Die Salatgurke

Ich hatte noch genug Gemüse, aber als ich zwangsläufig durch die Grünzeugabteilung im Supermarkt musste, entging mir der Blick auf die Salatgurken nicht. Doch selbst wenn ich nicht gucke, weiß ich, dass sie da sind und sobald ich Gemüse in Deutschland erblickte, stellt mir mein verqueres Hirn die bislang ungelöste Dauerfrage „Warum?“. Es ist mir ein Rätsel, warum ausgerechnet die gemeine robuste Treibhaussalatgurke in Zellophan eingeschweißt werden und dann, wegen der ökologischen Correctness oder ihr zum Trotz, mit diesem komischen grünen Punkt versehen werden muss. Sogar ausgewiesene Bio-Salatgurken erhalten dieses „Umweltschutzsiegel“ (das heißt, der Punkt ist doch schon längst nicht mehr drauf). Der doch etwas empfindlichere Zucchino und die nun wirklich drucksensitivere Aubergine werden schließlich auch unbe- oder geschützt dargeboten.

Warum, ja warum bloß? Diese Frage stellt sich mir nicht nur in der Saure-Gurken-Zeit, sondern immer mal wieder. Die Salatgurke ist ein anspruchsloses Gewächs, das fast ausschließlich aus Wasser besteht. Entsprechend schmeckt sie auch. Okay, man muss zugeben, im Sommer und gemischt mit Blattsalat, Tomaten und vielleicht noch Thunfischgedöns kann man einen durchaus passablen Salat aus und mit ihr zubereiten. In meiner Kindheit gab es oft Gurkensalat mit etwas Dill aus dem Garten vor den sonntäglichen Rouladen oder dem Schweinebraten. Also, meine Mutter schälte die Gurken immer und schnitt sie in feine Scheiben. Die Salatsoße trank ich (ebenso wie die von Tomatensalat) nach dem Genuss des Hauptgerichts oder sogar erst nach dem Vanillepudding mit Schokoladensoße als krönenden Abschluss. Das war lange vor den Folienzeiten. Aber irgendwann kam die rustikale griechische Küche in Deutschland in Mode und damit vermeintlich tolle mediterrane Salatschöpfungen, zu deren unvermeidlichen Ingredienzien die Salatgurke zählte – ungeschält, unbedingt, und in halbcentimeterdicken Scheiben – wenn nicht gar stückig! Ich war bislang immer noch nicht in Griechenland (vielleicht ja deswegen). Selbst mixte ich vor ein paar Jahrzehnten auch nicht gerade die dünnsten Salatgurkenscheiben ungeschält mit Dosenmais, Kidneybohnen, Tomaten et cetera und alle fanden das klasse! Was für eine Delikatesse! So schön… urig. Dann, 1986, kam Tschernobyl dazwischen und plötzlich schälte man so Einiges, was man vordem nicht geschält hatte. Kulinarisch brachte das, jedenfalls bei der Salatgurke, durchaus etwas weiter.

Im Prinzip schmeckt die Schale von Salatgurken nämlich sowieso eher unangenehm und sie hat so einen groben Touch. Ich habe den Eindruck, dass sie im Laufe der Jahre noch mehr nachgelassen hat, noch robuster geworden ist, quasi ungenießbar-baumrindenartig. Und dennoch gibt es Menschen, die für sich und andere kochen und nicht davor zurückscheuen, die Schale mit zu verarbeiten, wenn sie Gurkensalat zubereiten. Ich finde das beinahe infam. Muss ich das essen? Wenn ich Gurkensalat mache von der Beere, die sie biologisch eigentlich ist (kein Witz, genauso wie Erdbeeren im Grunde zu den Nüssen gehören), so gehe ich seit ein paar Jahren folgendermaßen vor: Ich schäle das Ding, halbiere es längs und entferne die Beerenkerne. Dann schneide ich das Überbleibsel in feine Scheiben. So ist es meiner Ansicht nach genießbar, mit einer feinen Vinaigrette, allein oder in Begleitung.

Verdammt sei der, der mir die Salatgurke heute noch à la 70er/80er-Jahre-Essensmode vorsetzt, ob in Restaurants (hey, sogar die Italiener und Chinesen trauen sich das) oder privaten Haushalten! Na ja, da ich ein höflicher Mensch bin, sage ich nichts und meistens esse ich sogar ein paar Scheiben.

Aber egal wie „fein“ man die vulgäre und per se weitgehend fade Gurke zubereitet (als Schmorgurke wird sie ohnehin geschält): Eine Schutzfolie braucht dieses Gemüse ganz bestimmt nicht. Na ja, zum Glück rege ich mich über solche Dinge heute nicht mehr auf, sondern staune nur. Das ist ab einem gewissen Alter angemessener und gesünder, fast so wie die kalorienarmen Gurken, die aber vitamintechnisch sowieso nicht viel hergeben.

Ansonsten – huch, ich schweife vom Thema ab! – stehe ich verschärft auf Cornichons, doch französische müssen es sein (die italienischen sind auch nicht übel, aber längst nicht so gut). Wenn auf Hengstenberg & Co „Cornichons“ steht, ist deutsch gewürzte Gurke drin und das bedeutet langweilig (ha, wie schön, dass man so subjektiv schreiben darf). Tauschen würde ich sie nur für jene – großen! – Gurken, wie sie früher mal in Gläsern auf den Theken von Metzgereien oder Tante-Emma-Läden standen, zutiefst delikat eingelegt. Köstlich! In der Abstellkammer bei meinen Eltern stand früher immer mindestens ein großes Gefäß aus gräulichem Steingut mit blauem Muster, das solche Gurken enthielt, die tatsächlich nach Gurken schmeckten.

Na ja, da es solche Gurken kaum noch gibt und überhaupt, wäre die Forderung nach der Abschaffung der transparenten Salatgurkenüberzieher mit oder ohne Punkt ziemlich irrelevant. Man sollte sich wichtigeren Dingen im Leben zuwenden. Tomaten vielleicht?

PS Ich rechne durchaus mit Kommentaren zu Spree- und anderen Gurken, die willkommen sind (Gurken und Kommentare, es sei denn, die Gurken sind süß: Gebt mir Saures!) 😉

PPS Leider war ich noch in der „Gurkenstadt“ Liegnitz, sicher würde ich auch dort vorzügliche Gewürzgurken bekommen! Mit Schale, denn eingelegt geht das bei den kleineren Exemplaren, und ohne Folie!

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