Ein Postkartentag im französischen Süden

Als ich morgens aus dem Untergrund nach oben steige, finde ich einen strahlendblauen Himmel vor, die Sonne wärmt schon. Mein erster Tag in Marseille lässt sich gut an. Und ich bin mit Franny aus Marseille verabredet, mit der ich mich in einem Internetforum  angefreundet hatte und die ich nun auch persönlich kennengelernt habe. Am Vorabend war sie schon so lieb, mich am Bahnhof in Empfang zu nehmen. Heute wollte sie mir eigentlich die Küste direkt in und bei Marseille zeigen, aber der Verkehr steht stellenweise still wegen eines Rennens. So beschließen wir, aus der Stadt rauszufahren.

Im Auto durchqueren wir den hübschen Ort Aubagne, der mich immer an Marcel Pagnol und seine lebhaften Beschreibungen des früheren Lebens in der Provence erinnert. In Cassis nehmen wir die Route des Crêtes.

Nach den ersten sich in die Höhe schraubenden Kurven machen wir einen ersten Halt, um die Aussicht zu genießen. Was für ein fantastischer Blick über das Meer und die spektakuläre Landschaft, das Massif des Calanques! Ich habe das Gefühl, in den Sommer versetzt worden zu sein, obwohl es doch erst Ende März ist. Der wilde Rosmarin, die Garrigue duften nach Süden. Ich atme die Stimmung ein, ja, ich bin im Urlaub und ich fühle mich viel leichter als vorher…

Die Route des Crêtes führt von Cassis bis la Ciotat. Die Straße steigt bis zum Cap Canaille an und verläuft dann in Serpentinen am Rande der Felsen von Soubeyran, die, wie ich erfuhr, mit 394 Metern die höchsten Felsen Frankreichs sind.

Als ich das erste Mal die Route des Crêtes entlang fuhr, vor mehreren Jahren, war Winter. Ein eisiger Mistral wütete und ließ einen erschauern, man traute sich kaum aus dem Auto, zumal man an den steilen Abhängen Angst hatte, in die Tiefe gepustet zu werden. Heute regt sich kein Lüftchen und wir bewundern das Panorama, ohne zu frieren.

Trotzdem habe ich Respekt vor der Höhe, dem Abgrund, ganz schön dramatisch. Zum Glück gibt es Aussichtspunkte, die durch Geländer abgesichert sind. Wer nicht schwindelfrei ist, sollte aber besser nicht hinunterschauen…

Nächster Stopp in La Ciotat. Merkwürdig, obwohl ich diese Region gut kenne, bin ich nie auf die Idee gekommen, den Ort zu besuchen, sondern immer nur durchgefahren. Ich habe mir das Zentrum grau und ungemütlich vorgestellt, wahrscheinlich wegen der großen Schiffswerft und der von weitem sichtbaren Kräne. Nun werde ich eines Besseren belehrt: Hübsch sind die alten Häuser, im harmonischen Halbrund um das Hafenbecken angeordnet, ein einladender Ort.

Und wir sind hier nicht allein: Das Bilderbuch wetter hat alle Menschen aus ihren Häusern getrieben. Man promeniert und lässt es sich auf den Terrassen der Cafés und Restaurants gut gehen – la dolce vita.

Außerdem ist heute noch der Sonntagsmarkt und ich liebe provenzalische Märkte! Meine private Touristenführerin hat gut daran getan, mich hierher zu lotsen!

Ich bewundere die schönen Ranunkeln in leuchtenden Farben und der nette aber beharrliche Verkäufer versucht mich zu überzeugen, doch einen Strauß zu kaufen. Aber wie soll ich die Blumen frisch halten…? Sie würde den Tag wohl nicht überstehen.

Hinter dem Stand das typische Licht- und Schattenspiel des französischen Südens… Ich kann verstehen, dass es die Maler so sehr in diese Region zieht. Zwei Bewohner des Kleinstädtchens halten ein Schwätzchen bei einer Platane…, ein Idyll.

Es wird heiß, am nächsten Morgen werde ich mich wundern, dass ich leicht gerötet bin. Ein Sonnenhut wäre praktisch gewesen…

Und schon werden Bikinis angeboten… und bedruckte T-Shirts mit lustigen Sprüchen… Meine Begleiterin hätte gern das weiße Shirt “In diesem T-Shirt versteckt sich ein kleiner Engel”, aber leider gibt es das nur in Kindergröße…

Andere Kleidung gibt’s auch noch, aber nicht zu kaufen. Heute wird die Wäsche sicher schnell trocknen.

Wir beschließen, mittags zu picknicken – eine Premiere dieses Jahr. Auf dem Markt können wir uns mit ein paar Kleinigkeiten versorgen.

