühlte ich mich anders. Was ein paar Meter ausmachen können. Dabei sieht doch alles ganz „normal“ aus.

Es gibt viel Ästhetik zu bestaunen am Galerienhimmel und neoklassizistischen Dekorationselementen, außerdem schöne Läden, rot-schwarz gewandete Frauen (wie ich) und ein altes Schild „Bonheur des Dames“ verspricht, dass frau hier ihr Glück findet, kleidungsmäßig jedenfalls.

Ich schließe jetzt die Augen und erinnere mich zurück:

Meine Wolkenschuhe, blumig, trotten über das Mosaik, das Glasdach im Blick, gehen wie eine Katze, an einer Schnur, horizontal, doch vertikal zugleich, hineingezogen in den Sog des Gewölbes, zwischen vier schwarzen Stahlträgern, kein Lärm, Glas tut sich auf, das Rechteck, und hoch hinaus, hinauf fliege ich.

Das war automatisches Schreiben, l’écriture automatique. Ein spontaner Versuch. In keiner anderen Passage habe ich mich so „merkwürdig“ gefühlt, wie in einer anderen Sphäre, Zeit. Hier, ein wenig abseits der Grands Boulevards. Im Nachhinein verstehe ich die surrealistischen Schriftsteller, die das Flanieren in den Passagen so liebten, noch besser, obwohl ich es schon immer ahnte.

Vielleicht spukt hier ja tatsächlich heute noch der Geist vom Comte de Lautréamont, von André Breton, Paul Eluard und Isidor Ducasse umher. Wer weiß. Und überhaupt, schon früh beeindruckten mich die surrealistischen und dadaistischen Literaten oft mehr als ihre Kollegen der Bildenden Kunst.

Womöglich sind es auch die Details, das Näherherantreten, die mich in den Bann ziehen?

Auch der Philosoph Walter Benjamin fühlte sich angezogen von den Passagen und bewunderte sie. Was sagte er sinngemäß? Der Vater des Surrealismus war Dada; seine Mutter war eine Arkade. Die Arkade, der Bogengang, die Passage…

Mit einer Notiz in seinem unvollendeten, fragmentarisch gebliebenen Passagenwerk, an dem Benjamin von 1927 bis zu seinem Tod arbeitete, stellte er die Begriffe Aura und Spur gegeneinander:

Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser.
Ach…

Ist hier eine Spur oder ist hier Aura? Harmlos-Verspieltes gibt es hier doch zu erstehen…

Nun ja, so eine Art Archaeopteryx in Türkis als Lampe hat schon etwas Surreales…

Und die Bilderbuchkinder wirken so… lebendig…, im Pariser Landleben… Wo bin ich? Auf wessen Spuren? Welche Aura hat mich umfangen?

Hier herrscht ein ganz besonderer Geist. Vielleicht liegt es auch am Esprit der Antiquariate, den alten staubigen abgegriffenen Büchern, den vergilbten Drucken, mit all den Lebensspuren derer, die sie geschaffen, gelesen und betrachtet haben…

In der Nähe befindet sich das Hôtel Drouot, ein Versteigerungshaus für Kunst. Es heißt, diese Lage habe dazu geführt, dass sich in dieser Passage viele Antiquariate und Kunsthändler ansiedelten.

Surreal wirkt es auch, dass, jetzt jedenfalls, ausschließlich blonde Frauen diverser Nationen und Sprachen in schwarzen Steppmänteln ihre Nasen an den Fenstern der Bouquinisten platt drücken, die Zeit vergessend. Während sich deren „Männer“, geduldig und wohlwollend-liebend ausharrend, im Hintergrund halten. Lauter Zufälle?

Ja, die Surrealisten glaubten an den Zufall, den objektiven, l’hasard objectif, wie Breton es postulierte geradezu (er hat übrigens nicht weit entfernt von hier gelebt). Ich aber glaube nicht mehr an Zufälle, auch nicht an objektive. Nur an „zufällige“ Eindrücke, die sich aber mit dem individuellen Erlebenshintergrund verweben. Auch bin ich nicht Bretons Nadja, wenngleich auch ich manchmal Dinge vorausspüren kann… Und dennoch…

Was mag sich unter den Leinentüchern verbergen? Wer sagt, dass es nur Bücher sind?

