Der Hafen – Briatico

Schon wieder ein grauer Tag in Kalabrien / Une autre journée sous la pluie en Calabre / Un altro giorno sotto la pioggio in Calabria / Another rainy day in Calabria

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„Tutto Tropea“ sollte besser heißen „Tropea spesso sotta la pioggia“! Die Einheimischen wundern sich, denn laut Statistik gibt es hier im Mai drei Regentage, während es gefühlt-subjektiv null und real nun aber mehr sind. Beinahe entschuldigen sich meine Vermieter bei mir, der bemitleidenswerten Touristin aus dem Norden. Aber dem Wetter gelingt es nicht, meine Laune zu verderben, gibt es doch an jedem Regentag mindestens eine Lücke, die zu einem Spaziergang oder zu Ausflügen verlockt, außerdem ist es nicht kalt, sondern schön mild. Und von einem warmen Frühsommerregen bis auf die Knochen durchnässt zu werden, wie bereits geschehen, als ich mein geparktes Auto (ich wusste nicht einmal das Kennzeichen, nur, dass es mit EH beginnt, das ist die Urlaubs-Unbeschwertheit) einmal nicht wiederfand in den Gassen, ist auch so schlimm nicht, sondern in gewisser Weise sogar amüsant. Ich hatte mir mit einem Rückblick ein gewisses gelbes Eckhaus gemerkt. Es war noch da, aber mehrere Straßen gingen dort ab. Wenn ich zum wiederholten Male an der markisengeschützten, von einheimischen Männern besetzten, Barterrasse vorbeikam, verstummten die Gespräche und die Gäste wunderten sich sicher, warum ich so ziellos umherstreunte, mit meinen Einkaufstüten, der dann doch übergestülpten Strickjackenkapuze mit den heraushängenden Korkenzieherlocken, zu denen sich mein Haar zwangsläufig bei Feuchtigkeit entschließt, und dem gesenkten Kopf mit angestrengt und doch irgendwann verzweifelt erhobenen und umherschweifenden Augen. Madonna mia! Auch das grüne Tor war weg, dabei hatte ich doch schon jede Gasse abgesucht. Eine alte Frau kam mir entgegen und sagte etwas, was ich nicht vollständig verstand, nur dass sie auch ohne Schirm sei und noch nach „da hinten“ müsse – so lachten und winkten wir uns solidarisch-ermunternd mit ein bisschen Galgenhumor zu. Irgendwann fand ich meinen Fiat doch wieder, vor dem grünen Tor, ich hatte beide stetig umkreist und war oft ganz nah dran gewesen.

Nun fahre ich gleich bei Regen los, wird schon besser werden! Wohin ich fahre, wird sich ergeben.

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Ach, Rot-Weiß-Blau mit Grün, ist das nicht trotz des Regens farbig?

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Hm, ist das Meer, sind die Landschaften und Häuser nicht bei Sonnenschein irgendwie anziehender? Ich erkunde dennoch die Gegend, mache aber nicht überall Fotos, um meine Kamera zu schützen. Na ja, auch, weil es so unattraktiv grau-diffus ist. An einer Kurve mit breitem schottrig-lehmigen Rand halte ich nochmal, in der Hoffnung, ein wenig schöne Aussicht zu erhaschen.

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Doch, da knallt und scheppert es unterm Auto und dann komme ich weder vor noch zurück. Eine rostige Eisenstange, circa 60 Zentimeter lang und mit nettem Haken, hübsch orange warnend, hat sich durch die Lücken der Felge des rechten Hinterrads gebohrt. Ich ziehe, zerre, schiebe, nach und von rechts und links, doch das Ding lässt sich nur ein kleines Stück bewegen. Keine Menschenseele in der Nähe, die helfen könnte. Also Motor wieder an und ein wenig hin und her schwingen (so wie man es tut, wenn man sich festgefahren hat im Sand, ach ja, da hatte ich auch noch so ein Erlebnis, aber das tut hier nichts zur Sache) wieder aussteigen, das Ganze von vorn – und, endlich, befreit! Vom aufgeweicht-matschigen Boden sind Hände und Unterarme vollkommen verdreckt, ich muss all meine Papiertaschentücher opfern, um mich ansatzweise zu säubern. Erschöpft, leicht transpirierend ob der schwülen Luft und der Anstrengung, fast ein wenig weinerlich, lehne ich mich in den Sitz, am liebsten würde ich jetzt „nach Hause“ fahren, in meine Villetta. Ich seufze, sicherlich nicht nur innerlich, und beschließe dann doch, mich nicht kleinkriegen zu lassen. Hoffentlich hat das Auto keinen Schaden abbekommen! Aber ich hatte ja eine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung gebucht, also nur Mut.

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Wo war ich eigentlich eben? Ach ja, westlich von Tropea, bei Santa Domenica, diesem Ort mit dem schäbigen ein- und seltsamen Sackgassenbahnhof (gleichzeitig Polizeistation) mit ironisch anmutender digitaler Abfahrtsanzeige, den Grafitti und den hübschen Wildblumen am atavistischen Holzzaun, durch den das Meer schimmert.

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Dort war ich vor ein paar Tagen mal, weil ich immer kleine Stichstraßen nehme, besonders, wenn die Sonne scheint, und als die Carabinieri ebenso wie die Bahnbeamten und die Passagiere gerade Siesta hielten. Das wäre einen eigenen Bericht wert, aber… nun bin ich hier, im Regen. Lieber die Gegenrichtung einschlagen jetzt.

