Dilgerhof (Mosthof) – Am Kandelbächle 22, 79286 Glottertal

Wenn ich abschalten oder mir über Dinge klar werden muss – wiederhole ich mich? Wahrscheinlich –, dann fahre ich in Höhenlagen. Sofern ich nicht am Meer bin, natürlich, denn das ist noch besser.

Gestern war mal wieder so ein Schwarzwald-Kurztrip dran. Obwohl ich keinen Hunger hatte, kehrte ich am frühen Abend im Dilgerhof ein. Das ist ein Bauernhof mit Landwirtschaft und Viehhaltung, der auch Mosthof genannt wird, weil er unter anderem Apfelsaft und -most herstellt. In erster Linie wollte ich die noch so gut wie unverfälschte Natur genießen und eine Prise Landluft schnuppern, nur knapp eine halbe Stunde von der Freiburger Innenstadt entfernt.

Der Dilgerhof wurde 1802 erbaut und hat sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Das Bauernhaus liegt kurz hinter Glottertal und Touristenmassen finden nicht dorthin. Die bleiben nämlich lieber unten im Ort und verstreuen sich auf die zahlreichen gutbürgerlichen und auch Feinschmecker-Lokale, alle adrett blumengeschmückt und schwarzwaldidyllmäßig aufgehübscht, wie es der Tourist gern hat. Oder sie suchen verzweifelt die Schwarzwaldklinik mit oder ohne Doktor Brinkmann.

Vielen Norddeutschen, Westfalen und auch Berlinern kann man in dieser Hochburg des Black Forest-Tourismus begegnen. Als ich in Glottertal kurz aus dem Auto ausstieg, um bemalte Fensterläden zu fotografieren, wurde ich von einem älteren Essener Ehepaar gefragt, wo es denn zum Gasthaus „Goldener Engel“ in der Friedhofstraße ginge… Oh, leider wusste ich das nicht trotz Freiburger Kennzeichen, aber ich verwies auf die Kirche und die Wahrscheinlichkeit hin, dass in der Nähe… Und so war es dann auch, wie ich später beim Vorbeifahren feststellte.

Vom allzu Gediegenen wandte ich mich lieber ab, ließ den Ort hinter mir und fuhr das unauffällige und für Autos verbotene (nicht mal Anlieger sind zugelassen, aber ich hatte doch ein Anliegen!) kleine gewundene Sträßchen hoch zum Dilgerhof.

So richtig frisch war die Luft nicht, sondern eher latent gewitterschwanger, aber doch besser als im Tal. Empfangen wird man übrigens von einem eigenartigen Wurzelholzgesellen.

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Ich näherte mich der Vesperstube bzw. der vorgelagerten großen Terrasse des großen Bauernhauses und wurde vom lauten Bellen des Hofhunds Strolchi empfangen. Zwei süße kleine Mädchen, die am/im Brunnen spielten, begrüßten mich freundlich-aufmerksam mit den Worten, dass ich den Hund nicht streicheln dürfe, wenn er knurrt. Nein, natürlich würde ich nicht! Ob die beiden dort wohnten? Nein, sie waren auch nur Gäste, aber äußerst kommunikativ und besorgt um das Wohl der Neuankömmlinge. Ich musste lachen über die nette Begrüßung und alle anderen auch, die Eltern der Mädchen, ein einzelner männlicher Gast und die Wirtin. Schon war ich in den Kreis aufgenommen und fühlte mich in einem privaten Freiluft-Wohnzimmer.

Eine Bank mit Aussicht war gerade richtig für mich – und da war sie wieder, die kuhstallgeschwängerte Luft, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, vom Bauernhof gegenüber. Von der Terrasse führt eine Tür direkt in den Kuhstall und heraus kommen all die typischen Aromen, auch wenn das Vieh tagsüber natürlich draußen weidet. Auditiv wird das Ganze untermalt von kräftigem Brunnenplätschern.

Die Speisekarte ist übersichtlich, es gibt vier verschiedene Vesperteller, mit Schinken und Speck oder Schinken und Käse oder ein Bauernvesper, für das ich mich entschied (die vierte Variante habe ich vergessen). Es besteht aus drei Sorten Wurst, einer dicken Scheibe Schwarzwälder Schinken, einer Scheibe Speck und einer Gewürzgurke, dazu gibt’s Senf und selbstgebackenes Bauernbrot.

