Göttliche Fahrt ins Blaue

Auch am dritten Tag meiner Kalabrienreise im Mai 2011 ist der Wind noch zu stürmisch, das Meer zu aufgewühlt, um auch nur daran zu denken, schwimmen zu gehen und sich ein wenig im Sand auszustrecken. Aber es regnet nicht, also muss wenigstens eine weitere Erkundung der Umgebung sein.

Zuerst fahre ich, aber schon fast gegen Mittag, von Tropea aus in südliche Richtung. Ein konkretes Ziel habe ich nicht, lasse mich treiben.

Im menschenleeren Dorf Brattirò komme ich an der Kirche vorbei, dort, wo sich die engen Gassen ein wenig zur einer Art Minipiazza erweitern, mit einer einladenden Bank. Ich halte an, um mir mehrere Bedürfnisse erfüllen: einen neugierigen Blick in die Kirche werfen, Dorfluft atmen, auf der Bank sitzen und meine mitgenommene Banane essen, ich habe nämlich einen Kurzvorvormittagshunger, sicher meeresnähebedingt.

Als ich aus meinem Fiat 500 aussteige, den ich kurzerhand direkt vor der Kirche parke, erklingen aus einem Fenster im zweiten Stock eines Wohnhauses nebenan statt der Paolo Conte-Canzoni in meinem Auto die Stones und beschallen den sonst stillen Ort. Beeindruckend. Ich lausche, amüsiert-erstaunt.

Hinter der nicht besonders prächtigen Fassade der Kirche verbirgt sich, wie so oft in Süditalien, ein barocker Innenausbau mit Stuck, Pastellfarben und schönen Leuchtern.

Besonders in Süditalien mögen es die Menschen gern rosa und hellblau, babykleidungspastellsüßfarben – christuskindfarbengedacht wohl? Und mit Schleifchen, gern in Gold. Bunter und kräftiger sind die Farben, wenn die Festa di S. Pietro Apostolo gefeiert wird und die Menschen eine große Figur des Schutzheiligen auf einer Prozession durch den Ort tragen.

Nachdem ich genug Eindrücke gesammelt habe, verlasse ich Brattirò durch eine derart schmale Gasse, dass ich befürchte, selbst mein winziges und süditalientaugliches Auto könnte einen der zwei dicken Begrenzungsstein touchieren. Es sieht so aus, als wolle dieser Ort seine Besucher festhalten.

Dann unvermutet die Weite, das Unverschlossene, Uneingeschlossene. Bald muss ich in einer Kurve halten und das Summen der Bienen, das Licht und die Farben einsaugen.

Ginster, Olivenbäume, Mohn, Macchia, ein paar bewachsene Felsen…, schöne wilde Natur, die mich ein wenig an Umbrien erinnert.

Der Tag meint es gut mit mir, das Meer vermisse ich überhaupt nicht, hier. Beim Weiterfahren über die sich schlängelnde Straße erhasche ich aus dem Augenwinkel ein vom Licht verwaschenes Schild, das auf etwas hinweist, einen Santuario…

Doch ich stoße nur auf ein Wegekreuz am Straßenrand. Also Umkehren und weitersuchen. Da ist es wieder, das Schild, und nun folge ich dem richtigen Weg. Ein paar Kurven, unterhalb glänzten Hügel, Täler und Olivenblätter silbrig im Gegenlicht. Dann endet die Straße auf einem großen unbefestigten Parkplatz in der Pampa. Zwei Autos stehen dort, wie ich erstaunt feststelle, denn seit ich das Dorf verlassen habe, bin ich niemandem begegnet. In dem Auto mit der offenen Tür sitzt ein Mann und schaut. Was für eine stille Einsamkeit sonst, fast ist mir ein wenig unheimlich. Doch ich will ja die Kapelle sehen, wenngleich ich überhaupt nicht weiß, was ich erwarten soll und wann.

