Port Grimaud – la “Venise Provençale”

Schon seit Anfang der 90er komme ich häufig in diese Gegend an der schönen Halbinsel von Saint Tropez, doch nie wagte ich mich nach Port Grimaud vor. Ich hatte keine Lust auf einen künstlich angelegten Ort mit Venedig-Flair (die Serenissima ist eben einzigartig), obwohl die Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, mich schon ansprachen. Dann, im letzten Oktober, traute ich mich doch.

Von der Küstenstraße zwischen Sainte Maxime und Saint Tropez führt eine kleine Straße Richtung Meer. Man hat das Gefühl, auf einem Privatgrundstück gelandet zu sein und erwartet beinahe eine Kontrolle, eine Schranke, ein Schild „Propriété privée“, doch es geht ungehindert weiter. Dann, am Ende erst, ein riesengroßer Parkplatz für Besucher und tatsächlich ein weiterer beschrankter für die Anwohner. Gnadenlos brennt die Sonne schon am späten Vormittag vom azurblauen Himmel. Schnell weg, in den Ort, der sicher Schatten verspricht.

Doch, man wird hier durchaus einladend begrüßt mit einer kleinen Brücke, die man überqueren muss.

Dahinter hübsch gestaffelte Bögen, ein typisch südlicher Kirchturm. Und drinnen trifft man bald auf einen kleinen Platz mit Platanen und Bänken. Ich fühle mich doch weniger in Italien als in Südfrankreich, irgendwie beruhigend. Optimistisch wird noch Bademode angeboten in einem kleinen Laden.

Ich entdecke ein Schuhgeschäft und hübsche Sandaletten in meiner Größe, kaufe sie dann aber doch nicht. Gegenüber der Eingangstür gelangt man durch eine weitere Tür direkt an einen der Kanäle, die Port Grimaud durchziehen. Wahrscheinlich hat mich eher dieser Durchblick in das Lädchen gelockt als die Schuhe… Im Dunkeln ist es hier bestimmt gefährlich und man kann leicht ins Wasser plumpsen…

Von oben sieht die Szenerie doch ziemlich venezianisch aus, doch ich empfinde das gar nicht als störend.

Nein, das hier ist kein schlimmes Disneyland, es ist schön anzuschauen. Port Grimaud entstand 1966 durch den französischen Architekten Francois Spoerry. Er wollte damit als Architekt und Segler den Traum vom eigenen Boot direkt vor der Haustür realisieren. Gebaut wurde auf trockengelegtem Lagunen- und Sumpfland.

Die kleine Lagunenstadt, mediterranen Bauformen nachempfunden, ist im gesamten Mittelmeerraum die aufwendigste Anlage dieser Art und wurde zum Vorbild für andere postmoderne Planstädte. Alle Häuser hier haben einen eigenen Bootsliegeplatz direkt vor der Tür. Die Größen der Häuser und der Bootsliegeplätze wurden nach den Bedürfnissen der Bewohner angelegt.

Die Stadt hat ihr eigenes unverwechselbares Flair und wirkt stellenweise durchaus gewachsen, so wie die Bäume, an die man auch gedacht hat. Der letzte Bauabschnitt begann 1980, inzwischen ist längst alles fertiggestellt.

Sicher gibt es Puristen, die das alles zu spielzeug-bauklotzartig-bunt finden, aber mir gefällt es ganz gut. Auf Dauer leben würde ich hier nicht wollen, aber Port Grimaud ist ja auch vor allem als Ferienort konzipiert worden.

Viele Wege führen durch den Ort, vielleicht sollten wir erst einmal außen herum gehen?

Wir kommen an einem kleinen Park vorbei mit Oleander und Schirmpinien, Menschen führen ihre Hunde aus, andere joggen. Aus einigen der kleinen Reihenhäuser mit winzigen Vorgärten dringen Geräusche, es duftet nach Essen und nach frisch gewaschener Wäsche. Männer kommen mit einem Baguette in der Hand nach Hause, damit es Brot gibt, das man in die Sauce tunken kann. Dann ein kleiner Platz, völlige Stille.

Auf der äußersten Gasse, die einen Bogen macht, schlendern wir weiter und finden den Sandstrand, den es hier wundersamerweise auch gibt, fern ab von tosendem Straßenlärm, eine überraschende kleine Oase. Bevor es weiter geht, muss ich erst meine Sandaletten ausziehen und mich entsanden, typisch… Wann immer ich spontan einen Strand besuche, trage ich das falsche Schuhwerk oder versäume, die Schuhe auszuziehen, doch sandig wird’s ja sowieso.

