Crêperie des Falaises, Plouha

Vor Hunger halb bewusstlos, erreichte ich den fast menschenleeren Strand Le Palus mit der Aussicht auf Nahrung.

Ich taumelte auf die Terrasse der Crêperie des Falaises, zum Glück war geöffnet, und warf mich auf einen der harten unbequemen, kühlen, aber schön aussehenden Stühle vor der knallblauen Tür mit Spitzenmuster. Wäre ja noch schöner, drinnen zu sitzen Mitte Juli! Vorher wurde ich von einem weiblichen Gast an einem anderen Tisch gegrüßt, merkwürdig, aber warum nicht, ist doch nett.

Dann begann sie, die Wartezeit. Irgendwann erschien eine männliche Bedienung mit Crêperie-untypischer Kleidung: schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Lederschuhe, nix rustikal. Der junge Mann mit slawischem Akzent war sehr freundlich und brachte mir die Karte. Meine Wahl war schnell getroffen, eigentlich hätte ich die Karte nicht gebraucht, denn ich hatte mir die ersten Buchweizen-Crêpes dieses Bretagne-Urlaubs ja vorher schon lange genug durch den Kopf gehen lassen bzw. durch die Magenwände, rein virtuell: Galettes jambon fromage. Oder sollte ich noch Tomate dazu…? Nicht auf der Karte, aber manchmal klappt’s ja trotzdem, ach nein, gut so. Statt Cidre lieber ein Glas Rotwein, denn woher kam bloß plötzlich dieser unangenehm kühle Wind? Ein Stuhlkissen wäre jetzt gut, aber irgendwann sitzt man sich bestimmt warm auf Metall. Meine (kurzärmelige!) Baumwolljacke wollte ich noch nicht anziehen, die war für extremere Wetterlagen gedacht, Träger-T-Shirt musste doch wohl drin sein!
Nach gefühlten zehn Minuten nahm der Kellner die Bestellung auf. Schnell und diskret wich er zurück, als er sah, dass ich ein Foto machen wollte. Dabei hätte ich ihn gern mit auf dem Bild gehabt, aber egal.

Zwischendurch bewegte er sich in gemessenem Tempo zwischen den wenigen anderen besetzten Tischen hin und her. Keine Faulheit, nein, eher Neuling-Unsicherheit sprach aus seinem Verhalten. Nach weiteren gefühlten zehn Minuten kam er endlich wieder an meinen Tisch, um mir mit äußerst netten Worten und einem scheuen Lächeln im Gesicht zu verkünden, dass der Wein, den ich bestellt hätte, aus sei. Ob ich einen anderen…? Ja, bitte.

Meine Güte! Bitte bald, irgendwas, sonst muss ich mich mangels Magen- und oder Hirndurchblutung hinlegen und die Beine hochlegen. Ich erinnere mich da an eine akute Unterzuckerungssituation (nein, ich leide nicht an Diabetes) im Hessischen. In letzter Not erreichten wir eine Straußenwirtschaft. Während ich mich auf der Bank eines Biertischs langmachte, zur Verwunderung der anderen Gäste, beeilte sich mein Begleiter – meine akuten Plümeranzzustände kennend und damit umzugehen wissend – an die Theke, um mir ein oberhessisches Brett zu besorgen mit Brot und diversen Wurstsorten, sowie ein Glas Roten, um alsbald die Blässe aus meinem Gesicht zu verscheuchen und mich wieder zu Kräften zu bringen, bis ich, nach zwei Bissen und einem Schluck, wieder aufrecht sitzen und am Gespräch teilnehmen konnte. Nun, diese Plümeranzzustände hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr, aber nun war so ein Tag, wo Gefahr drohte. Den Hunger zu lange vor mir hergeschoben. Die Luft, die ungewohnte. Es soll ja Menschen geben, die nie Hunger haben, sondern immer nur einfach so essen, aus Appetit, unglaublich. Diese Metallstühle waren nicht geeignet für akute Liegeanfälle.

Weitere zehn Minuten später kam das Glas Rotwein. Oh! Huch! Der ging gleich ins Blut und reizte die Magenwände nur noch mehr zum Arbeiten, zum Verdauen des Nichts. Geglucker der dritten Sekretionsart. Monsieur?! Ich zog mir die Jacke an, der Wein wärmte nicht. Der Wind zog an, die Markise wurde ein wenig eingefahren, um nicht allzu sehr zu verdunkeln. Ich will nach Hause, in meine Ferienwohnung, den Kamin anfeuern, den Kühlschrank plündern! Dann, endlich, kam sie, die Galette.

Mein Hunger hatte seinen Höhepunkt lange überschritten. Dabei hatte ich mir auf der Fahrt von Port Lazo hierher ein Galettes-Menü mit mindestens zwei Gängen erträumt, der süße Abschluss sollte eine Crêpe chocolat sein, gern mit Mandeln oder, falls es das gäbe, stattdessen noch lieber eine Crêpe nur mit braunem Zucker und Butter – pur und köstlich.
Nach ein paar Bissen wurden die Zähne lang, aber ich schaffte sie, die Galette. Doch, sie war durchaus in Ordnung und etwas bretonische gesalzene Butter war sogar auch dabei, wenn auch nur in homöopathischer Dosis, längst nicht so großzügig wie ehemals im Bretan’Or in St. Cast le Guildo. Man kann nicht alles haben und darf erst recht keine Ansprüche stellen, wenn man soeben dem Hungertod und/oder peinlichen erklärungsbedürftigen Liegesituationen entgangen ist.

Während ich mir die Schinken-Käse-Galette hineinquälte, nahm ich wahr, dass der Gast, der mich anfangs gegrüßt hatte, offenbar die Chefin war, zumindest die Vorgesetzte des scheuen Slawen, Typ Eiskunstläufer mit guter A-Note, mit den typisch hellen melancholischen Augen. Wenn die Vorgesetzte schon alles so genau beobachtet, könnte sie ja auch für mehr Reibungslosigkeit und weniger Wartezeit sorgen, im Sinne der Gäste. Und nicht einfach nur eine Zigarette rauchen, sich ausruhen und unbeteiligt beobachten. Ach, sie kommt (auch) aus Polen? Interessant. Gerade neulich sah ich eine von einem Afrikaner betriebene Crêperie in Lanloup mit wahrlich exotischen Crêpe-Variationen und knallbunten Puschelschirmen im Garten, leider kam ich nicht dazu, sie zu probieren, die Crêpes. Die Bretonen haben anscheinend den Rückzug angetreten aus ihren traditionellen Etablissements und überlassen Küche und Service anderen. Stirbt die Region aus oder ist das nur ein positives Multi-Kulti-Zeichen? Man weiß es nicht. Solange die Galettes schmecken. Und der Service stimmt. Und das Essen rechtzeitig auf den Tisch kommt…

Die Rechnung bitte, nein, auch keinen Café. Ich habe noch einen Termin.

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