Der Alte Friedhof

Sommermorgen

Kurz nach neun Uhr morgens parkte ich mein Auto vorsichtshalber unter schattenspendenden Kastanienbäumen, denn es droht der bisher heißeste Tag des Jahres zu werden. Wenn ich nun schon so nah am Alten Friedhof war, konnte ich auch einen kleinen frühen Spaziergang machen.

Die Schatten waren noch hart, doch die Luft schon weich und warm. Schön, dass der Friedhof soviel Blätterdächer bietet! Zwei Bänke waren bereits besetzt um diese Zeit. Eine Frau führte ihren Hund spazieren, sonst war es still.

Wie immer zog es mich zum Grab von Christine Walther, immer muss ich sehen, welche Blumen man ihr in den Arm gelegt hat. Von weitem sah ich einen jungen Mann vor dem Grab dahinter knien. Oh! Ob ein Angehöriger von ihm unter der Erde liegt? Nun, da wollte ich nicht stören, lieber vorbeigehen und zurückkehren, bis er sein Gebet beendet hat.

Doch, oh Überraschung, der Mann betete nicht, er hatte einen Pinsel in der Hand und restaurierte den Grabstein! Ich wusste gar nicht, dass die Grabsteine gepflegt werden. Der Mann war kein Steinmetz oder Restaurator, sondern Bildhauer, wie er mir erzählte. Pro Jahr wird ein bestimmtes Budget für die Instandhaltung festgelegt und es reicht, um ein paar Grabsteine zu restaurieren.

Eine weitere Spaziergängerin kam hinzu. Einmal pro Woche geht sie vor oder nach der Arbeit über den Friedhof und immer zum Grab von Caroline, wie ich magisch davon angezogen. Auch sie wunderte sich über die Grabrestaurierung, denn die Steine sehen so „unbehandelt“ aus, haben alle ihre schöne Patina. Ja, erklärte uns der Bildhauer, es werde auch nur konserviert, man solle es ja nicht sehen. Das gefiel mir und der Frau auch, der ich dann noch die Geschichte von Caroline erzählte.

Seitdem weiß ich nun, dass in den Morgenstunden Heinzelmännchen auf dem Alten Friedhof arbeiten, als Betende getarnt!

Ich war froh, mich spontan für diesen kleinen Abstecher entschieden zu haben, es lohnt sich doch immer, mal vom Weg abzukommen und seiner Laune zu folgen, auch wenn man gar nichts erwartet. Eigentlich geht es mir immer so, dass ich die interessantesten Dinge sehe, erfahre, Begegnungen erlebe, wenn ich mit gar nichts rechne, mich auf Nichtbegebenheiten einstelle, so wie neulich auch an Fronleichnam, als ich eine leere Altstadt vermutete.

An der nächsten Kreuz-ung nahe einer der Eingänge fand ich dann zwei Fahrzeuge, unter anderem beschriftet mit „Steinmetzarbeiten“. Ein ungewohntes Gerüst und eine weiße Plane sah ich auch und als ich den Kopf hob, bemerkte ich einen weiteren Restaurator, auf dem Gerüst sitzend. Er hatte, genau wie sein Kollege, gute Laune und arbeitete konzentriert und mit Freude. Es machte Spaß, das anzusehen.
Nun würde ich langsam nach Hause gehen, um möglichst viel Arbeit am Vormittag zu schaffen, damit ich nicht so lange vorm PC brüten müsste.

Der Friedhof ist nicht groß und ich machte wie immer Schlenker über viele Quer- und Längswege.

Die schönsten Gräber kenne ich längst und habe sie schon zigmal fotografiert. Heimlich lauere ich auf eine Überraschung, auf ein besonders schönes Kreuz, ein Relief, eine interessante Inschrift, einen bisher übersehenen Engel oder eine andere Skulptur, auf eine Zufallskomposition, doch die Chancen dafür werden immer geringer.

