Am alten Hafen von Marseille – von Fischen, Menschen und Heiligen

Das derzeit herrschende Wintergrau trieb mich dazu, mir wenigstens auf Fotos Himmel- und Meerblau anzuschauen und so bin ich gerade gedanklich in Marseille angekommen, wo ich im März letzten Jahres eine schöne Woche verbracht habe. Außerdem ist Marseille dieses Jahr „Kulturhauptstadt Europas“, ein weiterer Anlass, darüber zu schreiben.

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Da es mich immer zum Wasser zieht, ging ich gleich am ersten Abend zum alten Hafen herunter und beobachtete den Sonnenuntergang von der Terrasse einer Bar aus – ein schöner Einstieg in diese Stadt.

www.rotewelt.wordpress.com/2012/04/11/le-bar-de-la-marine-drei-besuche-und-pagnol/

Marseille ist alt: Bereits um 600 v. Chr. gründeten ionische Griechen eine Kolonie an der Mündung der Rhone und nannten sie Massalia oder Massilia; daraus wurde später Marseille. Über die Entstehung der Stadt gibt es eine Legende:

„Nachdem Protis an Land gegangen war, um sich mit der schönen Ligurerin Gyptis zu vereinen, ward Marseille gegründet. Protis war Phäake, und die Phäaken, dieses Seefahrervolk von der Insel Scheria, hatten nicht nur einen gastfreundlichen König namens Alkinoos, der den schiffbrüchigen Odysseus aufnahm, um ihn dann in seine Heimat Ithaka zu geleiten. Er hatte auch eine schöne Tochter. Nausikaa war es, die den gestrandeten Odysseus fand und ins Haus ihres Vaters führte. Marseille wurde also von der Liebe gegründet.“

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Marseille im Jahr 1575

(Zitat und Bild: Wikipedia)

Kein Wunder, dass ich Marseille so anziehend finde, wurde der Ort doch von der Liebe gegründet…

Schon lange ist Marseille, am Golfe du Lion gelegen, die wichtigste französische und die drittgrößte europäische Hafenstadt. Die deutsche Partnerstadt hat auch einen großen Hafen – es ist Hamburg.

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Bald besuchte ich den Fischmarkt, der jeden Morgen am Quai des Belges am alten Hafen stattfindet. Er ist recht übersichtlich, ich hatte ihn mir größer vorgestellt, doch die beinahe familiäre Atmosphäre gefiel mir. Manche Stände sind winzig und bestehen nur aus einem Eimer und ein paar Kisten.

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Es gibt auch nur eine Handvoll Stände, an denen frischer Fisch aus dem Mittelmeer angeboten wird. Das wunderte mich, doch es heißt, die meisten Marseillais würden ihren Fisch lieber im Supermarkt kaufen, aus dem Atlantik oder sonst woher…

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Ein Fischer namens Félix…, der Name erregte meine Aufmerksamkeit. Ich musste an Félix Pellegrino denken, Sohn eines italienischen Einwanderers aus Neapel und einer Marseillaise. Ich hatte ihn in einem Forum nur virtuell kennengelernt. Anfang Januar 2012 ist er mit 78 Jahren gestorben. So konnte ich ihn und seine Frau und Tochter, von denen er mir viel erzählt hatte in seinen Mails, nicht mehr besuchen, als ich zwei Monate später in Marseille war. Er hatte mich auf einen Kaffee eingeladen, zu gern hätte er mir „seine“ Stadt gezeigt, doch war er gehbehindert und hätte keine lange Strecken mit mir laufen können, was er bedauerte. Félix war ein bisschen verrückt und sehr stolz, schnell, zu schnell ging ihm die Hutschnur hoch, manchmal wagte er sich auch, heißblütig, zu weit vor, entschuldigte sich jedoch immer und berief sich auf sein süditalienisches Temperament. Ich habe ihm immer wieder verziehen.

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Zum Fisch kann man gleich die Kräuter mit erwerben, zum Beispiel Lorbeer und Thymian, den diese „Bauersfrau“ in Kittelschürze offenbar direkt in ihrem Garten geerntet hat.

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Immer wenn ich mir das Fischangebot neugierig anschaute und meine Kamera gerade nicht auffällig sichtbar war, so dass ich nicht auf Anhieb als Touristin erkennbar war, sprachen mich die zum Teil knorrigen und von der Sonne gegerbten Fischer an, um mir ihre Waren anzupreisen. Da ich eine Ferienwohnung mit Küche gemietet hatte, war das auch gar keine schlechte Idee!

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Statt einer ganzen Dorade vielleicht doch lieber ein bereits vorbereiteter zerteilter Fisch…? Ach, erstmal in Ruhe weiterbummeln und schauen, was es noch so gibt.

