Der Hafen von Cala Figuera – wie eine Zeitreise

Eigentlich wollten wir vor dem Mittagessen noch einen Spaziergang im Naturschutzgebiet von Cala Mondragó machen, doch dann war da diese kleine Straße und weil ich Nebenwege so liebe, bat ich meinen „Fahrer“, doch mal abzubiegen, um zu sehen, wohin das Sträßchen führte.

Nach dem Passieren von Feldern, von den typischen Steinmäuerchen gesäumt, ging es in ein schattiges Wäldchen, erst bergauf, dann bergab, schließlich wurde die Straße zum Erdweg und dann endete sie unversehens.

Vor uns lag eine Bucht, anscheinend ein uns noch unbekannter Hafen. Doch als wir uns zu Fuß näherten, stellten wir verwundert fest, dass wir am Ende der Hafenbucht von Cala Figuera angelangt waren. Außer unserem Auto befanden sich dort nur Boote – kein Wunder, es gibt ja auch kein Hinweisschild darauf, dass man den Hafen auch so erreichen kann – gut so!

Der gemeine Tourist nähert sich ohnehin eher von oben, vom Ort mit der schönen Aussicht, zumeist, nachdem er auf einer der zahlreichen Terrassencafés und -restaurants verweilt hat, um sich zu erfrischen oder zu stärken…

Wenn er sich überhaupt nähert, den Weg hinuntergeht und um die Ecke biegt… Vielleicht kauft er nur Strandbedarf für die Kleinen. Ich hörte, dass sich selbst in der Hochsaison kaum Touristen dorthin verirren.

Die Feigenbucht (so heißt Cala Figuera übersetzt) war früher der Hafen des Landstädtchens  Santanyi. Der kleine Hafen liegt in einer zweiteiligen, fjordartigen Bucht in Ypsilonform. Die Fischerhäuser und Bootsschuppen befinden sich am linken äußeren Arm des Ypsilons (von oben gesehen). Von dort kann man entlang der Bucht bis nach oben zum eigentlichen Ort spazieren.

Von unten sieht alles ganz anders auch, aber nicht weniger schön, im Gegenteil. Hier befinden sich weder Restaurants noch Cafés noch Geschäfte, still ist es.

Nur eine paar holländische Frauen bevölkern die Szene, anscheinend auf Malkursreise, alle haben die gleichen Staffeleien. Sie versuchen, das Pittoreske einzufangen, festzuhalten, jede auf ihre Art. Alle Türen der Bootsschuppen sind in einheitlichem Grün gestrichen, das einen schönen Kontrast zum Weiß der Häuser oder zum Naturstein bildet.

Auf den ersten Metern stoßen wir hinter jeder Ecke auf eine Malerin. Dann sind wir die einzigen Besucher.

Beim Flanieren empfiehlt es sich, beim Augenschweifenlassen auch ein wenig auf den Weg zu achten, immerhin herrscht Rutschge Fahr…!

Zunächst besteht er aus glatt poliertem Felsgestein, der hinter der Rechtskurve schief und uneben wird – und ich trage natürlich die falschen Schuhe… Turnschuhe wären praktischer und ich muss aufpassen, nicht auszurutschen, aber immerhin hätte ich hier jemanden, der mich auffangen oder aufrichten würde…

Trotzdem, ins Wasser möchte ich doch nicht stürzen, auch wenn es sehr klar ist.

Auch Fische tummeln sich hier munter.

Später wird der Weg etwas bequemer, man kann auf Holzplanken gehen.

Cala Figuera wurde erstmals im Jahre 1306 erwähnt. Die ersten Wohnhäuser wurden jedoch viel später erbaut, im 19. Jahrhundert. Die Dorfkirche entstand 1938, sie steht oben in der Ortsmitte und ist nun – ein Restaurant!

