Nichts

Aus-Zeit

Kennt das jemand? Man macht einen Aus-Flug, nicht etwa, weil man Lust darauf hätte, sondern weil man raus muss. Bloß nicht Telefon (nach Reden ist einem eh nicht, nicht mal mit den besten Freunden) und PC im Blick haben, bloß nicht endlos umhertigern und nicht wissen, was tun, weil eigentlich gar nichts geht, nicht mal aufräumen (ansonsten bei Arbeitsstörungen gut bewährt). Und einfach so auf dem Balkon sitzen und ins friedliche Buntgrün gucken geht sowieso nicht, mit oder ohne Musik, die sowieso nur falsch sein kann, weil garantiert in schlimmem Moll, egal, ob selbst aufgelegt/auferlegt oder zufällig ins Radio reingedreht – und jeglicher Lesestoff bleibt unerkannt liegen, obgleich gelesen. Mit Freunden treffen geht auch nicht, ich bin nicht gesellschaftsfähig heute.
So fahre ich also hinaus, dahin und denke mir, dass ich Berge heute überhaupt nicht ertragen könnte, nicht mal mit Aussicht, also lieber ins lieb-liche Markgräfler Land.

Schön, die grüne Landschaft, die Weinberge, die Sonne. Oder etwa nicht? Sollte doch wohl! Jeder würde das sagen. Sulzburg wär’ doch was für’s erste, ach, kenn’ ich ja, da war ich ja schon, macht nichts, heute allein, auch gut, mal was anderes, andere Blickwinkel, mehr Ruhe – das ist doch was! Und siehe, ich erkenne alte und entdecke neue Ecken. Wie immer, begebe ich mich gleich abseits der Hauptstraße in die Nebengassen. Die alte Synagoge ist abgeschlossen, selbst schuld, dafür grüßt mich ein (vermutlicher) Ureinwohner mit einem „Guten Morgen“. Wieso Morgen? Mir kommt es vor wie mittags, ich bin ja schon seit sieben Stunden wach. Aber es ist ganz offensichtlich noch früh, nach vier Stunden Schlaf ist mein Zeitgefühl durcheinander geraten. Nirgendwo riecht es nach Bratensoße und anderen ländlich-sonntäglich-typischen Gassendüften. Alle noch beim späten Frühstück. Na gut, meinetwegen. Die Sonne brennt aber schon recht erbarmungslos auf die dünne Haut.

Ich sandalettiere mich durch und über das Kopfsteinpflaster, schaue mal hier, fotografiere mal da, wenngleich nie wirklich bei der Sache. Das heißt, schon, aber nicht vor Ort, was aber nicht bedeutet, dass ich nichts sehe, im Gegenteil: Ich sehe genau das, was ich sehen sollte. Oder will? Oder muss? Oh, wie auch immer, ganz schön blöd oder schlau, diese selektive Wahrnehmung.

Eine hübsche windschiefe Tür, sommerbunte Blumen, schöne alte Brunnen, allein und mit Sonntagskind.

Und dann kommt der Friedhof. Längst nicht so schön wie der alte Friedhof in Freiburg, aber der in Sulzburg wird ja auch noch neu „besiedelt“, ist noch „in Betrieb“. Die Kirche steht auch gleich dabei. Am liebsten würde ich reingehen auf der Suche nach irgendwas, ich Ungläubige, vielleicht ja nur Kühle. Aber da ist schon was im Gange, ein Gottesdienst, und ich mag nicht stören. Also durchkreuze ich das Gelände, das fast (lebend)menschenleere. Uups, dieser Engel da spricht mich an.

Warum? Ist doch eigentlich kitschig. Egal, ich muss ihn ablichten, er ist so… ich weiß auch nicht.. Und da, noch ein Engel. Ein Blick über Gräber und durch Laub hindurch hin zu einem anderen Kirchturm. Und…dann dieses Herz. Freigelegt. Pur. Bloß. Auf schwarzer Friedhofserde. Wie gehaltvoll.

Schnell weg hier. Nein, ich habe ja nichts mehr zu verlieren. Kann auch langsam gehen, die Fernsteuerung habe ich integriert. Wieder Blumen, schiefe Türen, Steinschweine im Blumenbeet und dann dieser aggressive Löwe neben der Eingangstür (wer gestaltet so seine Eingänge und für/gegen wen?).

