Mitgehört

Ein Mann, eine Frau. Er, mit Sonnenbrille, hellem Sakko, sieht aus wie scheintot, Raucher. Sie, jünger, so Mitte 40, klein, etwas füllig, mit leicht exotischem Touch. Alles ist frei, doch der Mann will am Tisch genau neben meinem sitzen. Die Frau akzeptiert mit widerstrebend-gehorsamer Freundlichkeit. Im Gespräch schlägt sie jedoch einen leisen Ton an, während er offenbar noch eine Zuhörerin braucht.

Im letzten Jahr haben sie sich das letzte Mal gesehen. Sie hatten wohl mal was miteinander, aber nur kurz. Sieht so aus, als wollten sie es wieder aufwärmen. Jetzt, mit ihrem Besuch.

Ziemlich bald erzählt er, dass er vor ein paar Monaten eine Russin kennengelernt hat. Bildhübsch, eine angenehme warme sanfte Stimme, die ganze Frau warmherzig irgendwie und so sanft. Dazu die langen schlanken, nein dünnen Beine. Die aus Schwindel erregend hohen Stilettoschuhen ragten. Damit konnte sie sogar wandern, zwei Stunden lang, ohne Probleme. Hätte nur noch gefehlt, dass sie hüpfte.

Für jeden ein Stück Torte und Kaffee. Ach, warum die hier unbedingt diese französischen Kuchen haben müssen, man muss doch auch an den deutschen Geschmack denken, sagt er.

Mit der russischen Frau war er in Baden-Baden, weil sie es wollte, ihm lag ja nicht soviel daran. Sie sprach akzentfrei Deutsch, erstaunlich, und war auch gut im Wortwendungenerfinden, fast besser als er. Sie suchte einen Millionär, wenn’s geht, auch Multi. Ihr Ex war so einer. Immerhin hat sie das Haus, aber sie ist ja doch ziemlich auf Geld fixiert. Er, der Scheintote, hat ja ganz andere Werte. Ihr Cabrio war sehr teuer, auf Pump gekauft. Sie war wirklich eine so angenehme Person. Ihre Tochter hat er auf einem Foto gesehen und sie ist noch viel schöner als ihre Mutter. Die eigentlich aus einfachen Verhältnissen kommt. Ein bisschen verdient sie wohl mit ihrem Kosmetikstudio in Freiburg, das war sofort ihre Stadt. Sie braucht Luxus, ohne kann sie nicht leben. Die Russinnen sind wohl so. Das passte dann doch nicht zusammen. Zu ihm. Wenn jemand immer nur in den allerbesten Hotels absteigt und so. Obwohl er sie doch sonst sehr mochte. Aber eigentlich gingen alle ihre Lebensvorstellungen total auseinander. Das ging dann doch nicht.

Die Serviererin soll noch Sahne bringen. Das tut sie auch, aber er wollte doch Kaffeesahne und keine Sahne zum Kuchen. Ach, was bloß los ist, früher war der Service hier doch immer perfekt.

Aber, wann war das, vor einem Jahr vielleicht, da ging eine andere richtige Liebesaffäre zuende und das hing ihm lange nach, das war richtig schlimm. Ganz schlimm. Jaja.

Wann hatten SIE beide sich eigentlich kennengelernt? Ach ja. So war das. Sie lebt nun in Köln, größer kann der Kontrast nicht sein – zu Chemnitz, wo sie vorher war. Köln ist IHRE Stadt. Er versteht das. Obwohl gebürtiger Hamburger. Aber nachdem er in den USA gelebt hatte, empfand er Hamburg nicht nur wettermäßig als zu kühl.

Überhaupt fehlt es den Deutschen an Wärme. Ja, er spendet viel für Afrika. Auch die Südafrikaner, da hat er auch lange gelebt, sind viel wärmer. Sein Rotary-Club spendet auch für Südafrika. Aber lächerliche Beträge, da spendet er allein als Privatmann ja schon doppelt soviel. Sinn des Rotary-Clubs ist übrigens, dass man überall willkommen ist, als Mitglied, unter Mitgliedern.

Letzte Woche hat er in einer Nacht dummerweise 10.000 Euro verloren. Ach, die Aktienkurse. Na ja. Überhaupt ist er finanziell im Moment nicht sooo gut dran, sicher geht es ihr besser? Lach. Ach, ihre Selbständigkeit läuft also gut.

Kleinkariert sind sie auch, die Deutschen. Er selbst geht ja auf die Leute zu, ist herzlich. Letztens hat er in der Nähe von Freiburg an einem Bahnhof einen Schwarzen gesehen, gut gekleidet. Dann musste es wohl ein Schwarzer aus den USA sein und nicht aus Afrika. Also hat er ihn angesprochen und gefragt, ob er Amerikaner sei. Alles auf Englisch natürlich. Aber, oh je, der Mann hat ja sowas von misstrauisch reagiert, ganz schlimm. Er musste erst nachlegen, sagen, dass er in den USA gelebt hat und die Menschen dort mag und überhaupt. Erst am Ausgang taute der Schwarze etwas auf. Und gab ihm auf Nachfrage seine Handynummer. Die hat er dann auch sofort eingegeben, aber vergessen zu speichern. Nun denkt der Schwarze bestimmt, er sei doch so ein komischer Deutscher, der alles nicht ernst meint. Aber so sei er nicht, er lädt alle schwarzen Amerikaner ein, auf einen Drink und manchmal sogar zum Essen.

Dass der Service hier so nachlässig geworden ist, erstaunlich.

Schief und tief hängt er in seinem Stuhl.

Er würde ja so gern mit ihr spazieren gehen, ihr den schönsten Spazierweg Freiburgs zeigen. Schade, nun regnet es.

Dieser Beitrag wurde unter Alltägliches/Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s