Kaiserstuhl, ohne Kaiserwetter

Vorgestern mittag zog es mich nach draußen, doch kaum hatte ich getankt und konnte beruhigt weiterfahren, verschwand die Sonne – etwas früher als von der Wettervorhersage angekündigt. Gemein! Wie geplant, fuhr ich trotzig dennoch Richtung Kaiserstuhl, aber nachdem ich mir in Ihringen (übrigens angeblich der wärmste Ort Deutschlands) wegen akut einsetzenden überaschenden und etwas verfrühten Magenknurrens in einem Café einen riesigen Brownie gekauft und nach dem kleinen Bummel durch den menschenverlassenen Ort eiskalte Hände hatte, wäre ich am liebsten wieder heimgefahren, um gemütlich auf dem Sofa Tee zu trinken. Ich beschloss, nur noch eine kleine Schleife zu fahren und dann umzukehren – frau ist ja flexibel und muss nicht durchziehen, was sie sich vorgenommen hat.

An einer Weggabelung entdeckte ich dann eine große Schar von Krähen, die im sich ständig veränderten Licht landeten und abhoben – es sah toll aus! Ich hielt an, um ein schönes Foto zu schießen, aber Pustekuchen, die Viecher machten, was sie wollten, die Sonnenstrahlen auch, und nie mehr bot sich ein so schönes Bild wie kurz vorm Anhalten. Da stand ich nun, leicht frustriert, und schaute mich um. Ach, da führte doch eine winzige geteerte Straße direkt in die Weinberge. Also, wenn ich schon mal da war, konnte ich mir das doch nun auch noch kurz antun, also nichts wie hinauf. Ich schraubte mich in die Höhe, um hier und da anzuhalten und die Aussicht über die Rebterrassen und bis hinüber in den Schwarzwald zu genießen (die Vogesen auf der gegenüberliegenden Seite waren aufgrund der Wetterlage so gut wie unsichtbar).

Bei jedem Anhalten und Aussteigen umfing mich die nasskalte Luft und meine Finger wurden klamm beim Fotografieren. Anfangs schaffte es hier und da noch ein Sonnenstrahl durch die Wolken, aber dann wurde es immer dunkler. Ich stellte jedoch wieder mal fest, dass – fotografisch gesehen – auch Schlechtwetterfronten ihre Reize haben und war fasziniert von dem unwirklichen Licht – und der Stille. Wer verirrt sich bei solchem Mistwetter schon in die Höhen des Kaiserstuhls?!

Doch, als ich ziemlich weit oben war, am Kreuzenbuck, tauchte aus dem graubraugrünen Nichts plötzlich ein Paar auf, das auch die Aussicht genießen wollte. Und noch etwas weiter oben, als mich neben Regentropfen nun auch ein paar Schneeflocken trafen, vernahm ich von hinten ein fröhliches „Hier sind wir!“. Die vier munteren Herren, die von ihrem geparkten Auto aus wohl ein paar Schritte laufen wollten, um Luft zu schnappen oder Weihnachtsfutter abzubauen, wollten mir signalisieren, dass ich doch besser sie als die graue Aussicht aus circa 375 Meter Höhe fotografieren solle, worauf ich erwiderte, dass ich leider leider keine Polaroidkamera dabei hätte.
Das Wetter verschlechterte sich und ich wollte schnell wieder runter vom Berg. Ich fragte die Männer, ob es auf der anderen Seite der Kuppe wieder bergab gehe, aber sie verneinten; ich müsse umkehren.

Komisch, der Weg kommt mir unbekannt vor. Und jetzt gabelt er sich auch noch. Soll ich rechts entlang oder links steil hoch? Obwohl mein Orientierungssinn einen eher guten Ruf genießt, habe ich mich offenbar verfranst. Vorsichtshalber lasse ich das Auto stehen und inspiziere zu Fuß, wohin der rechte Weg mich führt, gute Eingebung: Hinter der Kurve geht er in einen grasbewachsenen Feldweg über. Der kann es also nicht sein. Aber so steil wie der linke Weg war doch die Straße nicht, die ich hinuntergefahren bin?! Noch dazu von soviel nassem Herbstlaub bedeckt, das wäre mir doch aufgefallen! Ich gehe ein paar Schritte hinauf und fühle mich bestätigt darin, dass ich dort nie gewesen war. Also zurück. Zum Glück gibt es in dem kurvigen abschüssigen Sträßle, eher ein geteertes Wegle – im Badischen und Schwäbischen wird ja alles verniedlicht, egal in welcher Umgebung -, eine Möglichkeit zu rangieren. Huch, die Straße rechts hatte ich ja vorhin gar nicht bemerkt, aber genau die muss es sein! Und sie ist es.

