Ciao, Lucio Dalla

„Caro amico ti scrivo“…

Gestern googelte ich nach „Lucio Dalla“, um herauszufinden, ob er nicht mal wieder auf Tournee in Deutschland wäre… Ich erinnere mich so gern an ein Konzert von ihm, das ich Anfang der 90er in der wunderbaren und leider nicht mehr existierenden Frankfurter Music-Hall erlebt hatte. Dann fand ich heraus, dass er am 1. März 2012 gestorben ist an einem Herzinfarkt, ganz plötzlich. Lucio Dalla ist am 4. März 1943 geboren, am 4. März 2012 wurde er beerdigt. Am Abend vor seinem Tod hatte er noch ein Konzert in Montreux gegeben. Anschließend wäre er noch an weiteren Orten in der Schweiz aufgetreten und danach auch in Deutschland… Er sagte in einem Schweizer Fernsehinterview, er wolle noch einmal eine große Konzerttournee an die Orte machen, an die er sich von früheren Auftritten so gut erinnerte…

Mit Lucio Dalla verbinde ich viele Erinnerungen, wie ja Musik überhaupt mit am besten geeignet ist, Altes wieder hervorzuholen, melancholische Gedanken und Gefühle traurige und schöne. Eines der ersten canzoni, das sich mir einprägte, war Anna e Marco. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann. Beide haben Träume, beide möchten fortgehen, „andar via“, doch haben sie nicht dasselbe Ziel: Sie will nach den Sternen (der Liebe) greifen will, er träumt von der großen weiten Welt…

In den 80ern begegnete ich seiner Musik; auf einer Toskanareise hatte ich Songs von ihm im Autoradio gehört. Da war er in Italien schon lange bekannt. Ich kaufte mir Kassetten und nahm sie mit in die nächsten Italienferien. Ein paar Jahre zuvor hatte ich schon, in weiser Voraussicht, wie es scheint, Italienisch gelernt und während eines längeren Sprachkurses schon das schöne Perugia kennengelernt, die Provinzhauptstadt Umbriens.

Es war September und noch sehr heiß. Doch die Saison war bereits vorüber, mein Freund und ich machten Campingferien am Lago Trasimeno und nur hin und wieder gesellte sich ein anderes Zelt dazu. Unter anderem eine Studienfreundin – die vor nun schon fast 20 Jahren ebenfalls plötzlich an einem Herzinfarkt starb, am Küchentisch sitzend – mit ihrem Freund. Wann immer wir ins Auto stiegen, hörten wir Lucio Dalla. Zu Viert wollten wir einem weiteren deutschen Freund helfen, der sich zusammen mit seiner italienischen Freundin vor kurzem ein Haus in der umbrischen Pampa gekauft hatte und dort als freier Künstler leben wollte. Es war ein wunderschönes altes Bauernhaus aus Naturstein, umgeben von einem noch halbwilden Gartengrundstück. Wir hatten uns angeboten, die Beiden bei ein paar Aufräumarbeiten zu unterstützen und so räumten wir bei der Affenhitze Schutt, Steine, Holz zusammen und schafften es mit Schubkarren fort. Nebenbei amüsierten wir uns über die Schäferhündin, die die beiden Jungkatzen adoptiert hatte und ununterbrochen ableckte, solange, bis sie klatschnass waren. Mittags gab es Spaghetti und abends brutzelte uns Mariella ein köstliches Pfannengericht aus Kartoffeln, Zwiebeln, frisch aus dem Garten geernteten Paprika in Rot, Gelb und Grün und viel gutem Olivenöl. Noch heute bereite ich mir selbst manchmal dieses einfache Gericht zu, spüre den Duft des Gartens und der Kräuter, denke an Umbrien, an Angelika und… an diese Musik.

Cosa sarà? Was wird es sein, das die Bäume wachsen lässt und das Glück…? Die Songtexte Dallas sind poetisch, einige auch gleichzeitig gesellschaftskritisch. Schließlich wurde der Cantautore im „roten Bologna“ geboren und das bezieht sich nicht nur auf die Farbe der Häuser. Hier singt er zusammen mit Francesco de Gregori, ein in Italien ebenfalls bekannter Sänger/Liedermacher.

Musikalisch kam Lucio Dalla vom Jazz und das hörte man bis zum Schluss. Aber der Musiker und Cantautore hielt sich nicht an feste Stile, sondern kreierte seine ganz eigene dynamische und unverwechselbare Mischung, aus Jazz, Swing, Soul, ja, viel Soul war dabei, aus Pop, Ballade und entwickelte sich ständig weiter. Manche Kritiker werfen ihm vor, zu poppig-kommerziell geworden sein oder bisweilen zu schwülstig, doch das tun alle, die nur das Pure schätzen und nichts Genreüberschreitendes tolerieren oder goutieren können.

Dalla begleitete sich oft selbst am Klavier, außerdem spielte er Klarinette. Neben den langsameren Canzoni des Liedermachers mag ich besonders auch jene, die vibrieren, bei denen es aus jeder Note swingt und rockt, bei denen es im ganzen Körper zu zucken beginnt; besonders liebe ich Washington (unbedingt bei voller Lautstärke anzuhören!):

Für ewig unvergesslich bleiben wird mir auch seine Hommage an Caruso.

Zu schwülstig-bombastisch-italienisch? Mir gefällt es, auch sein Duett mit Luciano Pavarotti – zum Gänsehautbekommen. Vielleicht ist Dalla bei der breiten Masse in Deutschland erst dadurch bekannt geworden. Aber man täte ihm Unrecht, würde man seine weniger eingängigen Songs, die Bandbreite seiner Musik, nicht würdigen.

