Die herzige Altstadt – Colmar

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, das Herz hat zwei Kammern und lebt, also warum nicht einen Ausflug machen und wieso nicht mal wieder ins schöne Colmar fahren, sind ja nur rund 50 Kilometer?

Wie eine lebende Postkarte, jedenfalls stellenweise, wirkt dieses elsässische Städtchen. 40 Minuten von Freiburg entfernt landet man in einer anderen Welt, einer Puppenstube, wie sie ihresgleichen sucht, übertrumpft nur noch von den reich bis überdekorierten, doch immer anheimelnd wirkenden Dörfchen der südelsässischen Weinstraße.

Einfach süß, die Guglhupftradition, in Teig und Form, zum Essen und Anschauen.

Noch dazu ist bald Valentinstag und die Franzosen scheinen noch viel verrückter nach Festlichkeitsanlässen zu lechzen als die Deutschen, ah, faire la fête, eine gute Gelegenheit, gut zu essen und zu trinken! Und natürlich trifft man auf Herzen, meist in Rot. Wie es sich gehört.

Parallel bzw. in direkter Überschneidung findet der Winterschlussverkauf statt, les Soldes, ach, soviel auf einmal! Für die Begleitmänner der Passantinnen scheint zu gelten: Augen geradeaus, Tunnelblick aufsetzen, Frau mitzerren, Schaufenster vermeiden! Lustig! Alles muss verschwinden, die Schaufensterpuppen wirken schon ganz nackt-verarmt.

Andere Puppen sind noch voll bekleidet zu haben. Überhaupt ist alles so puppig, gespiegelt umso mehr.

Alles so schön bunt hier, possierlich-süß-tierisch mit vorkarnevaleskem Goût– na ja, man kann es mit dem Plüsch auch übertreiben… Trotzdem: Das Herz lacht und amüsiert sich über soviel überzuckerte Süßlichkeit.

Die Herzen begleiten mich auf Schritt und Tritt.

Doch nun weg von den Schaufenstern! Jedoch verfolgt das Bunte den Besucher: Hansi malte an Restaurantfassaden und sicher lugt gleich Frau Holle aus dem Fenster – ob ich noch ein wenig warten soll? Bilderbuchmärchenland.

Ganz geblendet bin ich von Licht und Farben.

Die Augen sehnen sich nach etwas mehr Klarheit, wollen ein wenig ausruhen. Und entdecken doch auch im Unbunten immer Neues und Interessantes. Die Sonne gleißt mit doppelter Kraft und selbst der Schatten drängt auf Vervielfältigung.

Sogar die Herzen begegnen mir nun in zweifacher Ausführung. Na ja, so ist es doch auch gewünscht, oder?

Manches täuscht, doch es gibt auch echte Trompe l’Oeil-Malerei.

Die schönsten Motive finde ich im Kleinen, detail-verliebt war und ist der Elsässer. Im Viertel La Petite Venise stehen natürlich die Fische im Mittelpunkt und vielleicht wünscht der entrückte Engel den ehemaligen Fischern Petri Heil? Heute dienen die frommen Wünsche bestimmt den Restaurantbesitzern, damit sie möglichst viel Zander und Matelote verkaufen… , mit feinen Nudeln und Rieslingkraut! Mhmmm!

Eine schöne große überdachte Markthalle, le Marché Couvert, gönnt sich das Städtchen natürlich auch im Feinschmeckerland. Schöne verwirrende Einblicke bieten sich mir, auch wenn ich nichts ins Innere schauen kann. Dafür steht die Tür eines Wohnhauses für mich offen und erfreut mein Herz mit alten Fliesen und einer schönen Holztreppe.

Das war mon coup de coeur bisher, mein persönliches herzerfreuendes Heart-, pardon, Highlight!

Vollkommen in Verzücken gerate ich dann aber beim Anblick der gerade wenig Wasser führenden Lauch und der sich bietenden Lichtspiele.

Am höchsten schlägt mein Herz jedoch bei diesem Bild! Sogar die Tauben sind so freundlich und spielen mit für mein Lieblingsfoto. Ich kann mich kaum ablösen.

Liebe, Begehren, Leidenschaft, ja, so soll es sein!

Als ich an der Lauch Fotos mache, spüre ich aus dem Augenwinkel flüchtig den Blick eines Mannes. Ich schlendere weiter und weiß, dass er mir folgen wird. Weibliche Intuition.

Es herrschen vorfrühlingshafte Temperaturen, die Hirsche sind aus dem Wald ausgebrochen und in die Stadt eingedrungen, dabei kommt doch erst im Herbst ihre Zeit!

Bei meinem nächsten Fotostopp holt er mich ein und spricht mich an. Fragt nach den Fotos und dann geht das Spiel weiter: Ich bin gleich auf Sie aufmerksam geworden/Eine Frau allein am Sonntag mit dem Fotoapparat…?/Sind Sie von hier?/Ich habe meinen Militärdienst in Deutschland gemacht, spreche aber kein Deutsch außer „Guten Tag, Danke, Sie sind schön…und so…“/Haben Sie die Kathedrale schon besichtigt?/Hätten Sie Lust, mit mir gemeinsam hinzugehen?/Machen Sie diese Fotoausflüge öfter?/Wann kommen Sie wieder nach Colmar?/Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie ein Stück begleite?

Aber, Monsieur, nur weil eine Frau am Sonntagnachmittag allein in Colmar spazieren geht, heißt das noch längst nicht, dass ihr Herz frei ist…!

A propos Herz: Einen schönen herzig-herzlichen Valentinstag wünsche ich allen, denen dieses Datum viel bedeutet! Ich selbst finde kleine Aufmerksamkeiten unabhängig von Jedermannfrauterminen noch viel schöner – obwohl, so ganz frei machen von diesem Datum kann ich mich auch nicht…

Herzlichst,

rotewelt

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