Heute sind die überraschenden Skulpturen lebendig, wie diese junge Frau in demütiger Haltung, genauso bei der Sache wie ihre männlichen Kollegen. Alle drei sehr angenehme ruhige und doch zugängliche Menschen, die in ihrer detaillierten Geduldsarbeit aufzugehen scheinen, irgendwie anbetungswürdig. Sie findet die Stimmung auf dem Friedhof auch so besonders wie ich.

Ich verabschiede mich und auf dem letzten Schlenker begegne ich niemandem mehr. Es ist noch zu früh für die Lesenden, die vom Tag Verschnaufenden, die Meditierenden, die Pärchen. Nur die Kreuze werfen Schatten.

Der kleine liegende Engel ist neuerdings auch meist mit Blumen geschmückt. Heute trägt er einen hübschen Blütenkranz.

Ansonsten macht die Natur, was sie will. Das Gras steht hoch, einzelne Blüten setzen Tupfer. Schön still war es wieder heute, aber nicht grabesstill. Und alle Menschen, mit denen ich sprach, hatten ein Leuchten in den Augen.

Und ich…, muss jetzt doch in der Hitze arbeiten…

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Winterimpressionen* (Ende Dezember 2010)

Nachdem ich den Friedhof in den letzten Tagen mehrmals besucht habe, muss ich sagen, dass ich ihn im Winter, bei Schnee, beinahe am zauberhaftesten finde. Es ist noch stiller als sonst, obwohl die Krähen Radau machen und abundzu ein Specht klopft (habe ich ewig nicht gehört, schön!), aber gerade die Vogelgeräusche lassen den Ort noch stiller erscheinen. Die wenigen Menschen, die mit oder ohne Hund – heute nur weiße und schwarze, keine Zwischentöne – dort spazierengehen, verhalten sich leise, sogar die tollsten verspieltesten Hunde verkneifen sich ein Bellen: Sie wissen, was sich gehört: Fried-Höflichkeit!

Heute war ein besonderer Friedhofsbesuchstag. Zuerst kam ich aus dem Staunen nicht heraus, denn eine Postbotin, meine Postbotin, der ich kurz zuvor an meinem Briefkasten begegnete, überholte mich und – fuhr mit dem Rad auf den Friedhof.

Nanu? Aber warum auch nicht? Auch die Toten sehnen sich vielleicht abundzu nach einem Zeichen von den (Über)Lebenden? Hätten gern etwas aufbauenden Lesestoff da unten, in ihren Gräbern? Ich dachte erst, die Post ist für die Nistkästen gedacht, die es reihenhaussiedlungsmäßig seit über einem Jahr dort und auch außerhalb der Friedhofsmauern gibt, sogar mit (Haus)Nummern versehen. Aber dann blieb sie doch am Boden, die Postbotin und warf die Briefe im Briefkasten des Häuschens hinter der Michaeliskapelle ein, denn dort lebt jemand, ein Paar, das hin und wieder die Kapelle für interessierte Besucher öffnet und auch ein Auge auf den Friedhof hat. Leider konnten sie nicht verhindern, dass letzten Sommer Randalierer mutwillig des Nachts mehrere Grabsteine umstürzten und zerstörten.

Nach meinem ersten Rundgang heute, auf dem ich auch bestimmten Engeln einen Besuch abstattete…, zog es mich wie immer zum Grab der Caroline Christine Walter. Diesmal war das Grab mit einem Tannenzweig geschmückt, den sie in der Hand hielt. Doch irgendwie kam mir die arme Schöne heute fröstelnd vor, mit Eiskristallen auf ihrem Antlitz.

