Fronleichnam und Oberlindenhock

Heute (nein, gestern, ist ja schon nach Mitternacht) Nachmittag war mir danach, mich gen Altstadt aufzumachen, wenngleich der Wind gar stark blies, jedoch die Sonne von Zeit zu Zeit die fliegenden Wolken durchbrach und auch die Temperatur durchaus nicht frösteln ließ.

Also stiefelettete ich los, doch in der nicht sehr frohen Erwartung einer menschenleeren Innenstadt, denn schließlich war ein Feiertag, Fronleichnam (Entschuldigung, ich muss das sagen: Wir nannten das früher „Happy Kadaver“). Dann wunderte ich mich über die viele Bewegung – da rührte sich ja doch etwas! Nun ja, im Sommer, wenn die Touristen einfallen, ist Freiburg am lebendigsten, und so war es heute: Franzosen, meist in Formation von zwei, drei Paaren, amerikanische Familien in Shorts und Turnschuhen, italienische Gruppen, der Menge nach zu urteilen, en bloc Reisebussen entsprungen – und alle erfüllten die Gassen mit ihrem babylonischen Sprachgewirr, so wie ich es mag (einer der Gründe, warum ich hierhergezogen bin nach einem Test, nur ist ja nicht immer Sommer).

Aber das war nicht alles. Nanu?! Blumenschmuck auf dem Bürgersteig, der einen Umwegschritt übers Bächle erforderte, um nicht respektlos hinaufzutreten und das Werk zu zerstören (meine persönliche Empfehlung an die weiblichen Freiburgbesucher: für solche Fälle keine engen Röcke wählen; für die fotografierenden unter ihnen gilt dies umso mehr).

Ein oft passiertes Kreuz, heute festlich dekoriert, und die ohnehin schöne Fassade des Bischöflichen Ordinariats in vollem Schmuck.

Statt der Fenster traf ich auf Psalmsprüche. Ganz beeindruckt, flanierte ich weiter durch die gar nicht leeren, ja ziemlich geschäftigen Gassen, noch dazu an einem Feiertag! Nun, ich wusste schon, dass demnächst der Oberlindenhock stattfinden würde, ein Straßenfest mit Wein, Weib, Gesang, sorry, mit Kulinarischem und Musik.

Aber ich hatte verdrängt, dass heute der Aufbau stattfinden musste, wenn es morgen losgehen soll!

Oh, hier wird’s eng, sehr eng, die Brust wird eng, wenn die LKWs sich einen Weg bahnen wollen! Die Reifen erzeugen unschöne Geräusche im Chor mit dem Trottoir.

Aber in den Schwarzwaldtälern ist es schließlich auch eng. Enge ist doch geradezu ein Markenzeichen hier. Oder?

Er hier bekommt noch Luft, noch sind die Wände nicht zusammengefügt.

Allenthalben wird zusammengebaut, gebohrt, geschraubt – und wer nichts zu tun hat, schaut zu.

Die Freiburger Bächle im Oberlinden-Bereich werden sozusagen überdacht, für die Büdle. Wer will schon seinen Wein oder sein Bier trinken mit einem Bein im Wasser? Obwohl, das wäre ja vielleicht gar nicht so übel für Manche, zur Ernüchterung?

Wie auch immer: Die Holzbretter (gibt es auch Bretter, die nicht aus Holz sind? Grübel, ich glaube, das zu beantworten, erfordert etwas Recherche) sind nicht zu überfahren während des Hocks (die meisten Besucher stehen übrigens und hocken nicht – solange sie es können!). Andere Bretterbuden sind schon fertig oder fast fertig und der allgegenwärtige Getränke-Brüstle wirbt mit einem Schwarzwald-Mädle.

Ach, was dieser als langweilig vermutete Spaziergang so alles bot! Ich erhaschte auch einen Blick in ein offenes, aber wegen Fronleichnam doch dunkles Lokal und sah ein Schwarzwaldpüpple mit rotem Bollenhut. Den roten Hut trugen übrigens traditionell die unverheirateten, den schwarzen die verheirateten.