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Und es wird nicht nur Meeresgetier angepriesen, es wird auch gesungen – von dieser in eine Tracht gewandeten älteren Dame, die sicher vor allem die Touristen unterhält. Auf jeden Fall scheint sie eine Institution zu sein, die einfach dazu gehört.

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Ganz bestimmt nur für Touristen gedacht sind die bunten Luftballons – und die Schirmmützen, mit denen sich garantiert kein echter Marseillais zeigen würde!

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Und wer interessiert sich hier schon für einen gezeichneten Elvis…?

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Ob er sich als Künstler fühlt? Ob er jemals eines seiner „Werke“ verkauft? Sein braungebranntes Gesicht lässt vermuten, dass er dort immer seinen Stuhl und seine Staffelei aufbaut… Na, dann will ich ihm mal einen Rahmen schenken…

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Der Himmel war so blau, kein Wind ging an diesem herrlichen Märztag. Ich überlegte, einen kleinen Ausflug mit dem Schiff zu machen… Von hier aus fahren mehrere kleine Schiffe zu den Inseln hinaus, zur den Îles du Frioul, zur Festung Chateau d’If, einem ehemaligen Gefängnis, oder nach Cassis, vielleicht mit Besuch der Calanques. Doch keines der Häuschen, die Fahrkarten verkaufen, hatte geöffnet. Es war März – noch keine Saison? Sollte ich stattdessen mit dem petit-train hinauf zu Notre-Dame de la Garde fahren? Das ist einfacher, als zu Fuß hinaufzusteigen. Irgendwo hier sollten die kleinen Züge losfahren. Ich fragte einen Einheimischen, der mich um das Hafenrund herum schickte, doch ich wurde nicht fündig.

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Also schaute ich mir die Wallfahrtskirche, ein weit sichtbares Wahrzeichen der Stadt, erst einmal von unten an… (aber ich hatte ja sowieso das Glück, sie sogar von meiner Terrasse aus sehen zu können).

Ich bummelte zurück, von der ungewohnten Wärme in entspannte heitere Urlaubsträgheit gehüllt.

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Die alte Frau und das Meer… Woran sie wohl denken mag, welche Bilder sie wohl hat…?

Marseille ist schon immer Handelsdrehscheibe des Südens und war noch nie eine wirkliche Touristenstadt. Hier kommen die Arbeit suchenden Einwanderer aus Nordafrika erstmals mit Frankreich in Berührung. Früher, in den 50er-Jahren, strömten aber auch viele Emigranten aus dem armen Süden Italiens nach Marseille. Sie wurden abwertend ritals genannt, was soviel bedeutet wie Itaker oder Spaghettifresser. Das Lied „rital“ von Gianmaria Testa erzählt die Geschichte der Einwanderer.

Testa widmete den Song seinem verstorbenen Freund Jean-Claude Izzo. Der Schriftsteller war der „französische“ Sohn eines Emigranten aus Salerno, selbst als „rital“ nach Marseille gekommen. Izzo wurde vor allem bekannt durch seine „Marseille-Trilogie“ mit Inspektor Fabio Montale als Hauptfigur.

Noch einmal einen Blick auf die Fischstände werfen…

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Nicht zum essen: Augen der heiligen Lucia…, ein Glücksbringer…, Glück für einen Euro… Dieses Meeresgetier heißt astraea rugosa und gehört zu den Turbanschnecken. Die innere Muschel wird gereinigt und poliert, manchmal mit einem Anhänger versehen. Hier trägt man sie jedoch einfach in der Hosen- oder Jackentasche.

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Um Sainte Lucie ranken sich mehrere Legenden. Eine davon lautet so: Die Mutter von Lucia litt unter einer unheilbaren Krankheit. Als sie dann doch gesundete, verteilte Lucia all ihre Reichtümer an die Armen. Diese Geste gefiel ihrem Verlobten gar nicht und er prangerte sie als konvertierte Christin an. Doch konnte er ihre schönen Augen nicht vergessen, so dass sie sich die Augen ausriss und sie ihm auf einem Teller zukommen ließ. Nach mehreren Misshandlungen starb sie schließlich durch einen Dolchstoß in den Hals. In Sizilien gilt die heilige Lucia als Märtyrerin und Schutzheilige der Augenleiden und Halskrankheiten.  Das Auge der Lucie soll auch für Geldsegen sorgen und Unheil aller Art abhalten. Auf Abbildungen hält sie in einer Hand den Teller mit den Augen und in der anderen die Märtyrerpalme.

Leider versäumte ich es, mir ein Auge der heiligen Lucia zu kaufen…

Dafür beschloss ich an einem anderen Tag, mir den alten Hafen von Marseille einmal von oben anzuschauen.

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Zu Fuß und dann doch mit dem Bus, denn der Weg nahm kein Ende, machte ich mich auf zum Jardin du Pharo mit dem gleichnamigen Schloss.

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Der erhöht liegende kleine Park befindet sich hinter dem Fort Saint Nicolas.