Ich löste einen anderen Spaziergänger ab, der ebenfalls zuvor ihr Grab fotografiert hatte und wir kamen ins Gespräch. Ein Freiburger, der mir versicherte, seit Ende der 70er-Jahre habe es nicht so viel geschneit hier und auch deshalb sei er so fasziniert vom verschneiten Friedhof. Dann verriet er mir, er habe im Sommer beobachtet, wie das Paar aus dem Häuschen frische Blumen auf Carolines Grab legte. Ach, und ich dachte, es handele sich um ein Geheimnis und die Nachfolger von Carolines ursprünglichem Verehrer würden sich niemals sehen lassen… Ade, Romantik und Mythos! Na ja, so schlimm ist es ja auch nicht…

Der Unbekannte verriet mir noch etwas: Vor nicht langer Zeit war seine geliebte Katze gestorben, sie hatte Krebs (er zeigte mir auf seiner Digitalkamera ein Foto von ihr, ein schönes Tier) und am liebsten hätte er sie auf diesem Friedhof beerdigt. Ich konnte ihn nur zu gut verstehen, gibt es einen schöneren Platz, auch für ein geliebtes Tier? Aber das sei ja verboten und daher (obgleich ja eigentlich auch verboten), so erzählte er mir, habe er seine Katze, in einem Karton natürlich, unterhalb der Kronenbrücke an der Dreisam begraben – auch ein passender Ort. Doch dann kam das Hochwasser… Er machte sich Gedanken, wollte doch nicht nicht, dass… und quasi gerade noch rechtzeitig grub er seine Katze wieder aus und setzte sie an einem anderen schönen Ort bei, höher gelegen, auch in der Natur. Sonst wäre sie von den Fluten weggerissen worden. Mit seiner neuen Katze fährt er nun öfter entlang der Dreisam spazieren, mit dem Fahrrad, wie ich auf Nachfrage erfuhr, denn ich dachte, er würde sie im Fahrradkorb transportieren. Sie, die britische und exzentrisch gefärbte Katze mag es, an der Leine zu laufen! Was es alles gibt! Auf dem Weg in den Stadtgarten, den wir beide nach dem Friedhof ansteuerten, wollte er mir auch noch Fotos seiner neuen vierbeinigen Genossin zeigen, fand sie aber nicht und hatte auch seine Brille nicht dabei, so dass ich zwischendurch diskret wegsah, als stattdessen Menschen seines privaten Umfelds auf dem Display auftauchten und auch ein paar schöne Kunst-Aufnahmen, die ich wohlwollend erhaschte.

Auf dem Rückweg ging ich wieder über den alten Friedhof. Diesmal begegnete mir eine Gruppe von Schülern, Jungen im Alter von vielleicht zehn Jahren. Als sie auf das Grab von Caroline zugingen, sagte einer ganz verschrocken: Da liegt ja wirklich ein Mensch! Es wurde etwas still, sie begutachteten respektvoll-vorsichtig das Grab, um dann erleichtert festzustellen, dass es sich doch um eine Steinskulptur handelt.

Viel Leben heute im Reich der Toten!

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Erste Eindrücke

Der Alte Friedhof ist ein wunderschöner ruhiger, fast verzauberter Ort, der mich besonders im Frühling angesichts der üppigen Blütenpracht begeistert oder besser: anrührt. Im Hochsommer ist es dort unter den schützenden Laubdächern angenehm kühl, aber auch im Winter und Herbst ist es dort schön.

Da der Friedhof von einer hohen, teilweise mit Efeu bewachsenen, Mauer umgeben ist, fühlt man sich dort wie auf einer stillen Insel.

Der Friedhof wurde 1683 angelegt und später erweitert. Bis 1875 fanden dort Begräbnisse statt. Heute wird der Friedhof als eine Art Park genutzt (mit Winter- und Sommeröffnungszeiten, aber nachts ist der Friedhof immer verschlossen); man kann einen kleinen Spaziergang machen oder sich auf eine der über 30 Bänke setzen – und hat immer seine Ruhe: Voller Menschen habe ich den Friedhof noch nie gesehen. Manche bringen ein Buch mit und lesen, mit Vogelgezwitscher im Ohr, andere sitzen einfach nur still da.

Mir gefällt es besonders, dass der Friedhof größtenteils naturbelassen bleibt; es gibt keine angelegten Blumenrabatten. Im Frühjahr ist erst alles voller Winterlinge und Veilchen; im Mai wuchert der Bärlauch; im Sommer steht das Gras hoch.

