Von Port-Blanc bis Le Gouffre

Der Zufall wollte es an einem dieser schlimmen kalten trüben regnerischen Tage, dass ich beim Sichten meiner Bilder auf noch per Analogkamera geschossene Bretagne-Fotos stieß, zwischen 1991 und 1999 entstanden und vor ein paar Jahren eingescannt (daher die schlechte Bildqualität). Vielleicht war es aber gar kein Zufall, sondern die melancholische Stimmung in diesem „Sommer“, Mitte Juli…

Ich war oft in der Bretagne und habe zig und schönere/bessere Fotos der Region gemacht, aber besondere Erinnerungen verbinde ich mit der Landschaft der Côte d’Ajoncs, der Stechginsterküste. Nie gehört? Macht nichts. Sie grenzt östlich an die berühmte Côte de Granit Rose, die Rosa Granitküste, mit ihrem oft abgelichteten bizarren Felsgebilden in Ploumanach, die oft wie Gesichter und Tierfiguren wirken, und den Orten Trégastel und Perros Guirec, und wird gern ausgelassen, denn noch weiter östlich folgen ja schon so bekannte Orte wie Dinard, St. Malo und Cancale an der Côte Eméraude, der Smaragdküste.

Es war, glaube ich, 1991, als ich für einen Urlaub mit Freunden gerade dieses doch ziemlich unbekannte Fleckchen Bretagne heraussuchte, weil mich eben oft gerade das reizt, was angeblich keine Reize hat und was kaum jemand kennt und besuchen will. Und dann las ich noch irgendwo etwas von melancholischer Landschaft und Ginster liebe ich sowieso und da wusste ich, dass ich dahin muss… Zum Glück konnte ich die anderen Drei überzeugen, mir zu folgen und blind zu vertrauen… und mietete ein Ferienhaus im Dorf Bugueles.

Vor Ort waren wir alle sofort entzückt von diesem Fleckchen Bretagne und ich habe später noch öfter dort Urlaub gemacht.

Am Strandcafé in Port-Blanc kräftigende Galettes und ein guter Bordeaux nach einem Strandspaziergang, was will man mehr? Wir freuten uns über unsere Funde, das gesammelte Strandgut, das sich – Seeigel inklusive – sehen lassen konnte, ebenso wie das Morgenlicht und die Sonnenuntergänge.

In diesem Eckchen gibt es lediglich in Port-Blanc einen etwas größeren Strand (dann erst weiter westlich, bei Trestel), ansonsten nur ein paar Minibuchten, die man eher zufällig findet. Die flache Küste, die hier zur Gemeinde Penvenan im Département Côtes d’Armor gehört, erstreckt sich über elf Kilometer, sie ist zergliedert,  mit kleinen und großen Felsen übersät – hinter jeder Kurve bietet sich ein neuer Anblick.

Im Meer befinden sich ebenfalls zum Teil bizarr geformte Felsformationen und kleine Inselchen, von denen einige sogar bewohnt sind – von dort kommt man bei Flut nur mit dem Boot ans Festland.

Man kann übrigens auch auf einer Insel von der Flut überrascht werden und nicht mehr zurück (waten oder schwimmen), wegen der gefährlichen Strömung…

Da muss man dann halt auch mal gerettet werden, von Gérard Dépardieu (jedenfalls sah er so aus), der ein winziges Boot schnappte, herruderte (das Ruder war mal die Sitzbank gewesen), uns einlud und zurückbrachte, während wir die ganze Zeit mit den Händen Wasser aus dem Boot schöpften, das leck war und zu sinken drohte…, eine peinliche Aktion — die blöden Touristen -, im Nachhinein aber witzig…pssst!

Bei den grandes marées, bei großem Tidenhub, zieht sich das Meer an manchen Stellen bis auf 1.500 Meter zurück. Dann kommt die Melancholie dieser Landschaft richtig zum Ausdruck. Neben den riesigen Felsbrocken, die sicher ein Druide dort abgelegt hat, erscheinen die Häuser spielzeugklein.

Bisweilen hat man das Gefühl, je nach Licht, weit hinten eine Fata Morgana zu erspähen wie hier am Hafen von Bugueles, aber es sind doch nur von ein paar Sonnenstrahlen im diffusen Licht beschienene Felsen und Inselchen. Ich finde diese Gegend besonders mystisch, man denkt an Sagen, an Feen und Kobolde.

An Land entlang der Küste gibt es 40 Kilometer Wanderwege, mal direkt am Strand entlang, dann wieder etwas abseits zwischen Farn und Heideland oder durch Wäldchen hindurch. Eine stille Schönheit ist diese Gegend, jedoch an keiner Stelle langweilig.

Aber man muss diese Landschaft, die nicht unbedingt lieblich zu nennen ist, schon mögen. Ich war sofort verliebt und finde mag sie auch im Winter, mit den sich staffelnden Grautönen…

…oder wenn die kalte Sonne die Farben leuchten lässt.