Schon bald geht es nicht weiter, es sei denn, mit dem Boot, also ins Innere des provenzalischen Venedigs. Hier reihen sich Läden mit Mode und Kunsthandwerk und auch Souvenirs aneinander, abwechselnd mit zahlreichen Restaurants. Lebensmittelgeschäfte sind rar, aber draußen vor der Tür haben wir einen großen Supermarkt gesehen.

Um diese Jahreszeit sind offenbar nicht viele Urlauber und anscheinend auch Dauerresidenten hier und die Bistros geben sich Mühe, wetteifern untereinander um die einladendsten Tischdekorationen in den Farben des Südens.

Oder darf es vielleicht ein Eis sein?

Da ist ja auch wieder die Kirche, die wir schon am Eingang gesehen haben. Yachten und Segelboote, die direkt vor einer Kirche parken, habe ich noch nie gesehen… Hier fahren Brautpaare vermutlich nicht mit der Kutsche vor, sondern legen mit dem Boot an, das hoffentlich gut vertäut wird. Weiß zu Weiß…

Innen ist der Bau so schlicht gehalten wie außen. Doch da ist dieses Licht, das durch das einzige Buntglasfenster fällt…

Es genügt vollkommen als Dekoration.

Eine kleine Bootstour durch die Kanäle? Ach nein, lieber zu Fuß weiter.

Na, ein bisschen zuckersüß ist diese Trompe-l’Oeil-Fassade ja doch…, etwas zu laut vielleicht… Mal sehen, was der nächste Nebenweg so bietet.

Er führt zu einem stillen Eckchen, an dem man verweilen möchte. Einfach sitzen und schauen, die Beine und die Seele baumeln lassen. Aber die Mägen beginnen zu knurren, also weiter!

An mehreren Ecken finden Renovierungs- und Aufräumarbeiten statt, bevor die Restaurants und Läden sich in den Winterschlaf verabschieden. Doch insgesamt ist Port Grimaud fast zu geleckt, herausgeputzt, hier bröckelt kein Putz.

Da, ein italienisches Restaurant, alle Tische sind besetzt, hier scheinen sich sämtliche Besucher versammelt zu haben. Hoppla, wer mit dem Stuhl etwas zu weit nach hinten rückt, kann schauen, ob es in den Kanälen Fische gibt…

Also, ich sehe gerade keinen…

Wir beschließen dann doch, Port Grimaud zu verlassen und anderswo essenzugehen. Aber es ist schön bunt in dieser Cité lacustre, die sich gut ist für einen Ausflug eignet. Ein paar Stunden kann man hier prima verbringen, als Bootsbesitzer vielleicht auch eine Woche oder länger, mit dem eigenen Schiffchen vor der Tür und dem Klingen der Masten im Ohr als einzigem Geräusch beim Einschlafen und Aufwachen.

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10 Antworten zu Port Grimaud – la “Venise Provençale”

  1. NixZen schreibt:

    schöner als Atibes

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  2. kormoranflug schreibt:

    Welches Boot war Deines?

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  3. Uffnik schreibt:

    Sehr beeindruckend. Tolle Fotos. Meine Tochter hatte nach einem dortigen Urlaub in den höchsten Tönen geschwärmt. Ich kann das gut nachvollziehen.

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    • rotewelt schreibt:

      Dankeschön! Port Grimaud fand ich schön für einen kleinen Ausflug, aber für einen längeren Aufenthalt mag ich lieber das gewachsene Dorf Grimaud, ein paar Kilometer landeinwärts, oder Gigaro bei La-Croix-Valmer, am Naturschutzgebiet des Cap Lardier.

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  4. haushundhirschblog schreibt:

    Sehr schön, aber Deine tollen Bilder zeigen auch deutlich, dass hier nichts über viele Generationen gewachsen ist, sondern es einfach nur gebaut wurde. Ein Besuchsort, aber kein Urlaubsort wäre es für uns … aber die sonnigen Bilder ziehen schon mächtig in den Bann, während wir hier wieder (immer noch) frieren müssen. Da folgen wir Dir schon sehr gerne in den Süden …

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    • rotewelt schreibt:

      Das sehe ich genauso: Port Grimaud ist schön für einen kleinen Besuch, aber für’s längere Bleiben kenne ich auch bessere Plätze in der Region. Trotzdem, wenn ich jetzt die Wahl hätte zwischen Freiburg und Port Grimaud, wüsste ich, wo ich lieber wäre… Dankeschön für eure Meinung.

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  5. cablee schreibt:

    Schöne Urlaubserinnerungen, rotewelt. Da möchte ich am liebsten doch gleich wieder Koffer packen 😉

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