In den 70er- und 80er-Jahren soll Cala Figuera ein sehr beliebter Ferienort vor allem junger Leute gewesen sein, die das etwas ruhigere und alternativere Leben im Ort schätzten, aber auch gern mal abends in den Dorfkneipen feierten. Diese Art von Tourismus ist anscheinend ausgestorben. Heute ist es offenbar noch ruhiger geworden hier; einige Hotels mussten schließen. Viele Touristen bevorzugen Unterkünfte mit direktem Strandzugang und lassen das in begrünte Felsufer eingebettete Cala Figuera links liegen, obwohl die wunderschönsten Sandstrände und ein Naturpark nur zwei bis fünf Kilometer entfernt liegen. Zum Glück, so gibt es hier keinen Massentourismus, der Ort ist beschaulich geblieben, in einem der Restaurants findet man immer einen Platz und vor allem auch Gerichte guter Qualität, keinen Nepp.

Die Urlauber, die Cala Figuera als Standort für die Ferien wählen, suchen vor allem die Ruhe und die direkte Nähe der Natur. In einigen ehemaligen Fischerhäusern gibt es auch Ferienwohnungen zu mieten.

Es muss schön sein, dort auf der Terrasse zu sitzen und auf den Bilderbuchhafen mit den Fischerbooten, unter die sich auch ein paar kleinere Yachten gemischt haben, zu blicken.

Der malerische Hafen und die Klippenlandschaft ziehen nicht nur Hobbymaler an. 1919 malte der Argentinier Francisco Bernareggi die Schönheit der Buchten, was eine Pilgerfahrt zahlreicher anderer Bildender Künstler zur Folge hatte, die Fischerhütten und Sommerhäuser mieteten. Es heißt, die einheimische Bevölkerung sei offen gegenüber Zugereisten und ich kann mir das gut vorstellen. Inzwischen haben sich in der Umgebung Maler, aber auch Musiker und Schriftsteller auf Dauer niedergelassen.

An Motiven und Inspirationsquellen für Künstler mangelt es hier nicht:

Aber Vorsicht…

…auch nach oben sollte man manchmal schauen, sonst wird man vor lauter Begeisterung ausgeknockt… Übrigens wurden hier viele Fischerhäuser direkt in oder auf den Fels gebaut.

Am Hafen von Cala Figura fühlt man sich, als sei die Zeit stehengeblieben oder als würde man eine Zeitreise machen in eine Epoche, als noch keine lärmenden Horden aus dem Norden den sonnigen Süden erobert hatten und nicht an jeder Ecke eine Imbissbude mit dem immer gleichen globalen Fastfood stand. Und tatsächlich sind die Fischernetze und die Boote nicht Staffage, sondern hier fahren einige Fischer immer noch hinaus aufs Meer und bieten ihren Fang den Restaurants oder der kleinen Fischfabrik am Ortsrand an. Wenn man zur richtigen Zeit kommt, sieht man die heimkehrenden Männer auf den von Möwen umschwärmten Booten oder beim Flicken der Netze.

Die letzten Häuser am Rand des Hafens…

…und die letzten Boote.

Und ich „male“ auch noch schnell ein Bild – wie schön doch eine Mauer sein kann…!

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Nachklang: Gerade habe ich unter www.santanyi-magazine.com noch folgende Info gefunden:

„Ein 40.000 Quadratmeter großes Gebiet in der Gemeinde Cala Figuera soll bebaut werden. Die von der PP regierte Kommune will im großen Stil Häuser und Swimming-Pools mitten in einem von Pinien bestandenen Gebiet bebauen lassen. Am Rathaus von Santanyi ist ein Zitat des Malers Francisco Bernareggi zu lesen: „Das Dorf, das seine Bäume schützt, die seine Landschaft verschönern, zeigt den größten Sinn für Kultur und Vaterlandsliebe!“ Nun will die Gemeinde genau gegenteilig handeln. Um das geplante Grundstück in der pittoresken Küstenlandschaft handelt es sich um ein Gebiet in der ersten Meereslinie zwischen Caló den Busques und Caló den Boira von Cala Figuera. Darauf sollen 20 Gebäude entstehen. Die Anwohner befürchten neben dem Wohnungsbau aber auch negative Auswirkungen durch die geplante Umgehungsstraße des Örtchens s`Alqueria Blanca.“

Na, hoffen wir, dass der Pinienwald nicht bald gänzlich zerstört und mit Luxusvillen sowie Swimmingpools – die so überflüssig wie ein Kropf in einer an Traumstränden reichen Landschaft sind! – verschandelt wird.

