Zipfelmützen in Gassin

Ein trüber Tag, der 22. Dezember, und das einen Tag nach meiner Ankunft. Doch es war nicht kalt und wir beschlossen, uns Gassin einmal im Winter anzuschauen. Sicher würde der Ort nun ganz menschenleer sein.

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Der Parkplatz war gesperrt, da dahinter ein Feuerwerk aufgebaut wurde. So parkten wir in einer der schmalen Gassen am Straßenrand. Als ich auf der Beifahrerseite ausstieg, stand ich nicht lange, denn ich trat in ein Loch und wurde gefällt wie ein Baum. Mit dem Hinterteil schlug ich auf eine steinerne Randbegrenzung, mit der rechten Hand landete ich in Erde und mit dem Rest des Körpers in einen Oleanderbusch, dabei bohrte sich etwas Hölzernes in meine Rippen und sorgte für einen weiteren blauen Fleck. Mein Begleiter sprang schnell und besorgt um das Auto herum, fürchtete er doch, ich sei gleich den Hang hinuntergefallen und unten, zu Füßen des Bergdorfs, gelandet.

Nachdem ich mich gesäubert hatte, bekam ich einen Lachanfall, der während des Dorfbesuchs immer wieder aufflackerte (dort aber auch durch andere Bilder genährt wurde). Solche unfreiwilligen Slapstickeinlagen finde ich zu komisch, vor allem, wenn sie mir selbst geschehen. Mein Begleiter lachte nicht mit, was ich gar nicht verstand.

Seltsamerweise war es nicht ruhig im Ort, Musik drang um die Ecke. Als wir auf der großen Promenade am Ortsrand, der Place dei Barri, auf der von Frühjahr bis Herbst die Terrassen der Restaurants möbliert sind, ankamen, trauten wir unseren Augen nicht.

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So voller Menschen hatte ich den Ort noch nie gesehen.

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Es fand nämlich ein Marché de Noel, ein Weihnachtsmarkt statt – oder das, was sich die Südfranzosen darunter vorstellen.

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Die Mitglieder einer Kapelle bereiteten sich auf einen Auftritt im Freien vor, während ein rot gewandeter DJ das Publikum solange mit Musik vom Band und launiger Moderation unterhielt. Mann (und frau) scheuten nicht davor zurück, sich mit ihren roten bommeligen Weihnachtsmannmützen der Lächerlichkeit preiszugeben.

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Von einem Ende der Place dei Barri kann man auf den Golf von Saint Tropez schauen. Und darüber hinweg.

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Noch nie hatte ich soviel Schnee auf den Seealpen gesehen. Schon der Landeanflug auf Nizza hatte mich irritiert: Ab Basel lag Schnee, der Flug über die Alpen war traumhaft, doch plötzlich war da das Meer – ohne Übergang, so wirkte es. Meine Sitznachbarn waren auch verwirrt, denn wie kann es sein, dass man gerade noch über den Alpen war und dann über dem Mittelmeer?! Dass auf den Seealpen, die doch sehr nah an die See heranreichen, auch Schnee liegen kann, hatten wir einfach in diesem Moment nicht in unseren Köpfen gehabt. Ein Spaziergang am Meer in üppig grüner Vegetation und zwischendurch mal kurz zum Skifahren – auch keine schlechte Vorstellung!

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Mangels Schnee wurden hier auf der Promenade ein paar aufgeblasene Schneemänner aufgestellt. Heiße Maronen sollten den Bauch wärmen, denn die dick vermummten vom Klima verwöhnten Südfranzosen schienen zu frieren. Bei 15 Grad.

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Ansonsten gab es zu Festtagen üblichen Austern im Angebot, dazu ein paar Seeigel – und natürlich einen trockenen Weißen zum Runterspülen, pardon (ich mag Austern nicht so gern), zur angemessenen Begleitung.

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Was zu Weihnachten in ganz Frankreich auch niemals fehlen darf, ist der cremig-üppig-süße Bûche de Noel, ein „Baum(stamm)kuchen“, der seinem Namen wenigstens Ehre macht durch mehr oder weniger naturalistische Gestaltung.

