Villa Gaidello, Cucina casalinga und romantische Zimmer auf dem Land

Ich merke bei meinen Bewertungen hier wieder einmal, dass ich die meisten Hotels in meinem bisherigen Leben nur zur Zwischenübernachtung genutzt habe, auf Neudeutsch zum Stopover, denn eigentlich bin ich Ferienwohnungs-/haus-Liebhaberin, weil ich im Urlaub die größtmögliche Freiheit brauche. Mehr als sechs Tage Hotel- oder Pensionsurlaub hintereinander habe ich noch nie verbracht. Aber hier, in der Villa Gaidello, kann man im Grunde täglich aufs Neue wählen, was man möchte: Völlig autarke Selbstversorgung oder Übernachtung mit Verpflegung (aber fürs Abendessen bitte rechtzeitig reservieren!). Die Zimmer sind nämlich keine, sondern im Grunde Ferienwohnungen, in denen es sich auch gut länger aushalten ließe (beim Googeln habe ich eben aber herausgefunden, dass es tatsächlich auch ein paar normale Zimmer ohne Kochgelegenheit gibt, etwas vom Hauptgrundstück entfernt).

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Der Agriturismo liegt 25 KM von Bologna und 10 KM von Modena entfernt und wird seit rund 30 Jahren von Signora Paola Bini geführt. Die alte Dame (meines Wissens Mitte bis Ende 70) hat noch zwei Schwestern, von denen eine in den USA einen ähnlichen Betrieb leiten soll – ich kann nur sagen, das war frühe Emanzipation!
Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber wenn ich die Autobahn durch die Po-Ebene fahre, werde ich immer schläfrig wegen des Mangels an Abwechslung: überall plattes Land, vereinzelte verfallene leer stehende Bauernhöfe – ein Stück Italien, das mich nicht verlockt, von der Autobahn abzufahren (abgesehen von schönen Städten, deren Existenz man nur ahnt), die Zeit vergeht nicht und meistens ist das Wetter auch noch trüb und es geht langweilig immer geradeaus; der schmucklose Mittelstreifen mit seinen ananeinandergereihten grauen Betonelementen (ist also doch kein Provisorium, wie ich beim ersten Mal dachte) gemahnt daran, dass man bei mangelnder Konzentration leicht auf die Gegenfahrbahn geraten kann und nur ein knallorangefarbener Autogrill unterbricht abundzu die Ödnis.
In diesem Niemandsland sollte man doch mal den Versuch wagen, Seitenwege zu fahren.

Il Gaidello, so der Name des Agriturismo, bzw. der Hotelrestaurantkomplex Villa Gaidello, ist auf jeden Fall einen Abstecher wert. Wenn man von Castelfranco Emilia abbiegt, denkt man zunächst noch „Oh je, was soll ich hier im flachen Ackerland, vor allem im September, wenn alles schon abgeerntet ist?“, aber spätestens nach der Einfahrt auf’s Gelände fühlt man sich dann doch versöhnlich gestimmt (nur, wer’s mag, natürlich; Luxus- und Hightechfans, bitte Back-Taste drücken). Landleben pur, alte Gebäude, unmerklich restauriert von außen, wenn überhaupt; kein aufgesetzter Parkschnickschnack, sondern eine ländliche „Garten“wiese mit Teich, ein paar Kübelpflanzen, schönen Bäumen. Ich fühlte mich dort immer in meine Kindheit auf dem Lande versetzt.
Die Rezeption ist geradeaus im Hauptgebäude, in dem sich auch das Restaurant befindet. Beim zweitenmal war die Chefin gerade nicht da und ein Angestellter nahm uns zwar freundlich in Empfang und bot einen Kaffee an, war aber offensichtlich nicht befugt, uns schon zu unserem Zimmer zu geleiten, also mussten wir auf Signora Bini warten. Die dann glücklicherweise auch bald kam. Am Tisch sitzend, erledigten wir – ganz in Ruhe, piano piano – die Formalitäten. Ja, die Chefin hat schon ihren Stolz und bevorzugt nach meiner Meinung Gäste, die ihr Anwesen und die spezielle Atmosphäre auch wirklich zu würdigen wissen und gern mal ein persönliches Wort mit ihr wechseln.

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Über die „Zimmer“ waren wir beide Male höchst entzückt. Es waren Apartments, das eine mit riesiger neuer hölzerner Einbauküche inklusive Geschirrspülmaschine (also auch für einen längeren Aufenthalt gedacht), das andere mit einfacher älterer Kochnische. Und beide waren überaus charmant, die Betten in den Schlafzimmern antik (die Bettkanten so hoch, dass ich als eher kleiner Mensch mit den Beinen überm Boden baumelte, wenn ich auf der Bettkante saß), die Bäder mal modern, mal unrestauriert, aber nett und sehr individuell – beide Wohnungen fanden wir einfach toll und urig und es gab darin jede Menge schöner Details und Dekogegenstände zu entdecken.

