Flaneurin in Pariser Passagen: Passage du Grand Cerf – die Schöne

Sie mag schwanken, aber sie geht nicht unter, so lautet das frühere Motto von Paris, zurückzuführen auf die ehemalige Lage der Stadt auf einer Insel in der Seine. Das Medaillon mit dem Pariser Wappen über dem Eingang dieser Passage zeigt das berühmte Boot fluctuat nec mergitur.

Warum diese überdachte Galerie den Namen Passage des großen Hirschen trägt, weiß ich nicht. Jedenfalls fand ich unter anderem dieses, wenn auch unlebendige, Exemplar kurz hinter dem Eingang rechts in einem Geschäft.

Auch sonst geht es dort ziemlich tierisch zu, man trifft auf eine wahre Arche Noah, Viecher, die im Wasser, in der Luft und zu Land leben, als kleine und große Dekorationselemente, aus einfachem Strick oder edlen Materialien, zum Kaufen oder zum bloßen Betrachtendürfen.

Dans ce passage
des animaux
il y en a tant-au
Bin ich froh
jourd’hui-au
oh!

Die Passage du Grand-Cerf wurde 1825 von einem unbekannten Architekten erbaut. Sie befindet sich im 2. Arrondissement. Die Nähe zu den früheren Markthallen und den großen Boulevards hat den Bau der Passage begünstigt.

Bei dieser Passage kam das Glasdach übrigens erst ein paar Jahre nach dem Bau hinzu. Mit zwölf Metern Höhe ist die Passage du Grand-Cerf die höchste – na ja, Hirschgeweihe brauchen ja auch Luft nach oben – und gilt als hellste der Pariser Passagen, dafür ist sie ziemlich schmal.

Nachträglich werfe ich noch einmal einen Blick in die Höhe: Doch, sie ist ja wirklich hell!

Viele Jahre lang blieb die Passage geschlossen, da sie baufällig war. Ein neuer Besitzer machte sich dann ab 1989 an die Renovierung. Doch viele Geschäfte konnten nach Abschluss der Arbeiten in den 90ern die Attraktivität aus früheren Zeiten nicht wieder erlangen. So Mancher findet, die Passage sei zwar schön und schick geworden oder gar von kalter Pracht und sie wirke ohne die früheren kleinen Handwerksbetriebe doch etwas verlassen und öde.

Aber nein, hier gibt es noch Wollgeschäfte, Kurzwarenläden, hier kann man sich die passenden Farben für seinen selbstgestrickten Pulli oder Schal aussuchen – oder Borten, Litzen, Stickgarne in allen Farben, Knöpfe sicher auch und nach Herzenslust der Handarbeit nachgehen, Lätzchen patchworken, Puppen- oder Mädchenkleidchen nähen, Schneckchen kreieren – und dabei meditieren. Sofern die Nähmaschine nicht zickt! Vorsicht bei alten, ob Singer oder Pfaff, oh, das kann bös ausgehen!

Andere Menschen lamentieren nicht über den Verlust der Vergangenheit, sondern bedauern, dass diese wunderschöne Passage sowohl bei Parisern als auch bei Touristen ziemlich unbekannt ist. Und das ist wirklich erstaunlich, zumal die Passage du Grand Cerf sogar drei Etagen hat, was mir beim Hindurchflanieren auch gar nicht aufgefallen war… In der unteren Etage kümmert sich ein smarter Barman ums leibliche Wohl, oben verleitet die Dachkonstruktion zum mentalen Abheben…

Il y a des gens qui regrettent que ce beau passage reste assez méconnu:

“Dommage car le plus haut et le plus clair de tous les passages couverts, dans les moindres détails, abrite une pépinière de talents, dont la jeune Marie Stark (25 ans) fleuriste de son état, qui se réveille très tôt chaque matin pour se fournir aux meilleurs producteurs de Rungis et en Hollande. Je suis très fille dans mes choix. C’est romantique (des orchidées, des renoncules, des roses de Noël), coloré et contrairement aux grandes chaînes, parfumé.“( http://www.city-paris.org/balades/passage-du-grand-cerf-e… )

Und ich, wie fand ich die Passage du Grand Cerf? Einfach nur schön!
Natürlich gibt es hier sehr teure Waren, aber eben auch noch Manches für den kleineren Geldbeutel. Eine Tulpe oder Rose vielleicht? Auch Blumenläden haben sich angesiedelt, zum Beispiel der von Marie Starck, die jeden Morgen sehr sehr früh aufsteht, um sich auf den Großmärkten die besten Blüten zu sichern.

“Les passages sont des noyaux pour le commerce des marchandises de luxe. En vue de leur aménagement, l’art entre au service du commerçant“ (Walter Benjamin, Paris, Capitale du XIXe siècle)

Ein alteingesessener Optiker und Brillenfabrikant verspricht schöne Augen…

…sicher nicht nur für grüne, sondern auch blaue, graue, braune, schwarze oder bernsteinfarbene…

Heute bevölkern Konsumenten die Passagen, früher waren es auch Künstler, Schriftsteller. Walter Benjamin schrieb, die Passage werde dem flanierenden Literaten zur Wohnung. Dort, zwischen Häuserfronten, sei er zuhause wie der Bürger in seinen vier Wänden. Ihm seien die glänzenden emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Bürger ein Ölgemälde, schrieb er in seinem unvollendet gebliebenen Passagenwerk. „Mauern sind das Schreibpult, gegen das er seinen Notizblock stemmt; Zeitungskioske sind seine Bibliotheken und die Caféterassen Erker, von denen aus er nach getaner Arbeit auf sein Hauswesen heruntersieht.“

Ich kann mir das gut vorstellen. Wer hat schon so eine Wohnzimmerdecke…!

