Nachmittag im Stadtgarten

Heute war ich im Stadtpark. Am späten Nachmittag. Eigentlich wollte ich mit dem Rad fahren, aber ich kriegte schon wieder nicht genug Luft in das Hinterrad. Dann wusch ich mir die Hände und das war auch nötig, denn das Wasser war ziemlich schwarz, und wollte mit dem Auto zum Seepark fahren. Aber als ich am Auto war, hatte ich auf einmal keine Lust mehr dazu. Ich schloss das Auto wieder ab und dachte, ich könnte ja auch über den Alten Friedhof gehen. Das tat ich dann auch. Ich begegnete sogar einer Frau, der ich schon mal begegnet war, als die Restauratoren da waren. Und wieder genau am Grab von Caroline Christine, das heute nicht nur mit Blumen, sondern auch mit einem Apfel und einer Zitrusfrucht geschmückt war. Irgendwie verlockend sah sie aus heute. Die Tote, ich meine, die aus Stein.

Und wir redeten über das Grab und den Friedhof im Allgemeinen, die lebendige Frau und ich. Nur dass wir uns erst wiedererkannten, als wir uns wieder getrennt hatten. Dass sie es auch merkte, sah ich daran, dass sie sich zu mir umdrehte und stutzte. Komisch, dass wir das nicht schon am Grab gemerkt hatten, denn wir hatten uns ja in ein paar Wochen nicht sehr verändert. Es war die Frau, die immer Donnerstags kommt.

Dann bin ich also in den Stadtpark gegangen. Erst bin ich ein bisschen umhergeschlendert. Dabei habe ich rote Rosen in voller Blüte gesehen, nein, eigentlich hatten sie ihren Höhepunkt schon überschritten. Ein verliebtes Paar und eine mürrische alte Frau waren auch da. Aber sogar auch eine Magnolienblüte, wer weiß, woher die noch oder wieder kam.

Überall lagen Menschen auf den Wiesen und Kinder spielten auf dem Spielplatz und auch daneben. Manche waren so klein, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Dann kaufte ich mir ein Eis am Stand, wo es auch Fahrkarten gibt für die „Gondel“ hinauf zum Schlossberg, jedenfalls bis zum Restaurant Dattler. Es war das erste Eis in diesem Sommer. Für mich, meine ich natürlich. Eigentlich wollte ich Magnum temptation chocolate. Mir war danach, wahrscheinlich, weil ich es noch nicht kannte und weil ich so ein Schokofan bin. Und dann die Versuchung. Aber ausgerechnet das war aus, das Eis meine ich. Der Verkäufer am Kiosk hatte einen ausländischen Akzent, ich glaube, er war polnisch oder russisch oder jugoslawisch, obwohl, ich glaube, das darf man nicht mehr sagen. Er meinte dann, ich sollte doch ein normales Magnum nehmen. Na ja, das kannte ich von früher und mochte es ja eigentlich immer, aber dann sagte er „Frucht“ und das ging gar nicht. Zum Glück gab es aber auch noch das normale schokoladige. Ich fragte ihn, den Mann meine ich, vorsichtshalber noch nach dem Unterschied nach dem Motto „Wie wäre denn das temptation chocolate gewesen?“ Er antwortete (ich übersetze mal in richtiges Deutsch): „Das ist cremiger, das normale Magnum hat Schokoladenstücke.“ Das hat mich restlos überzeugt, denn ich mag kein cremiges Eis, das auf der Zunge so komisch pelzig wird wie Hähgen dass oder wie das Zeug heißt. Danach muss ich immer was Herzhaftes essen, manchmal eine Gewürzgurke und wenn ich es im Kühlschrank habe, noch etwas Schinken dazu, damit das pelzige Gefühl weggeht. So war es ja eigentlich ganz gut, dass das temptation chocolate gerade ausverkauft war.

Na ja, mit dem Eis am Stiel spazierte ich dann durch den Park. Ach nein, es ist ja ein Garten. Und, das hatte ich auch vergessen: Heute ging ich verkehrt herum durch den Garten. Gegen den Uhrzeigersinn. Ich glaube, das habe ich noch nie gemacht.

