Brocante am Boulevard Arago in Paris

Die Füße taten schon weh, doch da, ein Hinweis auf einen Trödelmarkt, also kurz überlegt und nichts wie hin. Es würde doch nicht regnen? Egal. Und selbst wenn wir nicht fündig würden, so gäbe es doch sicher viel Interessantes zu bestaunen.

Vor dem Himmels- und dem typischen Pariser Häusergrau kommen die bunten Wagen der Standbesitzer und die angepriesenen Waren besonders gut zur Geltung.

Neben schönen alten Küchenschränken präsentieren sich unter anderem schräge Kommoden mit noch hässlicherem schweinchenrosafarbenen Plastikpuppenmuttergeschirr, aber auch ansehnliche Koffer, die sicher noch nie ins Flugzeug verladen wurden – aber wer weiß, vielleicht ja doch? Halbnackte Babypuppen brüskieren umliegende Heiligenfiguren und andere Kunst- und Kitsch-Schnitzereien.

Manches hübsche Exemplar erinnert mich an die geerbten Puppen meiner Kindheit, mit oder ohne Schlafaugen, rätselhaft, sehnsüchtig oder heiter.

Eine indische Handpuppe (oder vielleicht eine Marionette) ruht sich auf verblasstem „altfranzösischen“ Brokat aus und schaut stoisch-entrückt gen Himmel, die Reste der Zivilisationsgesellschaft am Boden nimmt sie gar nicht wahr.

Auch hier wird der Blick des Betrachters nach oben gezogen, ein Engel ist auch schon da. Mir wird gleich schwindelig.

Gerade bin ich schon beim Himmelgucken mit dem Absatz in einem dieser gemeinen, die Baumwurzeln schützenden Gitterroste, hängengeblieben, doch zum Glück wurde ich aufgefangen und hatte sogar die Wahl, ein Herr packte beherzt meinen Arm, ein paar andere Gentlemen stoben herbei, um mich notfalls aufzufangen. Glück gehabt, puh!

Zu gefährlich, da wende ich mich lieber wieder den bodennahen Tatsachen zu und schaue mir das asiatisch möblierte Trottoir an.

Hier kann man sich aber auch europäisch-altmodisch einrichten mit scheußlicher Fransenlampe und passenden Ölschinken, schüttel…!

Ah, dieses Gesamtbild gefällt mir schon wesentlich besser.

Und hier darf das Auge richtig ausruhen…,

…bevor es wieder bunter wird. Auch so manch geschmack-loser Teller wird hier ausgestellt, jedenfalls stelle ich mir vor, dass das Essen von ihm nicht schmecken könnte. Ein paar Gläser…, welche machen sich wohl am besten im Spiegel des Buffetaufsatzes? Sehr originell, dass der Schrank an einem öffentlichen WC-Häuschen lehnt!

Huch, ein Exhibitionist… Wenn man an öffentliche Toiletten denkt, na, ich weiß nicht, noch dazu diese schriftliche Aufforderung in Signalrot unter dem fröhlichen Herrn… Staunend ob des gewieft provokant zusammengestellten Ensembles bleibe ich stehen, was die Neugier des sich bis dahin versteckt gehaltenen Händlers hervorruft, ihn aus seiner Ecke treibt, um mich anzusprechen… Aber, Monsieur, nur weil ich skurrile Dinge fotografiere, bin ich noch lange nicht interessiert… Schell weg hier.

Hinweg in den harmlosen Wald: Ein Hirsch schließt die Augen, weil ihm das reflektierte Rosa gar nicht gefällt… oder auch, weil das leuchtende Blau und Grün der Vasen und Lampen nicht seinem gewohnten Baumtönungen entspricht, doch vielleicht träumt er auch nur, woher weiß man das schon.

