Dalí, die Lofts und das alte Brauhaus

Komisch, nachdem mir der Titel für diesen Beitrag spontan zufiel, musste ich mal wieder an den Film „L’arbre, le maire et la médiathèque“ (Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek, Hauptdarsteller die irgendwie unnatürlich „zeitlose“ Arielle Dombasle, Pascal Grégory und Fabrice Luchini) von einem meiner Lieblingsregisseure, Eric Rohmer, denken. Obwohl oder weil dieser Film, der in der französischen Provinz spielt, nicht gerade zu den „eingängigsten“ gehört. Rohmers Filme und die enthaltenen scheinbar banalen Dialoge, wie beifällig hingetuscht von einem flüchtigen Pinsel, die das Mark seiner Filme ausmachen, sind eh für viele Zuschauer unerträglich ereignislos und diesen Film finde sogar ich relativ schwer verdaulich oder durchhaltbar, weil er selbst für mich durchaus Längen hat, doch ist er mir in Erinnerung geblieben. Ja, diese Gedanken-Nebengleise und -klammern in Monologen wie Dialogen sind typisch für Rohmer und vielleicht mag ich ihn ja nur deshalb, weil ich auch manchmal so komisch verquer denke und rumspinne, wie jetzt gerade wieder.

Nun ja, jedenfalls geht es in dem Film auch um Erhaltung, das Neue und das – zumindest anscheinend – (Un)Vereinbare und insofern passt die umständliche Gedankenschleife zu diesem Beitrag, zu Dalí (und zum Surrealismus, obwohl sich Dalí davon – offiziell – längst verabschiedet hatte, bevor er seine grafische Hochphase hatte), zu den Lofts und zur alten Brauerei.

Was sagte schon der Comte de Lautréamont (sein eigentlicher Name lautete Isodor-Lucien Ducasse): „Schön ist die Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch“. Ja, das ist die Schönheit des Surrealismus.

Vor ein paar Tagen war ich mit einem Freund in der Ausstellung „Salvador Dalí“ in der Kunsthalle Messmer in Riegel am Kaiserstuhl. Ich hatte eingewilligt, obwohl mich Dalí und/oder der Surrealismus schon lange nicht mehr so sehr ansprechen (ha, Psychologen hätten aber bestimmt ihre diebische Freude daran, die surrealalen Bilder zu analysieren, die ich in der Spätpubertät gezeichnet und gemalt habe!).

Am frühen Nachmittag finden wir locker einen freien Parkplatz und sind bisweilen die einzigen Besucher der Ausstellung, die noch bis zum 10. Oktober laufen sollte, nun aber bis zum 7. November verlängert wurde.

Die Kunsthalle präsentiert grafische Werke Dalís aus den 60er-Jahren; viele der Radierungen sind handcoloriert. Es handelt sich um die Zyklen La Mythologie, Apollinaire „Poèmes Secrets“, Goethes Faust, Venus im Pelz und Don Quijote. Bis auf sehr wenige Bilder ist mir keines bekannt, insofern ist der Besuch nicht uninteressant. Dennoch reißt mich die Ausstellung nicht vom Hocker, wahrscheinlich habe ich mich früher zu sehr damit befasst, auch mit der surrealistischen Literatur, aber noch wahrscheinlicher ist, dass sich meine Interessen verlagert haben.
Am besten gefallen mir noch die Grafiken zur antiken Mythologie sowie jene zum Zyklus Venus im Pelz, die sich auf die gleichnamige Novelle von Leopold von Sacher-Masoch beziehen. Das Buch wurde 1870 veröffentlicht und verursachte wegen sado-masochistischer Inhalte einen Skandal. 1958 wurde es sogar indiziert (ist aber wieder freigegeben), obwohl es keinerlei direkte sexuelle Beschreibungen enthält. Am bekanntesten von den ausgestellten Grafiken ist vermutlich der „Rosa Schuh“ (verdammt, ich finde keine Abbildung, außer auf einer Weinflasche…!, es gibt da eine Sonderedition mit Etiketten badischer Weine, hach, ausgerechnet, wie neckisch…, na ja, da sieht man mal wieder, die Verquickung von Kunst und Kommerz undsoweiter – und, nö, gegen künstlerische gestaltete Etikette(n) habe ich gar nichts!).

Nach dem Ausstellungsbesuch gelüstet es meinen Freund in masochistischer Unterwerfung nach seinem qualmenden Suchtstoff und so schlendern wir ein wenig auf dem Gelände umher, ich frierend, weil ich meine Jacke im Auto gelassen hatte, aber so eine Zigarette dauert ja nicht lange…

Die Kunsthalle Messmer hat man in einem von neun Gebäuden der ehemaligen Brauerei Riegel eingerichtet (oh, wegen des Standorts der Kunsthalle gab es großen Streit, auch Freiburg war sehr interessiert, hat es aber nicht geschafft!). Weitere Häuser wurden inzwischen und werden noch als Wohnungen umgebaut und hergerichtet, als wirklich originelle Lofts bzw. Maisonette-Wohnungen zum Wohnen und Arbeiten, so scheint es jedenfalls anhand der Fotos, die auf einer Tafel an der Einfahrt angebracht sind. An die alten renovierten Fassaden wurden alufarbene Balkonnester und Wendeltreppen geklebt, auf den ersten Blick irritierend, aber für einen spannungsreichen Kontrast sorgend. Gern hätte ich mir mal eine solche Wohnung angeschaut, auch wenn ich sie nicht bewohnen wollen würde in diesem hübschen, aber für mich zu stillen Ort, doch die Musterwohnung steht nur für Voranmeldungen offen.

