Am Carrer dels Molins de Migjorn – Palma de Mallorca Carrer

 

Komisch, eigentlich wollte ich chronologisch vorgehen, auf jeden Fall zuerst das Heitere beschreiben, denn ich habe so viele helle Impressionen mitgebracht. Doch erst muss ich mich der schweren Eindrücke entledigen. Erst danach bin ich frei für das Andere.

Am vierten Tag nahm ich den Bus, um mich am Passeig Maritim bei diversen Autovermietern nach Tagespreisen für einen Mietwagen zu erkundigen. Denn einen Tag lang wollte ich schon im Grünblauen verbringen, ohne Häuser, einen Blick auf die Mandelblüte werfen. An der Mole, die den Bootshafen vom Offenen trennt, hielt der Bus eine gefühlte Ewigkeit. Sicher galt es, keine Anschlüsse zu verpassen, für andere Passagiere. Die durch die Scheiben dringende Februarsonne weichte mich auf und hinderte mich daran, im fast leeren Bus einen anderen Platz aufzusuchen. Vielleicht könnte ich wenigstens den Mantel aufknöpfen. Das Tuch lockern. Betäubt stieg ich ein oder zwei Haltestellen zu früh aus, aus Ver-Sehen. Doch das störte mich nicht.

Im Gegenteil, ich saugte die Blütenfarben auf, am 24. Februar,

genoss den Blick auf Boote und Meer, blendete die nicht schöne Häuserzeile landeinwärts aus und ließ den Mantel sogar aufgeknöpft, als die frische Brise mir entgegenkam. Auch ein Mantel.

Hat er sein Boot im Griff oder sucht er Halt, braucht womöglich Hilfe? Hätte ich mir diese Frage schon beim Passieren gestellt, dann… Doch oft braucht es Vergrößerungen.

Ob Her(t)z, ob Avis, Europcar oder ein spanischer Autovermieter, ich wurde nicht fündig. Zu unfreundlich, zu gleichgültig, in Streitgespräche mit anderen Kunden verwickelt, zu teuer, für einen einzigen Tag. Dann eben nicht mit ihnen. Den Rückweg „nach Hause“, denn so empfand ich mein Domizil in der östlichen Altstadt, würde ich zu Fuß antreten, mich treiben lassen, wie ich es mag.

Die Promenade war sonnendurchflutet, die andere Seite nicht.

Als ich nach Passieren der kantigen Neuhäuser wieder einen Blick nach links werfe, sehe ich sie, die Mühle, löse mich von der glitzernd-langweiligen Promenade und gehe stufenweise den kleinen Hügel hinauf.

Der Wasserbrunnen, das Brunnenwasser – wie passend! Ist doch das schöne Mallorca, wie jede Insel, von Wasser umgeben. Und muss doch Trinkwasser vom Festland importieren. Ungenießbar, das Wasser aus dem Hahn.

Nach einem letzten Blick ohne Bedauern auf das so geliebte Meer komme ich auf Mühlenniveau an. Der Himmel hat sich binnen weniger Minuten entschieden, sein Antlitz zu ändern, ist mir auf den Fersen. Ja, wie schön, eine alte Mühle, doch sie steht schon lange still, hier wird nichts mehr gemahlen, hier gibt es keinen Müller mehr und auch keine Ställe für die Esel. Wäre alles nicht so schlimm, wenn die Sonne noch schiene.

Nur ein paar Schritte weiter und ich bin in einer Kleinstadt, wenn nicht einem Dorf. Ein Wunder, ein sonderbares, wie alle Wunder. Manche mit Azulejos geschmückten Hauseingänge sind einladend- schattenspendend- sonnenabweisend-schön-eisenvergittert zugleich. Hier leben heutige Menschen, sie haben heutige Verkehrsmittel und die heute üblichen Haustiere. Ein Bilderbuchidyll wie aus einer anderen Zeit trotzdem. Ich bin entzückt. Und fühle mich beklemmt. Ist es der sich verdunkelnde Himmel? Nein, ich bin falsch hier, ein Eindringling.

Den geraden schnellen Weg hinaus nehme ich, ein paar Stufen hinab nur, und direkt gegenüber dieser Enklave stoße ich auf andere Zeitzeichen, nicht ganz frisch, aber doch jünger. Aha, hier spielt die Musik! Von Jagger bis Zappa. Diese Offenheit.

Doch die herrscht nicht überall. Will hier jemand Besuche erleichtern oder abwehren?

Hier scheint der Fall klar zu sein, trotz des leuchtenden Blaus. Einmal drin und…

Ach, sollen doch die Karten entscheiden…! So geht’s auch.