Aber kaum bin ich ein paar Meter gegangen, an unübersichtlichem Gebüsch vorbei, öffnet sich der Blick auf den kleinen Santuario della Madonna delle Fonti. Auf dem Weg dorthin kommt man durch einen angelegten blühenden Garten.

Im Zentrum der Wallfahrtskapelle befindet sich eine große Madonnenstatue in Zuckergussfarben, sie bildet den Rücken einer Kanzel. Der Santuario ist offen und in die Felsöffnung integriert, so hat die Kapelle natürliche Wände aus Felsgestein.

Ein paar Menschen wuseln eifrig herum, fegen, rücken zurecht, dekorieren. Vor der Kapelle sind Bankreihen aufgebaut. Sicher wird bald ein kirchliches Fest stattfinden, ist Pfingsten nicht nah? Doch auf meine Frage antwortet einer der Männer, dass hier eine Trauung stattfinden soll. Was für ein ungewöhnlicher und zauberhafter Ort für eine kirchliche Hochzeitszeremonie – da könnte ja selbst ich schwach werden, würde ich noch einer Kirche angehören und (nochmal) heiraten wollen…!

Ich will nicht im Weg stehen und sehe mir zunächst die nähere Umgebung an. An einem Teich finde ich noch eine Madonna, die vor dem Ausgang einer weiteren kleinen, doch gemauerten Höhle wacht.

Auch einen Brunnen gibt es. Dieses Licht heute färbt das Wasser noch grüner.

Die Kapelle gehört nicht mehr zu Brattirò, sondern zu Spilinga. Der Ortsname kommt aus vom altgriechischen Spelunga (Höhle) oder auch von Spelaion-gehe (Region, die reich an Höhlen ist) und auch von Spelinka (Höhle, Grotte).

Diese Grotte, die bedeutendste von allen der Region, die hier sehr reich an Quellen ist, liegt am Fuße eines felsigen bewachsenen Hügels. Früher lebten hier vermutlich Eremiten. Zu anderen Zeiten flüchteten sich die Einwohner umliegender Orte dorthin, um sich vor sarazenischen Piraten zu verstecken.

Geht man um die Wallfahrtskapelle herum, gelangt man auf einen künstlich angelegten kleinen Pilgerpfad, auf dem symbolhaft mehrere Pilgerstationen aufgebaut wurden. Eigentlich möchte ich ganz hinauf steigen, doch die Mittagssonne brennt erbarmungslos auf den meist schattenlosen Weg.

Ich werfe einen letzten Blick in den Santuario. Zwei Engel weisen den Weg: hinauf (si sale) und hinunter (si scende)…, in den Himmel und zurück…

Und ich mache mich auf zum Parkplatz. Aus dem zweiten Auto, dessen Tür nun auch offen steht, schafft eine Frau im orangefarbenen Arbeitskittel weiteren Blumenschmuck heraus. Alles für die Hochzeitsfeier, ganz in Weiß.

Nicht nur Blüten quellen aus dem Wagen, sondern auch laute Musik im Stile italienischer Liedermacher, aber groovig à la Lucio Dalla, doch der ist es nicht, der da singt. Die Musik gefällt mir so gut, dass ich mir unbedingt die CD kaufen möchte und ich frage die Frau, wer denn der Sänger sei. Sie muss lachen, denn ihr gefällt der Song auch gut, aber leider weiß sie auch nichts, denn die CD gehört ihrer Tochter. Ach, wie schade! Na, dann diesmal nicht.

Ähnliches erlebte ich vor Jahren mal in Venedig, dort ging ich nur aufgrund eines herausklingenden Musikstücks in einen Maskenladen und fragte den Verkäufer, damals hatte ich Erfolg und der Interpret wurde mir genannt, es war Vasco Rossi.

