Zur alten Mole und zurück

Was für ein frühlingshafter Tag! Mittags habe ich auf der Terrasse ein paar Tapas verspeist, die ich mir in der Markthalle geholt hatte (das Schweinchen ließ ich dort…). Die ungewohnte Sonne im Februar hat mich ganz benommen gemacht, dösig und aufgekratzt zugleich, innerlich unruhig.

Jetzt, am Nachmittag, treibt es mich nochmal hinaus. Wie ein Tier komme ich mir vor, das automatisch dorthin getrieben wird oder wandert, wohin es soll, um seiner Bestimmung zu folgen. Bin ich ein Lemming? Ach nein, ich bin doch nicht lebensmüde. Im Gegenteil Dann bin ich vielleicht ein Lachs. Doch wo sind die anderen? Egal, ich muss ans Wasser, eine unsichtbare Schnur zieht mich dorthin, immer gen Südwesten.

Und schon erreiche ich den Parc de la Mar, zwischen Stadt und Meer. Ein Mosaik an der Wand eines älteren Hauses weist darauf hin, dass sich hier einmal eine Glasbläserei befand. Die Vidrieria Gordiola ist eine bekannte Glasmanufaktur, die ihren Sitz bereits seit 1719 in der Stadt Algaida, die bereits seit 1719 in der Stadt Algaida hat. Glas wurde auf Mallorca schon um 600 vor Christus hergestellt. Von einem Glasexperten, der aus Murano auf die Baleareninsel kam, lernten die mallorquinischen Gasbläser geschickt, venezianisches Glas so perfekt zu kopieren, das es von ausgewiesenen Experten oft als original venezianisch zertifiziert wurde.

Die Rosette an der Ostfassade der Kathedrale La Seu (Bild aus Wiki) in Palma wurde auch von mallorquinischen Kunsthandwerkern hergestellt. Das Facettenfenster wurde aus mehr als 1200 Glasstücken komponiert und hat über zwölf Meter Durchmesser. Größer sind nur die Rosetten des Straßburger Münsters und von Notre-Dame in Paris.

Da ist sie ja, die Kathedrale, unübersehbar, immerhin ist sie 109,50 Meter lang und 33 Meter breit. La Seu heißt übrigens der Bischofssitz. Unter König Jaume I. wurde 1230 der Grundstein für den Bau gelegt, nach der Befreiung von der Maurenherrschaft. Über die Jahrhunderte wurde laufend weiter- und angebaut, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, so dass sich verschiedene Stile finden. Auch Antoni Gaudí war dort von 1904 bis 1914 mit Restaurierungs- und Dekorationsarbeiten im Stil des katalanischen Jugendstils (Modernisme) beschäftigt.

Und da sind ja auch die anderen Lachse! Sie wurden ebenfalls aus ihren Behausungen getrieben, saugen Licht, gedruckte Worte, Töne, Stille und den Horizont auf. Manchen sprießen Palmwedel aus Köpfen, was eine neckische Irokesenfrisur ergibt.

Auch sie trägt ein Ziersträußchen auf dem Haupt, dazu nackte und festlich kettchengeschmückte Tattoo-Beine – und gute Laune!

Kein Wunder, bei dem blauen Himmel und der vom gleißenden Nachmittagslicht bestrahlten Kathedrale.

Ich genehmige mir noch einen genussvollen Blick auf kunstvoll gestaltete Bögen, bevor ich im Untergrund verschwinde…

…und eine Etage tiefer wieder herauskomme. Nun muss ich nur noch die Straße überqueren, um zur Alten Mole, (spanisch Muelle Viejo, mallorquin Moll Vell) zu gelangen. Zwischen Laternen blühen schon die Alpenveilchen(Cyclamen) in Cyclamrot – sind sie nicht hübscher als im Topf auf der Fensterbank?

Während ich über den Cami de l’Escollera (Dammweg) spaziere, werfe ich einen Blick zurück, zum markanten Wahrzeichen der Stadt.

Am Ende, kurz vor einem Café-Restaurant – hässlich, aber mit Stadt- und Meerblick – ruht eine Katze aus. Sie sieht so aus, als würde sie hier öfter Rast machen.

Und noch eine, sie steht auf dem Steinwall, der den Weg vor hohen Wellen schützt, mit aufmerksamem Blick verfolgt sie etwas…

Ach, kein Wunder… Wo Fische gefangen werden, sind Katzen nie weit, es könnte ja etwas abfallen.

Ob sie schon etwas an der Leine haben oder ihnen schon ein Fisch ins Netz gegangen ist heute…?

Als Molenflaneur wird man mit beschrifteten Zeichnungen an der Mauer auch über anderes krustiges Meeresgetier informiert, das sich in den Gewässern tummelt.

Doch da, was für ein glücklicher Zufall, sehe ich ein ausgewachsenes lebendes Exemplar einer besonderen Spezies, die man auf den Schildern vergessen hat!

Froh über meinen Fund und das schöne Rosarot mache ich mich auf den Rückweg.

Die Sonne steht inzwischen tiefer und taucht die Kathedrale und die sie umgebenden Häuser in ein ockerfarbenes Licht.

Das Blumengold leuchtet, La Seu spiegelt sich bronzen auf dem vorgelagerten Teich, der Wanderfisch hat das ersehnte Süßgewässer erreicht…, das Alumetall der Stühle glänzt silbern… Da muss man einfach hinschauen. Das Leben ist schön.

So allein, der Señor? Hat er seinen Schwarm verloren…? Ob er etwas dagegen hätte, wenn ich Ihm ein wenig Gesellschaft leistete, auf einen Café oder Apéritif…? Wir könnten dazu etwas Trockenfutter knabbern, aber nicht zuviel, denn ich möchte ja nicht schlachtreif werden…

Sanft beginnt es zu dämmern. Über den Fußweg an der Avinguda de Gabriel Roca, immer am Wasser entlang, gehe ich nach Hause. Hinter mir, im Gegenlicht, zeigt sich schon der Abend, vor mir ist es noch Spätnachmittag. Wenigstens einmal muss ich die Hände ins Wasser tauchen. Es ist gar nicht so kalt.

Wie schön muss es sein, öfter den Sonnenuntergang am Meer zu sehen. Aber nicht zuviel träumen, ich muss doch jetzt links ab, über die Avenida…

…und komme durch einen bilderbuchwinzigen Zauberwald. Sicher wird gleich eine Elfe aus dem Spinnwebenlicht auftauchen, oder ein weißes Pferd, mit oder ohne Prinz auf dem Rücken…

Nein, viel besser: Der Prinz kommt mit der Kutsche! Ach, macht doch nichts, wenn das Pferd nicht weiß ist! Ich nehme Platz, denn meine zierlichen Stiefelchen wollen mich auch gar nicht mehr tragen, und weiter geht es, schnell weg von abwehrenden Zäunen, durch verbotene Gassen…,

…vorbei an verbotenen Eingängen, bewacht von Maria, doch eine weiße Taube flüstert den Weg…

Diskret haben sich alle Einwohner zurückgezogen und die Fensterläden geschlossen. Lautlos rollen wir über das spiegelnde Pflaster. Ich ziehe den Vorhang etwas beiseite.

Angekommen. Die Tür fällt ins Schloss. Eine maurische Laterne weist den Weg, die Fischtreppe hinauf. Ich bin zurück in meinen Gewässern und doch die ganze Zeit an Land geblieben.

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