Irgendwo an der Goëlo-Küste

De la grisaille sans tristesse oder: Grau muss nicht trist sein

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Der Anreisetag war heiß gewesen, der erste Urlaubstag gemischt und am dritten beschlossen die Wolken, der Sonne fast gänzlich den Durchblick zu verweigern. Trotzdem war ich gut drauf, war ich doch der Canicule, der unerträglichen Hitze in Deutschland entronnen. Eine Hitze, bei der man in seiner abgedunkelten Wohnung verharrt und den Sommer erst abends als solchen nutzt. Hier, an der Küste des Goëlo im nordbretonischen Département Côtes d’Armor, konnte ich raus, atmen, mich bewegen.

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Die Goëlo-Küste zieht sich von Saint Brieuc bis Paimpol, der Hauptstadt des Goëlo, und der Île de Bréhat. Der Sage nach haben im Goëlo Meer, Küste und Land einen Liebespakt geschlossen. Hier taucht, im Rhythmus der Gezeiten, das Armor, das Meer, mit jeder Flut tief in das Argoat, das Land, ein. Bei Ebbe zieht sich das Meer sehr weit zurück, um dann erneut mit manchmal gewaltigen Brechern zurückzukehren, die Buchten einzunehmen und gegen die Felsen zu schlagen. Armor und Argoat verbinden sich friedlich, sind sich treu und dann streiten sie sich wieder. Immer im Wechsel und nie ohne Leidenschaft, eingetaucht in dramatisch wechselndes Licht. Dieses Stück Meerland machte unter anderem Pierre Loti mit seinen Roman „Islandfischer“ bekannt. Und der Künstler Eugène Boudin, einer der ersten Freiluftmaler und Wegbereiter der Impressionisten, fing die Landschaft mit dem Pinsel ein.

Von Plouha aus fuhr ich wie üblich die kleinsten Seitenstraßen, bis es nicht weiterging. In der nahen Ferne sah ich das Meer, während ich auf dem feuchten Erdboden oder über Gras den alten Zöllnerpfad Richtung einer dicht bewachsenen Felsnase nahm. Der Boden gab leicht nach, meine Schritte bekamen einen federnden Akzent. C’est tonique, ça! Ich grüßte meine ewigen Wegbegleiter, die stoischen Kühe, während ich sie passierte.

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Die Wärme der letzten Tage schwang noch nach, der ab und zu vom grauen Himmel kommende Crachin, der bretonische Spuckregen, war wie eine kleine Erfrischung. Meine Jacke hatte ich nur um die Taille geschlungen, zum Wärmen brauchte ich sie nicht und das bisschen Feuchtigkeit auf der Haut war wie ein Vaporisateur der natürlichen Art, meerluftgeschwängert. Manche kaufen so etwas in Flaschen.

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Nun führte der Sentier des Douaniers ein kleines Stückchen bergan. Ich ging zügig, auch beim Aufwärtsgehen, weil es mich spüren ließ, dass meine Beinmuskeln noch lebten nach den anstrengenden letzten Tagen, dem fehlenden Sport der letzten Zeit. Ich war noch am Leben, hatte noch Kraft. Gerade als mich das dunkle feuchte Grün der Hügelkuppe empfing, intensivierte sich der Sprühregen und ich suchte Schutz unter einem einladend ausladenden Baum.

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Es roch nach Erde und Pflanzen. Stille, die feinen Regentropfen hinterließen keine Tonspur. Allein auf der Welt war ich. Na ja, auf jeden Fall hier.

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Außer mir kam wohl niemand auf die Idee, bei diesem Wetter auf Küstenwegen jenseits der ausgeschilderten Routen spazierenzugehen. Ich drang ein wenig tiefer ins Dickicht.

Dort waren Erdlöcher…

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und Höhlen, die in Bunkerruinen führten.

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Überall an der Küste diese Betonmahnmale, die an den Feind erinnern, und an die Rettung. Und aufs Heute Bezug nehmen.

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Gute Verstecke geben die Bunker immer noch ab, wenn man sich hineinwagt ins modrige Bemooste, Befarnte und sicher auch von diverser Kleinfauna besiedelte Unerwartbare.

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Lieber riskierte ich nur Blicke und ging weiter bis fast ans Ende dieser Art Halbinsel, erreichte den höchsten Punkt und gewann fast einen 180-Grad-Blick auf die Küste links und rechts neben mir.

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Ein Boot näherte sich und blieb dann regungslos stehen. Der Mann darauf sah zu mir hoch. Ich wandte mich um und wieder den Bäumen zu.

Was der Mann wohl bei dieser grauen See mit dem Boot vorhatte? Es war kein Fischerboot, sondern nur eine kleine Schaluppe. Wenn ich nicht auf einen Zweig trat, war auch ich lautlos, wie dieser Tag, mit meinen Turnschuhen auf dem dichten Velours.

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Elfenhaft wand ich mich unter Zweigen hindurch. Ein Zauberwald, in dem es sogar Fische gab,

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merkwürdige Ast- und Wurzelgebilde,

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geschlungen, verschlungen, zwischen Manierismus und Surrealismus und irgendwie giacomettihaft,

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und andere Formen.

In den Blattdachleerstellen trafen mich ein paar Tropfen. Würde ich es bemerken, wenn ich doch nicht allein wäre? Vielleicht hatte sich jemand in einer der Bunkerhöhlen versteckt. Aber warum? Es müsste schon ein Gesuchter sein. Doch wieso sollte er mir gefährlich werden, ich bräuchte ihn ja nicht zu verraten. Diese Luft, was war in der Luft außer Wasser und einer Spur Salz? Und wenn mir plötzlich jemand entgegenkäme, der genauso durchs Unterholz streicht wie ich, auf Samtpfoten quasi. Was wäre dann? Es käme drauf an. Merlin, ein Pirat – es patroullieren ja keine Zöllner mehr auf den Pfaden, die mögliche Piraten ausfindig machen könnten –, ein Ritter, ein Jäger, ein Wildhüter… Nun, ich bin nicht aus gutem englischem Hause, was aber ja auch keine zwingende Voraussetzung wäre. Spannend wäre das. Vielleicht. In dieser Luft. Jetzt. Côtes d’Amor, Côtes d’Amour. Eigentlich sind Lustgärten angelegt, doch das hier waren keine heiteren Rabatten, hier herrschte eher das Ungezähmte.

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Alles leicht morbide, die Liebeslauben in die Tiefe statt in die Höhe gebaut. Aufregend unheimlich. Gemacht für leidenschaftliche Melancholie, für melancholische Leidenschaft.

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Nachdem ich genug hatte vom Zauberwald und seinen Winkeln, machte ich mich auf den Rückweg. Kaum verließ ich das Gehölz, nahm ich einen Mann wahr. Ein Wanderhüne, das mittelblonde Haar vom Regen leicht derangiert. Er stand halb mit dem Rücken, halb seitlich rechts vor mir am Rand des Wäldchens, mit Rucksack und diversen umgehängten Kleidungsstücken für den bretonischen Allwetterzwiebellook. Den Blick schwer vertieft in seine Wanderkarte. Zu gezähmt für eine Passion nach Art des Goëlo. Unbemerkt schwebte ich an ihm vorbei und nahm noch einen Meerblick mit.

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