Aus-Zeit in Cadaqués

The long and winding road…

Zuerst schraubt man sich, hat man Roses passiert, kurvenreich empor, dann wieder hinunter, und immer wenn man denkt “Wow, ich möchte ein Foto machen”, kann man nirgends halten. Und genüsslich langsam fahren und nur gucken geht auch nicht wegen der feurigen Katalanen.

Stacheln im Rücken.

Dann, endlich, eine Einbuchtung direkt hinter einer Kurve! Stopp. Mein kleines gemietetes Ford-Fiasko beschleunigt nicht nur erstaunlich gut – ich könnte damit meine Elli-Pirelli-Ambitionen ausleben, wenn ich wollte, aber ich will ja was sehen – , sondern bremst auch so. Perdón! Da unten liegt er, der Ort, so weiß. Wenn auch leider nicht im besten Bildausschnitt. Doch die Schön- und Geschütztheit, die spüre ich schon und mein Herz klopft vor Glück, dass ich dorthin darf. Auch wenn das Glück ein kleines ist, ein halbgar-ephemeres (will immer ephemär schreiben, verwechsle da wohl was mit Chimären..).

Was ich hier will, da unten, in diesem Zweitausendneunhundertseelendorf in einer versteckten Bucht der Costa Brava? Im Januar! Mutig sein, tapfer, wild oder wütend, wie es der Küstenname will? Ach… Nein, ich will nur zu mir kommen, mich aus einem Gedankenkarussell herauskatapultieren, klar werden. Das kann ich am besten am Meer. Und dafür wollte ich an einen Ort, an dem ich noch nie war.

Von minus zehn Grad am Baden-Airpark Kalsruhe/Baden-Baden auf plus vierzehn in Girona in kürzester Zeit, kaum nach-vollziehbar. Tief einatmen, einen Hauch von Vorvorfrühling spüren. Endlich habe ich meinen Kleinwagen schrammenfrei aus der hyperengen Parklücke manövriert, gefühlte dreißig Grad jetzt. Doch dann wäre ich auf einem vermeintlichen Beschleunigungsstreifen beinahe schwerst verunglückt, was soll mir das sagen? Doch die Katalanen rechnen wohl mit allem… Phewww!

Und nun warte ich auf dem großen Parkplatz am Ortseingang von Cadaqués auf die Señora, Eigentümerin meines Domizils auf Aus-Zeit. Ich steige aus, gar nicht zu kühl nur im Pullover, und diese fremde Luft, feucht-schwer und trotzdem gut. Da kommt sie auch schon, die Señora, die zum Glück auch gut Französisch spricht, denn das Spanische und ich, wir sind uns fremd, obwohl wir uns verstehen, das heißt, ich verstehe, kann aber oft nicht antworten. Egal, wie angekündigt, braust sie heran auf ihrem Moped und bald lotst sie mich durch die Gassen und zum Teil abenteuerlich enge Kurven, zum Schluss über einen hoppeligen Erdweg, irgendwohin bergauf.

Ich werde die Strecke mit dem Auto zwei-, dreimal trainieren müssen, zu fix sauste die Señora voran, links, geradeaus, rechts, doch bald klappt’s und ich finde auf Anhieb nach Hause. Öfter, wenn ich allein im „Urlaub“ bin, sind die Straßen zum Domizil eng, steil, sandig, steinig, unübersichtlich, mit Gegenverkehr. Mehrmals hatte ich das Gefühl, meine Grenzen, meinen Mut ausloten zu müssen, sollen, können, dürfen. Ob ich das will oder brauche, ist eine andere Sache. Meine Freundinnen finden mich mutig. Ich fühle mich nicht so. Angst habe ich vor ganz anderen Dingen. Zum Beispiel vor Spinnen (okay, es ist eher Ekel).

Grün und frühlingsfrisch die Vegetation hinter meinem Parkplatz – welch Luxus -, dann die Treppe hinunter zu meinem Refugium. Eine Taschenlampe liegt darin bereit, denn im Dunkeln würde ich abends kaum den Weg dorthin finden. Weitere Stufen führen direkt nach unten in den Ortskern.

Die kleine Ferienwohnung, eigentlich eine Art Reihenhaus, nimmt mich sofort für mich ein. Innen und Außen vermischen sich. Hier kann ich bleiben, lange könnte ich. Sehr lange. Ich bin eine Fischerin über den Dächern. Allein. Keine Nachbarn jetzt.

Nur kalt wird mir dann doch, aber ein Anruf genügt und der Gatte der Señora bringt mir eine weitere rollende Elektroheizung, mit der ich schnell ein flexibel-mobiles Heizsystem entwickle. Ich kaufe noch flugs etwas ein, dann packe ich meine Sachen aus und lebe mich ein. Das kann ich immer schnell.

Der erste Morgen ist trüb, doch nicht trist. Woanders bin ich. Treiben lasse ich mich. Durch den Ort. Die Bougainvillea hat den Winter überlebt und betupft die weißen Gassen.

Weiter auf den höchsten Punkt. Zuerst möchte ich mir einen Überblick verschaffen.