Ah, endlich gibt es etwas für die Dame! Als Kontrast zum grauen Tag würde sich so eine prachtvoll leuchtende Blumentunika doch gut machen, dazu ein paar afrikanische Trommelklänge…? Ein Spiegel für die öffentliche Anprobe steht auch bereit, Zuschauer garantiert.

Sogar Haken für die Kleidung oder andere Dinge kann man erwerben, wie praktisch!

Na, Tigerlilli-Look und Perlenketten sind so gar nicht mein Ding, Witwe bin ich auch nicht, obwohl…, geheimnisvoll ist das Schleierhütchen ja… Verdächtig aber, dass die süß-zartrosablauen Babyhandschühchen gleich dabei liegen…

Sowieso wäre es interessant zu wissen, welche der Arrangements absichtlich oder unabsichtlich-unterbewusst gesteuert zusammengestellt wurden.

Also, hier ist jedenfalls offensichtlich, dass sich jemand etwas dabei gedacht hat…: Ein Buch über Verliebte, eine Herz-CD und dazu ein Pariser Vögelführer, das passt.

Doch nicht jeder denkt an die Liebe. Hier weist ein Krokodil darauf hin, was passieren kann, wenn man immer arbeitet – oder es wird aufgrund einer solchen Forderung mundtot gemacht. Wem das auch nicht gefällt, der kann ja den Glauben oder den Sport als Lebensinhalt wählen, ganz nach Belieben. Nichts von alldem verlockt? Dann nichts wie ab in den Flieger! Air-France, auch gern mal versehentlich wie Eier-France ausgesprochen, fliegt fast überall hin.

Immer noch nicht das Richtige dabei? Dann bleibt nur die Selbstbespiegelung, genügend Möglichkeiten für Narzissten sind vorhanden. Ah, da spiegelt sich eines dieser hübschen alten Lebensmittelgeschäfte… Hunger? Durst? Nun noch stärker schmerzende Füße? Kalte Hände? Auf ins nächste Bistro!

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15 Antworten zu Brocante am Boulevard Arago in Paris

  1. kormoranflug schreibt:

    Ja, Du hast die Liebe zum Detail.

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  2. Uffnik schreibt:

    Faszinierend.

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  3. wassily schreibt:

    Da gehen die Augen über.

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  4. Philipp Elph schreibt:

    Herrliche Impressionen!

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  5. Lakritze schreibt:

    So liebe ich Flohmärkte: die schönsten Sachen rausgesucht, und nichts kaufen und zuhause unterbringen müssen. Danke für den Spaziergang!

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  6. rotewelt schreibt:

    Ja, dort gab es interessante, schöne, häßliche und skurrile Dinge zu sehen! Früher habe ich auch immer viel von Flohmärkten nach Hause geschleppt, aber mittlerweile halte ich mich zurück. Und wenn man dann noch mit dem Zug zurück muss…

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  7. cablee schreibt:

    Eigentlich unglaublich, was manche Leute noch verkaufen wollen – und wohl auch verkaufen …

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  8. haushundhirschblog schreibt:

    Einfach großartig, dieses Sammelsurium an Skurrilem, Schrägem, Schönem und Scheußlichem!
    Liebe rotewelt, Du hättest uns UNBEDINGT diesen Hirschen mitbringen müssen, das weißt Du, oder? Jetzt aber schon mal danke dafür, dass Du diese Bilder mitgebracht hast …
    mb

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  9. rotewelt schreibt:

    Oh, ich bin untröstlich, liebe mb, dass ich euch nicht diesen prächtigen Hirschen mitgebracht habe! 😉

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  10. kormoranflug schreibt:

    Bringe für mich bitte die Form für die Entenleberpastete.

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  11. rotewelt schreibt:

    Stimmt, an jeder Ecke, echte und falsche (für Touristen)!

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  12. eichiberlin schreibt:

    Großartig surreal. Bemerkenswerte Bilderflut.

    Übrigens Meeresfrüchte in Marseille: Unbedingt ins Toinou!
    http://www.toinou.com/

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