La Butte-aux-Cailles – un village à Paris / ein Dorf in Paris

In dieses quartier im 13. Arrondissement verirrt sich der gemeine Tourist nicht zufällig, dafür liegt es zu weit entfernt von den traditionellen Sehenswürdigkeiten und den in Mode gekommenen „In“-Vierteln. Dabei lohnt sich ein Besuch durchaus.

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Begrenzt wird die Butte-aux-Cailles, ganz nah an der Place d’Italie gelegen, vom boulevard Auguste-Blanqui im Norden, der rue Bobillot im Osten, der rue Tolbiac im Süden und der rue Vergniaud im Westen. Zu Füßen des Viertels braust der Verkehr und der bunte vormittägliche Sonntagsmarkt zieht viele Menschen an. Doch man muss nur eine der kleinen Stichstraßen hinaufgehen und gelangt in eine andere Welt.

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Hier sind die Häuser niedriger und man fühlt sich in ein altes Dorf versetzt, dabei befindet man sich noch in der Stadt, innerhalb der Grenzen des Boulevard Périphérique, dessen Gedröhn Welten entfernt zu sein scheint. In der Rue Daviel gibt es gar ein paar kleine Fachwerkhäuser von 1910, die La Petite Alsace genannt werden.

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Im Sommer wirken die Kopfsteinplastergassen noch pittoresker, wenn überbordendes Grün aus den kleinen Vorgärten oder über Balkongeländer lugt.

„Butte“ bedeutet Hügel. Und tatsächlich ist dieses Viertel der höchste Punkt von Paris, höher gelegen als die Butte de Montmartre.

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Seinen Namen erhielt der Hügel nicht etwa, weil dort früher Wachteln (caille=Wachtel) lebten, sondern von Pierre Caille. Er hatte die Butte 1543 gekauft, indem er den damaligen Weinberg erwarb.

Bis zum Jahr 1860 gehörte das Viertel noch gar nicht zu Paris, sondern zu Gentilly. Es war ein armes quartier, ohne Licht und die Gassen waren nicht gepflastert. Dort lebten Handwerker, Kohle- und Holzhändler, viele Arbeiter und Lumpensammler.

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Begünstigt durch die erhöhte Lage hatte man Windmühlen errichtet, die die Anhöhe dominierten. Heute weisen noch Straßennamen darauf hin. In diesem Haus an der Ecke zur rue Bobillot befindet sich übrigens ein winziges unabhängiges Theater, le Théâtre de Fortune, das seit 1967 existiert. Die besondere Philosophie: Circa einmal pro Woche gibt es eine Gratisvorstellung. Auf dem Programm stehen Sketche, die von Laien präsentiert werden.

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Früher befand sich unten im Viertel die Bièvre, ein Wasserlauf, der Gerber und Flusskrebsfischer anzog. Heute sieht man nichts mehr von dem Fluss, da er in die Kanalisation verbannt wurde. Er wurde sozusagen beerdigt; 1878 fiel die Entscheidung, 1936 verschwand das letzte Stück unter der Erde.

Wie konnte es dazu kommen? Es hätte gereicht, wie Kritiker schreiben, dem Rat von Dr Hallé zu folgen, der 1790 vorgeschlagen hatte, der Verschmutzung des Flusses Einhalt zu gebieten. Die Bièvre wurde nämlich nach und nach zur Kloake, schon lange wurde darin keine Wäsche mehr gewaschen, weil unter anderem Alaun, Chlor und Abfälle im Wasser landeten. Auch damals gab es schon Umweltverschmutzung, doch kaum jemanden störte dies. Aber auch die Natur spielte mit: Während die Bièvre im Sommer beinahe austrocknete, trat sie zu anderen Jahreszeiten oft über die Ufer. Zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert gab es mehrere Überschwemmungen.

Doch sicher hätte es eine andere Lösung gegeben als das Begräbnis des Flusses mittels eines ungeheuerlichen Kraftaktes: Es wurden 350.000 m3 Erde zur Aufschüttung herbeigeschleppt, ein Viadukt zehn Meter unterhalb der rue du Moulin des Prés gebaut, um genau diese Brücke später zuzuschütten…

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Doch lieber zurück ans Licht: Ist man die Straßen hinaufgestiegen, stößt man an der Ecke der rue de la Butte aux Cailles und der rue de l‘espérance auf einen schönen alten Brunnen, La fontaine Wallace, der Trinkwasser spendet.

