Punta de Cap de Creus

Das Cap de Creus ist der letzte Ausläufer der Pyrenäen und nicht nur der östlichste Punkt Kataloniens, sondern ganz Spaniens. Das erlas ich zwar erst jetzt, doch es wundert mich nicht: Äußerste Punkte ziehen mich magisch an, sei es das Finistère in der Bretagne, Lands End in Cornwall oder, das besonders, das Cabo da Roca in Portugal, das ist der westlichste Punkt des europäischen Festlands. Wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben Portugiesin und habe, auf einem Felsen sitzend, stundenlang, wie es alle Portugiesen gern zu tun scheinen, den ganzen Tag mit Saudade im Herzen aufs Meer geschaut. Aber, perdón, wir sind ja hier in Spanien, noch dazu bei den stolzen Katalanen!

Von Cadaqués aus folge ich dem Schild in Richtung Cap de Creus und bin gespannt, was mich erwartet, denn ich bin gänzlich unvorbereitet, hatte ich doch den Flug für die vier Tage Aufenthalt ganz spontan gebucht.

Zuerst entdecke ich am Straßenrand noch ein paar kleine Strände und vereinzelte Häuser in Traumlage mit Meerblick. Hier gibt es sicher auch im Sommer keine Strandbuden und aufdringliche Roleximitatverkäufer. Manche der winzigen Sand- oder Kiesbuchten sind nur über längere Wege und steinige steile Pfade zu erreichen.

Es ist Januar, doch die mediterrane Vegetation ist typisch immergrün.

Ständig muss ich anhalten, weil sich neue verlockende Motive auftun. Und dann dieses Licht!

Windig ist es heute, bei jedem Aussteigen werde ich ordentlich durchgepustet. Doch lieblich ist das Panorama der Küstenlandschaft, auch wenn sich die silbrig glänzenden Olivenzweige biegen. Manche Bäume sind dauerhaft schief geworden wegen des Tramontana-Windes.

Das Cap liegt auf einer Halbinsel (auch Halbinseln liebe ich), die mehr als zehn Kilometer weit ins Mittelmeer hineinragt. Man kann sich kaum vorstellen, dass es sich bei diesen kleinen felsigen Landzungen (Landzungen gehören auch zu meinen Favoriten) noch um Ausläufer der mächtigen und bisweilen bedrohlich wirkenden Pyrenäen handelt.

Im Mai 1998 wurde hier ein Naturschutzgebiet eingerichtet. Der Park Cap de Creus reicht über 10.000 Hektar Land und mehr als 3.000 Hektar Meeresfläche. Das Naturschutzgebiet ist das einzige in Spanien, das sowohl das Meer als auch das Land einbezieht. Außerdem handelt es sich um das größte unbebaute Gebiet im spanischen Mittelmeer. Wer nur die Touristenhochburgen der Costa Brava und erst recht der Costa Blanca kennt, wird sich diese stille Unberührtheit kaum vorstellen können.

Nun entfernt sich die kleine Straße etwas von der Küste; weiter geht es durch Olivenhaine. Früher wurde hier auch Wein angebaut, auch war es waldiger, doch Waldbrände und die Reblaus haben das Gesicht der Natur verändert. Schön ist die Landschaft immer noch. Nur ein einziges Mal, als ich anhalte, passiert mich ein Auto, sonst ist niemand zu sehen.

Ich schraube mich auf der kurvigen Straße höher, jedenfalls kommt es mir so vor, auch wenn ich hier nicht an die höchste Stelle de Cap gelange. Die befindet sich woanders, am Sant Salvador Saverdera und liegt 672 Meter über dem Meeresspiegel.

Doch das Grün lasse ich trotzdem irgendwann hinter mir. Eine seltsame unwirkliche Landschaft erwartet mich. Die starken Tramontana-Winde haben Erosionen des Schiefer- und Pegmatit-Gesteins bewirkt und bizarre Felsformationen hervorgebracht.

Am späten Nachmittag dringen die Sonnenstrahlen nicht mehr überall hin. Ich fühle mich etwas beklommen.

Dann endet die Straße inmitten der felsigen Landschaft an der Spitze der Halbinsel, der Punta de Cap de Creus. Auf dem Parkplatz darunter halte ich und sehe, dass ich doch nicht allein in dieser etwas unwirtlichen Szenerie bin, ein paar Autos stehen dort. In einem weißen Lieferwagen sitzen vier Männer und scheinen die Umgebung zu beobachten. Hm, was tun die hier…, Touristenautos ausspähen und im richtigen Moment, wenn die Insassen sich außer Sichtweite befinden…? Ach, wer will schon einen Fiesta klauen, der auch nicht so wirkt, als seien Gepäckstücke oder Wertsachen drin. Im Winter.