Einmal um die Ecke dann die lachende Sonne, bedroht von der Monsterspinne. Wohin bin ich geraten?

Menschen vor ihrem Haus unterhalten sich. Und da, ein kleiner Park mit alten mächtigen Bäumen. Schön. Friedlich. Eine Frau allein auf einer Bank telefoniert. Mit wem wohl? Worum es wohl geht? Warum geht sie dafür in den Park? Oder hat ein Anruf sie dort überrascht? Aber dann hätte sie ja das Handy mitnehmen müssen vorsätzlich. So wie ich. Extra so, dass ich es würde hören können, falls. Na ja, man lernt nie aus, frau auch nicht. Und natürlich klingelt es nicht.
Über manches Schlachtfeld ist schon Gras gewachsen. Das lässt leise Hoffnung schöpfen.

Andere Pfade sind ohne Licht am Ende.

Laubdächer, Bögen, Tore, Licht, Himmel, Fachwerk, Blumenschmuck, leere Pavillons.

Knirschender Kies, Erdweg mit Kieseln, die unter den dünnen Sohlen pieksen, Sonne auf den Schultern, fast zu heiß, aber da, ein Bach.

Schatten ist wichtig jetzt. Schatten. Menschen in Cafés, einladende Tische, aber nicht für mich, ich will keine Gesellschaft. Weiter, weg hier. Durch Weinberge mit Aussichten, ich verfahre mich, gelange auf einen Parkplatz. Rote Rosen vor jedem ersten Rebstock einer Reihe. Die sollte ich offenbar gerade jetzt zu Gesicht bekommen.

Weiter, entlang höchst-idyllischer Sträßchen in Winzerdörfer mit (geschlossenen) Straußenwirtschaften. Na ja, macht nichts, ist ja jetzt erst zwölf, hab noch keinen Hunger. Ein paar Radrennfahrer proben für irgendwelche Rundfahrten. Es ist still. Inzwischen werden alle am Mittagstisch sitzen, so wie es wohl üblich ist in Dorfbehausungen am Sonntag. Aber man hört nicht mal Geschirr- oder Besteckklappern. Es sind auch alle Fenster geschlossen. Vielleicht isst man hinterm Haus auf der Terrasse, im Garten? Nein, das würde man auch hören, ein bisschen Leben wenigstens, aber alles bleibt stumm. Kein Leben. Kaum.

Mein Magen meldet sich bei soviel Gedanken an Essen dann doch schon, ich will in irgendeinem Ort oder besser noch abseits eines Ortes einkehren und etwas zu mir nehmen. Aber der Appetit hält nicht Schritt und deshalb finde ich auch kein geeignetes Lokal. Also fahre ich wieder nach Hause nach wenigen Stunden. Was soll ich da? Ach so, eine Kleinigkeit essen vielleicht, aber warum eigentlich? Auch der Hunger ist jetzt weg. Und sonst? Warten. Dass die Zeit vergeht und alles andere auch. Die Beine sind so komisch schwer. Die Nachbarn lachen auf dem Balkon. Der Tag ist lang, schon ist Abend. Alles geschrieben. Nichts. Ende

Dieser Beitrag wurde unter Freiburg und Umgebung, Stimmungsbilder, Momentaufnahmen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Nichts

  1. cablee schreibt:

    Was für ein intensiver Bericht, rotewelt. Ich kann dich gut verstehen, deine Gedanken nachvollziehen…

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    • rotewelt schreibt:

      Danke fürs Mitfühlen! Ist lange her, aber ich erinnere mich noch gut… Mist, das Datum wurde nicht übernommen…, nun sind alle eingestellten Artikel vom 24. August 2012… 😦

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  2. Kiwi2008 schreibt:

    Ja, das Gefühl kenne ich auch.
    Klasse, dass ich dich hier wiederfinde, deine alten Beiträge sind also doch erhalten geblieben…:-))

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  3. Kiwi2008 schreibt:

    Musstes du die alle einzeln „rüberschaufeln“?
    Hört sich anstrengend an…..lach

    In deiner alten Heimat sind wir alle ziemlich betrübt über deinen Abgang, es gibt schon diverse Nachrufe auf dich…:-))

    Ist es dir recht, wenn ich deinen Blog dort erwähne?

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