Stampfkartoffeln

In der Wohnung unter mir lebt niemand, es ist sozusagen die Zweitwohnung meiner Vermieter, dort soll sich ein veritables Herrenzimmer befinden. Ich denke an dunkelholzige Bibliotheken, diverse Getränkekaraffen, ein Zigarrenkistchen, Ledersessel. In Wahrheit wird dort vermutlich nur ein Zweitkühlschrank genutzt, denn vor der Tür steht oft eine Kiste mit Lebensmitteln, H-Milch, Säften etc. Na ja, solange ich meine Ruhe habe. Es ist weitgehend lautlos da unten. Aber über und neben mir leben Stampfer. Jedem Schritt muss Ausdruck verliehen werden. Andere Geräusche hört man selten.

Bewusst habe ich mal darauf geachtet, welchen Lärm ich selbst verursache, wenn ich meine Räume durchschreite (Parkett, 60er-Jahre, nicht knarrend) oder sogar ein bisschen Gymnastik mache oder tanze. Elefantenstampf? Mit oder ohne Schuhe, da müsste ich mich schon sehr bemühen! Hüpfen, was das Zeug hält und schreien dazu!
Fett sind meine Nachbarn oben und nebenan nicht. Es liegt auch nicht daran, dass das Haus insgesamt besonders hellhörig wäre. Also, was bedeutet dieses penetrante laute Gestampfe auf und neben den Köpfen anderer?

Hier muss es ein paar Menschen geben, die nach Ausdruck verlangen, sich Gehör verschaffen wollen, mit allen Mitteln. Übersehene im Leben? Und keinen anderen Weg wissen, als sich in ihrer eigenen Privatsphäre Luft zu machen – ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen und auf deren Kosten. Ich bin auf der Welt, ich lebe, ich bin wer, habe was zu „sagen“, hörst du mich gefälligst?! Vermietermachtspielchen (auch mit von der Partie)? Aber kennen nicht die Meisten solche Momente des Nicht-wichtig-Seins, des Sich-nicht-ganz-auf-der-Höhe-Fühlens, des Nichtbeachtetwerdens? Nur, müssen diese Kränkungen andauern und andere in Mitleidenschaft ziehen, gnadenlos? Wo bleiben Selbstreflexion, Takt, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme?

Ich finde das unreif und lächerlich. Irgendwann werde ich doch noch so spießig, dass ich mit dem Besenstiel an die Decke klopfe! Nein, jetzt drehe ich mal zur Abwechslung die Musik ganz laut auf! Was hätten Sie denn gern? Elvis Costello vielleicht oder etwa Ian Dury, in voller Lautstärke? Habe ich da nicht auch noch Klaus Nomi – ha! Können Sie haben! Bitteschön, ich tanze auch noch dazu, so laut ich kann, singe mit und mache die Balkontür auf! Recht so?

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2 Antworten zu Stampfkartoffeln

  1. kormoranflug schreibt:

    Ja, ich wünsche Dir eine Stampferfrei Wohnung. Ausserdem hast Du bei Deinem WEB-Umzug lautlos grosses vollbracht. Grüsse T.K.

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    • rotewelt schreibt:

      „Oben“ hat es sich inzwischen ziemlich beruhigt – als hätten sie meinen Artikel gelesen… 😉 Oh, ich habe lautlos Großes vollbracht? Dankeschön, T., aber ich habe nur rübergeschaufelt, was allerdings seeehr viel Arbeit gemacht hat, uff! Grüße aus der roten Welt

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