A propos Tradition: Huch, der Papst lächelt vom immer noch teilweise eingerüsteten Freiburger Münster auf seine Schäfchen und die Freiburger Bächle hernieder! Salve! Im September ist es ja soweit. Da wird Freiburg endgültig weltweit bekannt werden, nicht nur als Ökostadt mit grünem salomonischem Oberbürgermeister…

Aber bis dahin fließt noch viel Wasser durch die Bächle. Wer mag, darf seinen Kindern auch kleine Schwimmspielzeuge kaufen, das kommt immer gut und entlastet auch die Eltern, die während der Kinderspiele bei einem kühlen Getränk verschnaufen können. Aber ich schweife ab. Mich überkam ein leichter süßer Hunger und ich erstand ein Erdbeertörtchen, vielleicht, weil es doch irgendwie einem (wenngleich jungfräulichen) Bollenhut ähnelt? Oder weil auf Qype im überschwänglichen Übermaß von Erdbeertörtchen berichtet wird?! Wer weiß das schon, mein Unterbewusstsein verweigert die Aussage. Dann machte ich mich auf den Heimweg.

Nach diversen Schlenkern beschloss ich, noch einmal zu meinem Ausgangspunkt zurückzukehren. Und das war gar nicht so schlecht, denn nun bot sich mir ein wieder anderes Bild: Links bauten die Hock-Menschen weiterhin auf und rechts bauten die Helfer des Erzbischöflichen Ordinariats mit ihren Besen den Fronleichnamsschmuck wieder ab.

Fronleichnam ging dem Ende zu. Das Kirchliche machte dem Weltlichen Platz oder: Beides ging fließend ineinander über, gehörte zusammen, anscheinend konkurrenzlos, wenn auch nicht unbedingt verbrüdernd. So kam es mir vor.

Dann lachte mich der Papst wieder an. Von der Hauswand eines Wohngebäudes. In direkter Nähe ein Baustellenschild, das auf eine Baustelle in wiederum direkter Nähe hinwies.

Sogar manches Gässle ist nicht mehr begehbar. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wann hatte es jemals (oh, pardon, lebe hier ja erst drei Jahre und vier Monate und werde als Nicht-Bobbeline eh nie wirklich auf- und ernstgenommen – haha, will ich das denn noch?) so viele eingerüstete Häuser gegeben? Wenn der Papst und die Weltpresse kommen, muss Freiburg noch vorzeigbarer sein, als es sich ohnehin gebärdet/gebiert/geriert (Fehler beabsichtigt, um Angriffsflächen zu bieten).

Wie auch immer: Ich habe heute viel Holz, Bretter und Brüstle gesehen. Und dann, auf dem Rückweg nach Hause, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt, ruhte sich ein Paar mit einem circa siebenjährigen Sohn aus: Er saß mit dem Sprössling auf einem, sie auf dem anderen schattigen Fenstersims eines Geschäfts. Der Junge, wie altersüblich mit zuviel Kraft gesegnet, nutzte den Vater als Trainingsgerät, woraufhin der erwiderte : „Ich bekomme Muskelkater in meinen Brüsten!“ Huch, ich hörte noch nie einen Mann von seiner Brust im Plural sprechen und musste mich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.

Zuhause angekommen, riss ich das Papier von meinem zuvor (in der Kolbenakademie) gekauften und durch den Transport in der Handtasche leicht zerdetschten Erdbeertörtchen auf, fotografierte es, schloss die Kamera an den PC an und verzehrte das Törtchen. Um dann festzustellen, dass das Foto unscharf war. Nun, manchmal muss man einen hohen Preis für zu viel Ungeduld zahlen. Oder lernen, dass Ungeduld keine Tugend ist. Ach, ich weiß auch nicht. Es hat gut geschmeckt!

Dieser Beitrag wurde unter Freiburg und Umgebung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s