Dann umwandere ich den Hafen und gestatte mir einen Blick zurück.
Die Häuser des Dorfes werden überragt von der Kirche Santa Maria – ein gotischer Bau mit einem barocken Altar, der zu den bedeutendsten Kataloniens zählen soll. Die mir bislang unbekannten Bildhauer waren Pau Costa Joan Torras. Und ich vergaß zu fotografieren, seltsam.

Noch ein wenig weiter, in die Landschaft. Der Name Cadaqués, so heißt es, lässt sich auf den Wacholder (katalanisch cádecs) zurückführen, der am Cap de Creus wächst, an dessen Ausläufern der Ort liegt. ich habe ihn nicht bemerkt, den Wacholder, vielleicht, weil ich das Getränk nicht mag. Wie auch immer, grün ist es wirklich, auch jetzt. Wenn auch ein wenig bedrohlich.

Lieber zurück ins Zentrum. Boote liegen hier behäbig vor Bauten, Bäumen, Buchten und Barterrassen, die zumeist bar jeglicher Gäste sind, jetzt.

Oft begegne ich keinem Menschen in den Gassen, nur beim Einkaufen treffe ich auf Einheimische. Doch in manchen Geschäften bin ich auch die einzige Kundin. Vom Frühling bis zum Herbst, so erzählt mir ein Ladenbesitzer, ist der Ort von Tagestouristen, darunter viele aus Frankreich, geradezu überflutet. Ich bin froh, zu so einer stillen Jahreszeit hier zu sein.

Und früher? Da war der sowieso abgelegene Ort ganz weg vom Schuss, das Leben stagnierte, die Menschen verarmten. Erst als der Tourismus aufkam, Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde Cadaqués attraktiv, vor allem durch seine wirklich idyllische Lage.

Eigentlich hatte ich vor, das Perrot-Moore-Museum zu besuchen, doch es ist geschlossen.

So streife ich durch die Gassen. Und frage mich, wie die alten Bewohner auf diesen steilen Wegen mit bisweilen rutschigem Untergrund zurechtkommen.

Übrigens ist der Name Salvador Dalìs mit Cadaqués verbunden, auch wenn sich das berühmte Museum in Figueres befindet. Die Familie des Künstlers hatte ein Haus in Cadaqués und der Maler verbrachte dort einen Teil seiner Kindheit.

Nicht nur in Port Lligat wird der Besucher an den Surrealisten erinnert. Irgendwann finde ich direkt am Ort eine Reminiszenz an ihn: Am Hafen befindet sich eine Statue Dalís. Die Figur dreht dem Meer – ungewohnterweise – den Rücken zu und blickt auf den Ort. Schön surreal, wie ich finde.

Nicht weit entfernt steht die schöne blau-weiße Casa Serinyana oder Casa Blaua, um 1910 im Stil des *Modernismo (auf Katalanisch „Modernisme“) gebaut.

Dalí war nicht der einzige Künstler, der Cadaqués berühmt machte; auch Picacsso, Mirò und der Literat Federico García Lorca trugen dazu bei. Nachdem sich Dalí im Anschluss an seinen New York-Aufenthalt ganz in der Nähe in Port Lligat niedergelassen hatte, entwickelte sich das Dorf immer mehr zu einem Anziehungspunkt für Künstler. Zu den Besuchern zählten unter anderem André Breton, Gabriel García Márquez, Luis Buñuel, Marcel Duchamp, Paul Éluard, Max Ernst und Man Ray. Es wundert mich nicht: Lage und Licht des Ortes strahlen etwas Besonderes aus, das Künstler faszinieren muss.

Am zweiten Morgen ist es so mild, das ich auf der Terrasse frühstücken kann. Am Nachmittag werde ich den Liegestuhl einweihen, die Strümpfe ausziehen und im ärmellosen Top vor mich hin dämmern und mit leicht gerötetem Décolleté halb in die schattige Kühle der Wohnung taumeln. So kann man sich das Leben auch leichter machen.

Die nähere Küstenlandschaft wartet nun auf mich. Fast bretonisch mutet sie an.

Weiß, Blau, Rosa, Grün, Gelb – ich fühle mich nicht januarmäßig.

Karibisch blau verlockt die Meeresbucht.

Die Natur gibt sich frühlingshaft.

Verführerisch glitzernd lockt der Ort. Der Dunst ist verflogen.

Ich fädele in einen felsig-erdigen Küstenpfad ein. Auf dem Rückweg wird mich ein Pärchen fragen, ob ich ein Foto von mir möchte auf dem Pfad und ich willige ein. Der Mann macht ein Bild von mir zwischen Meer und Land.

Eingeklemmt
Großzügig überlasst Ihr mir die Wahl
darüber, wen ich quälen soll.
Kein Ultimatum, nur lautloses
Drängen und Warten.
Ich rudere durchs Gedanken-
gestrüpp, verfange mich, stecke
fest, zieh mir Kratzer und Striemen zu
blutige, raus da
und gehen, angehen gegen
Wind, durch Sand und Kies
über Steine bergauf
bergab, das Hirn raus—
gerannt, verschwitzt, erschöpft
keine Antwort aus dem
Gefühlsdickicht. Das kann
nur ein Pyrrhussieg werden.