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Draußen im Garten lässt es sich auch gut aushalten, man kann die Schwäne (oder waren es Gänse? Alles habe ich doch nicht im Kopf) im Teich beobachten, mit den Katzen spielen oder sie dabei beobachten, wie sie versuchen, Schmetterlinge zu fangen, oder es passiert einem im Halbdunkel schon mal, dass einen eine vorbeihuschende Fledermaus am Arm streift – hui! Oder aber man erfreut sich einfach daran, wie die Köchinnen und Kochgehilfinnen (alles in weiblicher Hand dort, wie ja oft in Italien – oft haben noch die Köchinnen das Sagen und nicht die Köche) sich ab nachmittags draußen schon an die Vorbereitung der Speisen à la Cucina Casalinga, also Küche nach Hausfrauenart, machen.

Womit ich beim Essen, beim Restaurant angelangt wäre. Es gibt nur ein Menü täglich, man hat keine Wahl (Vorsicht, Vegetarier oder gar Veganer, ihr könntet nur circa die Hälfte zu euch nehmen!). Das erste Mal wurde uns ein Tisch auf der Empore zugewiesen, klein und gemütlich. Aber – ein Schock: Jedes Gedeck bestand aus sechs dickporzellanigen weißen Tellern übereinander. Wir bekamen einen leicht hysterischen Lachanfall ob der Anzahl der Gänge (dabei kam später noch ein weiterer Gang hinzu, aber das wussten wir ja noch nicht), doch die von den anderen Gästen – ausschließlich Italiener – ausgestrahlte Zuversichtlichkeit und Entspanntheit stimmte auch uns frohgemut. Na ja, und dann wurde aufgefahren, nach italienischer Hausfrauenkunst der Region: Verschiedene Antipasti (superlecker die süßsauren Zwiebelchen, in Aceto di Modena eingelegt;, man kann sie vor Ort auch im Glas kaufen), dann Tortellini in Brodo (Fleischbrühe), anschließend zwei verschiedene Pasta- und danach zwei Fleischsorten (Huhn und Kaninchen) mit Gemüse (mal mariniert, mal ausgebacken, je nach Gang, ich erinnere mich nicht genau) und zum Schluss noch ein Kuchen und ein weiteres Dessert, an das ich mich leider auch nicht mehr erinnere. Angenehm fand ich, dass die Gerichte in Schüsseln und auf Platten auf dne Tisch kamen und man sich selbst die passende Menge nehmen konnte.
Beim zweiten Mal war es übrigens nicht anders, nur saßen wir da im Erdgeschoss im hinteren Raum, der wie ein Wintergarten wirkt, etwas weniger intim, aber auch schön und luftiger.

Uns hat die einfach-ländliche traditionalle Küche, aus frischen Zutaten und nach alten Rezepten frisch zubereitet, vorzüglich geschmeckt. Im nicht unbedingt niedrigen, aber meines Erachtens angemessenen Preis inbegriffen ist eine Flasche regionalen Weins (ich weiß nicht mehr, ob pro Person oder für zwei). Da der regionale Wein ein Lambrusco ist (nein, nicht der Billigwein aus der Jugend, aber ich mag ihn trotzdem nicht, weil zu bitzelnd-frizzante), fragte ich, ob ich einen anderen Rotwein bekommen könnte. Kein Problem, und das ohne Aufschlag, obwohl wir die andere Flasche schon geöffnet hatten). Zum Dessert wurde uns beim ersten Mal eine Flasche Ramazotti auf den Tisch gestellt zur freien Selbstbedienung, beim zweiten Mal eine Flasche leckeren Walnussweins.

Das Frühstück, das wir uns ins Apartment bringen ließen, war, ähm, ungewöhnlich. Abgesehen von den Getränken bestand es aus einem noch warmen, äußerst zuckrig-fettigen, aber nichtsdestoweniger köstlichen runden flachen Kuchen.

Für mich war die Villa Gaidello eine Art Oase und ein Zwischenstopp nach Süditalien, bei dem man alle Alltags- und Jobsorgen im Nu abstreifen konnte. Wenn ich mal wieder mit dem Auto gen Süditalien unterwegs sein werde, werde ich bestimmt wieder dort einkehren und den Urlaub dort beginnen lassen.
Für Städteurlauber, die sich Modena und/oder Bologna in Ruhe ansehen wollen, könnte der Agriturismo auch ein schöner Ruhepol sein.

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