Der kleine Mann, der meist eine Wollmütze oder einen Hut trug, war keine klassische italienische Schönheit. Mich hat er verzaubert mit seinem rauen Gesang und Sprechgesang, dem Rhythmus im Blut und den heiseren leicht verhaltenen Kieksern in der Stimme.

L’ultima luna
la vide solo un bimbo appena nato,
aveva occhi tondi e neri e fondi
e non piangeva
con grandi ali prese la luna tra le mani, tra le mani
e volò via e volò via
era l’uomo di domani l’uomo di domani
e volò via e volò via
era l’uomo di domani l’uomo di domani

Nun ist er davongeflogen.

Ciao (mit dem Cover seines gleichnamigen Albums von 1999)

Dieser Beitrag wurde unter Musik, Film, Theater, Bildende Kunst und mehr abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Ciao, Lucio Dalla

  1. Max schreibt:

    Traurig.
    Dalla wurde mir bekannt, als ich in den 80ern in einer (ansonsten reinen) Italienerband spielte. Obwohl wir damals ganz andere Musik machten (eher den typischen 80er New Wave und harten Elektropop), kannten wir alle Lucio Dalla und hatten großen Respekt vor ihm. Einer der unglaubliche Songs mit sehr starken Texten schreiben konnte, ein Vorbild also. Und einer der wenigen, die aus dem Meer der italienischen Disomucke und Tralala-Liedern herausragten, vielleicht noch mit Vasco Rossi vielleicht (der sicher ein wilderes Leben führte – aber immer noch lebt).

    • rotewelt schreibt:

      Ja, Max, ich bin auch traurig, denn dieses Jahr hätte ich vielleicht mal wieder die Chance gehabt, auf ein Dalla-Konzert zu gehen. Vielleicht kaufe ich mir seine letzte CD… Stimmt, er ragte heraus aus dem üblichen schlimmen RAI1-etc-Tralala. Vasco Rossi mag ich auch sehr, auf seine Musik stieß ich mal zufällig in Venedig. Sie drang aus einem Maskenladen, ich ging hinein und fragte… Ansonsten liebe ich Paolo Conte (zweimal live gesehen, faszinierend, unvergesslich, immer wieder Dauer-CD in meinem Auto!), scheue aber auch vor manchen Songs von Marco Masini, Adriano Celentano (nein, nicht die alten Schnulzen, oh Graus, der Mann hatte wirklich Talent), und einigen Anderen nicht zurück. Eine wunderbare Erinnerung verbinde ich mit einer frühabendlichen Fahrt nach Volterra, mit, jawohl, Eros Ramazotti und „Cose della vita“ – es passte halt perfekt zur Sonnenuntergangsstimmung. Ach ja, und auch von Zucchero mag ich einige Stücke. Klasse ein Konzert in Offenbach, nur eine Handvoll Deutsche unter lauter Italienern, die jedes Lied laut – und meist falsch, wie diese typischen italienischen Dorfkapellen, die auch kaum einen Ton treffen – mitgrölten; man konnte gar nicht anders als mit einzufallen, tolle Stimmung, so herrlich unintellektuell.

  2. wassily schreibt:

    De Gregori & Dalla, wie (Zwillings-)Brüder im Geiste !

    • rotewelt schreibt:

      De Gregori kenne ich nicht so gut wie Dalla, dessen Musik ich mich näher fühlte. Magst du noch etwas mehr erläutern, was du meinst, wassily? Per favore…

      • wassily schreibt:

        Das ist schon eine tolle Männerclique in Italien (gewesen): de André, Venditti, Dalla, de Gregori und andere – tolle Musiker, tolle Texter. Und die beiden letztgenannten sehen doch bei ihrem Konzert 2010 aus wie Zwillinge.
        Mein Liebling aus der italienischen Truppe ist aber Fabrizio de André, der leider viel zu früh gestorben ist. Auf der Fahrt nach Italien höre ich meistens „concerti“, ein großartiges Livealbum von 1991, und seine Liebeserklärungen an seine Heimatstadt Genua.

  3. Uffnik schreibt:

    Würdiger Nachruf.

  4. rotewelt schreibt:

    Ach ja, Antonello Venditti und Fabrizio de André, die sind/waren auch toll! Die CD „Concerti“ muss ich mir mal anhören, danke für den Hinweis, wassily.

  5. haushundhirschblog schreibt:

    Wie schön, das jetzt zu hören und zu lesen. Wie sehr Dich dieses Land, seine Musik, und vor allem vermutlich Dalla fasziniert, das liest man aus jeder Zeile heraus! Mir gefällt auch, weil es mir ähnlich geht, wie Du Conte, Celentano und sogar … in einer bestimmten Stimmung und Situation Ramazotti hier Gehör verschaffst.
    Dein Text ist eine schön emotionale und ernste Liebeserklärung an gute Songs und Texte und an diesen wunderbaren Musiker!
    Danke für die Erinnerung daran,
    mb

  6. rotewelt schreibt:

    Danke für deine Zeilen, mb. Freut mich, dass es dir ähnlich geht mit den italienischen cantauri oder auch Pop-Sängern. Ja, dieses Land gefällt mir sehr, es kommt sozusagen an zweiter Stelle, direkt nach Frankreich.
    Einen schönen Tag wünsche ich dir und dm,
    Ute

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s