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Noch kein Spitzenkleid für das Fest (aber die scheußliche Jacke dazu geht gar nicht!)? Auch da konnte man fündig werden auf dem Markt, der nur aus einer Handvoll Ständen bestand.

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Typisch für die Provence sind die santons, die Krippenfiguren in die tradionelle Tracht gewandet – diese Krippe stand in der Dorfkirche…

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… und diese Interpretation mit Pappfiguren gab es oberhalb des Parkplatzes am Ortseingang zu sehen.

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Wie eine lebendige Krippenfigur wirkte diese Kleine, die wie andere Mädchen mit ebenfalls rot geschmückten Ponys den Ort dekorierten. (Der junge Mann ist auch ziemlich attraktiv, oder?)

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Sie hier ritt hinaus. Wir machten uns ebenfalls auf den Rückweg.

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Schnell noch ein Foto, das die Aussicht Richtung der Bucht von Cavalaire mit den Iles de Hyères am Horizont zeigt.

Dann ging es durch den Wald hinunter gen La Croix Valmer. Die Bäume muteten hier eher herbstlich denn winterlich an. Auch für die Katze war es auf der Steinmauer, von der aus sie alles im Blick  hatte, nicht zu kalt. Und sogar einige Blüten des Sommers überleben hier gut.

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13 Antworten zu Zipfelmützen in Gassin

  1. Boots & Bine schreibt:

    Hallo, ich liebe Deine Reiseberichte. Jeder einzelne macht neugierig und man möchte selber unbedingt mal dahin. Dankeschön dafür!

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  2. Sofasophia schreibt:

    schöne zusammenfassung! ja, frankreich ist um die weihnachtszeit relativ „gewöhnungsbedürftig“ auf eine mir sehr liebe art. obwohl ich ja ziemlich die weihnachtsmuffe bin, wie du weisst … 🙂
    toller bericht!

    herzlich, soso

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  3. _frauhase_ schreibt:

    ach, die seealpen…lang ist’s her bei mir…
    herrliche fotos!
    so einen üppigen weihnachtskuchen könnte ich auch vertragen:-)

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  4. traeumerleswelt schreibt:

    ein wunderschöner und anregender Bericht ! Er macht Lust auf Südfrankreich im Winter !
    Auch deine Bilder sind wieder traumhaft schön !

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  5. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe rotewelt,
    wie gut ich das kenne: ich oder jemand anderes legt sich famos auf’s Maul (sorry), und ich bekomme die Lachflashs nicht mehr unter Kontrolle. Eine schlimme Angewohnheit vielleicht, aber noch habe ich sie nicht im Griff … 😉 Ich hoffe aber, dass keine schlimmeren Blessuren davon übrig geblieben sind. Herrjehnocheins!
    Während ich (auch) diesen Artikel von Dir las und schaute, ging es mir schon durch den Kopf: erstens, was ein Glück für uns, dass Du hier wieder schreibst und zeigst, und zweitens der Gedanke: ich liebe ihre Beiträge! Aber lieben ist ein starkes Wort, und so dachte ich, ich lass es mal lieber. Jetzt lese ich aber beim ersten Kommentar genau das, was ich zurückhalten wollte. Und so mach ich es jetzt einfach!
    Liebe diese Reiseberichte von Dir sehr! Danke dafür,
    herzlich, mb

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    • rotewelt schreibt:

      Du bist also auch so eine, die immer Lachkrämpfe von solchen Ungeschicklichkeiten/Missgeschicken bekommst… ;-))) Aber warum sollten wir das in den Griff bekommen, wir lachen ja auch über uns selbst! Zum Glück hatte ich nur zwei blaue Flecke. Ach, was für ein schönes Kompliment, ich danke dir dafür, liebe mb, freue mich sehr!

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  6. cablee schreibt:

    Die lachsfarbene Jacke mit dem Blümchenfutter ist wirklich der Brüller in Sachen Haute couture 😉

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