Venezianische Impressionen des Unspektakulären

Zauberhaft und morbide ist sie, diese für mich schönste Stadt Europas (von denen, die ich sah), noch vor Paris, Sevilla, Prag, Lissabon und Barcelona. Einzigartig ist Venedig und deshalb im Grunde überall spektakulär. Farbenfroh am Tag und geheimnisvoll in der Nacht.

Die Schönheit und die besondere Stimmung  zeigen sich auch und manchmal gerade auf den Nebenwegen. Die berühmtesten Bauwerke sind beeindruckend und prächtig, doch hat man sie einmal besichtigt, kann man sich treiben lassen, endlich, und das andere Venedig entdecken. Immer wieder. Und nie habe ich genug gesehen. Einmal Venedig sehen und sterben? Nein, mehrmals, sehen wenigstens!

Die vielen Tagesbesucher bevölkern  vor allem den Platz von San Marco und ein paar angrenzende Nebengassen, bevor sie wieder abschwirren. An den Rand des Stadtviertels Castello, dort, wo die Lagune die Begrenzung bildet, verirrt sich kaum ein Fremdling, es gibt nur wenige Restaurants und Cafés, dafür Stille oder mittägliches Geschirrgeklapper, Stimmen- und TV-Geräusche aus den im Mai noch nicht weit geöffneten Fenstern. Fast fühle ich mich als Eindringling in eine intime Welt, in der die Wäschestücke wie Fahnen zwischen den Häusern im Wind wehen und Auskunft über die Bewohner geben.

Auch im Dorsoduro bietet sich noch ein untouristisches Leben. Und außer den Gondolieri, die nicht immer gut gelaunt sind, gibt es Gemüse- und Obstboote, schwimmende Läden, die an strategisch gut geeigneten Stellen anlegen und vertäut werden. Dann kommen die Hausfrauen und (seltenen) -männer aus den umliegenden Häusern mit ihren Einkaufstaschen und -netzen herbei.

Und während die Rialto-Brücke ein schlimmer Engpass ist, den ich nur im Notfall nehme, wirkt der tägliche Markt am anderen Ende schon wie eine Oase. Hier tut der schnellste Artischockenschäler der Welt (na ja, ich kenne keinen anderen) sein Werk, mit italienischer Lässigkeit. So gab es mittags spontan geschmorte Artischockenböden mit Schalotten, Bacon, Weißwein und Petersilie als Vorspeise, genossen auf dem Balkon mit Blick auf das Theater La Fenice – der Vorteil einer Ferienwohnung gegenüber einem – außerdem meist teureren – Hotel.

In San Polo (ich liebe dieses Sestriere/Viertel) und Cannaregio (das noch zur näheren Erkundung auf mich wartet) beginnt dann ohnehin das echte Venedig zu wirken und es gibt immer weniger Begegnungen mit kurzbehosten Rotgesichtern.

Arrividerci bella Serenessima piana di segreti, alla prossima!

Venezia2

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PS: Da, wie ich vorhin vernahm, 98 Prozent meiner 100 GB Fotos gerettet werden können, wenn auch zu einem stolzen Preis (doch den bezahlt man für eigene Schludrigkeit) werde ich vermutlich auch noch die ausstehenden Venedig-Beiträge mit aktuelleren (technisch besseren als diesen eingescannten) Fotos schreiben, irgendwann. Und überhaupt. Uff. Dieser Beitrag war aus der Not geboren, aus Ablenkung und Panik, ich zehrte schon von meinen Reserven…

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16 Antworten zu Venezianische Impressionen des Unspektakulären

  1. Sofasophia schreibt:

    schön, venedig steht mir offenbar also noch bevor. anders kann ich ja nie und nimmer sterben.
    gute nacht!

    • rotewelt schreibt:

      Na dann…;-)
      Ich hatte einen Bekannten, der immer sagte, wenn man Venedig mal auf Bildern, in Büchern oder im Fernsehen gesehen habe, müsse man nicht mehr hinfahren, weil man alles kenne. Dieser Satz hat mich so erschüttert, dass ich ihn nie vergessen werde. Selber sehen ist doch etwas völlig anderes und das gilt nicht nur für Venedig.