Eine Frau mit Kinderwagen und Kind darin stand mir halb im Weg. An der engen Stelle, wo die lilalen Blumen sind, die so künstlich aussehen. Sie guckte so komisch. Ich weiß nicht, warum man gerade hier stehenbleiben muss und fand auch, dass sie zu alt für das Kind war. Aber vielleicht war sie ja die Oma. Kurz vor ihr gingen ein paar Steinplatten nach links, als wäre da was zu sehen, aber nach vier Platten verfing ich mich im Gestrüpp und drehte doch lieber um. Dann ging ich weiter geradeaus. Auf einer Bank saß ein Mann, der mich anguckte aus dem Augenwinkel, ich ihn aber nicht. Da dachte ich, ich gehe nicht an ihm vorbei, sondern biege vorher links ab, ätsch,auch wenn ich über den Rasen gehen muss. Aber da war gar kein Verbotsschild, also durfte ich ja. Glaube ich jedenfalls. Und schon war ich am Teich. Mit vielen Enten. Rechts waren die Erpel, links die Weibchen. Komisch. Ein paar asiatische Touristinnen mit Kleinkindern aßen etwas aus weißen Plastikbechern mit einer Marke drauf, die mir bekannt vorkam. Ich fand, das passte irgendwie nicht hierher. Ich meine das Essen. Ich ging über die Brücke und leckte an meinem Eis, das übrigens ganz okay war, mich aber nicht überraschte und nicht so richtig gut schmeckte bis auf den Schokoladenüberzug und den Kern, eher wie normales Eis eben, vor allem überhaupt nicht nach Vanille, dafür war das Weiß auch zu weiß. Eigentlich hätte ich gerne ein paar Enten fotografiert und es gab auch so viele wie noch nie hier, aber sie setzten sich irgendwie nicht so hin, wie ich wollte. Geschwommen sind sowieso nur ganz wenige, obwohl gerade das ja am interessantesten ist. Finde ich jedenfalls.

Dann war ich auf einmal schon fast am Gartenausgang, aber mein Eis war noch längst nicht alle. Also guckte ich, ob eine Bank frei war. Ich hatte Glück und fand eine am Rand, aber mit Blick auf den Tümpel, ach nein, Teich, und eine kleine plätschernde Fontäne. So konnte ich es aushalten. Ich setzte mich in die äußerste rechte Ecke, um möglichst weit weg von den beiden Mädchen auf der Bank links neben mir zu sein, denn ich wollte nicht dabei beobachtet werden, wie ich mein Eis esse. Dann sah ich aus dem Augenwinkel von weitem links einen Mann in heller Jeans und hellblauem Poloshirt, der stand und guckte. Frau merkt ja aus einem Kilometer Entfernung, ob sie angeguckt wird oder etwas anderes. Ich guckte aber weiter geradeaus. Da kam der Mann auch schon näher und ich wusste, was passiert. Er blieb stehen und fragte, ob noch ein Platz frei wäre. Ja, sagte ich. War ja auch, die Bank war ja breit, und ich wollte sowieso bald gehen, denn mein Eis war ja auch fast alle.

Ich guckte in die Baumkronen und er guckte mich an. Dann fing es irgendwie an, dass wir redeten. Ich weiß auch nicht, wer angefangen hat. Wahrscheinlich sogar ich. Das passiert mir oft. Manchmal bereue ich es hinterher. Oder ich denke, warum konnte ich nur. Seine Augen waren fast so blau wie sein Poloshirt. Jedenfalls weiß ich jetzt ziemlich viel von ihm, wenn auch natürlich nicht alles und auch nicht das Wichtigste. Er weiß von mir auch was, vom Wichtigsten aber auch nichts. Wir haben uns echt nett unterhalten. Wir kannten uns vorher ja gar nicht. Das ist schon erstaunlich. Aber wir hatten so viele Gemeinsamkeiten. Er stammt ursprünglich aus Münster, also auch aus Westfalen wie ich, aber unsere Eltern kommen beide nicht daher, und wir haben sogar ein Fach gemeinsam studiert, wenn auch an verschiedenen Orten und überhaupt mag er auch Jazz und spielt sogar Gitarre und ist auch gern und oft in Frankreich und es war wirklich erstaunlich. Er hat mir ziemlich schnell gesagt, dass ich wählerisch bin. Er meinte das aber gar nicht negativ. Als ich 16 war, schrieben meine Mitschüler in einer Schülerzeitung über mich, dass ich wählerisch bin, mit Jungs, meinten sie, und es reimte sich sogar. Na ja, stimmte ja wohl auch irgendwie. Dabei höre ich doch nur auf mein Herzklopfen. Und nun er. Dabei meinte er, welche Bank, also die zum Sitzen, ich mir hier gerade ausgesucht hätte, welches Stadtviertel (das hatte er auch gleich erraten, na ja, zwei hatte er zur Auswahl, obwohl ich gar nicht so aussehe wie die typischen Bewohnerinnen dieser Stadtviertel) und welche Stadt zum Leben. Und so. Ganz Unrecht hat er vielleicht nicht. Und er fand es irgendwie gut, dass und wie ich wählte. Und dann hat er mir so viele schöne Komplimente gemacht über mein Wesen und meine ganze Person und Art und überhaupt, dass ich fast rot wurde. Es war, als würde er mich schon lange kennen, ich fühlte mich richtig ertappt. Aber aufdringlich war er trotzdem nicht.