Nun, und wer zieht sich zuhause für’s Sofa schon extrahübsch an? Hier, im Passagen-Salon, darf man/frau sich zeigen, in schicker Couture. Denn natürlich kann man außer Blumen, Schmuck und Designobjekten auch Pariser Mode bewundern. Oder sich bewundern lassen. Vorzugsweise in Rot – rot wie der Teppich, der auf dem “Laufsteg” für die Flaneure ausgerollt wurde – und Schwarz. Le rouge et le noir – meine Lieblingsfarben, mes couleurs préférées.

Interessant ist, dass die Passage mitten im Sentier-Viertel liegt, auch Hongkong an der Seine genannt, weil dort ein Großteil der französischen Konfektionsware produziert wird. In versteckten Hinterhöfen werden Stoffe zugeschnitten und Nähmaschinen surren – nichts davon sieht man, wenn man durch die Straßen bummelt. In den Läden im Erdgeschoß der Häuser werden die mit heißer Nadel genähten Kleidungsstücke von der Stange und nur en gros verkauft.

Doch nun zurück zum Eingangsportal.

Brave junge Frauen… machen Pause, im Café „le pas sage“. Der Name kann Vieles bedeuten: die Passage (na gut, es gibt ein Leerzeichen zuviel), ein vorsichtiger Schritt, aber auch „nicht brav“ – nun, die Franzosen lieben Wortspiele und Sprachwitz und sind Meister darin…

Hier gibt es außer vorsichtigen Schritten oder nicht Braven auch messages/Nachrichten, alles in und neben der Passage.

A Paris
je suis
seulement de passage
dommage

Je hante les passages
peuplés d’autres fantômes
comme moi
des passants
au pas sage

En passant
j’invente des messages
pas toujours sages
pourque mes sages
sachent
où je fla-nage
loin des plages.

Kommt man aus der Passage zurück zum Haupteingang, ist man erstaunt, nur ein paar Meter weiter links, Richtung der Porte St. Dénis, auf eine ganz andere Wirklichkeit zu treffen. Es fängt mit dem Moped auf dem Balkon gegenüber an. Und dann… Hier gibt es nicht nur mit heißer Nadel genähte Kleidung, nein, sondern vor allem frierende Frauen käuflich zu erwerben, wenn auch nur temporär. Gar nicht sage/brav. Nun prägt Rotlichtatmosphäre statt roter Teppiche das Stadtbild (vielleicht ist das ein Grund für die mangelnde Bekanntheit dieser Passage?). Aber darüber später mehr im Rahmen des Berichts über die Passage du Prado, wenn der Vorhang aufgeht.

Wer sich aber noch ein bewegtes Bild davon machen möchte, wie die Passage du Grand Cerf vor gut 50 Jahren ausgesehen hat und auch einen Blick in die oberen Etagen und auf das Dachgeflecht werfen will, der schaue sich einen Ausschnitt aus Louis Malle’s Verfilmung des Buchs Zazie in der Metro (1959 bei Gallimard veröffentlicht) von Raymond Queneau an; der Film ist von 1960.

Pour ceux qui aimeraient se faire une idée du Passage du Grand Cerf dans les années 60, voilà un extrait du film „Zazie dans le Métro“ (1960) de Louis Malle d’après le livre de Raymond Queneau, (paru chez Gallimard en 1959):

http://www.youtube.com/watch?v=tW-i3v9ZJNA&feature=player_embedded

Sie mag schwanken, doch sie soll nicht untergehen, die Passage, diese nicht und andere nicht! Das wünsche ich mir.

“fluctuat nec mergitur“. J’espère bien que le bateau et les passages ne se noyent jamais!

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7 Antworten zu Flaneurin in Pariser Passagen: Passage du Grand Cerf – die Schöne

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Wieder diese schönen Bilder einer Pariser Passage! Man möchte, wir möchten, sofort dahin und einfach schauen und riechen und genießen. Vielen Dank für Deinen Artikel, der uns erneut ganz viel Lust auf Paris macht. Irgendwann machen wir es …

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  2. vilmoskörte schreibt:

    Ich liebe sie, diese Passagen. Sie sind ein so wunderbarer Gegenentwurf zu den Shopping Malls der Gegenwart.

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  3. cablee schreibt:

    Danke für die virtuelle Reise!

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  4. wassily schreibt:

    Und das allerbeste: man kann nur gucken und flanieren, sich erfreuen und überraschen lassen.
    Was für eine andere Welt des Konsums…

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  5. kormoranflug schreibt:

    Die Betrachtung der „Passage du Grand Cerf ist ein Feuerwerk von Worten und Bildern. Ausserdem gab es viel zu entdecken: rote Teppiche, roter Hut, rote Strümpfe, roter Mantel, rote Kugeln, rote Blumen, rote Schrift….!

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  6. kreadiv schreibt:

    Ein Wort mit drei Ausrufezeichen: entzückend!!!

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  7. rotewelt schreibt:

    Ja, diese Passagen sind wirklich eine ganz andere (Konsum)Welt, ein schöner Gegenentwurf, ein wenig geheimnisvoll auch. Man taucht ein und ist entzückt, verzaubert.

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