Am Wegesrand findet man schöne alte (allerdings auch ein paar neue) Granitsteinhäuser…,

oft mit bezaubernden Bauerngärten…

…und manchmal direkt zwischen den Felsen wie hier das berühmte, oft abgelichtete Haus am site du Gouffre de Castel Meur.

An einem Sommermorgen wachte ich früh auf, mein Begleiter schlummerte noch tief und fest, doch mich zog es hinaus ins Morgenlicht und ich machte eine kleine Autotour, um die frische Meereslandschaft aufzusaugen und zu fotografieren.

Die Morgensonne gab ihr Bestes. Ganz allein konnte ich die Natur genießen.

Und das Licht. Das heißt, ganz allein war ich doch nicht, denn zwei Radrennfahrer, Tour-de-France-artig profimäßig gekleidet, kreuzten meinen Weg, grüßten lachen mit den Worten „Oui, c’est beau !“ und radelten winkend weiter.

Ich war noch eine ganze Weile unterwegs, hielt mal hier, mal da (wo die Fotos wohl alle sind? Egal, die kleine Auswahl soll reichen, auch wenn kein Ginsterbild dabei ist). Auf dem Rückweg kaufte ich frische Buttercroissants in der kleinen Boulangerie von Port-Blanc (ob sie noch existiert?), die besten Croissants aller Zeiten, denn die Unterseite, leicht kross, schmeckte karamellisiert, köstlich!

Und das ist die Aussicht von der wunderschönen Terrasse der Crêperie Les Korrigans bei Pors Hir (bei Plougrescant), ins weite, bunte Wattenmeer.

Na, habe ich euch auch Appetit auf die Côte des Ajoncs gemacht? Sie gehört übrigens zur Region Trégor-Goëlo. Nur ein paar Kilometer von Bugueles befindet sich das Landstädtchen Tréguier mit einer schönen Kirche und einem Wochenmarkt davor, es gibt einige (Fisch)restaurants und ein paar hübsche Geschäfte und Galerien. Bis zum Küstenstädtchen Paimpol, Einigen vielleicht bekannter, ist es auch nicht weit.

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18 Antworten zu Von Port-Blanc bis Le Gouffre

  1. ehre9 schreibt:

    Quel beau paysage!!!:=)

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  2. rotewelt schreibt:

    N’est-ce pas? 😉

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  3. Dina schreibt:

    Magnificent!
    🙂

    Greetings
    Dina

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  4. Uffnik schreibt:

    Aufhören, sofort damit aufhören. Das ist so schön, daß es schon schmerzt.
    Und ich kann hier nicht weg.

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  5. haushundhirschblog schreibt:

    Wir schließen uns Uffnik ausnahmslos an! Es ist schlimm, diese wunderschönen Fotos zu sehen, die an frühere Urlaube dort erinnern. Vielen Dank für diesen feinen Artikel, der uns außerdem daran erinnert, endlich mal wieder die Koffer Richtung Bretagne packen zu wollen.
    Die Farben Deiner Fotos haben uns ein wenig an den wunderbaren Bildband „Bretagne“ von Matthias Bothor, der 2009 im Mare-Verlag erschienen ist, erinnert.
    Herzlich,
    mb und dm

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    • rotewelt schreibt:

      Dankeschön, liebe mb, lieber dm. Für mich ist es selbst schlimm, diese Bilder jetzt in diesem „Sommer“ zu sehen, andererseits helle ich meine Stimmung mit solchen Urlaubsberichten aber auch auf – so habe ich wenigstens virtuell Sonne. Im Mare-Verlag gibt es wirklich schöne Kalender, ich träume immer davon, selbst welche zu machen (das heißt, das tue ich ja längst, aber eben nur privat, ich verschenke sie).
      Herzliche Grüße aus der roten Welt

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  6. karu02 schreibt:

    Ich war auch sofort in diese Landschaft verliebt. Danke für das Wecken schöner Erinnerungen, Du hast alles gut im Bild festgehalten.

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    • rotewelt schreibt:

      Merci, karu! Freut mich, schöne Erinnerungen aufgerufen zu haben. Du hast ja schon öfter ähnliche Landschaftsvorlieben wie ich gezeigt, verstehe, dass du dich auch gleich in die Bretagne verliebt hast.

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  7. richensa schreibt:

    Ein wunderbarer Bericht, der mir auch sofort die Lust, dorthin zu fahren weckte. Vielleicht nächstes Jahr? Es wird bei mir allerhöchste Zeit, mal wieder nach Frankreich zu fahren, wo ich im August schon nicht zu einer Hochzeit im Freundeskreis en france fahren kann!

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  8. rotewelt schreibt:

    Nur zu! 😉 Übrigens pardon an alle, dass ich zurzeit kaum zum Lesen eurer Blogbeiträge komme…!

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  9. kormoranflug schreibt:

    Schöne „gehärtete“ Fotos.

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  10. Lakritze schreibt:

    Jaja, die Erinnerungen. Merci beaucoup. Ich habe dieses jähe Meer geliebt und die Wetter, die des brachte. Müßte eigentlich auch mal wieder …

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