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14 Antworten zu Der Hafen von Cala Figuera – wie eine Zeitreise

  1. NixZen schreibt:

    Da gab es mal eine Disco mit tatsächlich nur 4.5 bunten Lichtern, das La Trompa.
    Und nen guten Burger am Ortseingang. Ach ja, und die Moonlightbar, die hat aber irgendwann dicht gemacht, schade drum. Ich war ein paar mal beruflich dort, danke für die Erinnerung

    • rotewelt schreibt:

      NixZen, die Meisten waren anscheinend schon auf Mallorca, als ich die Insel noch längst nicht kannte. Freut mich, wenn ich Erinnerungen auffrischen konnte.

  2. kormoranflug schreibt:

    Wunderschöne Fotos von idyllischen Situationen hast Du wieder gemacht. Schöne Welt auf der Insel.

  3. cablee schreibt:

    Da bist du aber an einem wirklich idyllischen Fleckchen Erde gewesen, rotewelt! Schön!

  4. wassily schreibt:

    Wenn morgens um 5 die Fischerflotte in den Hafen zurücktuckert, ist die beste Zeit für einen Spaziergang an der Küstenfront. Du kommst garantiert nicht auf die Idee, dass Mallorca eine Ferieninsel sein soll.
    Cala Figuera ist neben Pollenca mein Lieblingsplatz auf der Insel. Danke für die vielen Details, die meinem Gedächtnis wieder auf die Sprünge geholfen haben.

    • rotewelt schreibt:

      Schön ist es, wassily, dass sich manche Orte, sogar auf „der“ Ferieninsel, kaum verändern und immer noch authentisch bleiben. Cala Figuera ist auch für mich ein wunderbarer Ort, gleich am ersten Urlaubstag auf Mallorca (wohne meist in Cala Llombards) muss ich immer unbedingt dorthin. Pollenca steht noch auf meiner Liste, aber ich kann mir aufgrund von bereits gesehenen Fotos gut vorstellen, dass der Ort auch sehr hübsch ist.

  5. karu02 schreibt:

    Das wäre auch etwas für mich, ein Ort voller Fischernetze! Da muss man dann wohl schnell noch mal hin, bevor es mit Pools und Villen verschandelt wird. Danke für die schönen Eindrücke.

    • rotewelt schreibt:

      Karu, der kleine Hafen selbst wird sicher verschont bleiben, in die enge Bucht kann man zum Glück keine Villen und Pools bauen und ich denke, dass „unten“ alles unangetastet bleiben wird.

  6. Dina schreibt:

    Ich habe lauter schöne Erinnerungen an diesem idyllischen Ort, – toll wie du die Stimmung eingeholt hast. Ich rieche das Meer, schmecke die Dorade in der Salzkruste, ach ja, und der Wein und das Alles, einfach schöner Leben.
    Ein schönes Wochenende dir,

    liebe Grüße
    Dina

  7. Manne schreibt:

    Hallo rotewelt,
    wir waren glaube ich 1980 /1981 dort. Und eben das La Trompa und ab 24 Uhr wechsel in die geschlossene Disco. Wir waren auch in einem kleinenRestaurant unten am Hafen, dort hing die ganze Decke voll mit bunten Glastropfen. Dann gab es noch ein Hotel dort war eine Bar die hiess
    Pferdestall. Die Besitzer waren Deutsche. Twentours von TUI 3 Wochen zum 2 Wochenpreis.
    Tolle Erinnerung. DANKE für deinen Bericht und Bilder.

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