So fühlte ich mich, bevor ich herkam. Und jetzt?

Kaum komme ich zum Denken, ich schaue nur und nehme Eindrücke auf.

Und werde ruhig, auch ohne Kloster, verordnete Meditation und verschriebene Ommms. Hier vergesse ich alles, komme wirklich zur Ruhe. In Cadaqués, diesem kleinen Fischerdorf an der Costa Brava. Ich glaube, der Ort ist so still, damit ich zur Ruhe kommen kann und mich nicht mehr unter Zugzwang fühle. Ich muss gar nichts. Vor allem nicht jetzt und sofort. Eine Entscheidung werde ich erst einen Monat später treffen, auch am Meer, in Südfrankreich.

Irgendwie leichter und heiterer bummele ich um die Bucht herum zum Ort zurück.

Endlich ist auch ein wenig Leben in die Strandcafés eingekehrt.

Einer der Dorfpolizisten macht die Runde. Aber ich weiß ja, dass sie eigentlich nur für die Sicherheit der Kinder zuständig sind, wenn Schulbeginn und -schluss ist (dann sind manche Straßen gesperrt und man muss Umwege in Kauf nehmen). Mein Auto, das wie immer im Parkverbot steht, wenn ich im Ort halte (wo käme ich denn hin, würde ich weit ab vom Schuss dort parken, wo mich meine Vermieterin empfangen hat?! Man soll sich doch den Landessitten anpassen, oder?), hat jedenfalls wieder kein Knöllchen bekommen.

Auch das Abendrot, das ich von meiner Terrasse aus genieße, zusammen mit dem anderen blauen Fisch, spielt mit. Muchas gracias, Cadaqués, du hast mir gut getan!

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10 Antworten zu Aus-Zeit in Cadaqués

  1. karu02 schreibt:

    Dein schön bebilderter Bereicht weckt Spanien-Sehnsucht, dort im Strandcafé sitzen und auf’s Wasser schauen würde mir auch gefallen. Gegen dieses Blau des Himmels kommt der Niederrheinhimmel auch an solchen Tagen wie diesem nicht an.

  2. rotewelt schreibt:

    Ja, so ein Himmel- und Meerblau gibt es auch dort wohl vor allem im Winter!

  3. Uffnik schreibt:

    Du arbeitest für das dortige Fremdenverkehrsamt, gib´s zu!
    Toll!

  4. rotewelt schreibt:

    Haha, nein, Uffnik. Vielleicht sollte ich…? 😉

  5. Lothar schreibt:

    … Deine sehr einfühlsamen Beschreibungen sind einfach wunderbar.
    Könntest Du mir auf irgendeine Weise die Adresse Deines damaligen abgebildeten Domizils mitteilen?

    • rotewelt schreibt:

      Danke fürs Kompliment, Lothar. Den Link habe ich dir ja geschickt. Du kannst ja mal schreiben, falls du auch in dieser Wohnung landen solltest und erzählen, wie es war.

  6. Brigitte Weber schreibt:

    Huhu, wir suchen den Künstler Bern Block in Cadaqués! Kennst du ihn vielleicht? Ein sehr guter Freund von einem Bekannten von mir! Übrigens tolle bebilderte Darstellung! Vielen Dank 🙂

  7. Wolf schreibt:

    Schöne Geschichte, die Erinnerungen weckt. In Cadaques besuchte ich in den 70er Jahren Dali und seine Frau Gala. Unvergesslich, die beiden, die in einem, von außen unscheinbaren, aber innen sehr spannend gebauten Haus, direkt am Hafen residierten (sein Museum lag damals in der Stadtmitte). Toller Dachgarten, mit einem schmalen, langen Pool, der unter dem riesigen Dach einer mannshohen Betonmuschel mündete. Dort oben blickte der, von weißgewandeten Jüngern umringte Meister mir, dem Besucher entgegen. Eine sehr kuriose, unvergessliche Szene. Die einzige aus der Gruppe, mit halbwegs normalem Verhalten, war Gala, deren Herzlichkeit ebenso unvergesslich bleibt.

    • rotewelt schreibt:

      Dann hast du den Meister also persönlich gekannt? Danke für deine spannenden Erinnerungen, Wolf! Ich glaube, dass Dalí aus sich und seinem Leben eine einzige Inszenierung gemacht hat, dein Bericht sceint das zu bestätigen. Über Port Lligat und Dalis und Galas Haus habe ich übrigens auch einen Beitrag geschrieben: https://rotewelt.wordpress.com/2012/01/17/portlligat/ . Leider hatte ich aber Pech und das Haus war gerade (es war Januar) für Besucher geschlossen, so dass ich nur Fotos vom Inneren kenne. Stimmt, von außen sieht es unscheinbar aus, ein wenig wie ein einfaches Fischerhaus, die Lage ist bezaubernd!

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