Flaneurin in Pariser Passagen: Passage du Prado – die Vernachlässigte

Nachdem die schöne und auch edle, auf jeden Fall verzaubernde Passage du Grand Cerf mit dem roten Teppich uns ausgespuckt hat, freue ich mich auf die Passage du Prado, gar nicht weit entfernt, im 10. Arrondissement. Was für einen Eindruck mag sie hinterlassen, was kann sie – nach nunmehr vier durchstreiften herrlichen Passagen – noch aufbieten? Aber, war nicht jede Passage anders, hatte nicht jede ihren besonderen Reiz? Eben. Ich bin in gespannter Vorfreude.

Doch nach ein paar Schritten schon habe ich den Eindruck, dass die Passage du Grand Cerf ein Relikt ist, sie passt nicht recht in dieses Viertel – oder der Rest des Viertels gehört nicht zu ihr. Übergangslos ist nun fast jedes Geschäft ein Sexshop, dazwischen finden sich Sexkinos und Stundenhotels. Gerade noch gab es Blumen, Wolle, schicke Kleidung, Brillen und Dekogegenstände zu bewundern, und nun…

Hier gibt es Hauseingänge mit uralten Türen, Eintrittsverbotsschildern und Kästen für elektrische Leitungen, neuzeitlich „übermalt“.

Innenhöfe mit von jahrzehntelanger Umweltverschmutzung geschwärzten Fassaden… , wie ich sie nie sah in Paris (oder kann ich mich nur nicht erinnern an meine ersten Besuche vor Jahrzehnten?). Ich ließ mir sagen, so habe ganz Paris vor circa 40, 50 Jahren ausgesehen – kaum vorstellbar, doch ich liebe Zeitreisen.

Vor jeder dritten Tür Frauen jeden Alters – 40 plus überwiegt –, die sich anbieten, scheinbar unbeteiligt-gelangweilt vor sich hin schauend. Allenthalben kurze Röcke, wenn überhaupt ein Rock, und/oder großzügige Décolletés, je nachdem, mit welchen Reizen die Frauen glauben, potenziell potente oder doch immerhin bedürftige Freier am ehesten zu überzeugen. Habe ich jemals am helllichten Tag so viele Frauen auf dem Straßenstrich gesehen außer in der Hamburger Herbertstraße, wo aber die meisten aus den Fenstern schauten? Hautnah passiere ich sie auf dem Trottoir, mich bemühend, sie nicht anzustarren. Im Gegensatz zu ein paar Männern, zumeist in kleinen Gruppen auftauchend und arabisch sprechend, auf der Suche…

Und dann vergesse ich das Ziel, die Passagen, sauge stattdessen dieses Stück Stadt auf, das ich nicht kannte und fühle mich zurückversetzt in eine mir unbekannte Zeit.

Eine eigenartige Atmosphäre, diese Mischung, etwas schmutzig, vernachlässigt und frivol, dieser radikale Schnitt nach dem Bummel durch den Luxus. Keine Spur von Reichtum, nein, hier lebt man bescheiden, wenn nicht in Armut.

Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos, heißt es in einem Fragment des Passagen-Werks von Walter Benjamin. Ich glaube, darüber muss ich länger nachdenken.

Die Modegeschäfte mit abgeblätterten Fassaden geben sich wenigstens süße Namen, um anziehender zu wirken.

Die meisten Läden wenden sich sowieso an eingegrenzte Zielgruppen, die Wert auf eindeutige Reize legen, um schnell die zu verführen, die unter Druck stehen. Nackt unterm Kunstpelz…, der auf der Straße ein wenig wärmt?

Doch hin und wieder gibt es auch Reminiszenzen an eine gloriosere Vergangenheit an der Rue St. Denis. Die Rue Saint-Denis ist eine der ältesten Straßen von Paris. Sie stammt schon aus dem ersten Jahrhundert, seit 1134 wird sie von Häusern flankiert. Damals bildete sie den historischen Weg nach Saint-Denis und Flandern. Die Richtung stimmt auch heute noch.

Und da nähern wir uns auch schon dem gleichnamigen Tor, der Porte Saint-Denis. Sie befindet sich an der Kreuzung der Straßen Rue Saint-Denis, Rue du Faubourg-Saint-Denis, Boulevard de Bonne-Nouvelle und Boulevard Saint-Denis. Wie hineingebeamt, ein Raumschiff, fremd, ohne Zusammenhalt mit der Umgebung, steht er da, dieser Triumphbogen. In einem Viertel, in dem wenig Triumphe gefeiert werden.

Das je 23 Meter breite und hohe Tor wurde zwischen 1671 und 1674 nach Entwürfen von François Blondel erbaut, zu Ehren des französischen Königs Ludwig XIV. Natürlich schritt auch Napoleon hindurch und man vermutet, die Porte St. Denis inspirierte ihn dazu, den heute berühmteren Arc de Triomphe an der Place de l’Etoile bauen zu lassen. Der Bogen war sogar Vorbild für die Manhattan Bridge in New York, die 1909 fertiggestellt wurde.