“Le hasard joue un tel rôle dans la vie de Breton qu’il en devient l’objet de son écriture, qu’il le nomme «faits-glissades” ou “faits-précipices” dans Nadja ou “hasard objectif” dans “Les Vases communicants” (1932) et “L’Amour fou” (1937). Il s’agit dans la vie et dans la rue d’être aussi attentif aux signes que l’on peut rencontrer que, dans l’écriture automatique, de parvenir à exprimer ses pensées en-dehors de tout contrôle de la conscience.“

Moi, je ne crois plus a à l’hasard, juste au petits moments, aux impressions instantanés, mais lies à notre vie.

Später lese ich, dass die Poesie von Lautrémaont von der Librairie Gabriel, nr. 25, in eben dieser Passage herausgebracht wurde. Also ist es doch kein Wunder, dass mir so seltsam zumute ist.

Ich wandle, schlendere, flaniere weiter, sammle Eindrücke, fange die Atmosphäre auf.

„Pour Aragon, Soupault, Breton et les surréalistes, la déambulation dans les rues est le cadre privilégié d’une expérience toujours renouvelée. En quête de mystère à travers le spectacle renouvelé de la ville, les surréalistes fuient les rues figées par l’histoire ou par un charme poétique (…).”

Meinem Faible für Ein- und Durchblicke kann ich mich hier schön hingeben, so viele Motive tauchen auf. Transparente…

…und wie zufällig zusammengewürfelte. Rätselhaft, énigmatique

Und dann wieder fesselt ein Schild von früher die Aufmerksamkeit:
„Zeit ist Geld. Genauigkeit ist die erste Qualität eines gewissenhaften Angestellten. Beachten Sie: Es sind immer die Gleichen, die zu spät kommen.“
Hm, was mögen die flanierenden Surrealisten darüber gedacht haben? Fanden sie das nicht spießig? Oder regte es ihre Kreativität an?

Erst in der Vergrößerung dieses Fotos entdecke ich, dass ich mich – na ja, fast – daneben benommen habe, indem ich diesen neueren Aushang fotografiert habe: „Sinnlos, mich zu fotografieren. Es ist bereits geschehen. Wenn Sie nichts anderes zu tun haben, dann fotografieren Sie sich doch gegenseitig. Das ergibt eine sehr lebendige Reportage über…“

Huch! Nun, jede Zeit hat ihre… Auswüchse. Solange ich unbehelligt weiterflanieren darf…

“Célébrés en particulier par Aragon dans Le Paysan de Paris, les passages sont le lieu de l’éphémère, de la transformation, du mouvement, lieux “hostiles à la création d’habitudes”“ (Marie-Claire Bancquart dans Paris des surréalistes)

Das Vergängliche… ist auch präsent, sowieso. Der Tod zeigt seine Fratze, vor Blutrot.

Er lässt mich weiterziehen. Gerahmt werden kann man auch untot und Rahmen gibt es hier viele, Spiegel auch, das gefällt mir.

Und wieder Bücher. Zum Ende der Passage hin werden sie immer preiswerter: nur noch 1 Euro 50 für diverse Exemplare in verschiedenen Sprachen. Das ist etwas für echte Begeisterte von antiquarischen Büchern, denen es auch nichts ausmacht, wenn die Seiten fast zerfallen. Während mein Begleiter hier naturgemäß steckenbleibt, völlig fasziniert und in seinem Element, habe ich Zeit für andere Lesarten.

Ich verliere mich in alten Formen und Pastellfarben, leicht unscharf schon. Was ist innen, was außen?

Die Zeit verliert ihre Gültigkeit, wird sepiafarben.

Kaum weiß ich mehr, was im Vorder- oder Hintergrund ist, was ein Durchblick und was eine Spiegelung, was alt und was neu – alles vermischt sich, wird diffus.

Wenn ich jetzt noch nach oben schaue, verliere ich jedes Gefühl für Raum und Zeit…

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4 Antworten zu Flaneurin in Pariser Passagen: Passage Verdeau – die Surreale

  1. karu02 schreibt:

    Eine sehr schöne, Sehnsucht weckende Foto-Serie ist Dir hier gelungen. Danke fürs Mitnehmen.

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  2. kormoranflug schreibt:

    Bei Deinen Texten und Fotos verliert man wirklich Raum und Zeit.

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  3. erinnye schreibt:

    Was für eine schöner Bericht. Text und Bild perfekt und sehr inspirierend! Ich musste da auch gleich an die Novelle „Au Bonheur des Dames“ von Zola denken.

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  4. rotewelt schreibt:

    Freue mich über eure Kommentare! Hast du diesen Roman von Zola gelesen, erinnye? Ich nicht, kenne nur den Titel.

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