Viele der Lofts verfügen über eine Dachterrasse mit Blick auf den Zusammenfluss von Elz und Dreisam – oh, danke für die Info, das wusste ich vorher gar nicht! An der Dreisam entlang als Orientierungshilfe könnten wir zu Fuß nach Hause gehen, wenn wir wollten, wollen wir aber nicht, nicht nur, weil man dafür Gummistiefel bräuchte, nein schließlich wollen wir noch in eine Weinstube in Endingen, nach der Kunst verlangen die Mägen nach Input.

Ein altes Hinweisschild für den Output befindet sich noch an der Außenmauer der Brauerei.

Allerdings hätte ein Besuch keine Aussicht auf Erfolg mehr!

Interessant sind sie, die Zeichen der Vergänglichkeit an den noch nicht restaurierten Gebäuden.

Das Rad gehört sicher einem der frisch zugezogenen Loftbewohner.

Dieses Fenster wird bestimmt nicht mehr geputzt, für’s Erste jedenfalls.

Als nicht allzu beschäftigte Nichtraucherin habe ich meine Blicke überall und entdecke eine offene Tür, die direkt in die Produktionshalle der ehemaligen Brauerei führte, die bis 2002 noch in Betrieb war – noch viel interessanter als Wohnungen, in denen ich eh nicht leben will! Das „Riegeler Bier“ wird übrigens inzwischen in der Fürstenberg-Brauerei in Donaueschingen gebraut.

Eine der Biersorten, deren Flaschen, so ließ ich mir versichern, noch mit dem schönen Bügelverschluss versehen sind.

Sogar der Raucher drückt seine Kippe aus und folgt, sich jedoch zunächst prüfend umschauend, während ich in solchen Fällen immer mutig und unverdrossen vorangehe – seit meiner Kindheit finde und öffne ich nicht verriegelte Türen und dringe durch spinnwebige (igitt, aber da muss ich durch!) Fenster in alte Gebäude ein, die eine unwiderstehliche Anziehung auf mich ausüben, ebenso wie zugewucherte Freigelände alter Fabriken und Bahnhöfe. Was sagt Freud dazu? Mir doch egal!

„Ich sage“ (Politikersprache – seht/hört ihr Angie? Aber hier passt es wenigstens, während es sonst nur eine rhetorische Kutsche ist oder so!): Das ist schöne Industriearchitektur.

Die alte Brauerei soll übrigens zukünftig auch als Ausstellungsraum genutzt werden.

Ein paar alte Kutschen und Pferdeschlitten, mit denen früher mal Menschen und Bier transportiert worden sind, stehen dekorativ da.

Der Firmengründer wacht, für alle bildlich verewigt, über das Geschehen. Hm, als väterlicher Patron oder als Drohung, wer weiß…?

„Wilhelm Meyer, 1810 bis 1884, der Schöpfer dieser Brauerei“ (sorry, ich hätte doch den Blitz zuschalten sollen, aber das schien mir in dieser Atmosphäre irgendwie falsch).

Ja, und dann gibt es neben dem dekorativen Fußboden und den eisernen Maschinen auch schöne alte Fliesen – oder nennt man es Kacheln? Kachel…? Bin ich etwa ein Lausemädchen? Ich hoffe doch sehr, dass nicht (ihr wisst schon, was ich meine und falls nicht: Für allzu beliebige Austauschbarkeit eigne ich mich nicht besonders, auch wenn ich gegen Lausemädchenhaftes an sich gar nichts einzuwenden habe). Wir sind aber in Riegel, also werde ich diesem Thema nun sowieso einen Riegel vorschieben. Lieber schaue ich mich weiter um und lege Hebel um, das erfordert zum Teil ganz schön viel Kraft. Mein Begleiter guckt mir entgeistert zu und beobachtet dabei, ob irgendwelche Zeiger ausschlagen ob meines Tuns, bevor er dann doch mitmacht.

Wir bestaunen diverse Messgeräte,

eine schöne Wanduhr,

und, ach guck, da sind ja noch die alten Stechkarten!

Mein bester Kumpel kriegt sich nicht wieder ein, als er unter den „Kennziffern für ganztägige Abwesenheit“ den Punkt „Abschlafzeiten“ entdeckt, den ich daraufhin vor Lachen so verschwommen-schlaftrunken fotografiere, dass er leider nicht zeigetauglich ist.

Eine Kellertreppe im Zentrum der Halle lockt. Unten finden sich die Spinde der ehemaligen Mitarbeiter und ein bisschen Gerümpel.

Es geht noch weiter, doch der Weg wird ölverschmiert, so dass wir wieder hochsteigen, zum Glück sind MEINE Schuhe trocken geblieben!
Der Blick durch staubige Fenster auf den, jedoch aufgehaltenen, Verfall hat was Melancholisches.

Ich entdecke noch eine Tür, dahinter verbirgt sich eine alte Wendeltreppe. Einen Lichtschalter finde ich nicht. Mein Begleiter tut so, als sei nichts, irgendwie komplett desinteressiert. Aha, da hätten wir es also mal wieder, kenne ich ja schon von früher: Wenn’s drauf ankommt, machen die Herren der Schöpfung einen Rückzieher, sind ängstlicher als das angeblich schwache Geschlecht. Hätte ich mir ja denken können. Also, allein gehe ich nun doch nicht in dieses unsichere dunkle Unbekannte. Phhh, dann ist der Brauereibesichtigungsteil also hiermit erledigt. Ich friere eh und das Auto ist sicher schön aufgeheizt.

Interessant, was man alles Spannendes entdecken kann auf einem relativ kleinen Gelände, das war ein interessanter Dreiklang. Beim Rausfahren werden wir noch von einem ungewollt surrealistischen Kunstwerk verabschiedet.

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