Doch ich scheiterte auch schon – in einem bretonischen Supermarkt. Im Autoradio hörte ich ständig dieses Stück von dem ich nur ein paar Zeilen, Worte im Kopf hatte und so fragte ich – aber nicht vor dem verwaisten CD-Regal, sondern beim Gemüse – einfach mutig einen anderen Kunden, ob er vielleicht den Sänger/die CD kenne, auf der es unter anderem um „savoir aimer“ (lieben können, zu lieben verstehen) ging. Es entspann sich ein äußerst skurriles Gespräch. Mit typisch französischem Wortwitz begann der Fremde über die Liebe im Allgemeinen und im Besonderen zu fabulieren, bis wir uns lachend verabschiedeten. Wie die CD und der Sänger (Florent Pagny) hießen, fand ich dann später heraus. Doch zurück nach Italien, nach Kalabrien.

Von hier aus sind es nur sieben Kilometer bis zum Meer beim Capo Vaticano, doch das weiß ich gar nicht, ich fühle mich ganz weit drinnen im Land, fern von allem. Trotz der Musik. Oder deswegen?

Die Landschaft verlockt zum Mäandern. Die Olivenhaine dominieren weite Strecken, doch wird auch Wein angebaut, ebenso Gemüse und Obst.

Zum Glück parke ich gerade halb im Gras, als ein Trecker entgegenkommt, denn die Straßenbreite reicht nur für ihn. Der Fahrer grüßt, wie jeder, dem ich in kalabrischen Dörfern und einsamen Gegenden unterwegs begegne.

Da, plötzlich, das Meer! Und sogar die Insel Stromboli kann man erkennen; nicht immer zeigt sie sich mit ihrem gleichnamigen Vulkan. Über 900 Meter ragt die Insel aus dem Meer heraus.

Am Wegrand erblicke ich zwei alte Steinpfosten, die wohl einmal ein Tor eingerahmt haben, das am Anfang eines Weges stand, der zu einem Haus führte… Oder der Weg wurde nie angelegt, das Haus nie gebaut…, das weiß man nicht, hier im Mezzogiorno.

Der weitere Verlauf der Straße sieht verlockend aus lässt mich hoffen, mich auf ihr bis zum Meer vortasten zu können. Das muss ich ausprobieren.

Dann ist der Stromboli wieder verschwunden und das Meer gleich mit. Die Straße wird noch schmaler, und schattiger, von Böschungen und Bäumen gesäumt. Nun wird es wieder lichter. Und das Sträßchen endet. Ein Auto parkt dort, der Fahrer hat seine Tür geöffnet. Isst er etwas? Macht er Pause? Er hat eine Katze dabei. Nimmt er sie auf seine Naturfahrten mit? Kam sie aus dem Gebüsch? Nein, das ist eindeutig seine Katze.

Und wie komme ich hier wieder weg? Der Weg erscheint mir viel zu lang, um ihn rückwärts zu fahren. Wenden scheint unmöglich, doch dann gelingt es doch, schwitz. Nun will ich zurück nach Tropea, etwas essen, zuhause oder in einem Restaurant. Wieder komme ich über Brattirò, diesmal fahre ich mich beinahe fest, wegen der Einbahnstraßen und nicht vorhandener Wendemöglichkeiten.

Kurz vor Tropea dann, an einer Linkskurve, in der eine kleine Kirchenruine steht, führt eine kleine Straße rechts hinauf. Sie hat mich schon einmal neugierig gemacht, also warum nicht noch einen kurzen Abstecher machen.

So, eine Jesuserscheinung wird hier ausgeschildert, was das wohl zu bedeuten hat. Die Straße schraubt sich steil in die Höhe und wird zum Weg. Ich gelange an einen Kies- oder Steinbruch, doch da ist wieder ein Schild, am Beginn eines Feldwegs. Also fahre ich ein Stück in den Weg hinein und stelle das Auto ab. Als ich aussteige, kommen LKWs vorbei und wirbeln Staub aus, die Fahrer hupen. Klar, ich bin Italien… Na, ob ich das Auto stehen lassen kann? Aber sicher gibt es hier, wo die Arbeiter sind, keine Diebe.