Oliven müssen unbedingt sein, und zwar, da sind wir uns einig, die olives cassés, am besten mit Fenchel aromatisiert – köstlich!

Nach den Einkäufen noch ein letzter Blick auf den Ort – und noch ein paar Süßigkeiten für zwischendurch und für’s Dessert.

Ein Picknick im Sand wäre nett, aber alle Parkplätze am Straßenrand sind belegt. Schließlich landen wir in der kleinen Calanque du Port d’Alon, wo wir mit Ach und Krach den augenscheinlich letzten freien Platz für‘s Auto finden. Wir befinden uns jetzt im Département Var, die Bouches du Rhône haben wir hinter uns gelassen.

Die versteckte und nicht vielen Touriste bekannte Bucht kenne ich von früher, aber noch niemals habe ich dort so viele Menschen gesehen, auch nicht im wärmeren Mai oder September, überall liegen und sitzen sie, essen, sonnen sich oder spielen am Kiesstrand. Wir flüchten uns ein Stück den Hang hinauf und finden ein stilles Fleckchen, mit schöner Sicht aufs grünblaue Wasser. Ein Hund, der ein ausgiebiges Bad genommen hat, ist dem Meer entstiegen und kommt zu uns. Vollkommen durchnässt interessiert er sich sehr für unser Picknick. Und schüttelt sich direkt neben mir das Wasser aus dem Fell, also wirklich, Frechheit! Wir geben ihm etwas zu essen ab und er mag alles: nicht nur die Salami, sondern auch Käse und sogar Baguette. Nur den ausgespuckten Olivenkernen jagt er nicht nach.

Der freundliche, noch junge Labrador lässt uns nicht aus den Augen und beobachtet jede unserer Bewegung. Ob er kein Herrchen hat? Aber er trägt ein Halsband und sieht weder ungepflegt noch abgemagert aus. Anscheinend mag er einfach unsere Gesellschaft. Und das Essen natürlich! Es sieht fast so aus, als müssten wir ihn mitnehmen…

Was tut das gut, so eine Déjeuner sur l’herbe, noch dazu mit einem Haustier an der Seite! Durstig ist der Hund auch, kein Wunder nach dem würzigen Pecorino, also schaffen wir ihm aus Plastiktüten einen Wassernapf. Irgendwann trollt sich der temporäre Begleiter doch davon und spielt mit Kindern am Strand Ball.

Noch ein bisschen diesem friedlichen Ort genießen und ausgestreckt auf der Decke in den Himmel schauen – die pure Erholung. Nebenbei lerne ich noch ein paar witzige Ausdrücke auf „Marseillisch“, bevor wir wieder aufbrechen.

Weiter geht es in das mittelalterliche Bergdörfchen Le Castellet, gelegen an der Nordflanke der Montagne du Grand Luberon, direkt unter dem Gipfel, dem Mourre Nègre. Aufgrund der Lage hat man wunderbare Blicke in die weite Umgebung, auf Olivehaine und Weinreben – und ja, her wachsen die Trauben, aus dem der gute Bandol gekeltert wird! In der kleinen Kirche Sainte Croix des pittoresken Dorfes befindet sich eine schöne Krippe – wir sind hier in einer Gegend, in der die kunsthandwerkliche Herstellung von provenzalischen Krippenfiguren eine lange Tradition hat.

Das Dorfinnere verbirgt sich hinter einer Festungsmauer. Eintritt kann man sich nur über zwei Tore verschaffen.

Kaum sind wir eingetreten, stoßen wir auf einen weiß verkleideten Mann, der die Passanten mit kleinen pantomimischen Einlagen unterhält und amüsiert.

Irgendwie sieht er einem gewissen Baron ähnlich… Ob er das ist? Aber er ist weiß und nicht schwarz gekleidet…, rätselhaft…

Die kleinen Gassen von Le Castellet verlocken zum Flanieren und Schauen. Trotz der vielen Touristen hat der Ort seinen Charme bewahrt. Auch Pagnol war angetan von dem Berdorf und drehte dort den Film “La femme du boulanger”.

Zahlreiche kleine Läden, die zumeist (Kunst)Handwerkliches anbieten, verlocken zum Hineinschauen. Alles wird den Besuchern liebevoll präsentiert. Franny zeigt mir ein Geschäft, das Düfte der Provence verkauft, Seifen, Kerzen und Vieles mehr. Suche ich nicht schon lange einen Raumduft mit Geißblattparfum? Schade, das gibt es auch hier nicht, doch der sehr charmante Patron mit seinem sehr einnehmenden Lächeln lässt uns an einigen Düften schnuppern und ich verliebe mich spontan – in die Kreation Rose-Pampelmuse! Unwiderstehlich! Meine Begleiterin kannte und mochte den Duft schon vorher und kann auch nicht widerstehen.

