Camblac’h – Plouha: Kleiner Ausflug…

Es war kurz nach halb zehn Uhr gestern Abend, als es mir auffiel: Es war still. Windstille – dieses Wort bedeutet ja wirklich etwas. Nun also weder Sturm noch Wind, das erste Mal seit meiner Ankunft vor einer Woche. Nicht einmal Regenprasseln. Ich schaute aus dem Fenster und, tatsächlich, das Weinlaub, die Stockrosen und die Hortensien bewegten sich nicht. Sollte das etwa der Beginn der angeblich nahenden kurzen Gutwetterperiode sein?

Während draußen ungewohnte Ruhe herrschte, wurde ich unruhig. Es gab doch Fahrräder im Schuppen… Von den vier Rädern hatten zwei platte Reifen und von den zwei brauchbaren war bei einem die Sattelhöhe so eingestellt, dass es für mich passte. Ich drehte eine Proberunde über den Rasen. Es war nun viertel vor zehn, ein Viertelstündchen würde ich fahren.

Ich bog das erste Sträßchen rechts ab – hier sind alle Straßen Sträßchen, gesäumt von Böschungen oder Hecken, manchmal führen die Wege auch durch kleine Waldstücke. Zwei Autos passen nicht aneinander vorbei, kommt man sich entgegen, muss einer den Rückwärtsgang einlegen, um eine Ausweichstelle zu finden. Das ist mit Risiken behaftet, besonders wegen der vielen Kurven, denn manche Sträßchen sind zu allem Überfluss von Gräben gesäumt. Erst einmal kam mir ein anderes Auto entgegen, das glücklicherweise nur zwei Meter von einer Ausweichstelle entfernt war. Aber seitdem fahre ich immer so schnell wie möglich von einem strategischen Punkt zum nächsten.

Auf dem Rad thronte ich kerzengerade wie eine Hausfrau vom Land mit Kittelschürze, nur die Einkaufstasche am Lenker fehlte. Aufpassen musste ich, weil in der Mitte der Straßen oft Schotter liegt, das ist vor allem ungünstig bei rasanten Kurvenfahrten. Erst schlingerte ich ein bisschen, was vielleicht auch am Apéritif vor und den zwei Gläsern Rotwein zum und nach dem Essen gelegen haben mag, aber vor allem am ungewohnten Rad und dieser komischen Gangschaltung.

Die Fahrt war erfrischend trotz einiger anstrengender Steigungen, denn die Luft hatte sich schon auf 16 Grad abgekühlt. Nein, zum Plage Bonaparte würde ich nicht hinunter fahren, dann hätte ich mich mit diesem Damenfahrrad ja wieder hinaufquälen müssen. Lieber geradeaus, mal hier links, mal dort rechts. Keine Menschenseele unterwegs außer mir. Mir fiel meine Kamera in der Jackentasche ein. Als ich vom Rad sprang, um ein Foto zu machen, nahm ich wahr, dass es doch schon sehr dämmerte. Merkwürdig, hier im europäischen Westen wurde es nie vor halb elf finster. Ich würde besser umkehren, denn das Licht am Rad fand ich auch nicht. Aber wo war mein Ferienzuhause?

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Von meiner Behausung im Weiler Camblac’h hatte ich mich entfernt, über das Schild hinaus.

Ich fuhr und fuhr und nichts kam mir bekannt vor. Doch da, an diesem Haus war ich auch schon mal mit dem Auto vorbeigekommen. Aber auf dem Weg wohin? Ich ließ es links liegen, aber das war falsch. Böschungen, Farn, Bäume. Die Bretagne duftet gut. Wo waren die anderen Einzelhäuser geblieben, wo die Minisiedlungen mit drei, vier Häusern? Nur Natur. Es scheinen die alten Weiden so grau…

Da, Geräusche, eine Behausung?! Ein großer Freiluftkuhstall mit Nebengebäude. Ich lehnte mein Rad an einen Schuppen, quetschte mich zwischen einem Traktor und einem riesigen neugierigen kauend-wiederkäuenden Kuhkopf hindurch und suchte den Bauer, um ihn nach dem Weg zu fragen. Bonsoir! Monsieur?! Kein Monsieur da. Komisch, es lief doch Musik, sie kam von irgendwoher oben an der Gebäudewand. Aber vielleicht war sie nur für das Vieh bestimmt? Französische rhythmische Popmusik zur Beschallung der Kühe. Vielleicht hilft es beim Melken und leitet danach die Nachtruhe der Tiere ein? Wer weiß. Ob die Musik per Zeitschaltuhr an- und ausgestellt wird?

