Al Bagolo

 

Da ist man bereits zum vierten Mal in Venedig und entdeckt diesen Campo erst jetzt! Der sehr große Platz ist unterteilt und führt um die gleichnamige Kirche herum. Eine Seite des Campos fühlt sich sehr weit an und der kleine Brunnen in der Mitte kommt einem fast verloren vor.

Ein Einheimischer überprüft seinen Einkauf und der hechelnde Hund freut sich vielleicht über ein kleines Päuschen an diesem schwülen Abend.
Hier befindet sich, an der Mündung zu einer Gasse, das Lokal Al Bagolo . Geht man etwas weiter, ändert der Platz sein Gesicht: Platanen spenden Schatten und vermitteln das Gefühl, in Südfrankreich zu sein.

Der Campo San Giacomo dell’Orio ist einer der wenigen Plätze in Venedig mit Baumbestand. Links um die Ecke, an der Seitenfassade der Kirche vorbei, gelangt man zur Ponte Ruga Vecchia an einem stillen „Hinterhof“ des Campo mit dem Restaurant Il Refolo.

Vorher kommt man noch an einem Supermarkt vorbei, wie ein Juwel versteckt im Erdgeschoss eines Eckhauses mit spektakulärer wunderschön begrünter Terrasse darüber. Lebensmittel und Supermärkte sind rar in Venedig, deshalb tatsächlich wertvoll, und hier bekommt man wirklich alles. Entsprechend viele Einwohner, darunter viele ältere, trifft man dort und auf dem Weg mit ihren Einkaufswagen oder -taschen, oft begleitet von kleinen Hunden.

Auf diesem Platz gibt es keine Andenkenläden, hier vermischen sich die Touristen, ein gutes Stück weg von San Marco und Rialto, auf wohltuende Weise mit den Venezianern. Hier hat man das Gefühl, als Reisender ein wenig dazuzugehören, wenn auch nur für kurze Zeit, und bekommt einen Eindruck vom echten venezianischen Leben, ohne goldene Masken, Café Florian, Gritti Palace und Bellini.

Gleich bei der Ankunft gab uns die Vermieterin den Tipp, rund um den Campo ein Restaurant aufzusuchen, sie seien alle ganz in Ordnung oder gut. Am ersten Abend fand hier ein Tangoabend statt. Die Laternen tauchten den Platz unter den Platanen in magisches Licht, in dem sich Paare selbstvergessen zu Tangoklängen drehten – wunderschön!

Heute nehmen wir hier, Al Bagolo, einen Apéritif. Hier kann man essen, vom Panino bis zur Fischplatte, oder nur etwas trinken, auf jeden Fall aber gut „Leute gucken“. Da ist was los, laufend kommen Menschen um die Ecke, manche mit Rollkoffern vom Bahnhof aus, auf der Suche nach ihrer Unterkunft. Hmmm, die Oliven und die Chips sind gut! Am Nebentisch unterhalten sich zwei junge Männer aus Spaß in mehreren Sprachen, wir rätseln so lange, was für Landsleute es sein mögen, bis wir heraushören, dass sie in jeder Sprache einen Schweizer Akzent haben.

Eine ungefähr zehnköpfige Gruppe junger englischer Frauen und Männer will sich niederlassen. Der Ober stellt Tische zusammen und stibitzt freie Stühle von anderen Tischen, auch von unserem. Hektik kommt auf, die fast etwas ungemütlich wird. Dann wird es wieder ruhig. Unsere Nachbarn fixieren alle jungen hübschen Frauen, die vorbeigehen oder gerade Platz nehmen – „Her mit den kleinen Engländerinnen“? Erstaunlich ist an diesem Abend, dass alle Freundinnenpaare nicht wie Zwillinge oder Klone wirken, wie so oft, sondern wie Pat und Patachon, auf jeden Fall kontrastreich: eine hyperschlank, die andere äußerst üppig, eine platinblond, die andere rabenschwarz. Die zwei jungen Männer schauen und schauen, machen leise Bemerkungen. Ob sie wohl fündig werden? Oder wollen sie es beim Gucken bewenden lassen? Sehr amüsant, ich grinse vor mich hin.

Als wir die verlangte Rechnung sehen, vergeht mir das Schmunzeln, wir bekommen einen Schreck: 22 Euro für einen Aperol und einen Martini… Ach so, da ist ja noch ein Pollo aufgeführt, doch wir hatten kein Huhn! Die weibliche Bedienung, die il conto gebracht hat, zieht eine missmutige Miene, entschuldigt sich auch nicht, sondern rafft den Zettel mürrisch an sich und verschwindet, um danach die korrigierte Rechnung zu bringen. Die Schweizer amüsieren sich mit uns auf Deutsch über den merkwürdigen Irrtum. Als die Bedienung, immer noch ohne ein Wort und von einem Lächeln kann schon gar nicht die Rede sein, das Geld genommen hat, lässt sie versehentlich(?) ein Tablett zu Boden krachen, hebt es unwirsch auf und geht im Stechschritt zum Lokaleingang zurück. Na, gut dass wir beschlossen hatten, zum Essen ein anderes Restaurant aufzusuchen. Schade, soviel schlechte Laune an einem doch einladenden Ort! Obwohl, eigentlich herrscht nach meinem Empfinden an dieser Ecke sowieso zu viel Durchgangsverkehr, um hier in Ruhe zu essen und länger zu verweilen.

Sehr schade ist aber vor allem, dass wir am nächsten Abend schon abreisen, denn es gäbe noch so viel zu sehen. Unter den Platanen würde morgen zwar kein Tango getanzt werden, aber das Fest des San Giovanni Benedetto stattfinden. Die ersten „Zeltküchen“ sind bereits aufgebaut, verschwitztes Standpersonal zischt erst mal ein Bier. Auch Biertische und Bänke stehen schon parat – das Beten steht hier bestimmt nicht im Vordergrund. Eine junge Frau nutzt die Möblierung im Freien, um an ihrem Laptop zu arbeiten. Andere stellen spontan ihre Wasserflaschen ab und packen Panini aus, um zu picknicken in der einsetzenden Dämmerung. Und wir gehen weiter, um ein Restaurant zu suchen.

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