Sehr zufrieden mit unseren Schätzen setzen wir unseren Bummel fort. Es gibt viel zu sehen…

…zum Beispiel auch diesen reich geschmückten Balkon, etwas kitschig vielleicht, doch sympathisch.

Die Modeläden erfreuen natürlich das weibliche Herz besonders……!

Doch auch passierte Sammler von Trödel und Antiquitäten kommen auf ihre Kosten.

Ein frischer Pfefferminztee auf der Terrasse der Bar du Souco schließt den Nachmittag ab… Bloß die Tüten nicht vergessen! Unsere Trouvaillen wurden nämlich kunstvoll und hübsch verpackt und sehen fast wie Geschenke aus, das muss ich aufheben!

Wir verlassen das Dorf durch das zweite der Tore, oh, pardon, dieses hier ist ja gar nicht offen…
Unser Tagesauflug geht dem Ende zu. Danke für den wunderschönen Tag!

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23 Antworten zu Ein Postkartentag im französischen Süden

  1. Bine schreibt:

    Oh wie schön … vielen Dank für die tollen Fotos und eine neue Idee, wo ich nächstes Jahr unbedingt ein Wochenende verbringen möchte! 🙂

  2. rotewelt schreibt:

    Freut mich, dir eine Urlaubsanregung gegeben zu haben. 🙂

  3. wassily schreibt:

    Das ist fast zuviel des Guten für einen Beitrag.

  4. vilmoskörte schreibt:

    Schön, diese cœurs de beuf, zum Reinbeißen! Aber dass die Franzosen auch der Apostrophenkatastrophe huldigen (poire William’s) hätte ich jetzt nicht gedacht …

    • rotewelt schreibt:

      Hast du gute Augen! Aber ich weiß, dass dir bei solchen Faux-pas die Hutschnur hochgeht. 😉 Tja, diese Unsitte scheint weit international zu sein…

  5. kormoranflug schreibt:

    Danke für den Bericht vom Meer…….. (ach-, und hier war es so kalt).

  6. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe rotewelt,
    Deine Reiseziele und -geschichten haben es uns angetan! Der spontane Ausruf nach dem Lesen und Schauen vom Co-Autor war: „Phantastisch!“ Unser Urlaub beginnt erst morgen, aber eigentlich war ich eben schon für eine Weile weg! Lieben Dank für die vielen verschiedenen, wunderschönen Eindrücke und Einblicke.

  7. rotewelt schreibt:

    Merci beaucoup, das freut mich, mb und dm! Ja, manchmal gibt es Tage, an denen einem einfach nichts Hässliches begegnet, an denen das Suchen nach dem Haar in der Suppe erfolglos bliebe – und so ein Tag war das halt. Ich wünsche euch einen schönen Urlaub, ihr Glücklichen! Wohin geht’s denn, wenn die Frage nicht zu intim ist…?

  8. Lakritze schreibt:

    Den Marktbesuch mochte ich besonders.

  9. erinnye schreibt:

    Ein wirklich schöner Reisebericht, man kommt aus dem Schauen nicht heraus, ganz ganz wunderbare Fotos auch.

  10. rotewelt schreibt:

    Ach so, Wassily, deine Kommentare verwirren mich manchmal, pardon! Ich dachte, der Beitrag sei dir persönlich zu lang oder zu positiv…, maintenant j’ai compris, merci. 🙂

  11. karu02 schreibt:

    Du fügst den Bildern meiner Erinnerung ganz neue und wunderschöne hinzu. Danke.

  12. Rosi schreibt:

    Mein Urlaub in dieser wundervollen Gegend liegt leider schon 30 Jahre zurück. Aber nachdem ich diese einmaligen Fotos angeschaut habe, habe ich wieder Heimweh nach Marseille und alles was drumherum zu sehen gibt. Danke!

  13. Ines Sachs schreibt:

    Hier bin ich Mensch, hier will ich sein…
    Da kommen plötzlich ganz viele Erinnerungen an unsere Zeit in La Ciotat hoch. Ja, auch wir haben uns erst auf den zweiten Blick in La Ciotat verliebt. Das schönste an diesem Städtchen ist, dass es so schön normal ist. Eben nicht die Touristenattraktion wie Cassis und auch nicht die Stadt der Künste wie Aix. Hier gibt es – außer Boules und den frères Lumière – nichts zu besonderes, „nur“ das Leben eben. Aber was für ein Leben!!!
    Bis bald im Süden und bon courage wünscht
    Ines alias cactusontour

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