Es ist übrigens das einzige historische Gebäude dieses Viertels, dass der surrealistische Schriftsteller André Breton erwähnte. Manche sagen, dieses Bauwerk sei im Grunde seit jeher unnütz gewesen.

Trotzdem, die Porte Saint Denis strahlt eine eigenartige Anziehungskraft aus, auch weil sie so surreal wirkt in dieser so gar nicht reichen Umgebung.

Kaum hat man die Kreuzung überquert und das Tor passiert, wandelt sich das Bild: Hier warten junge Asiatinnen auf Freier. Und sie schauen noch unbeteiligter, so, als würden sie auf eine Freundin warten, mit der sich auf einen Kaffee verabredet haben.

Hier finden Begegnungen aller Art statt und alles ist flüchtig, volatil.

Und wieder Spiegelungen, am Tag und in der Nacht.

Dann, unvermittelt, die Passage du Prado. Beinahe wären wir daran vorbeigegangen. Ja, diese ist wirklich anders als die, die ich bisher gesehen habe, schon von außen. Schmucklos, unauffällig. Ohne dekoratives Beiwerk und ohne Glanz.

Die Passage du Prado aus dem 19. Jahrhundert liegt zwischen 16, boulevard Saint-Denis und 16, rue du Faubourg Saint-Denis, außerhalb der ehemaligen Stadtmauern, die im 17. Jahrhundert abgerissen wurden.

Innen wird man nicht von roten Teppichen empfangen, sondern von Billigwaren, von bunten Schriftzügen, bunt wie das Völkergemisch, das hier im ansonsten vorherrschenden Grau unterwegs ist: Asiaten – darunter viele Inder und Pakistaner –, Afrikaner und Türken dominieren das Bild. Allerdings flanieren sie kaum, sie geben sich nicht dem behäbigen Müßigang hin, sondern gehen einfach hindurch, passieren die Passage, um eine überdachte Abkürzung zu nehmen, oder sie haben ein festes Ziel hier, denn die Schaufenster verlocken kaum zum Stehenbleiben, zum Innehalten und Bewundern.

Die Passanten sind auf der Suche nach einer günstigen Jeans, einer Änderungsschneiderei, einer CD, DVD oder einem Elektronikteil. Doch die meisten kommen, um sich die Haare schneiden oder sich rasieren zu lassen. Und um unter ihresgleichen zu sein. Fast jeder Laden ist ein Friseursalon. Und in den meisten befinden sich nur männliche Kunden, obwohl die Schilder darauf hinweisen, dass es sich um Herren- und Damenfriseure handelt. Nur am Ende treffen wir noch auf ein winziges Nagel- und Kosmetikstudio, das irgendwie fehl am Platze wirkt. Seit 20 Jahren sollen sich die Männer in dieser Passage eingerichtet haben, werde ich später lesen – eine Männergesellschaft.

Bei diesem Barbier sind Diejenigen unter sich, die Sehnsucht nach der Moschee ihres Heimatlandes haben.

Und hier sammeln sich die Afrikaner, für ein Stück Zusammengehörigkeitsgefühl.

Alle unter einem Dach, wenn auch nicht vereint. Das Glasdach wurde 1925 im Art Déco-Stil erneuert, es wirkt aber durch die breiten Eisenträger weniger fragil und luftig als die anderen Passagen. Und von der alten Zeit spürt man nichts mehr. Schwer vorstellbar, dass hier einst Herren mit Frack und Hut promeniert sind, am Arm die Damen mit knöchellangen Röcken und geschnürter Taille.

Auch geht hier alles allmählich in die Brüche, die schönen alten Spiegel splittern, nur noch wenige sind übrig. Es rostet und von den im Fußboden als Mosaik angelegten alten Fliesen fehlen viele, sie wurden durch hässliche und wie Pappe wirkende, lose darübergeworfene Platten provisorisch überdeckt – ein Flickenteppich.

Die Passage du Prado ist nicht die einzige Passage, die in einem schlechten baulichen Zustand ist und allmählich verfällt, obwohl sie belebt ist. Später kommen wir noch an der Passage Brady und der Passage du Caire vorbei, deren Tore jedoch gerade geschlossen sind, so dass wir nur einen Blick durch die Gitter werfen können – hier die gleiche Situation.

