Eine Pferdekutschenstation – Palma

Das Touristenkutschenpferd – mallorquinischer Wermutstropfen oder: Hierbas mit bitterem Beigeschmack

Ich war auf der Suche nach einem Touristenbüro in Palma (nein, ich wollte keine Kutschfahrt unternehmen, sondern nur aktuelle Infos und Adressen von Autovermietern). Ein netter Herr, Wachmann am Palau de Consell, wies mir den Weg. Nun stand ich nahe der vermeintlichen Adresse und… sah den Schimmel. Beziehungsweise einen jungen Mann, neben- oder vollberuflicher Touristenkutscher, der nicht nur „seine“ Kutsche mit kaltem Wasser aus einem Schlauch abspritzte, sondern, ist doch auch so praktisch, „sein“ Pferd gleich mit (nein, menschlische Schicksale vergesse ich nicht – und trotzdem!).

Ich hatte noch nie zuvor im Leben ein zitterndes Pferd gesehen. Doch dieses Pferd zitterte nicht nur, es schlotterte. Vor Schreck vergaß ich, dass meine Kamera auch Video kann. Sonst könntet ihr es auch sehen.

Ich sah den Kutscher an, sicher hatte ich meinen bösesten Blick drauf, gemischt mit Ungläubigkeit (leider bin ich eine schlechte Schauspielerin). Dann wandte ich mich vorsichtig von vorne dem Schimmel zu. Ganz vorsichtig, denn er trug ja Scheuklappen und wie man weiß, sind Pferde, diese großen und auch stolzen archaischen Wesen, ängstliche Fluchttiere, die es gar nicht mögen, wenn man sich ihnen von hinten nähert. Aug in Aug standen wir uns dann gegenüber. Wie ferngesteuert, automatisch, mich selbst dabei durchaus und auch mit leichter Verwunderung wahrnehmend, begann ich, mit dem Tier zu sprechen, bevor ich mich mit meiner Hand näherte. Ein kurzes Kopfheben des Schimmels und der Bann war gebrochen. Wir sahen uns an und ich streichelte und redete und streichelte und redete und streichelte und redete. Ja, lacht nur, die Tränen standen mir in den Augen. Ich hatte das unbedingte Gefühl, der Schimmel, so arm dran, hatte wenigstens ein paar Minuten, die ihm vielleicht den Glauben an die Menschheit wiedergaben und wenn nicht, dann doch ein klitzekleines bisschen Zuwendung. Kitsch, Pathetik, mir doch egal, was ihr denkt.

Ein Wort von links. Aha, der Kutscher wollte das Pferd weiter abduschen. Warum? Sicher war es von den vorangegangenen Fahrten mit übergewichtigen Touristen nassgeschwitzt. Darf man das? Ein Pferd mit kalten Wasser abspritzen? Ich habe zu wenig Ahnung vom Umgang mit Pferden, aber ich sah ein Tier mit gesenktem Rücken wie ein überzüchteter Schäferhund mit Hüftdysplasie und mit struppigem Fell, das am ganzen Leib schlotterte und wie ein geschundener Gaul auf mich wirkte. Und ich fand das nicht normal. Beiseite gehen sollte ich. Aber, Senor, sooo einfach mache ich den Weg nicht frei! Ich grub mein bestes, mehr oder weniger radebrechendes Spanisch aus und fragte, warum er das täte. Er antwortete mit fatalistischer Gebärde, na ja, wenn er die Kutsche säubere, könne er das Pferd ja gleich mit waschen. Ich: Aber das ist doch grausam, das Pferd friert und zittert doch am ganzen Körper, es ist doch offenbar eine Qual für das Tier! Er daraufhin lakonisch (in Spanien werde ich immer für eine Französin gehalten, offenbar habe ich beim Spanischsprechen einen französischen Akzent): C’est la vie! Begleitet von einem leichten Kopfschütteln. Ha, mais une vie dure, ein hartes Leben, entgegnete ich mit zynisch-verzweifeltem Unterton.

Sollte ich einen Aufstand machen? Sollte ich mich stur stellen und mich notfalls auch von dem kalten Wasser treffen lassen oder sollte ich dem bösen Spiel seinen Lauf lassen? Wo sollte, könnte ich mich beschweren und was für einen Nutzen hätte dies? Ich verabschiedete mich mit zärtlich-tröstenden Worten vom Pferd, das sich auch schon wieder auf den Weg machen musste, seiner Pflicht nachkommend, ohne jede Wahlfreiheit.

Ach, wie romantisch, so eine Kutschfahrt!

Der nächste Passant fand dann für mich auch das i der Touristeninformation, in direkter Sichtweite.

Richtige Freude empfand ich an diesem Tag nicht mehr, sondern stolperte betroffen durch die Stadt. Und jetzt, mit etwas Abstand, werde ich doch agieren und mich mit der zuständigen Stelle – so ich sie finde – in Verbindung setzen. Man darf nicht alles dulden.

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2 Antworten zu Eine Pferdekutschenstation – Palma

  1. GuenR. schreibt:

    Bitte rufe mich an oder maile mir..deine Reportage macht mich noch sprachloser..
    habe ähnliches im Oktober 2013 erlebt. Werde im nächsten Jahr eine Reportage über die geschundenen Kutsch -Pferde von Palma machen.
    Liebe Grüsse
    GuenR.
    http://www.dewaworld.de

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