St. Valentin – Valentinstr. 100, 79100 Freiburg

Den Morast vom rechten Bein und drüber hinaus habe ich mir längst abgewaschen, auch den Dreckspritzer im Gesicht, den ich im Innenspiegel des Autos noch entdeckte, so zwei Zentimeter nordöstlich der Oberlippe. Mein Kleid weicht noch ein. Was ich mit den Espadrilles mache, weiß ich nicht, am besten weiter trocknen lassen und dann abbürsten vielleicht.

Da das Wetter bald wieder schlechter werden soll, dünkte es mich zur Mittagszeit, draußen zu speisen und zwar nicht auf meinem Balkon – mir war nach Abwechslung. Also begab ich mich zum Waldrestaurant St. Valentin, das laut Beschreibung lauschig zu sein versprach und außerdem nur ein paar Minuten Autofahrt vom Freiburger Stadtzentrum entfernt liegt.

Vom Parkplatz aus geht man noch 300 Meter bergan.

Vor mir zwei Männer, der eine um die 70, der andere, der mich interessiert anschaute, als ich aus dem Auto stieg, hätte sein Sohn sein können, denn irgendwie hatten sie eine ähnliche Beinform, doch war er bestimmt schon Mitte 50, also nicht das Kind.

Schade, dass sie vor mir gingen, ich hätte gern den Hinblick fotografiert, das, was mich erwartete. Überholen? Möglich, aber wenn ich eines nicht wollte, dann eilen. Also fotografierte ich, woher ich kam.

Die Gespräche der Beiden, vor allem die lauten Worte des Älteren, anscheinend Uni-Prof, durchschnitten die waldfriedliche Luft, so dass ich entschleunigte und den Abstand vergrößerte.

Wollte ich, jetzt, hören, dass die heutigen Studenten der Fun-Generation angehören? Gerade letzten Freitag war ich auf einer Univeranstaltung und konnte eifrig-ehrgeizige zukünftige Akademiker der Generation Y (ja, durchaus anspruchsvoll und ziemlich verwöhnt, aber nicht zwingend faul) hautnah erleben, sie erschienen mir beinahe zu systemkonform und fantasielos-beflissen, fast mehr als deren sympathische muntere Profs Mitte 40. Obwohl es auf der Veranstaltung um Visionen und Wünsche ging. Und nun das: Alles nur Schau, hörte ich, so tun als ob. Klar, das könnte schon sein, sagte ich mir, auch wenn ich anderes erlebt hatte, doch das war ja nur ein Ausschnitt. Alles ist nur ein Ausschnitt.

Summ, summ, summ… Ich suchte die Stille und andere Ausschnitte heute in meiner kleinen Mittagspause im Grünen und fand sie auch, manchmal. Zwischendurch zupfte ich an meinem schwarzweißen Kleid, um nicht zuviel Décolleté preiszugeben – den Ziegen an der Böschung rechts, die diese Art von Ausschnitt jedoch gar nicht beachteten und mir träge und gelangweilt den Rücken zudrehten. Während meine Vordermänner immer wieder anhielten und einen Blick zurück warfen.

Da war es ja endlich, das Gasthaus. Freundlich-optimistisch spannten sich blaue Sonnenschirme über die Terrasse. Ich war der fünfte Gast. Ein älteres Paar mit Nordic-Walking-Stöcken, die beiden Männer. Fünfter sein.

Sehr sympathisch, freundlich und aufmerksam der Service, sowohl die junge weibliche als die junge männliche Bedienung – für Freiburger Verhältnisse geradezu erstaunlich. Sofort fühlte ich mich wohl.

Es kamen noch mehr Gäste. Manche brachen links hinter mir aus dem Wald, mit Kinderwagen und ohne, mehr oder weniger laut, andere kamen von unten nach. Ein frisch geborenes Menschlein rührte mich an; mit einem glücklichen Lächeln lehnte es vertrauensvoll am Hals der zärtlichen Mutter. Wie schön. Ich habe ein Foto gemacht, doch was, wenn die Mutter, nur von hinten zu sehen zwar, es sähe? Nein, zu intim, ich behalte es für mich.

Das Baby konnte noch nichts außer Milch vertragen. Bei mir ging schon Wein, ein Viertel maximal um diese Zeit.