  2. Karin schreibt:

    toll, dass die meisten deiner Bilder gerettet werden können ! Das freut mich echt für dich !

    ein wunderschöner Beitrag mit sehr inspirierenden Bildern !
    War leider erst einmal in Venedig und das ist schon Jahrzehnte her, aber wer weiss..irgendwann..

    • rotewelt schreibt:

      Freut mich, dass du dich mitfreust! Ich lebte einige Tage lang in Panik, war wie gelähmt…
      Ich war schon viermal in Venedig und es zieht mich immer wieder hin. Obwohl der erste Besuch, die erste Fahrt durch den Canal, am beeindruckendsten war, mit Gänsehautflair, ich war betäubt von der Schönheit..

  3. Boots & Bine schreibt:

    Oh wie schön! Super daß die Bilder gerettet werden konnten! Da hat das Daumendrücken geholfen und ich kann mich auf weitere tolle Reiseberichte freuen. 🙂 LG

  4. kormoranflug schreibt:

    Die analogen Fotos haben aber sehr viel Charme und Charakter. Zum Fotografieren und Aquarellieren ist Venedig auch im Frühjahr und Herbst immer super.

    • rotewelt schreibt:

      Ja, im Frühjahr und Herbst ist das Licht zum Fotografieren wohl am besten. Bislang war ich dreimal im Mai dort, sehr angenehm, auch zum Bildermachen. 2011 war ich zwei Tage im August dort – unerträglich die Schwüle und viel zu hell zum Fotografieren. Im Herbst möchte ich auch gern mal hin.

  5. kreadiv schreibt:

    Ich möchte auch sehr gerne mal hin!
    Der Balkon scheint direkt zu schweben, da würde ich jetzt gerne durch die Türe hineingucken. Vielleicht wird gerade Kaffee gekocht oder Zeitung gelesen, telefoniert oder Wäsche gewaschen, wer weiß…

  6. sehraeuber schreibt:

    Venedig ist immer eine Reise wert, Abseits der Touristenströme mehr als faszinierend, eintauchen in eine fremde Welt, geniessen, flanieren und die Gedanken baumeln lassen, einfach wunderbar.

  7. haushundhirschblog schreibt:

    Ein feiner Bericht wieder, liebe rotewelt, mit wunderbaren Fotos! So gerne möchte ich mal wieder nach Venedig! Du kennst vielleicht den Film „Brot und Tulpen“, der zu einem großen Teil in Venedig spielt. Auch hier wird u.a. der Blick auf den (annähernd) normalen Alltag der Venezianer gelenkt, auch das Morbide spielt eine feine Rolle. Bruno Ganz ist einer der Hauptdarsteller!
    Oder schrub ich Dir das etwa bereits alles schon? 😉
    Irgendwann muss ich da unbedingt mal länger hin! Danke Dir,
    mb

    • rotewelt schreibt:

      Grazie mille, cara mb. Nein, das schrubst du mir noch nicht. 😉 Aber – wie könnte es auch anders sein – „Brot und Tulpen“ gehört zu meinen Lieblingsfilmen, habe ihn erst im Kino, dann nochmal im TV gesehen, einfach wunderbar! Ich würde auch gern mal länger nach Venedig, am liebsten Wochen oder Monate oder warum nicht für ein Jahr, nur muss das wohl ein Traum bleiben.

  8. Frau Blau schreibt:

    vielleicht ja in diesem Jahr … seufz …

    • rotewelt schreibt:

      Mir fällt gerade ein, dass ich mich vor vier Jahren für 2014 in Venedig verabredet habe mit drei Freunden, ich glaube, am 8. oder 9. Mai, bin aber nicht sicher. Ob das wohl hinhaut? Vielleicht klappt es bei dir ja schon dieses Jahr?!

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