Einfacher geht’s kaum. Nicht mal Wein oder Bier kann man bestellen, der Hof hat keine Genehmigung dafür, wie ich erfuhr. Aber ich sah, dass der Mann schräg gegenüber ein leeres Schnapsglas vor sich stehen hatte. Vermutlich wird dort Kirsch- oder Apfelschnaps selbst gebrannt und nur selbst erzeugte Produkte dürfen angeboten werden. Mir war nicht nach Most oder Apfelsaft, also entschied ich mich für Zitronenlimonade – ein Getränk, das mich auch an Kindertage erinnerte.

Auf der Vesperkarte bekommt man gratis eine Essanleitung mitgeliefert…

Ein rustikales Holzbrett als Unterlage und ein scharfes Messer sind die einzigen Zugeständnisse an die Zivilisation – ach nein, der in Plastik eingeschweißte Senf wirkte irgendwie fehl am Platz, er hätte ein kleines emailliertes Tontöpfchen verdient. Fast fühlte ich mich aber beim Essen tatsächlich wie eine Bäuerin, die gerade am Feldrand eine Vesperpause einlegt.

Allerlei Tierisches begleitete mich beim Essen: Zig Fliegen versuchten auf den Wurstwaren zu landen und einige schafften es auch kurz, bevor ich sie verscheuchte. Strolchi, obgleich auch eine Art wohlgenährte pralle Wurst, hatte inzwischen zu meinen Füßen Platz genommen und schaute mich unentwegt aus treudoofen Hundeaugen an, abundzu fügte er ein dezentes Fiepen bei oder legte den Kopf noch etwas schiefer und als auch das nicht half, machte er durch kurzes aufforderndes Bellen auf sich aufmerksam. Als ich die Wirtin fragte (wohl wissend, dass ich mein Vesper ohnehin nicht schaffen würde), ob ich dem Hund etwas geben dürfe, verneinte sie mit den Worten, ich würde das Tier dann gar nicht mehr loswerden und keine Ruhe haben.

Zur Linken hatte ich also den (unscharf abgelichteten – nein, er hat sich bestimmt bewegt!) Hund und zur Rechten auf der Eckbank besuchten mich öfter die beiden strahlenden und neugierigen Mädchen, indem sie barfuß herumtänzelten und mit mir fraternisierten. Die Eltern ermahnten sie bisweilen, sie würden „der Frau“ die Aussicht wegnehmen und mich stören, aber ich konnte sie beruhigen, dass das nicht der Fall war. Während einer Kinderpause promenierte eine schwarze Hofkatze gemessenen Schrittes in guter Sichtweite den Feldweg-Laufsteg unterhalb der Terrasse entlang und präsentierte, natürlich ohne zu gucken, ob wir gucken, eine frisch gefangene Maus, die im Maul noch zappelte. Dahinter spielten ein paar Ziegen im Gras. Weiter hinten, über den höheren Schwarzwaldlagen, zuckten ein paar Blitze und ab und zu grollte Donner herüber. Friedlich-gemütlich, das aus der sicheren Ferne beobachten zu können.

Später kamen noch mehr Gäste, aber mit allen war man sofort im Gespräch, zumindestens wechselte man ein paar Worte, wenn es sich ergab – eine richtige Hofgemeinschaft, bestehend aus Anwohnern, Ausflüglern wie mir, Radfahrern in Profikluft und einer Gruppe Geschäftleute, die den Abend hemdsärmelig verbrachten und trotzdem nicht ganz von den Geschäften lassen konnten.

Als ich zahlte (4,80 Euro kostet das Bauernvesper, 2 Euro eine große Flasche Zitronenlimonade), warf mir die Wirtin ein „Papierle“, mit Fragezeichen am Ende, zu. Ich verstand nicht. Das zweite „Papierle“ sprach sie mit Blick auf meinen Schinken- und Speck, den ich fast nicht angerührt hatte. Ach so, mein kuhstallgeruchbenebeltes und landluft-beruhigt-verlangsamtes Hirn begriff: Ob sie’s einpacken soll zum Mitnehmen! Wie nett.

Ach so, ob’s geschmeckt hat? Na ja, war schon okay, der Schinken etwas sehr kauintensiv, alles sehr rustikal, aber es passte und war mir auch eigentlich nicht so wichtig wie die kleine Auszeit an sich.

Tatsächlich hatte ich kaum gedacht während meines Aufenthaltes dort. Auch mal schön. Dann warf ich die Zeitmaschine an und kehrte zurück in die im Kontrast doch beinahe großstädtische Freiburger Welt.

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