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Von hier hat man einen wunderschoenen Ausblick auf den alten Hafen und auch auf den großen Stadthafen, der sich westlich anschließt. Mit etwas Glück sieht man, wie die großen Schiffe in das Bassin de la Grande Joliette einfahren. Vom Stadthafen aus kann man nach Korsika übersetzen oder auch in 25 Stunden Algerien erreichen.

Wie es mit Marseille, der alten und doch jung und lebendig wirkenden kosmopolitschen Einwandererstadt, wohl weitergehen wird? Für dieses Jahr wurde Vieles aufgehübscht. Im März 2012 fielen mir die vielen Baustellen rund um das Hafenbecken auf, Bushaltestellen waren verlegt worden und schwer zu finden. Sicher werden zig Gäste aus vielen Ländern die Kulturhauptstadt Europas 2013 besuchen und so Mancher wird sich wie ich vom bisweilen rauen Charme der Stadt angezogen fühlen. Dass danach die Touristenmassen einstürmen werden, glaube ich trotzdem nicht. Dafür ist Marseille nicht schick genug, trotz längst vorhandener Edelboutiquen, die neben arabischen Billigbazaren koexistieren – sicher auch, weil sich inzwischen viele Pariser dort einen Zweitwohnsitz zugelegt haben. Auch ist es dort nicht so pittoresk-lieblich und saubergeleckt, wie es viele Urlauber bevorzugen. Die besondere Atmosphäre und der Geruch einer großen Hafenstadt werden, da bin ich sicher, auch weiterhin den Reiz von Marseille ausmachen.  

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27 Antworten zu Am alten Hafen von Marseille – von Fischen, Menschen und Heiligen

  1. Dina schreibt:

    Ich habe den Ausflug mit dir genossen! Es ist bestimmt 30 Jahre seit meinem letzten Besuch in Marseille…
    Liebe Grüße
    Dina

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  2. kormoranflug schreibt:

    Dieses Jahr möchte ich nach Marseille. Eigentlich wollte ich immer schon dorthin reisen alleine schon wegen der Fischsuppe. Ein wunderschöner Bericht mit Bild und Ton. Wann ist wohl die beste Reisezeit? April, Mai?

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    • rotewelt schreibt:

      Hmmm, wenn ich das wüsste… Meine ersten Erinnerungen habe ich von Juli/August – sehr heiß (Campingurlaub direkt vor Marseille)! Mitte/Ende April bis MItte/Ende Mai kann ich mir schon gut vorstellen für die Stadt. Übrigens war es sogar Ende März schon so, dass ich morgens und abends auf der Terrasse gegessen habe und es mittags ohne Markise/Sonnenschirm zu heiß wurde.
      Will man mit dem Zug/TGV fahren, ist es gut, frühzeitig zu buchen. Ich bezahlte für die Hin- und Rückfahrt Mulhouse-Marseille insgesamt 44 Euro!

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  3. haushundhirschblog schreibt:

    Ein wunderbarer Artikel, genau richtig, um die tiefgefrorenen Gliedmaßen anzuwärmen. Und natürlich vom nächsten Urlaub zu träumen … Marseille wäre doch fein.

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  4. Sofasophia schreibt:

    liebe rote welt – danke für mitnehmen nach marseille. das macht lust auf selbst-hingehen!
    izzo habe auch gelesen, die berühmte serie. welche musik hat der held immer gehört? ist schon ewig her seit ich sie las!

    herzlich, soso

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  5. karu02 schreibt:

    Hach, schön. Dein Bericht weckt schöne Erinnerungen. Danke.

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  6. cablee schreibt:

    Der Ausflug in die Sonne tat mal wieder richtig gut, rotewelt 😉

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  7. ehre9 schreibt:

    Marseille erscheint hier wie ein Gedicht; und wenn dazu der dicke Fischer Aufmerksamkeit erregte, dann dürfte es wahr sein!..lach:=)))

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  8. Lakritze schreibt:

    Diese Augen der Lucia. Katholiken sind seltsam …
    Was für ein wunderbarer Bericht! Und das Blau tut gut in diesen grauen Tagen.

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  9. Der Footix schreibt:

    Toller Bericht, aber wo bleibt der foot, der ja so unmittelbar mit dieser Stadt verbunden ist? 😀

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    • rotewelt schreibt:

      Merci. Na ja, einen Satz oder zwei über le foot und OM habe ich in dem Beitrag über „L’Estaque, Marseilles 16. Arrondissement“ fallenlassen. Weil ich einen Mann sah, der Zizou ziemlich ähnlich war. 🙂 Bin nicht so ein Fußballfan, auch wenn ich eine gewisse WM und EM in den 90ern mit Spannung verfolgt habe und auch immer gerade in Frankreich war, allerdings in der Bretagne.

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  10. Pingback: Balade au Panier / Ein Bummel durch das Panier-Viertel | rotewelt

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