Und das kleine Steinhaus in Sichtweite…, dort wird sie bestimmt sein, die Erscheinung, in welcher Form auch immer manifestiert. Die Sonne hat sich verzogen und Wolken Platz gemacht. Atmosphärisch wird es anders. Ich bin in eine bukolische Landschaft geraten, fühle mich in eine andere Zeit versetzt, zurück, ver-rückt.

Ich folge den Schafen und Ziegen. Rechts von mir liegt ein Bündel im hohen Farn, ich erschrecke. Nein, es ist kein schlafender Schäfer, nur seine Sachen hat er dort abgelegt. Wo mag er sein?

Das Haus ist nur eine Art Stall. Kein Jesus weit und breit. Wie weit ich wohl gehen muss? Heute trage ich Turnschuhe, meine Schritte sind lautlos. Die des Schäfers wären es auch. Manchmal denke ich, ich sollte mich umdrehen, aber ich tue es nicht. Wäre doch gelacht…

Dann, irgendwann nach einer Rechtskurve sehe ich sie, die Erscheinung. Das heißt, deren bauliche Manifestation. Schon wieder eine Freiluftwallfahrtskapelle, der Santuario dell’Apparizione di Gesù.

Bestimmt finden hier ab und zu Andachten statt. Die dafür installierten klobigen Betonbänke empfinde ich als befremdlich, doch sonst ist alles hingebungsvoll geschmückt – Kontraste gehören in Süditalien zum Leben.

Hier, auf der Collina Cardillo, so heißt der Hügel, der merkwürdigerweise nicht zu Tropea, sondern zur Gemeinde Drapia gehört, soll im Juli 1982 und nochmal am 21. Dezember 1986 Jesus erschienen sein. Die Wahrhaftigkeit dieser Jesuserscheinungen beruht auf Aussagen eines Bauern, der bekannt war für sein ausschweifendes Leben… Sicher hat er hier öfter verweilt und den herrlichen Ausblick bis zum Meer genossen, vielleicht noch mehr…

Ich mache mich auf den Rückweg. Der Schäfer ist immer noch nicht zu sehen, doch ich spüre seine Anwesenheit und gehe schneller.

Unten am Fuß des Hügels lasse ich das Auto nochmal stehen, um mir zwei alte Brunnen und die Kapelle aus der Nähe anzuschauen. Und dann steht mir der Sinn auch sehr nach Ausschweifungen…, vor allem kulinarischer Art.

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8 Antworten zu Göttliche Fahrt ins Blaue

  1. erinnye schreibt:

    Ein ganz bezaubernder Bericht, der so richtig in die Landschaft hinein entführt. Vielen Dank, habe es sehr genossen.

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  2. kormoranflug schreibt:

    Ja man möchte sofort los reisen und die vielen Stätten der „Erscheinungen“ besuchen. Eine Hochzeit in der Wahlfahrtskapelle? Wen könnte man hier heiraten: Maria? Kein Wort von den Zwiebeln von Tropea.

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  3. Uffnik schreibt:

    Es ist immer wieder ein spannendes Erlebnis mit Dir reisen zu dürfen.

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  4. cablee schreibt:

    Da schließe ich mich Uffniks Worten an

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  5. Ilse schreibt:

    Schon mal darüber nachgedacht Ebooks zu schreiben und diese für einen schmalen TZaler im Netz oder über die Seite anzubieten?

    LG

    PS: Ist eine ernst gemeinte Frage

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  6. haushundhirschblog schreibt:

    Sehr, sehr verführerischer Artikel. Er hat uns über den Tag gewärmt … bitter nötig, bei den vorherrschenden Minusgraden. Danke dafür.

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  7. rotewelt schreibt:

    Freut mich, dass ich euch „mitnehmen“ und wärmen konnte! Ja, diesmal waren die roten Zwiebeln nicht dabei.

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  8. Lakritze schreibt:

    Ach, schön. Auch wenn ich den Winter hier grad genieße.

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