Ich verabschiedete mich von den Kühen und begab mich wieder aufs Rad. Langsam wurde mir mulmig. Hier würde ich stundenlang fahren können, ohne jemals mein Ferienhaus wiederzufinden. Ich fuhr schneller, aber ohne feste Richtung. Die Frau grauset’s, sie radelt geschwind…

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Nichts gab es zur Orientierung, sogar der Mond verschaukelte mich. Mal war er rechts, dann tauchte er neckisch geradeaus wieder auf. Ein klappendes Geräusch, im Vorbeifliegen erwischte mein Blick eine Hand, die aus einem Spalt kam und von innen den letzten Fensterladen zuzog. Etwas später dann ein Haus – there’s a light in the darkness! Immerhin waren die Läden eines einzigen Fensters noch nicht geschlossen und dahinter war der warme Schein einer Lampe zu erkennen. Meine letzte Hoffnung.

Würde man mir Fremdling öffnen in dieser einsamen Region, um diese Uhrzeit, zu der vernünftige Bretonen längst schlafen? Ich öffnete das Gartentor. Kein Hund. Ging den schnurgeraden Weg Richtung Haustür. Eine Klingel gab es nicht, das ist hier nicht üblich, mein Ferienhaus hat auch keine, dafür eine kleine Glocke. Ich klopfte mit einem Bonsoir, excusez-moi. Ein Schatten hinter dem Türglas und eine freundliche Frau öffnete. Ich finde mein Ferienhaus nicht mehr, ich habe eine Radtour gemacht und alle Straßen sehen gleich aus, platzte es aus mir heraus. Madame erwiderte verständnisvoll, dass man sich hier vollkommen verlieren könne und ich wiederholte gern, dass ich mich tatsächlich vollkommen verloren hatte.

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Wohin ich denn müsse? Straßennamen gibt es hier nicht, also nannte ich Ortsteil/Weiler und Hausnummer. Die Weiler bestehen manchmal nur aus einem Haus oder Hof, in meinem Fall aus sieben Häusern. Die Hausnummer sagte Madame gar nichts, hier merkt man sich Menschen und keine Nummern, also nannte ich den Namen des Hauseigentümers. Sofort wusste sie Bescheid. Woher ich denn gekommen sei? Von rechts. Dann müsse ich wieder ein Stück zurück und gleich die nächste Straße links nehmen, dann wären es nur noch circa 500 Meter. Madame ging mit mir zum Gartenende, um den Weg ins Dunkel hinein auch gestisch zu weisen. So nah war ich also am Ziel und doch war es für mich unauffindbar. Ich war dankbar und erleichtert. Vermutlich muss ich einen äußerst mitleiderregenden, hilf- oder orientierungslosen Eindruck gemacht haben, dann Madame fragte, ob sie mich nach Hause begleiten solle! Ich war überwältigt von soviel Gentillesse, lehnte jedoch dankend und etwas beschämt ab, schwang mich auf mein Rad und war überglücklich, als ich nach ein paar Minuten lichtloser Fahrt „meine“ Straße erkannte. Es war halb elf, als ich die Haustür öffnete, kurz vor der völligen Finsternis. Sie erreichte den Hof mit Müh und Not erst nach dem letzten Abendrot.

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Eine Antwort zu Camblac’h – Plouha: Kleiner Ausflug…

  1. rotewelt schreibt:

    Auch hier sind alle Fotos verschwunden…, so ergibt der Artikel kaum noch Sinn…

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