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Östlich des Hafens von Tropea, in der ersten menschenleeren Sandbucht, die schon zu Parghelia gehört, verfolgt mich sofort ein wilder nasser Hund und springt wie ein Flummi an mir hoch, völlig aufgedreht und kommunikationssüchtig. Man gut, dass ich eine schwarze Jeans trage, haha! Sein ängstlicher Kumpel, vom Aussehen nach Bruder oder Schwester, beobachtet mich mit eingezogenem Schwanz aus sicherer Entfernung, würde aber eigentlich auch wollen. Ach, Leute, was für eine Tristezza! Ist das nicht ein Hundeleben, ähm, -wetter? Und IHR müsst vor die Tür, obwohl man selbst euch eigentlich nicht davor schicken würdet, nur habt ihr eben kein Haus zur Tür, ihr Armen.

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Dann, nach einigen Abstechern, Wen- und Windungen, erschwert durch ein verzwicktes Einbahnstraßensystem, gelange ich in den Hafen von Briatico.

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Eigentlich ist es ein Häfchen, mit einer Turmruine und ein paar Booten in Blau-Weiß-Rot. Der Ort hat rund 4.100 Einwohner. Der Bahnhof liegt ebenfalls in einer versteckten Sackgasse, mit einem Mini-Parkplatz davor, eine alte fleckige Matratze lehnt dekorativ am Zaun. Hier scheint kaum jemand hergebracht oder abgeholt zu werden, abzureisen oder anzukommen, jedenfalls nicht auf dem Schienenweg. Vielleicht zieht es die Menschen eher ans Wasser.

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Am Hafen sitzen ein paar Männer, einzeln oder zu zweit nebeneinander, vor den wenigen Häuschen. Wie in einem offenen Wartesaal harren sie aus, auf ausrangierten Stühlen, die, mehr oder weniger wetterfest, nur noch draußen ihren Zweck erfüllen. Der Blick der Männer geht über die Boote hinweg auf das Meer.

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Nichts bewegt sich. Doch, die Augen, denn eine Fremde dringt in ihr Revier. Eine ähnliche Atmosphäre habe ich letzten Sommer in der Bretagne erlebt. Es ist still, ein Stilleben, aber nicht ruhig, die Luft vibriert.

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Eine leise (An)Spannung liegt über dem scheinbaren Nichtgeschehen, in das man hineingezogen wird, unweigerlich.

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Das Warten gehört zu einem Hafen, auch oder gerade zu einem kleinen Fischerhafen. Selbst die Boote scheinen zu warten.

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Das Himmelströpfeln scheint sich jetzt gnädigerweise einstellen zu wollen.

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Und dann, irgendwann, kommt Bewegung ins Bild, zögernd erst, begleitet von vereinzelten Stimmen. Jemand erhebt sich, andere folgen, ohne Hast. Zwischen die Boote mischen sich Menschen, Männer, die Fischer. Ihre Schritte sind gemessen. Mit ruhigen, tausendmal erprobten und sicheren Handgriffen machen sie die Boote flott.

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Nun scheinen die Fischer wie aufgewacht, aus der Anspannung ist Geschäftigkeit geworden, aus der Starre Munterkeit und nun werden auch die Blicke für andere Eindrücke offener. Ich steige über Taue und frage, wie das Wetter auf See ist. Über dem Meer regnet es noch, antwortet einer. Bald wird es losgehen, zum Fischen.

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Der Himmel ist noch schwer, die Luftfeuchtigkeit hoch. Soll ich bleiben, abwarten, bis die Boote in See stechen? Es fällt mir nicht leicht, mich loszureißen, aber ich tue es mehr oder weniger widerwillig, wer weiß, warum. Jemand ruft mir hinterher. Ich drehe mich um. Einer der Fischer, der mit dem weißen T-Shirt und den Jeans, ist mir nachgegangen und bleibt nun stehen, sagt, er habe etwas für mich, ob ich es mitnehmen möchte, als Souvenir an diesen Ort. Drei Muscheln und Schneckengehäuse präsentiert er mir lächelnd und ich nehme sie gern. Grazie mille! Ich bin glücklich.

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Schön ist es hier, mit dem Schiff, das Roter Mond heißt, den roten Herzen und den roten Zwiebeln, den Cipolle rosse. Auch bei trübem Himmel.

Version courte en français: Un autre jour de pluie à Tropea m‘attendait, mais je ne me suis pas fait décourager!Alors j’ai fait une excursion en voiture, mais j’ai eu des difficultés parce que pendant une halte une barre de fer avait „traversé“ la jante d’un roue de ma voiture qui ne bougait plus. C’était très difficile d’enlever ce truc – il n’y avait personne à m’aider – et aprés j’avais les mains et bras complètement sales, mouillés. Heureusement j’avais quelques Kleenex. J’étais épuisé et en principe je n’avais qu’un seul désir: retourner à ma maison de vacances. Mais je me suis dit qu’il fallait affonter la grisaille, la pluie et les adversités et j’ai decide de continuer ma route. Et j’ai été récomponsé trouvant ce port minuscule de Briatico! Là il régnait une atmosphère particulière: Les pêcheurs étaient assis, immobiles, devant leurs cabanes, regardant l’horizon, attendant – comme leurs bateaux – sans dire un mot. Des moments magiques, comme un tableau vivant, il y avait une certaine tension dans l’air qui semblait vibrer. Aprés un certain temps la scènerie commença à bouger, lentement, les hommes se sont levés et sont allés, sans hâte, en direction de leurs bateaux. Puis il ont preparés les barques de pêche afin d’aller à la pêche. Il a cessé de pleuvoir mais ils m’ont dit qu’il pleuvait toujours au-dessus de la mer. Quand j’ai quitté l’endroit un des pêcheurs m’a suivi et m’a offert des coquilles/escargots de mer, souriant, avec des mots “C’est pour te souvenir de ce lieu.” Ce petit geste m’a rendu heureuse!

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Eine Antwort zu Der Hafen – Briatico

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