Zu den Menschen, die auf dem alten Friedhof begraben sind, gehören Josef Anselm Feuerbach, der Bildhauer Johann Christian Wentzinger, der Verleger Bartholomä Herder und der Historiker Carl von Rotteck. Auch Boniface de Mirabeau, Bruder des Präsidenten der französischen Nationalversammlung, hat hier ein Grab; er starb 1892 im Freiburger Exil. Ebenfalls eine Grabstätte hat Berta Mendelssohn Bartholdy, die Frau von Carl Wolfgang Paul Mendelssohn Bartoldy, Sohn von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Eine andere Qyperin schrieb bereits von dem Grab der jungen Frau, das fast immer mit frischen Blumen geschmückt ist. Es handelt sich um Caroline Christine Walter, die 1867 schon mit 17 Jahren gestorben ist. Man vermutet, dass ein Verehrer oder Geliebter ihr Grab mit Blumen schmückte – das wird von anderen Menschen (wer mag das heute sein?) fortgeführt.

Auf dem Friedhof befindet sich auch die kleine Michaelis-Kapelle, deren Vorhalle schon sehenswert ist. Die Kapelle ist nur selten geöffnet, ich muss mich mal nach den Zeiten erkundigen, damit ich auch endlich mal das Innere sehe.

Heute war ich mal wieder auf dem alten Friedhof und zum ersten Mal habe ich einen Fotoapparat mitgenommen, um ein paar Aufnahmen zu machen (sind eine ganze Menge geworden…). Dabei begegegnete mir eine Frau, die auch fotografierte – absolut ungewöhnlich für mich an diesem Ort, gleich zwei… Sie wohnt in München und war vor einem Jahr zum ersten Mal im Urlaub hier. Nun war sie wieder unterwegs gewesen und auf dem Heimweg, hat aber extra einen Umweg über Freiburg gemacht, weil sie unbedingt noch einmal auf diesen Friedhof wollte und ein paar Fotos als Andenken mit nach Hause nehmen wollte.

Dieser Ort hat wirklich etwas ganz Spezielles, das man schlecht in Worte fassen kann. Ohne Fotoapparat ist es schöner, weil man die Stimmung besser aufnehmen kann.

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5 Antworten zu Der Alte Friedhof

  1. Frau Blau schreibt:

    das ist ein sehr ausführlicher Bericht über einen neuen Lieblingsplatz und du bestätigst, was ich letzten Herbst schon vermutete, dass es sich lohnt zu jeder Jahreszeit einmal vorbei zu schauen, ich bin wahrscheinlich Ende der Woche in FR und dann werde ich auf alle Fälle wieder diesen Ort der Stille besuchen …
    als ich im November über seine Wege ging, sinnierte ich darüber, ob die Menschen damals einen „normaleren“ Umgang mit dem Tod hatten, der Gedanke entstand aufgrund der Totenköpfe, die ich doch relativ zahlreich entdeckte und wurde noch einmal geweckt, als ich ein Grab entdeckte, wo die Trauer der Kinder (und Mutter?) dargestellt wurde – ich glaub, das hat mich mit am meisten berührt …

    schön, dass ein bisschen Geld da ist, um ihn zu erhalten!

    • rotewelt schreibt:

      Stimmt, der Tod ist dort in vielen Darstellungen präsent, ich denke, er wurde früher tatsächlich als natürlicher angesehen als heute.

      • Frau Blau schreibt:

        er war auf alle Fälle mehr ins Leben integriert und war auch auf den Straßen sichtbar … heute ist ja alles so herrlich klinisch versteckt 😦

        • rotewelt schreibt:

          Genau. Aber wenn man wie ich in der Nähe eines Pflegeheims lebt, hat man den Tod auch auf der Straße vor Augen, den nahenden. Er ist erkennbar in den Gesichtern der alten Menschen, die im Rollstuhl spazierengefahren werden. Manchmal kann ich kaum ertragen hinzusehen, muss ich zugeben.

          • Frau Blau schreibt:

            ich habe auch eine scheu bei ganz alten menschen, wie unserer nachbarin, die sich sehr nach dem tod sehnt- wegen dieser scheu schäme ich mich manchmal …

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