Zum Essen bestellte ich die scharfen Garnelen, obwohl ich zuviel Schärfe nicht mag. Aber alles andere auf der Karte war mir entweder zuviel (es war ja noch früher Mittag) – Schnitzel mit Brägele zum Beispiel – oder zu „langweilig-normal“ wie etwa Wurstsalat oder Salat mit Putenstreifen und auch auf die Spezialitäten des Hauses, Pfannkuchen (mit Spargel jetzt) und Flammekuchen konnte ich gerade nicht. Auf der Karte steht schon eine Warnung, dass die Garnelen eher eine Vorspeise seien. Die weibliche Bedienung wiederholte es und ergänzte konkret, es seien nur neun. Aber es gebe Brot dazu. Wenn es nicht reichen sollte, würde ich ein Dessert bestellen. Zur Weinauswahl gab sie mir auch noch genau die Info, die ich brauchte. Dankeschön. Hihihi, sie mag auch keinen wässrigen deutschen Rotwein…, aber wenn so viele Gäste es wünschen…

Und dann bekam ich statt der angekündigten neun Garnelen mindestens 14 (sorry, habe es zu spät bemerkt und deshalb ist meine Zählung vage) – ich habe sie nicht geschafft! Nicht, weil sie sehr scharf waren, schneuz, sondern weil ich nicht sooo hungrig war und mittags nicht soviel essen kann. Dazu das frische/frisch aufgebackene warme Brot…, mit dem Viertel Rioja kaum zu löschen.

Zum Abschluss bestellte ich noch einen Espresso, in der Variante mit einer Kugel Vanilleeis. Oh, die Kugel schwamm ja im Kaffee! Nette Idee eigentlich, nur war alles lauwarm, der Espresso strahlte auch am Tassengrund keine Hitze mehr aus. Es schmeckte trotzdem ganz gut, wenn auch nicht optimal.

Ewig wollte ich hier ja nicht hocken, nur eine kleine Mittagspause machen, also zurück ins Tal, nach Freiburg.

Wieder blieb ich stehen und fotografierte. Diesmal wollte ich endlich das versäumte Aufstiegsbild machen (merkt ja bei Qype keiner, ob ich es beim Auf- oder Abstieg gemacht habe). Ich drehte mich um… und da waren sie wieder, die zwei Männer, diesmal hinter mir, die mir erneut das Bild kaputtmachten. Na ja, dann wandte ich mich fotografisch eben wieder dem Wegrand zu, wie auf dem Hinweg.

Schön war das Licht.

Dann fand ich noch einen besonders schönen Bildausschnitt, links. Ich musste mich etwas vorbeugen, und noch ein wenig nach rechts, bingo, tolles Motiv.

Dann wurde ich gefällt wie ein Baum. Nein, Bäume fallen langsam, wie in Zeitlupe. Ich schlug hin, schnell. Blöd nur, dass ich in Matsch fiel, gestern hat es schlimm geregnet. Meine Kamera aber hielt ich hoch, reflexartig. Ihr passierte nichts. Mir ja auch nicht. Mit meinem schwarzweißen Kleid sah ich nur aus wie ein Zebra, das sich in Schlamm gewälzt hat, jedenfalls meine rechte Körperhälfte, so bis zur Taille.

Just im Moment des Falls oder Wiederaufstehens (da bin ich fix, schon immer), holten mich die zwei „Herren“ ein. Doch, oh Wunder, diesmal kein Blick, erst recht kein Wort zu mir, sie setzten ihr lautes Gespräch fort, ohne mich zu beachten. Vielleicht ist eine besudelte gefallene Frau plötzlich doch weniger attraktiv als sie vorher erschien…

Ist das eine höhere Form der Diskretion? Oder ist es…? Na, ich überlasse euch die Interpretation. Für mich selbst ist das jedoch ein typisches Erlebnis, wie es einer Frau hierzulande passieren kann. In Frankreich zum Beispiel wären sie sofort herbeigeeilt, die Herren, hätten versucht, mich aufzufangen und/oder wenigstens mit ein paar witzigen Worten versucht, die Situation zu entspannen. Wir hätten gelacht. Hier nicht. Hier ist frau unsichtbar oder, wenn sie vorher noch sichtbar war, wird sie es unversehens. Am Auto angekommen, reinigte ich mein rechtes Bein und mein versautes Kleid notdürftig mit Papiertaschentüchern. Ein vorbeirauschender Radfahrer mit Helm schaute mich an, als sei ich eine Außerirdische oder als habe ich mir in die Hosen gemacht (na ja, so braun, wie ich in Hüfthöhe aussah…). Dabei sah er wie ein Alien aus.

Nein, Valentinstag war heute nicht. Aber unabhängig davon: Das ist nicht mein Ort, nicht mehr mein Land wahrscheinlich. Mein Gefühl der Peinlichkeit war in diesem Moment angesichts der Umstände aber nur gering ausgeprägt. Und das ist gut so. Wenigstens das.

Das Mittagessen und die Pause an sich waren jedoch recht schön. Und, nein, ihr deutschen Männer, ob Akademiker oder nicht, seid nicht alle so, es gibt durchaus ein paar Ausnahmen. 😉

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