Ich inspiziere die Umgebung des Leuchtturms, des Far de Cap de Creus. Unwirtlich ist das Gelände. Der Leuchtturm, der 1853 eingeweiht wurde, liegt nur 78 Meter über dem Meer. Seltsam, ich dachte, ich hätte mich weiter hochgeschraubt, aber das war offenbar eine Illusion. Alle zehn Sekunden schickt der Leuchtturm sein Lichtzeichen mit zweimaligem Aufblitzen aus. Man kann es 34 Seemeilen weit sehen. Das ist auch nötig, denn die rauen Nordwinde im Winter behindern in dieser Gegend nicht nur die Fischerei, sondern auch den Schiffsverkehr.

Neben dem nicht besonders hübschen oder spektakulären Leuchtturm steht ein heruntergekommenes Gebäude mit abgeblätterter Farbe, anscheinend eine Ruine. Als ich mich neugierig von der anderen Seite aus nähere, finde ich zu meinem Erstaunen ein Café-Restaurant vor! Hier kocht seit Jahren der Engländer Chris Little. Er lebt hier auch und ich fand heraus, dass er wegen des heftigen Windes die Innenwände seiner Wohnung mit Bücherregalen zugestellt hat – auch eine Lösung! Leider probiere ich die Küche nicht aus, weil es mir zu früh zum Essen ist, aber sie genießt einen guten Ruf. Fisch gehört hier natürlich auch auf die Speisekarte. Woher er kommt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist aber hier, auf der Seeseite des Naturschutzgebietes, das Fischen mit Schleppnetz verboten; in einigen Gebieten ist das Fischen auf traditionelle Art, etwa mit Reusen oder der Palangre, der Langleinenfischerei aber erlaubt.

Nun musste ich erstmal nachschauen, was Palangre, Langleinenfischerei ist, Wiki sagt das dazu:

„Die Langleinenfischerei ist eine Art des Fischens in der industriell betriebenen Hochseefischerei. Dabei werden an einer aus Kunststoff gefertigten Hauptleine (auch Grundleine oder Mutterleine genannt) mit unzähligen Köderhaken versehene Nebenleinen ausgelegt. Langleinen können bis zu 130 Kilometer lang und mit mehr als 20.000 Köderhaken versehen sein. Anzahl der Köder und Länge der Leine variieren allerdings stark. Als Köder werden Makrelen oder Tintenfisch verwendet. (…) Die Vorteile dieser Fischereimethode sind die im Vergleich zum Fang mit Netzen geringen Beschädigungen der Zielfische, und dass der Meeresboden nicht beschädigt oder zerstört wird, wie dies beispielsweise beim Einsatz von Grundschleppnetzen oder Baumkurren der Fall ist.“ Wieder was gelernt!

Aber zurück zum Restaurant von Mr. Little: Auch ein Silvestermenü wurde hier angeboten. Es muss ein besonderes Erlebnis sein, nach dem Essen auf die Terrasse zu treten und in die dunkle Nacht zu blicken, keine Böller zu hören, sondern nur den Wind und das Rauschen des Meeres. Und statt Feuerwerk am Himmel gibt es das Leuchtfeuer. Und den Mond. Und die Sterne.

Übrigens befindet sich das Restaurant im Gebäude einer ehemaligen Polizeikaserne, die zur Grenzüberwachung auf Seeseite diente. Früher war die Caserna dels carabiners ein Kontrollpunkt, auf dem die katalanische Polizei unermüdlich auf der Lauer lag und Schmuggler in Richtung Cadaqués ins Visier nahm.

Schmuggler? Piraten? Banditen? Ähm…, mein Auto…, der verdächtige Lieferwagen… Ach, wird schon nichts passieren.

Von der menschenleeren Terrasse aus schaue ich noch einmal auf die Landzungen in Richtung Cadaqués. Der Wind pfeift mir scharf durch die Kleidung, dringt sogar von unten unter die Vliesjacke. Eigentlich wollte ich noch ein wenig umherkreuchen, aber es wird mir zu ungemütlich. In dieser Steinwüste.

Ach, näher rangezoomt sieht es ja doch freundlicher aus.
Aber es ist sowieso rutschig hier. Also trete ich lieber den Rückweg an.

Natürlich ist el coche noch da. Der Lieferwagen ist weg. Und hier erwische ich sogar noch einen Sonnenstrahl und etwas Immergrün. Wenn ich mir vorstelle, dass der Naturpark Cap der Creus auch ein beliebtes Wandergebiet ist, schaudert es mich gerade. Sicher erstens wegen des kalten Windes, zweitens wegen der kahlen Felsen und drittens, weil ich lieber spazieren gehe als zu wandern. Egal, hier beginnt der Fernwanderweg GR 11, der quer durch die Pyrenäen bis zur Atlantikküste verläuft – Wandervögel dürfen sich angesprochen fühlen…

Ich mache mich lieber auf den Rückweg, denn es dämmert und ich möchte diese einsame Strecke nicht im Dunkeln zurücklegen, allein auf weiter Flur! Unterwegs halte ich nicht mehr an. Und „zuhause“, in meinem Nest über den Dächern von Cadaqués, muss ich mich erst einmal aufwärmen und genehmige mir einen Sherry, schließlich bin ich in Spanien.
Ein spannender Ausflug, der, obwohl doch scheinbar/anscheinend nichts passierte, nachhaltige Eindrücke hinterließ.

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