Die Gassen von Gassin

Der letzte Urlaubstag an der Côte d’Azur, es ist der 19. Oktober, führt uns ins Bergdorf Gassin. Der Ort wurde von der Vereinigung Les Plus Beaux Villages de France zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs erklärt und das hat Gassin auch verdient. Schon von weitem sieht der Ort, der auf einem felsigen bewachsenen Hügel in der Mitte der Halbinsel von Saint Tropez thront, hübsch aus. Vom Dorfrand aus hat man den Golf von Saint Tropez im Blick mit dem vier Kilometer entfernten Meer. Im Hintergrund erhebt sich das Massif des Maures und bei klarem Wetter kann man manchmal bis zu den Alpen schauen.

Heute ist der Himmel nicht azurfarben – kein Bilderbuchwetter. Kapriziös rüttelt der Wind, wie es nur der Mistral fertigbringt, auch in vom freundlichen Massiv geschützter Lage. Schnell ins Innere des ummauerten Ortes.

Manche Gassen bergen
Andere setzen aus
Unsichtbar auf Bildern
Bieten sie dem Wind
Ein kaltes Spiel.

Bögen, Winkel, Licht und Schatten. Sonst ist es bunter hier, der Parkplatz randvoll, Stimmen klingen, Menschen kommen unversehens um Häuserecken, aus den verwinkelten Gassen. Heute sind wir fast allein, haben Gassin für uns. Alle Geschäfte sind zu, haben die Gitter heruntergelassen. Es ist Mittagszeit, doch auch die meisten Restaurants haben jetzt geschlossen, Ende der Saison. Die wenigen Gäste müssen sich mit zwei, drei Lokalen zufriedengeben.

Zwischen den alten Häusern blitzt ein Stück Natur hervor. Das Bergdorf ist umgeben von Wäldern mit Stein- und Korkeichen, immergrün, auch im Winter schön und einladend. Weiter unten wächst Wein, fast bis ans Meer. An dieser lieblichen abwechslungsreichen Landschaft, eine Ideallandschaft, kann ich mich nicht sattsehen.

Das kleine Rathaus mitten im Ort, der Bürgermeister wacht über kaum 3.000 Einwohner… Manche hier fühlen sich Korsika verbunden… Ein alter Backofen wurde zum Brunnen… Plumbago säumt unbleiern Ecken und auch die Bougainvillea gibt noch längst nicht auf… Dunkle Durchgänge geben den Blick frei ins Grün jenseits der Mauern…

Ein Hobbykünstler macht die Fensterbank zur Galerie, blumig-niedlich, mit Ferd, Fogel und Fisch.

Schön verwinkelt ist es hier, es geht hinauf und hinunter. Die Nachbarn könnten in die gegenüber liegenden Wohnungen sehen, doch viele Fensterläden sind geschlossen.

Manche haben etwas mehr Luft zwischen den Häusern, doch auch hier sind die Klappen dicht.

Der neugierige Besucher erhascht, unbeobachtet, einen Einblick in ein kleines Paradies. Davon gibt es viele in diesem Ort, lauschige Terrassen, bezaubernde Gärtchen.

Und überall schmücken die schönen alten Laternen.

Der letzte Tag
Im bunten Sommerkleid
Für dieses Jahr
Mit roten Sandaletten
Das musste sein
Trotz Frösteln
Das dünne Kleid
Flattert im Wind
Bevor es morgen zurück geht
In die Burg
Die vermeintlich freie
Schon jetzt
Sind die Hände kalt
Ein Vorgeschmack.

Ein paar Einwohner begegnen uns außerhalb der Stadtmauer auf dem Weg zum Parkplatz. Die Frauen tragen Stiefel, Strümpfe und Winterjacken – surreale Begegnungen zwischen den Zeiten. Während ich mich sommerlich fühlen, alles auskosten will bis zum Schluss, freuen sich die Damen hier, ihre neue Herbstmode vorzuführen.

Nur noch ein weiteres Auto steht auf dem Parkplatz. Eine kess lockende Blonde und eine sich harmloser gebende lächelnde Brünette blinzeln uns zu, bevor sie mit rasantem Start davonfahren. Hineinstürzen in den „Trafic“, welcher Art er auch immer sein mag, scheint auf dem Programm zu stehen…

PS: Danke an den Blogger NixZen, der mich unabsichtlich durch einen eigenen Beitrag daran erinnert hat, dass ich ja noch das Wort „Trafic“ einbauen wollte.

Dieser Beitrag wurde unter Provence/Côte d'Azur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Die Gassen von Gassin

  1. cablee schreibt:

    Ich hab dich mal wieder gern auf einem Spaziergang begleitet !

    Liken

  2. karu02 schreibt:

    Hach, seufz, Frankreich! Danke für den virtuellen Spaziergang, ich komme ja gerade und in absehbarer Zukunft nicht mehr hin.

    Liken

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Wunderbare Gassen, die mir noch reizvoller bei diesem spätsommerlichen Licht erscheinen. Keine knallende Sonne, die ihre harten Schatten hinterlässt.
    Ein wunderbarer Artikel, bei dem wir Dich sehr gerne begleitet haben …

    Liken

  4. richensa schreibt:

    Ein schöner Gang durch das stille Dorf, eigentlich die beste Jahreszeit, wenn die vielen Touristen wieder zuhause sind. Obwohl man selbst einer ist… eigentlich…

    Liken

  5. Lakritze schreibt:

    Bilderbuchwetter wird doch überschätzt. Schön!

    Liken

  6. Dina schreibt:

    Schöne Gassen, herrliches Wetter und ein tolles Land, dort wäre ich jetzt gerne. Naja, der virtuelle Spaziergang hat auch was…
    🙂
    Liebe Grüße
    Dina

    Liken

  7. Sofasophia schreibt:

    wunderbare bilder! mir gefallen besonders die beiden mit den einblicken in zwei parallele gassen. sind das panos oder ist das dort so? (bild 3 von oben und bild 5 von unten).
    einfach schön, wie du die stimmung eingefangen hast!

    Liken

  8. rotewelt schreibt:

    Geht ganz einfach, Sofasophia, mit einem Collageprogramm, meine Leistung beschränkte sich hier auf die Auswahl der Bilder. 🙂

    Liken

  9. ehre9 schreibt:

    Leere Gassen…glückliche Menschen?:=)

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s