Später passierte mir Ähnliches noch einmal. Komisch, ich konnte meiner Lage durchaus Amüsantes abgewinnen, grinste vor mich hin. Mein Ausflug und meine Irrfahrten hatten was Absurdes und da ich bisweilen zu Dramatik neige und eine sehr lebhafte Fantasie habe, konnte ich mich so richtig gut hineinsteigern in die Situation. Da es immer dunkler wurde, nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der Uhrzeit, schossen mir kurz diverse Gedanken durch den Kopf:

Was wäre, wenn ich hier eine Autopanne haben würde? Natürlich hatte ich wieder mal mein Handy zuhause liegen gelassen. Ich würde also keinen Pannendienst oder Freund anrufen können, sondern warten müssen, bis am nächsten Tag – möglicherweise – ein Weinbauer (auch im Winter muss man ja mal die Rebstöcke kontrollieren), ein wetterfester Radrennfahrer oder Spaziergänger meinen Weg kreuzte. Tja. Und zu trinken hatte ich auch nichts dabei, aber ich könnte es ja mal mit Regen oder Schnee versuchen. Nun ja, immerhin war da noch ein erst drei- oder viermal mal angebissener Riesenbrownie auf dem Beifahrersitz. Und ein Hustenbonbon. Damit würde ich schon die Nacht überleben. Wenn nicht die Kälte wäre. Und auch ohne Panne: Was, wenn die Niederschläge zunehmen, diese Mischung aus Schnee und Regen, was, wenn es Eisregen wird und ich deshalb nicht weiterkomme auf den abschüssigen Sträßchen? Wie war das noch mit den immer noch nicht aufgezogenen Winterreifen?! Und überhaupt, ich bin doch den gleichen Weg gefahren, den ich hergekommen bin. Komisch, der Kaiserstuhl hat sich gegen mich verschworen.

Sieht ja auch fast alles gleich aus, überall Weinterrassen, bei dem Licht alle gleich graubraun, bestenfalls durch grüne Unterpflanzung aufgefrischt. Wie las und sah ich doch vorhin auf der Tafel am Kreuzenbuck: In den 50er-Jahren war diese künstlich auf vulkanischem Boden geschaffene Kulturlandschaft noch sehr vielfältig und außer Weinreben gab es Obstbäume, Mähwiesen und Mais – schade, dass man sich weitgehend für Wein-Monokultur entschieden hat; solche Landschaften sehen weniger vielfältig und abwechslungsreich aus, von der Fauna mal ganz abgesehen. Und verirrungsintensiver sind sie außerdem…

Wie wohl diese kleinen Weinberghäuschen ausgestattet sind, ob sie nur als Unterstand für Geräte dienen oder sogar möbliert sind? Vielleicht haben sie gar eine Lagerstatt und eine Feuerstelle? Aber ich als Nichtraucherin habe weder ein Feuerzeug noch Streichhölzer dabei. Für laue Sommerabende kann ich mir wer weiß was vorstellen dort in der einsamen Stille, sofern ich nicht allein bin. Aber jetzt bin ich allein und das Wetter ist sehr ungemütlich. Ah, da ist eine Einbuchtung, ich kann wenden, puuuh, geschafft. Als ich einen Weg bergab Richtung Sasbach finde, kommt prompt die Sonne wieder durch, wenn auch nur für ein paar Minuten. Ein paar Fotos mit kahlen Reben vor Sonnenstreifen schaffe ich gerade noch, bevor sich der Himmel wieder verfinstert.

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Eine Antwort zu Kaiserstuhl, ohne Kaiserwetter

  1. Robert schreibt:

    Schönes Wetter ist natürlich – naja, schöner – aber die Fotos sind ganz toll geworden. Ich finde, die Wolken tragen zu einer besonderen Atmosphäre bei. Übrigens war ich auch in Kaiserstuhl einmal und war wettermässig auch nicht unbedingt besser als Berlin 🙂

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