Mir wird es unbehaglich. Nur diese Gasse will ich noch erkunden. Eine patrouillierende junge Polizistin von rechts kreuzt meinen Weg. Irgendwie verdächtig fühle ich mich. Wir streifen hautnah aneinander vorbei. Sie quer, ich geradeaus, ab in die Gasse, 90 Grad. Niemand da sonst, doch die nahen Wände reflektieren Leben, Geschirr klappert, Wasser wird ausgeschüttet. Hier ist was los! Es wimmelt geradezu von Zeichen. Schwarze Fliegenschwärme hindern mich am Fortkommen, ach, das kann doch nur ein liegengebliebener Müllsack sein, also weiter, voran. Nein, nichts ändert sich, oh, eine Sackgasse, kehrt machen, Mund zu, Atem anhalten, bloß weg hier. Ein kleiner augustiger Februaralbtraum.

Luftholen. Wie war das noch mit dem schicken Catalina-In-Viertel? Schließt das nicht gleich an? Pause.

Da ist noch ein weiterer Eingang in dieses Mühlenviertel. Es lässt mich nicht los. Also, nochmal hinein.

Schon packt es mich wieder. Was tut sie hier? Besser: Wohin treibt es sie? Fort von hier. Sie wird die Treppe hinter der Mühle nehmen, zum Passeig Maritim hinabsteigen. Unten angekommen, wird sie, etwas leichteren Fußes, doch noch wie angebunden, zur nächsten Bushaltestelle gehen. Sicher wird sie sich zum Flughafen bringen lassen. Wohin? Sie wird nach Madrid fliegen, zum Studium, oder eher noch nach Barcelona. Ja, im katalonischen Sprach-Raum wird sie bleiben. Da gehört sie hin. Die Rambla auf und ab flanieren, mit ihren Freunden wird sie, im schummrig-schönen „Schilling“ sitzen und plaudern über Gott und die Welt mit ihren Freunden, den Stadtstrand in Barceloneta besuchen, sommers wie winters. Alle Schnüre gekappt und vergessen. Und in den Semesterferien, zu Weihnachten und Familienfeiern wird sie wieder für einige Zeit hierherkommen. In das pueblo. Aber nie zu lange. Sie wird, ich werde, du wirst, er, sie, es wird, wir werden… Das Pflaster glänzt so.

Mein Aufwachen aus Gedankengespinsten bringt hier nur neue Spinnweben hervor. Bilder, die einfach erscheinen – ich habe sie nicht gerufen. Phew, normalerweise bin ich diskret, achte die Privatsphäre anderer Menschen. Aber hier fühle ich mich verführt. Die Gasse allein wäre aussagekräftig, doch dennoch tot. Aber was ist mit dieser Frau, einer älteren? Ich bin respektlos und unsensibel. Doch ich muss dieses Foto machen! Normalerweise lächele ich meinen Fotoopfern zu, vorher oder nachher, oder frage, ob ich sie ablichten darf. Hier geht das nicht. Es würde alles verfälschen, nein, verunmöglichen. Ich kann sie nicht fragen, kann sie nicht anlächeln, traue mich nicht. Kann aber auch nicht verzichten. Schüchterner und dreister als gewöhnlich bin ich. In dieser Mühlengasse. Verzwickt-verdreht. Oh Don Quichote, du würdest mich verstehen, ein wenig, oder? Gegen Windmühlen kann man nicht ankämpfen.

„Zuhause“ in meinem Palma-Nest lässt mich ihr Gesicht nicht los. Dieser auf alle Gefühle verzichtende gerade kurze schmale Mund. Diese traurig-resignierten und leicht misstrauischen Augen. Und dieser Schlüssel um den Hals – eine Schlüsselfrau. Das kann Vieles bedeuten.

Bei näherem Hinschauen finde ich auch die meisten Türen und Fenster hier verrammelt. Nichts Neues soll eindringen? Alles, was jemals hereinquoll, war zuviel? Warum? Zitrusfrüchte, so ersehnt, verenden am Baum. Plastik-Jalousien, als fauler Kompromiss?

Aber, was die Technik nicht vermag, die Intuition weiß es längst. Statt der Zeitlupe spricht die Lupe, das genauere Hinsehen. Da kommt wohl Einiges zusammen in der Carrer Dels Molins de Migjorn. Die Eine resigniert, die Andere… erhält schlechte Nachrichten, rauft sich die Haare. Und keine, obwohl so täuschend nah, weiß um die Sorgen der anderen.

Sie kommt ihrer Pflicht nach, die Schlüsselfrau.

Die Andere, die Jüngere, auch. Vielleicht. Schnellen Schritts verschwindet sie in einem Loch.

Ein öffentlicher Durchgang, der in neue, sehr enge Gassen führt. Doch will und kann ihr nicht weiter folgen.

War ich nicht ohnehin viel zu übergriffig? Habe ich mich nicht vielzusehr in das Leben der „Mühlenbergbewohner“ eingemischt, allein durch das Eintreten in deren Territorium? Habe ich ihnen nicht schon viel zu viele Geheimnisse entlockt? Es ist Zeit für mich zu gehen.

Kurz bevor ich diesen Mikrokosmos wieder verlasse, kommt mir ein wenig lebendige Heiterkeit entgegen: Ein alter Mann lächelt mir zu. Grüßt er zuerst oder ich? Ach, egal, es war klar, dass wir uns ein Hola zuwerfen würden. Spürt man das nicht schon von weitem?

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