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Dort oben befindet sich der lebhafteste Teil des Viertels. Hier und in einigen wenigen wieder hinabführenden Straßen befinden sich Läden, Cafés und Restaurants.

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Zur noch kühlen Jahreszeit wie jetzt im März ist nicht viel los, kaum ein (lebender) Einwohner zeigt sich draußen, zumal es Sonntagmittag ist.

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Wie überall in Frankreich, hat trotzdem ein kleines Lebensmittelgeschäft geöffnet, eine Rettung, sollte im Kühlschrank etwas fehlen.

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Und natürlich muss es einem Pariser jederzeit möglich sein, eine frische Baguette zu erstehen! Oder ein Stück Tarte aux Pommes als Dessert nach dem auf dem Markt gekauften Couscous oder Choucroute. Nebenan kann man noch etwas Trödel bewundern.

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Der Friseur hat allerdings geschlossen…

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…und bei manchen Läden weiß man nicht, ob sie je wieder öffnen werden. Viele kleine Geschäfte und Handwerksbetriebe mussten schon schließen, denn auch hier sind die Mieten gestiegen. Der größte Arbeitgeber der Butte-aux-Cailles scheint nach Meinung mancher Beobachter die ANPE zu sein, das Arbeitsamt. Doch noch hat die Schickeria diesen Stadtteil nicht erobert, noch wirkt das Viertel menschlich – und jung. Geht man an einem warmen Sommerabend dort spazieren, hat man den Eindruck, in den Straßencafés und Restaurants säße nur die jeunesse (nicht nur dorée), darunter viele Studenten, in diesem heimeligen gelben Licht der Laternen.

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Nostalgische Erinnerungen für viele Franzosen weckt auch ein Restaurant an der place de la Commune-de-Paris: Der Name „Le Temps des Cérises“ (Kirschenzeit) ist eine Anspielung auf ein bekanntes Lied von 1866 zu Ehren der gefallenen Kommunarden.

Die Restaurant-Kooperative steht da in Gedenken an die kommunistischen Proletarier, die Fédérés de la Butte-aux-Cailles, die 1871 die Regierungstruppen aus Versailles viermal zurückschlagen konnten. Ursprünglich wurde das Lokal 1976 als Arbeiterrestaurant eröffnet. Heute, so scheint es, schwankt es zwischen resto pour ouvriers und restaurant gastronomique, jedenfalls stehen traditionelle rustikale Gerichte ebenso auf der Karte wie etwas feinere.

An einer Tür der Kooperative zeigt sich wieder einmal der Wortwitz der Franzosen und überhaupt deren besonderer Humor:

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Statt eines Generalstreiks (grêve générale) wird hier zum allgemeinen Träumen (rêve générale) aufgerufen… Und der obere Zettel ist auch lustig…

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Auch andere Sprüche und Weisheiten regen zum Nachdenken oder Schmunzeln an: An vielen Mauern des Quartiers haben Graffiti- und andere Künstler ihre Spuren hinterlassen. Am bekanntesten von ihnen ist Miss Tic, 1956 geboren. Sie hat das Graffiti in den USA entdeckt und begann bereits 1985 mit der „peinture au pochoir“, der „Schablonenmalerei“. Meist zeigen ihre Werke das Bild einer Frau, dazu ein Wortspiel oder ein paar provokative Worte.

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Inzwischen ist Miss Tic längst eine Berühmtheit, sie hat unter anderem für Louis Vuitton gearbeitet und das Werbeplakat des Chabrol-Films „La fille coupée en deux“ gestaltet.

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Andere Künstler (und Gelegenheitssprayer…) sind Miss Tics Beispiel gefolgt und markieren die Wände mit ihren Bildern und Gedanken. Und ich werde zum Dichten angeregt…

A La Butte aux Cailles
On peut faire des trouvailles
Pas de cailles
Mais des mailles
Que Miss Tic a chinées
Aux murs du quartier
Représentant souvent
Une femme associé
A un jeu de mot
Et on aime s’arrêter
Pour les regarder
Même si ça caille
Encore
Dehors.

Früher hatten einige berühmte bildende Künstler und Schriftsteller zeitweise ihre Zelte in der Butte-aux-Cailles aufgeschlagen. Unter anderem Jean-Baptiste Camille Corot (1796 – 1875) hatte dort ein Atelier. Ein großzügiger Mann, er beherbergte die verarmte Witwe von Jean-François Millet (ob rein uneigennützig, entzieht sich meiner Kenntnis…) und unterstützte den Zeichner und Karikaturisten Honoré Daumier im Alter. Auch Camille Claudel (1864 – 1943) lebte dort und teilte sich mit ihrem Liebsten Auguste Rodin (1840 – 1917) ein Atelier. Und der Dichter Paul Verlaine (1844 – 1896) besuchte regelmäßig die Bistrots des Viertels, er lebte nicht weit davon. Die place du Puits Artésien im quartier wurde 1905 umbenannt in place Paul Verlaine.