Nur fand er es dann doch sehr schade, dass ich gehen wollte. Ich fand ihn schon auch sympathisch und wir Westfalen sind ja gar nicht so stur wie unser Ruf. Mit uns kommt man dann doch eher ins Gespräch als mit Bobbeles. Da fällt mir wieder ein, dass ich bei der Wohnungssuche in Freiburg einer Frau begegnet war, die nach acht Jahren Freibug ausgerechnet zurück nach Bielefeld wollte, wo im Unterschied zu Freiburg wohl der Bär steppt, und ich hatte sie innerlich ausgelacht, die Arme, die hier, in diesem klimatisch-kulinarisch-südlich-lässigen Paradies weder privat noch beruflich was auf die Beine stellen konnte. Woisch?!

Die Uhr vom Freiburger Münster schlug, doch ich zählte nicht die Schläge, sondern fragte ihn, den Immigranten aus Münster, wie spät es war. Er sagte “sechs” und und obwohl ich gar nicht wirklich nach Hause musste, antwortete ich, dass ich noch arbeiten musste. Warum, weiß ich auch nicht. Ich lüge eigentlich nicht oft. Bevor ich aufstand, sagte er dann wieder, dass er es sehr sehr schade fand, dass ich gehen wollte und er würde nicht nur gern länger mit mir hier sitzen, sondern auch in ein Café mit mir gehen, ob ich mir das auch vorstellen könnte (also nicht jetzt, denn ich musste ja arbeiten). Und dann schob er noch vorsichtig nach, was möglich wäre mit mir. Na ja, ich überlegte einen Moment und sagte dann, in ein Café mit ihm zu gehen, DAS wäre möglich, aber… Er dachte kurz nach, aber nicht zu lange, weil er ja ein intelligenter Mann und Schnellmerker war, und sagte dann mit Umschreibungen das, was ich dann selbst mit oder ohne Umschreibungen gar nicht mehr sagen musste.

Dann verabschiedete ich mich also und weil er keine Anstalten machte, mir seine E-Mail oder Telefonnummer zu geben, wusste ich ja, dass es ihn dann doch nicht so interessiert hätte, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen und sich mit mir weiter so nett zu unterhalten, über Staufen, Australien, den Großen und Kleinen Meyerhof, das Essen in Freiburg, die Musik, die Sprachen, unsere Reiseländer und alles. Ich meine, jedenfalls nicht nur. Er hatte wohl schon einen festen Plan. Dann warf ich den Stiel vom Eis, der mir schon die ganze Zeit in der Hand geklebt hatte, in den nächsten Papierkorb, fühlte seinen Blick im Rücken und ging über den Alten Friedhof nach Hause. Und jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir ein, dass der Mann auf der Bank, vor dem und vor der ich zu den Enten abgebogen war, mir nachgegangen war, bis er mich auf meiner Bank sitzen sah. Das Leben ist schon komisch. Auch lustig irgendwie. Finde ich.

Jedenfalls musste ich grinsen, bis ich beim Friedhof ankam und die Leute guckten mich komisch an. Und jetzt muss ich auch noch schmunzeln über diesen Aufsatz, geschrieben wie ohne Punkt und Komma, aber doch mit, wenn auch ohne Absätze, das war Absicht, eine kleine Provokation, und wer bis hierher gekommen ist mit Lesen, vor dem ziehe ich den Hut, aber ich wollte einen Spaß machen und es hat mir viel Spaß gemacht, aber vielleicht füge ich ja doch noch Absätze ein, nur meinen Schulmädchenschreibstil lasse ich mal so, zur Abwechslung.

Als ich zuhause in den Spiegel guckte, sah ich, dass mein linker Mundwinkel mit Schokolade verschmiert war, aber eigentlich war es doch ein schöner Nachmittag.

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