Viele Passagen sind privates Gemeinschaftseigentum, wodurch eine Renovierung nicht gerade erleichtert wird; oft fehlt auch schlicht das Geld. Die Stadt Paris, so las ich, will sich angeblich bemühen, auch solche vergessenen Passagen zu retten. Allerdings hat die Stadtverwaltung schon 1993 die Sanierung der Passage Brady beschlossen, ohne dass bisher etwas geschehen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass sie einfach desinteressiert ist, die Stadt…

Überhaupt weiß ich nicht, was ich der Passage du Prado oder den anderen vernachlässigten Passagen, die zum Teil arabischen Souks ähneln, wünschen soll. Werden sie saniert, könnte das sicher so ausgehen, dass die alten Läden und die Kundschaft, die Einwohner, daraus vertrieben werden. Andererseits würden sich hier kaum Boutiquen mit Luxuswaren halten, denn die wohlhabenden Pariser aus anderen Stadtvierteln und auch Touristen verirren sich selten hierher. Das Positive ist, dass es hier – jenseits jeglicher prachtvollen Ästhetik – noch lebendig und menschlich zugeht. Und ist das nicht wichtiger als Denkmalschutz?

Erst beim Schreiben dieses Artikels fällt mir auf, wie nah diese Passage am Gare de l’Est liegt – an dem Bahnhof, an dem ich ankomme, wenn ich nach Paris fahre. Doch dann geht’s immer gleich in die Métro und von dem Viertel bekam ich bisher nichts mit.

Doch nur ein paar Schritte weiter hat mich die Neuzeit wieder. Und ich weiß nicht, ob ich es bedauern soll, ein bisschen vielleicht. Schade, dass ich nicht durch diese alte Gasse gegangen bin. Wer weiß, was sich am Ende, rechts oder links, befindet.

Nachdem wir den Sexsektor durchschritten haben, kommen wir in die belebteren Zonen zurück. Weibliche Schaufensterpuppen in Samtrot blicken sehnsüchtig in die Ferne, Schutz suchend an Wänden lehnend. Draußen macht es Zoom, männliche Puppen, martialische Typen, blicken finster vor sich hin. Aggressiv ausgerichtete Kleiderbügelfronten. Bodyguards bilden Mauern. Das ist auch noch nicht mein Wohlfühlrevier.

Aufwärmen ist angesagt, inneren und äußeres. Das Eckcafé Rive Droite lockt mit warmem Rot und Korbstühlen. Endlich.

Auch innen ist es rot, so schön rot, sogar die Kellnerweste. Ein paar Schritte vom „Rotlichtviertel“ entfernt. Links die schöne Passage du Grand Cerf, rechts die vernachlässigte Passage du Prado. Dazwischen. Es ist warm. Ein junger ungestümer Hund der Frau am Nachbartisch begrüßt uns, springt uns abwechselnd an, fast auf den Schoß. Die Getränke sind heiß.

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12 Antworten zu Flaneurin in Pariser Passagen: Passage du Prado – die Vernachlässigte

  1. erinnye schreibt:

    Wiedermal ein genialer virtueller Rundgang, der mich sehr bedauern lässt, dass ich schon über 20 Jahre nicht mehr in Paris war. Vielen Dank dafür.

  2. Philipp Elph schreibt:

    Die letzten beiden Beiträge zeigen, wie unterschiedlich Pariser Passagen sein können. Danke, dass Du uns diese Bandbreite aufzeigst.

    • rotewelt schreibt:

      Ich sehe eure Kommentare heute zum ersten Mal, weil ich mir zufällig gerade diesen Beitrag nochmal anscheue, manchmal werden keine „gefällt-mir“-Angaben und manchmal keine Kommentare angezeigt, seltsam!
      Ja, die Pariser Passagen haben eine große Bandbreite, in der Zwischenzeit habe ich noch mehrere gesehen oder wiedergesehen in anderem Licht, aber ich komme nicht nach mit dem Berichten, außerdem will ich euch nicht langweilen mit noch mehr Passagen.

  3. Lakritze schreibt:

    Die anderen Rundgänge habe ich gern, diesen habe ich lieb.

  4. Uffnik schreibt:

    Danke für diesen Ausflug. Paris kenne ich leider nur vom Umsteigen. Von einem Flughafen zum anderen…. Vielleicht klappt es ja doch noch einmal. Den Reiseführer habe ich schon.

  5. haushundhirschblog schreibt:

    Wir mögen solche Viertel, weil sie etwas besitzen, dass viele Stadtbezirke schon verloren haben: Authentizität. Vielen Dank für Deinen schönen Beitrag.

  6. Ilse schreibt:

    Die fehlenden Fliesen sind doch nicht schlimm! Ist eben ein ganz eigenes Flair! Wünschte ich mir ab und zu auch zu Haus. Auch spart man Handwerkerkosten wenn sich den Boden gleich so verlegen lässt 😀 Steht sogar hier geschrieben 😛 Naja Spaß bei Seite! Hätte wirklich so eine Art von Boden! Die einen kaufen sich kaputte Jeans und ich will eben ein besonderen Boden 😀

    LG

  7. rotewelt schreibt:

    Ja, diese Passage zeigt eine andere Seite von Paris…

  8. You Lube schreibt:

    Ich liebe Paris, und das ist richtig so!

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