Solange man auf dem Hügel ist, glaubt man sich in frühere Zeiten versetzt und wenn man die Augen zukneift, kann man sich die alten Ateliers vorstellen.

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Verlässt man jedoch diesen Ort und geht die Straßen hinunter, wird man wieder, beinahe brutal, mit einem anderen Paris konfrontiert, dem lärmenden Moloch, in dem fast zweieinhalb Millionen Menschen leben im Rhythmus von métro-boulot-dodo. Willkommen, Gegenwart! Hier ist es die an manchen Stellen sehr unwirtliche Architektur des 13. Arrondissements mit beklemmend wirkenden Hochhäusern, die hinter den alten Bürgerhäusern emporragen und in deren Waben die emsigen Asiaten des so genannten chinesischen Viertels ihr nächtliches dodo machen.

Eine Stadt voller Kontraste. Gerade deshalb lohnt sich ein Spaziergang in der Butte-aux-Cailles, auch wenn das quartier in der Gegenwart nicht mehr mit Spektakulärem aufwarten kann. Wer ein Stück relativ unverfälschtes und beinahe dörfliches Stück Paris sehen will, das nicht wie geleckt wirkt, ist hier richtig. Übrigens besteht der Untergrund des Viertels aus bröseligem Kalksandstein, der keine Wolkenkratzer verträgt, also besteht keine Gefahr, dass auch hier Hochhäuser gebaut werden.

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24 Antworten zu La Butte-aux-Cailles – un village à Paris / ein Dorf in Paris

  1. traeumerleswelt schreibt:

    ein sehr interessanter Bericht von einem (bis jetzt) unbekannten Pariser Teil, danke dir für die Führung !

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  2. anke schreibt:

    Meine Kindheit verbrachte ich in diesem Bereich, ich danke Ihnen sehr Rotewelt !!!

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  3. ts schreibt:

    Superinteressant! Tolle streetart! Danke für die Führung, rotewelt!

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  4. Jean Kadar schreibt:

    Passionnant et poétique reportage dans un quartier de Paris que j’aime aussi. J’ai presque tout compris. Au plaisir de te lire encore.
    Jean

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  5. richensa schreibt:

    Quel plaisir de se promener avec toi dans les petites rues du quartier. Merci de m’avoir aménée…

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  6. _frauhase_ schreibt:

    sehr liebenswert und an jeder ecke interessant, klasse!

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  7. George schreibt:

    Welch herrliche Impressionen. Ich glaube schon mal da gewesen zu sein, zumindest habe ich ähnliche schöne Ecken von Paris gesehen, aber das ist schon lange her. Auch anderswo finde ich manchmal so verträumte Plätzchen, aber sie werden immer seltener.

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  8. ehre9 schreibt:

    La Butte- aux- Cailles ist ein Stück Pariser Geschichte, und wir verdanken es der Autorin, uns diese kleine Berühmtheit vorzustellen! Vor nicht langer Zeit erschient dieser Bezirk noch in einer erschreckend armseligen Verwahrlosung … bis er renoviert wurde, und nun als Wohnort sehr gesucht wird; mit gestiegenen Preisen natürlich! Und wer stolz auf die früheren berühmten Bewohner ist… dürfte den wohl Preis zahlen wollen!
    Ein außerordentlicher interessanter und gut bebilderter Bericht ! Bravo!

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  9. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe rotewelt,
    auch heute danken wir Dir wieder einmal sehr, dass Du uns mitgenommen hast auf eine Reise, die wir ohne Dich so leicht nicht hinbekommen hätten.
    Dein feiner Blick für Details oder Stimmungen und Farben gefällt uns sehr. Auch hier wieder!

    Herzlichen Dank,
    dm und mb

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  10. robert20359 schreibt:

    interessanter stadtteil den du vorgestellt hast,die streetart gefällt mir.
    gruss
    robert

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  11. vilmoskörte schreibt:

    Eine schöne virtuelle Reise! Die Bilder der engen Gassen mit dem Kopfsteinpflaster und den schlanken Häusern erinnern mich sogar ein bisschen an Lissabon, dort gibt es auch solche alten Viertel mitten in der Stadt.

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